Buchempfehlung: Die Getriebenen von Robin Alexander

Von Jürgen Fritz

Die Getriebenen – Merkel und die Flüchtlingspolitik: Report aus dem Innern der Macht, so lautet der Titel des Buches von Robin Alexander, welches hier besprochen und empfohlen werden soll, da es tiefe, nahezu einzigartige Einblicke gewährt, wie es im Innern der Macht tatsächlich zugeht. Ganz anders als Sie denken!

Zum Autor

Robin Alexander, Jahrgang 1975, gehört zu den versiertesten politischen Journalisten in Deutschland. Er hat sich als Berichterstatter, Reporter und Kolumnist im politischen Berlin einen Namen gemacht. Alexander war Redakteur bei der taz und Reporter bei Vanity Fair, bevor er 2008 zur Welt-Gruppe wechselte. 2013 wurde er mit dem renommierten Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Er ist regelmäßig im ARD-Presseclub, im ZDF-Morgenmagazin und TV-Talkshows wie Maybrit Illner und anderen zu Gast. 2013 war er im Bundestagswahlkampf als Experte und Co-Moderator von Stefan Raab in der Wahlsendung Absolute Mehrheit auf Pro7 zu sehen. 2007 erschien sein Buch Familie für Einsteiger (Rowohlt Berlin). Robin Alexander lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Berlin.

Für Die Getriebenen hat er im Sommer und Herbst 2016 noch einmal das Gespräch mit allen Akteuren in der „Flüchtlings“-Krise gesucht. Das Buch erschien im März 2017 für 19,99 EUR und soll im April 2018 als Taschenbuch für 12,00 EUR erscheinen.

Zum Buch

„Dies ist ein Buch über 180 Tage in der deutschen Politik. Am 13. September 2015 wurde ein bereits fertiger Befehl, Asylbewerber an der deutschen Grenze abzuweisen, in letzter Minute geändert.“ Mit diesen Worten beginnt Die Getriebenen„Aus der Ausnahme einer Grenzöffnung für einige tausend Flüchtlinge wurde ein sechsmonatiger Ausnahmezustand, Hunderttausende kamen nach Deutschland. Am 9. März 2016 wurde der Andrang gestoppt – als Mazedonien an seiner Grenze keine Flüchtlinge mehr passieren ließ und so die Balkanroute gegen den erklärten Willen der Bundeskanzlerin schloss.“

Robin Alexander beschreibt in seinem knapp 280-seitigen Buch ein dramatisches Kapitel jüngster deutscher Geschichte und liefert dabei einen in dieser Form bemerkenswerten Insider-Report aus dem Innern der Macht. Die Grenzöffnung für Flüchtlinge im Herbst 2015, in deren Folge Hunderttausende völlig unreguliert und unkontrolliert nach Deutschland einströmten, hat das Land tief gespalten. Die einen preisen Angela Merkels „moralische Haltung“, die anderen kritisieren die Preisgabe von staatlicher Souveränität, ja die drohende Selbstzerstörung aufs Schärfste. Doch was vielen als planvolles Handeln erscheint respektive was einige bis hin zum möchte-gern-intellektuellen Politologen Prof. Herfried Münkler gerne als solches darzustellen versuchen, war in Wahrheit eine Politik des Durchwurstelns, des Taktierens und Lavierens, dem einerseits fehlgeleitete Moralvorstellungen zu Grunde lagen in Verbindung mit einem völligen Realitätsverlust, andererseits grenzenloser Opportunismus, Feigheit und Heuchelei.

Die Anhänger beider Sichtweisen, schreibt Alexander gleich in der Vorbemerkung zum Buch, werden von seiner Darstellung enttäuscht sein. Denn er erzähle „weder eine Heiligengeschichte noch ein Schurkenstück“. Darin werden nicht wenige eine Schwäche sehen, zumal der Autor ja doch eine erkennbare Position bezieht, auch er kommt natürlich nicht ohne Wertungen aus, man kann darin aber auch eine Stärke sehen, da er es stärker dem Leser überlässt, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Wie SPD, Grüne und Linkspartei Merkel vor sich her getrieben haben

Robin Alexander ist zwar in seinen zumeist nur latenten, impliziten Urteilen stets sehr milde und zurückhaltend, gleichwohl zeigt er in minutiöser Darstellung sehr schön auf,  dass die politischen Akteure vor allen Dingen eines waren: Getriebene. Getriebene, zerrieben zwischen selbst auferlegten Zwängen und den sich überschlagenden Ereignissen, die sie geistig einfach überforderten, was sehr schön deutlich macht, wie sehr unseren führenden Politiker, die sich zumeist nur auf eines wirklich gut verstehen: auf Machtgewinnung und Machterhalt, doch von vielen überschätzt werden.

Der Autor macht vor allem sehr schön deutlich, was viele übersehen: dass es vor allen Dingen die SPD, Die Grünen und die Linkspartei waren, die Merkel vor sich her trieben, und wie schwach Merkel im Grunde immer schon war, dem etwas entgegenzusetzen. Denn zum Treiben gehören ja immer zwei: a) derjenige, der den anderen vor sich her treibt, und b) der, der sich treiben lässt.

Die meist überschätzte Person des Planeten

Merkels große Schwäche war immer schon, dass sie kaum in der Lage ist, geistige Führung zu übernehmen und auch nicht wirklich argumentieren und überzeugen kann. Dazu fehlen ihr einfach die rhetorischen, wahrscheinlich auch die dialektischen Fähigkeiten. Daher muss sie einerseits bestehende Trends aufnehmen und sich möglichst an deren Spitze setzen und sie muss das tun, was alle Machtpolitiker tun, das aber in noch viel stärkerem Maße: sie muss hinten herum die Strippen ziehen und Seilschaften aufbauen. Die Demokratie, der öffentliche Diskurs, die Debatte, die Erörterung von Für und Wider waren ihr Ding nie, ja im Grunde war ihr die Demokratie immer ein wenig fremd, siehe Gertruds Höhler Buch Die Patin.

Diese Dinge arbeitet Alexander zwar nicht heraus, dies ist die wohl größte Schwäche des Buches: es fehlt oftmals an geistigem Tiefgang (Journalistenbuch). Gleichwohl schimmern sie doch aus den Schilderungen für den durch, der zu erkennen imstande.

Die Stärken des Buches

Robin Alexanders große Stärke ist eine andere. Als Korrespondent der »Welt am Sonntag« blickt er seit Jahren hinter die Kulissen des Kanzleramtes. In seinem Buch, das auf Recherchen in Berlin, Brüssel, Wien, Budapest und der Türkei basiert, rekonstruiert er minutiös die Schlüsselentscheidungen von sechs Schicksalsmonaten und erzählt am Beispiel des wohl dramatischsten Kapitels der jüngeren deutschen Geschichte davon, wie heute Politik gemacht wird.

Ganz besonders in Kapitel I arbeitet er wunderbar heraus, wie Merkel (CDU), Seehofer (CSU), Gabriel (SPD), Steinmeier (SPD), de Maizière und Altmaier (beide CDU) am 12. September 2015 beschließen, die Grenze eine Woche nach ihrer Öffnung wieder zu schließen, Grenzkontrollen und Zurückweisungen durchzuführen, um am nächsten Tage aus Angst vor der eigenen Courage den Einsatzbefehl an die Bundespolizei zu ändern und dann später, um sich selbst zu exkulpieren, behaupten, es sei gar nicht möglich, die deutschen Außengrenzen zu sichern. Alexander zeigt die ganzen Hintergründe auf, was in diesen Stunden, Tagen, Wochen und Monaten hinter den Türen vor sich ging und welche Verflechtungen es hier gab. Die Einblicke, die er dabei gewährt, sind von nicht zu überschätzendem Wert.

Buchbewertung: 4,5 von 5 Sternen

P.S.

Angela Merkel war übrigens, wie Robin Alexander berichtet, zu einem rückblickenden Gespräch über ihre Rolle in der „Flüchtlings“-Krise für das Buch nicht bereit.

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Leseprobe und Onlinekauf: Hier kann in das Buch reingelesen werden und hier kann es versandkostenfrei bestellt werden.

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Bild: Youtube-Screenshot

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6 thoughts on “Buchempfehlung: Die Getriebenen von Robin Alexander

  1. Pingback: Buchempfehlung: Die Getriebenen von Robin Alexander – Leserbriefe

  2. Katharina Martin

    Auch ich habe mir dieses Buch sofort gekauft. Nun steht es noch mit sams seiner Schutzfolie bei uns im Schrank. Der Grund dafür ist der, daß Herr Alexander kurz nach der erfolgten Veröffentlichung bei “ Lanz“ erschien, und über dieses “ Enthüllungswerk“ dort sprach. Aus meiner Sicht relativierte er nur, und nahm Merkel sogar in Schutz! Was soll das? Wenn es wirklich nur um eine “ Hilfe in der Not“ gegangen wäre, dann hätte sie die Grenzen sofort wieder schließen müssen, und Ordnung u. Rechtstaatlichkeit wieder herstellen müssen! Wie wir alle wissen, hält die ungezügelte, illegale Migration bis heute an, und wird sogar noch perfektioniert ( Aushebelung von Dublin durch Einfliegen). Toll! Ja, Merkel wird bestimmt “ getrieben“! Von ihren Auftraggebern, die noch keinen hörigen Ersatz für sie haben. So lange muß sie auf ihrem Stuhl kleben! Und unser Land wird weiter zerstört!!!! Ich glaube, dieses Buch bleibt ungelesen im Schrank…. Schade um die kostbare Zeit!!!

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  3. Paul

    Bisher der schlechteste Artikel auf Ihrem Blog. – Sie müssten doch nach Recherche am Besten wissen, wie das Buch zustande gekommen sein könnte, und welche Intention es hat. – Damit haben Sie sich selbst einen Bärendienst erwiesen. Damit die Kritik konstruktiv bleibt: Empfehlung: L.R. Michaelis: Die andere Wahrheit.
    In diesem Sinne. Schöne Vorweihnachtszeit.

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