Tennisrekorde im Herreneinzel

Von Jürgen Fritz, Mi. 6. Juni 2018 – Update: So. 10. Juni 2018

Am 4. Juni, einen Tag nach seinem 32. Geburtstag, gewann Rafael Nadal sein 900. Match als Tennisprofi im Herreneinzel. Nur vier Spieler errangen in ihrer Karriere mehr Siege auf der ATP-Tour. Doch das ist nicht die einzige Rubrik, in welcher der Spanier ganz weit oben steht.

Anzahl der gewonnenen Matches auf der ATP-Tour im Herreneinzel zum Stand vom 10.06.2018

  1. Jimmy Connors: 1.256
  2. Roger Federer: 1.149
  3. Ivan Lendl: 1.068
  4. Guillermo Vilas: 948
  5. Rafael Nadal: 903
  6. John McEnroe: 881
  7. Andre Agassi: 870
  8. Ilie Nastase: 837
  9. Stefan Edberg: 801
  10. Novak Djokovic: 797

Die unterstrichenen Spieler sind noch aktiv. Bei ihnen werden die Anzahlen der gewonnenen Matches also sicherlich noch steigen. Ob Federer Connors noch überholen kann, wird man sehen müssen. Der Schweizer ist jetzt fast 37 Jahre alt, einige zig Siege sind ihm sicherlich noch zuzutrauen. Den Vorsprung von Connors, 107 Siege mehr, wettzumachen wird aber nicht einfach.

Fast noch interessanter als die insgesamt gewonnenen Matches ist aber die jeweilige Siegquote, also das Verhältnis aus Siegen und Niederlagen. Hier steht einer ganz oben, der seine Karriere sehr früh beendete.

Siegquote

Björn Borg, der sechsfache French Open- und fünffache Wimbledon-Champion überragt hier alle anderen mit über 83 Prozent gewonnenen Matches auf der ATP-Tour über seine gesamte Karriere. Hier liegt Rafael Nadal sogar auf Platz 2 mit fast 83 Prozent (Stand: 10.06.2018).

  1. Björn Borg: 83,1 % (639 – 130)
  2. Rafael Nadal: 82,8 % (903 – 187)
  3. Novak Djokovic: 82,3 % (797 – 171)
  4. Roger Federer: 82,0 % (1.149 – 252)
  5. Jimmy Connors: 81,8 % (1.256 – 279)
  6. John McEnoroe: 81,6 % (881 – 191)
  7. Ivan Lendl: 81,5 % (1.068 – 242)
  8. Rod Laver: 79,4 % (427 – 111)
  9. Andy Murray: 78,1 % (655 – 184)
  10. Pete Sampras: 77,4 % (762 – 222)

Doch wer hat die meisten Turniere gewonnen seit Amateure und Profis bei den großen Turnieren gleichermaßen spielberechtigt sind (erstmals bei den British Hard Court Championships in Bournemouth im April 1968)?

Die meisten Turniersiege in der Open Era (st. 1968)

  1. Jimmy Connors: 109
  2. Roger Federer: 97
  3. Ivan Lendl: 94
  4. Rafael Nadal: 79
  5. John McEnroe: 77
  6. Novak Djokovic: 68
  7. Björn Borg: 64
  8. Pete Sampras: 64
  9. Ilie Nastase: 62
  10. Andre Agassi: 60

Wichtiger als die meisten Turniersiege ist aber sicherlich, wie viele große, vor allem wie viele ganz große Turniere, sprich wie viele Grand Slam-Titel ein Spieler in seiner Karriere erringen kann. Für die ganz großen Spieler ist das die wichtigste Kennzahl überhaupt.

Grand Slam Titel im Herreneinzel

Grand Slam-Turniere gibt es vier: a) die Australian Open im Januar, b) die French Open (Roland Garros) im Mai/Juni, c) Wimbledon im Juni/Juli und d) die US Open im August/September. Und hier hat einer die Nase klar vorn, der Meister aller Meister.

  1. Roger Federer: 20
  2. Rafael Nadal: 17
  3. Pete Sampras: 14
  4. Novak Djokovic: 12
  5. Roy Emerson: 12*
  6. Rod Laver: 11**
  7. Björn Borg:  11
  8. Bill Tilden: 10
  9. Andre Agassi: 8
  10. Ivan Lendl: 8
  11. Jimmy Connors: 8
  12. Ken Rosewall: 8***
  13. Fred Perry: 8
  14. Henri Cochet: 8
  15. Max Décugis: 8

Roy Emerson

* Roy Emerson gewann alle seine 12 Titel von 1961 bis 1967, mithin vor Beginn der Open Era im April 1968, in der Zeit also, als Profi-Spieler bei den Grand Slam-Turnieren nicht spielberechtigt waren. Anfang 1968 wechselte der 31-jährige Emerson selbst vom Amateur- ins Profilager und ab Ende April 1968 waren die Grand Slams von nun an für alle geöffnet. Jetzt musste sich Emerson mit den besten Spielern der Welt messen und gewann fortan kein einziges Grand Slam-Turnier mehr.

Bei den French Open 1968, wo Emerson Titelverteidiger war, verlor der 31-jährige im Viertelfinale sogar gegen den überragenden Spieler der 1950er-Jahre, den 40-jährigen Pancho Gonzales, der 20 Jahre zuvor die US-amerikanischen Meisterschaften (die späteren US Open) gewonnen hatte und bereits Ende 1949 ins Profi-Lager gewechselt war und daher bis Mai 1968 – insgesamt über mehr als 18 Jahre! – bei keinem Grand Slam-Turnier starten durfte.

Hinzu kommt, dass der Australier Emerson 6 seiner 12 Titel bei den Australischen Meisterschaften holte. In den 1960er-Jahren reisten aber auch nicht alle Amateure nach Australien an, so dass die Konkurrenz gleich doppelt eingeschränkt war. Die 12 Grand Slam-Titel von Emerson sind somit sehr stark zu relativieren, da sie alle 12 zustande kamen, als vor allem die besten Spieler der Welt gar nicht teilnehmen durften. Hätte er sich mit ihnen messen müssen, hätte er höchstwahrscheinlich nicht mal halb oder ein Drittel so viele Titel gewonnen, wenn überhaupt. Emerson wurde in keinem einzigen Jahr jemals als einer der drei besten Spieler des Jahres gerankt, siehe unten „Spieler des Jahres der letzten 100 Jahre“.

Rod Laver

** Bei Rod Laver ist es dagegen genau umgekehrt. Der Australier war Anfang der 1960er-Jahre der überragende Amateur. 1962 gewann er alle vier Grand Slam Turniere, bei denen aber die besten Spieler der Welt, die Profis, nicht spielen durften. Insofern müssen seine ersten 6 Grand Slam Titel zwischen 1960 und 1962 ebenfalls stark relativiert werden. Dann wechselte Laver im Dezember 1962 mit 24 Jahren selbst ins Profi-Lager und war dann seinerseits über fünf Jahre, von Anfang 1963 bis Mai 1968, nicht spielberechtigt bei den Grand Slams.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten, mit den Superstars der Profitour mitzuhalten, insbesondere mit Pancho Gonzales und Ken Rosewall, konnte er sich deren höherem Spielniveau jedoch schnell anpassen und war schon nach einem Jahr auch einer der besten Profis. Ende 1963 wurde er bereits als Nr. 2 gelistet (hinter Ken Rosewall), 1964 zusammen mit diesem auf 1 und von 1965 bis 1967 als alleinige Nr. 1 der Profi-Spieler, jeweils vor Ken Rosewall. Zwischen 1964 und 1967 gewann Laver auch 8 große Profi-Titel (4 mal Wembley Pro, 3 mal die US Pro und 1 mal die French Pro). Wären die Grand Slam-Turniere in diesen Jahren bereits für Profis geöffnet gewesen, hätte Rod Laver zwischen 1964 und Anfang 1968 wohl mit Sicherheit etliche Titel einfahren können.

Ab Mai 1968 war Laver dann wieder bei den Grand Slam-Turnieren spielberechtigt, gewann 1968 in Wimbledon und 1969 – nach 1962 zum zweiten Male – alle vier Grand Slam Turniere in einem Jahr, jetzt aber in der Konkurrenz zu den Amateuren und Profis, also wirklich den besten Spielern der Welt. Von den 11 Grand Slam Titeln von Rod Laver sind also die ersten 6 stark zu relativieren, da sie in der Amateurzeit zustande kamen, dann durfte er selbst als Profi über 5 Jahre nicht teilnehmen, Jahre, in denen er wohl die meiste Zeit die Nr. 1, mindestens aber die Nr. 2 der Welt war, und dann holte er mit 30, 31 Jahren nochmals 5 echte Grand Slam Titel, als auch Profis spielberechtigt waren. Hätte es zu Lavers Spielzeit bereits eine offene Tour gegeben, hätte er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit insgesamt wohl mehr als 11 Titel geholt. Ich persönlich schätze mindestens 12 oder 13, wenn nicht sogar mehr.

Ken Rosewall

Ähnliches wie für Rod Laver gilt für Ken Rosewall. Dieser gewann 1953 bei den Amateuren bereits mit 18 Jahren die Australischen und Französischen Meisterschaften, 1955 dann nochmals die Australischen und 1956 die US Meisterschaften. Im Januar 1957 wechselte er mit 22 Jahren ins Profi-Lager. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits 4 Amateur-Grand Slam-Titel in der Tasche.

Zwischen 1957 und 1967 gewann Rosewall sage und schreibe 15 Pro-Titel (8 Mal die French Pro, 5 Mal Wembley Pro und 2 Mal die US Pro). Im Juni 1968 war er dann derjenige, der das erste Grand Slam-Turnier der Open Era gewann. Zu dem Zeitpunkt war er bereits über 33,5 Jahre alt. 1970 bis 1972 ließ er nochmals drei weitere Grand Slam Titel folgen, so dass er auf insgesamt nochmals 4 Titel in der Open Era kam. Bei seinem letzten war er bereits 37 Jahre alt. Wie viele Titel Rosewall hätte holen können, wäre er nicht über elf Jahre von den großen Turnieren ausgeschlossen gewesen, kann gar nicht eingeschätzt werden. Mit Sicherheit wären es aber sehr viel mehr als 8 gewesen, wahrscheinlich eher doppelt so viele.

Wer hat die Weltrangliste am längsten angeführt?

Die Tennisweltrangliste wurde erst am 23. August 1973 eingeführt, also über 5 Jahre nach Beginn der Open Era. Insofern gibt sie „nur“ einen Überblick über die letzten 45 Jahre, nicht über die Jahrzehnte davor. In diesen 45 Jahren überragt einer jedoch alle anderen.

  1. Roger Federer: 309 Wochen = 5,9 Jahre (aktuelle Nr. 2)
  2. Pete Sampras: 286 Wochen = 5,5 Jahre
  3. Ivan Lendl: 270 Wochen = 5,2 Jahre
  4. Jimmy Connors: 268 Wochen = 5,1 Jahre
  5. Novak Djokovic: 223 Wochen = 4,3 Jahre
  6. Rafael Nadal: 175 Wochen = 3,4 Jahre (aktuelle Nr. 1)
  7. John McEnroe: 170 Wochen = 3,3 Jahre
  8. Björn Borg: 109 Wochen = 2,1 Jahre
  9. Andre Agassi: 101 Wochen = 1,9 Jahre
  10. Lleyton Hewitt: 80 Wochen = 1,5 Jahre

Spieler des Jahres der letzten hundert Jahre

Um auch die Zeit vor Einführung der Weltrangliste 1973 zu beleuchten, hier eine Übersicht über die weltbesten Spieler ab 1919, also der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Für jedes Jahr, in dem ein Spieler am Ende des Jahres als alleinige Nr. 1 gerankt wurde, vergebe ich einen Punkt, wenn zwei Spieler zusammen als Nr. 1 gerankt wurden (in Klammern gesetzt), bekommt jeder einen halben Punkt. Somit ergibt sich folgende All-Time-Rangliste bezogen auf die Kalenderjahre an der Weltspitze:

  1. Pancho Gonzales: 7 –> (1952), 1954, 1955, 1956, 1957, 1958, 1959, (1960) + 2 Mal die Nr. 2
  2. Bill Tilden: 6,5 –> 1920, 1921, (1922), 1923, 1924, 1925, 1931 + 3 Mal die Nr. 2
  3. Rod Laver: 6 –> (1964), 1965, 1966, 1967, 1968, 1969, (1970) + 1 Mal die Nr. 2
  4. Pete Sampras: 6 –> 1993, 1994, 1995, 1996, 1997, 1998 + 3 Mal die Nr. 3
  5. Roger Federer: 5 –> 2004, 2005, 2006, 2007, 2009 + 5 Mal die Nr. 2 + 2 Mal die Nr. 3
  6. Jack Kramer: 5 –> (1947), 1948, 1949, (1950), 1951, 1953
  7. Ken Rosewall: 4,5 –> (1960), 1961, 1962, 1963, (1964), (1970) + 4 Mal die Nr. 2
  8. Don Budge: 4,3 –> (1937), 1938, 1939, 1940, 1942 + 2 Mal die Nr. 2
  9. Rafael Nadal: 4 –> 2008, 2010, 2013, 2017 + 5 Mal die Nr. 2
  10. Novak Djokovic: 4 –> 2011, 2012, 2014, 2015 + 2 mal die Nr. 2 + 4 mal die Nr. 3
  11. Björn Borg: 3,5 –> (1977), 1978, 1979, 1980 + 3 Mal die Nr. 2
  12. Ivan Lendl: 3 –> 1985, 1986, 1987 + 4 Mal die Nr. 2 + 3 Mal die Nr. 3
  13. Jimmy Connors: 3 –> 1974, 1976, 1982 + 3 Mal die Nr. 2 + 5 Mal die Nr. 3
  14. John McEnore: 3 –> 1981, 1983, 1984 + 3 Mal die Nr. 2 + 1 Mal die Nr. 3
  15. Henri Cochet: 3 –> 1928, 1929, 1930 + 1 Mal die Nr. 2

Wie oft am Jahresende unter den Top 3?

Noch etwas aussagekräftiger ist vielleicht, wenn man ähnlich wie bei olympischen Spielen nicht nur darauf schaut, wer Spieler des Jahres war, sondern auch die „Silber- und Bronzemedaillen“ bewertet. Geben wir der Nr. 1 am Jahresende einen Punkt (im Falle zwei zugleich auf 1 gerankt wurden, beiden 0,75 Punkte), der Nr. 2 einen halben Punkt und 0,3 Punkte für die Nr. 3, dann kommen wir auf folgendes All-Time-Ranking bzw. Hundert-Jahre-Ranking (1919-2017):

  1. Pancho Gonzales: 8,5
  2. Bill Tilden: 8,25
  3. Roger Federer: 8,1
  4. Ken Rosewall: 7,25
  5. Rod Laver: 7,0
  6. Pete Sampras: 6,9
  7. Rafael Nadal: 6,5
  8. Novak Djokovic: 6,2
  9. Jimmy Connors: 6
  10. Ivan Lendl: 5,9
  11. Don Budge: 5,75
  12. Jack Kramer: 5,5
  13. Björn Borg: 5,25
  14. John McEnore: 4,8

A Tribute to Rafa after his 900. Match Win

*

Titebild: YouTube-Screenshot

**

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog ist vollkommen unabhängig, werbe- und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: Jürgen Fritz Blog. Oder über PayPal  5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 30 EUR – 50 EUR – 100 EUR