Warum werden Helden in postheroischen Gesellschaften gehasst?

Von Jürgen Fritz, Di. 5. Jun 2018

Die Haltung „Ich schulde nichts, daher muss ich nichts rückerstatten“ ist für jede Kultur selbstmörderisch, für eine politische Gemeinschaft sowieso. Diesen Selbstmord gilt es zu verhindern. Dazu muss den Menschen wieder verdeutlicht werden, wer welchen Wert für die Gesellschaft hat und wem welche besondere Wertschätzung gebührt. Unsere Helden verdienen nicht den Hass, der bedingt durch den Gleichheitsfetisch aus einem Gefühl der Minderwertigkeit entsteht, wenn man feststellt, selbst kein Held zu sein. Sie verdienen unsere besondere Achtung, Wertschätzung und Dankbarkeit.

Der Wert des Einzelnen für die Gesellschaft

Die Menschen einer Gesellschaft lassen sich je nach ihrem Wert für diese in fünf Gruppen einteilen:

  1. die Denker und Wissenschaftler: vor allem Philosophen, aber auch Formalwissenschaftler (Logiker, Mathematiker, theoretische Informatiker), Naturwissenschaftler, Kulturwissenschaftler (Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler), Ingenieure, Erfinder, auch Theologen
  2. die Staatsdiener: Politiker, Richter, Staatsanwälte, Soldaten, Polizisten, Feuerwehr, Katastrophenschutz etc.
  3. die Versorger: Unternehmer und ihre Beschäftigten, diejenigen, die Produkte herstellen, die man käuflich erwerben kann (Fabrikanten, Bauern, Industriearbeiter, Künstler, Journalisten, Buchautoren …), und die Dienstleistungen erbringen, die von anderen nachgefragt werden (Ärzte, Anwälte, Pflegekräfte, Handwerker, Schauspieler, Psychologen, Seelsorger …), die also quasi für die Ernährung und Versorgung (im weitesten Sinne) der Bevölkerung zuständig sind
  4. die Mitzuversorgenden: diejenigen, die nicht zu 1-3 gehören, die mitversorgt werden müssen, ohne der Gesellschaft zu schaden, z.B. Kinder, Studenten, Kranke, Arbeitslose, Rentner, Erwerbsunfähige
  5. die der Gesellschaft Schaden Zufügenden: diejenigen, die nichts zum Gelingen der Gesellschaft beitragen und ihr darüber hinaus auch noch schaden, z.B. Verbrecher, Terroristen, organisierte Kriminalität etc.

Die überragende Bedeutung der Denker und Wissenschaftler

Entscheidend sind die Denker. Diese bringen eine Gesellschaft voran oder eben nicht. Die Denker richten die gesamte Gesellschaft geistig und moralisch aus, schaffen insbesondere die geistige Grundlage, dass wissenschaftliches Denken sich überhaupt erst entwickeln kann und als erstrebenswert angesehen wird, dass es Wertschätzung erfährt. Die Denker und Wissenschaftler sorgen auch direkt oder indirekt für die Ausbildung der Ausbilder der Ausbilder und prägen damit den Geist dieser und damit auch der Staatsdiener, der Produzenten und Dienstleister, der Studenten und Kinder usw. Wenden sich die Denker gegen die eigene Gesellschaft, gegen die eigene Kultur, gegen die Zivilisation oder gar gegen den Geist selbst, dürfte diese Gesellschaft langfristig verloren sein. Genau das ist meines Erachtens die letzten Jahrzehnte zunehmend geschehen.

Das Leiden der Denker an der Zivilisation lässt sich wahrscheinlich bis Rousseau (1712-1778) zurückverfolgen, vielleicht noch länger, findet sich wohl auch bei den wohl wichtigsten Denkern des 20. Jahrhunderts, bei Wittgenstein (1889-1953) und Heidegger (1889-1976), dann aber – bedingt wahrscheinlich durch schwere Traumatisierungen durch den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, die seelisch nie verarbeitet wurden – vor allem bei Horkheimer (1895-1973), Adorno (1903-1969) und der sogenannten Frankfurter Schule, die sich quasi gegen die Vernunft selbst wandte. Mit Frankfurter Schule ist vor allem das Institut für Sozialforschung gemeint, das 1924 in Frankfurt am Main eröffnet wurde, und die Anhänger (Herbert Marcuse, Erich Fromm, Jürgen Habermas …) der dort entwickelten sogenannten Kritischen Theorie, die vor allem an Hegel, Marx und Freud anknüpfte. Aber das nur am Rande.

Die Krieger und Helden

Innerhalb der Staatsdiener kommt den Soldaten und Polizisten, wenn Sie so wollen den Kämpfern und Kriegern im weitesten Sinne, eine ganz besondere Bedeutung zu. Warum? Stellen die Denker quasi das Gehirn des Organismus dar, dann stehen die Krieger für die Muskulatur (und die Versorger meinetwegen für die inneren Organe). Ohne kräftige Muskulatur kein Überleben in einer Umwelt, die auf Konkurrenz, auf Überleben oder Untergehen ausgerichtet ist. Das heißt, jede Gesellschaft muss a) wehrfähig nach außen sein und b) im Innern für Recht und Ordnung sorgen, damit die 5er-Gruppe nicht alles zerstört, was die anderen (1-3) aufgebaut haben und jeden Tag aufs Neue aufbauen.

Während die Denker und Wissenschaftler vor allem Intellekt benötigen, ist bei den Soldaten und Polizisten Loyalität, Tüchtigkeit und Opferbereitschaft essenziell. Soldaten und Polizisten sind bisweilen richtige Helden. Was braucht ein Held? Er braucht mindestens vier Dinge:

1. ein moralisches Ideal, für das er sich einsetzt und für das er im Extremfall bereit ist zu sterben. Hier merken wir sofort wieder die alles überragende Bedeutung der Denker. Denn von diesen kommen die moralischen Ideale. Der Dschihadist hat auch moralische Ideale, für welche er zu töten und zu sterben bereit ist. Ihm mangelt es also nicht an moralischen Idealen, im Gegenteil: hier ist er fast allen Westlern weit überlegen. Das Problem ist, dass er für die falschen Ideale kämpft. Und diese wurden ihm von anderen, von schlechtern Denkern eingepflanzt.

2. Der Held braucht ferner Ehrgefühl. Denn das Ehrgefühl weckt oftmals erst die Kampfbereitschaft und das Durchhaltevermögen (Tapferkeit) in ihm und 3. die Opferbereitschaft. Das erst macht ihn zum Helden: sich für andere zu opfern, seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen und im Extremfall sein Leben zu geben. Und das für Menschen, die er gar nicht persönlich kennt. Das geht nur über moralische Ideale.

Der Hass des Durchschnittsmenschen auf die, die herausragen

Der Held ragt also ebenso wie der große Denker aus der Masse heraus. Beide heben sich vom Durchschnitt ab. Damit aber verstoßen sie wogegen? Gegen das, was der postmoderne Westler vielleicht mehr anbetet als alles andere: den Gleichheitsfetisch. Indem der Held „für andere kämpft, leidet und eventuell stirbt, setzt er sich von der Masse in nicht zu aktzeptierender Weise ab. Die Figur des Helden widerspricht fundamental der Idee von Gleichheit …“, schreiben Amoghli und Meschnig in Siegen oder vom Verlust der Selbstbehauptung (S. 109). Und damit treffen sie den Nagel auf den Kopf.

Denn neben dem überragenden Denker und dem Helden kommt sich der Durschnittsmensch leicht klein vor. Und das bezogen nicht auf das Körperliche, wo er es noch eher ertragen kann, sondern bezogen auf das Seelische. Dieses Gefühl mag er nicht. Er will nicht klein sein. Neben dem ungewöhnlich Klugen (überragender Logos, Geistseele) oder Mutigen (überragender Thymos)  sieht er quasi wie im Spiegel, was er selbst nicht ist. Das löst ungute Gefühle aus, Gefühle der eigenen Minderwertigkeit. Und da dies als sehr unangenehm empfunden wird, weil es das Selbstwertgefühl im Innersten berührt, entsteht daraus leicht Neid in seiner negativen Variante, also nicht als: „So möchte ich auch sein oder werden“ (positiver Neid), sondern als Missgunst und Hass auf den, der diese Gefühle allein durch sein Anders-sein evoziert hat.

Bei nicht wenigen löst also das Erblicken eines überragenden Denkers oder eines Helden nicht das Gefühl des Stolzes aus, dass ein Mitmensch, jemand der zur gleichen Spezie gehört, zu solchen Dingen fähig ist, was ja einer Aufwertung der gesamten Spezie gleichkommt, der ja auch der Durchschnittsmensch angehört, sondern oftmals ganz andere Gefühle aus. Der tiefere Grund des Entstehens dieser negativen Emotionen ist aber der Wunsch nach Gleichheit. Wenn alle gleich wenig mutig und gleich wenig intelligent sind, dann fällt die eigene Mutlosigkeit und geistige Durchschnittlichkeit ja nicht mehr auf.

Zwei wichtige Quellen des Gleichheitsfetischs

Zwei Dinge befeuern den Gleichheitsfetisch: a) unser Demokratiemodell mit einem allgemeinen und gleichen Wahlrecht für jeden ab 18 – die Stimme des Nobelpreisträgers hat nicht mehr Gewicht als die des Grenzdebilen, die des Helden nicht mehr als die des Feiglings oder die des Verbrechers.

Und wenn wir b) noch tiefer gehen wollen, wo der Gleichheitsfetisch herrührt, dann landen wir unter anderem wiederum in der christlichen Moral. „Denn vor Gott sind alle Menschen gleich“, heißt es im Römerbrief 2,11. Diese Textpassage ist zwar zunächst nur darauf bezogen, dass es für den Judengott keine Rolle spiele, ob jemand Jude sei oder nicht. Es käme alleine darauf an, ob man nach Jahwes Geboten lebe, egal ob man diese Gebote überhaupt kenne oder nicht. Das sind sehr schöne Gedanken, weil sie eine universale Moral proklamieren und den Menschen nicht danach bewerten, welchem Stamm oder welcher Gruppe er angehört, sondern nur danach, wie er handelt, wie er lebt. Damit ist aber zugleich das Ideal der Gleichheit aller tief in die Herzen der Menschen eingepflanzt und dort wird es im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende brodeln.

Der Gedanke hat wie gesagt sicherlich etwas sehr Schönes und Tröstliches. Zugleich führte er dazu, dass das Bemessen des Wertes des Einzelnen für die Gesellschaft oder Gemeinschaft immer mehr zurücktrat und es inzwischen schon fast als Blasphemie angesehen wird, diese Frage auch nur zu stellen, da die Frage bereits gegen den neuen Götzen des Gleichheitsfetischs verstößt. Insbesondere die Sozialisten und die Grünen , die sich primär als Anwälte der Mitzuversorgenden (4) und der 5er-Gruppe ansehen (immer milderes Strafrecht) sind tief von dieser Moral durchdrungen.

Mangelnde Wertschätzung der Denker und Helden

Und noch etwas kommt hinzu. Suchen Sie mal im Neuen Testament und speziell beim literarischen Jesus von Nazareth nach Stellen, in denen er a) den Denkern und Wissenschaftlern besondere Wertschätzung zuteil werden lässt oder b) den Soldaten und Polizisten. Und vielleicht stellen Sie sich auch mal die Frage, wem der oben genannten fünf Gruppen er ganz besondere Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegenbrachte. Mir scheint, sein Schwerpunkt lag klar auf der 4er-Gruppe, den Mitzuversorgenden, den Außenseitern, vielleicht sogar noch etwas auf der 5er, den „verlorenen Schafen“. All das mag durchaus irgendwie sympathisch sein, aber wo sind da Überlegungen, was eine Gesellschaft benötigt, um langfristig überleben zu können, um stabil zu sein, um eine Hochkultur schaffen zu können, um die Welt zivilisieren zu können, um neue Erkenntnisse zu generieren?

Wenn man natürlich, wie Jesus das tat, davon ausgeht, dass die Welt ohnehin unmittelbar vor ihrem Ende steht, dann macht man sich logischerweise keine Gedanken um die langfristige Entwicklung von Gemeinschaften und Gesellschaften. Genau das sollten wir heute aber tun. Denn unsere Vorfahren haben etwas Einzigartiges entwickelt, das es so nirgends auf der Welt jemals gab. Als Stichworte seien hier nur genannt: der Übergang vom Mythos zum Logos, von der Religion zur Philosophie, der Entwicklung der Demokratie, damit der Volkssouveränität, der politischen Freiheit (alles bereits in der europäischen Antike), die Entwicklung der modernen Wissenschaften, der universalen Menschenrechte.

Aber bitte immer bedenken, was die Realitätsverleugner inzwischen abzuschütteln versuchen: Es gibt kein Menschenrecht auf Einwanderung und es gibt so etwas wie örtliche Zuständigkeit. Europäer sind für die Menschen in Europa zuständig und Deutsche für die Menschen auf deutschem Territorium. Jedes Volk muss sich seine politische Freiheit und die Durchsetzung seiner Menschenrechte selbst erkämpfen und die hierfür notwendige Mündigkeit und Kultiviertheit entwickeln, so wie unsere Vorfahren das getan haben, denen wir dafür Dankbarkeit schulden.

Unsere Helden verdienen unsere Dankbarkeit

Eine Gesellschaft braucht mithin Denker, die sich in dieser Tradition sehen, die diese eigene einmalige Tradition zu schützen suchen. Und dafür braucht eine Gesellschaft vor allen Dingen noch eines: tüchtige Soldaten und Polizisten, die über Ehrgefühl verfügen sowie ungewöhnlich viel Mut und Tapferkeit, über moralische Ideale und Opferbereitschaft. Hierfür verdienen sie ebenso wie die überragenden Denker allerhöchste Wertschätzung. Denn warum sonst sollten sie bereit sein, sich für andere zu opfern, wenn sie nicht einmal das von ihren Mitmenschen bekommen? Auch hier lautet das Stichwort also Dankbarkeit. Diese ist unserer Gesellschaft in vielfacher Weise abhanden gekommen.

Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.) schrieb:

Unterhalb von Allem steht der Undankbare. Denn alle … Übel stammen vom Undankbaren, ohne den kaum jemals ein großes Verbrechen entstand“.

Und der Althistoriker und Philosoph Egon Flaig schreibt in Die Niederlage der politischen Vernunft – Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen:

„Unsere öffentliche Kultur leidet unter einer Verfemung der Dankbarkeit in fast allen kulturellen Hinsichten. Das ist die habituelle Folge einer verallgemeinerten Ansicht, man könne auf alles und jederzeit Ansprüche erheben. Anspruchsberechtigte sind prinzipiell undankbar, und die gesamte mediale Welt – in gleichschrittiger Eintracht mit fast sämtlichen NGOs – ist darauf programmiert, Ansprüche ins Absurde weiterzutreiben oder immer neue zu erfinden. Freilich ist die Haltung ‚Ich schulde nichts, daher muss ich nichts rückerstatten‘ für jede Kultur selbstmörderisch, für eine politische Gemeinschaft sowieso.

Diesen Selbstmord gilt es zu verhindern. Dazu muss den Menschen wieder verdeutlicht werden, wer welchen Wert für die Gesellschaft hat und wem welche besondere Wertschätzung gebührt. Unsere Helden verdienen nicht den Hass, der bedingt durch den Gleichheitsfetisch aus einem Gefühl der Minderwertigkeit entsteht, wenn man feststellt, selbst kein Held zu sein. Sie verdienen unsere besondere Achtung, Wertschätzung und Dankbarkeit.

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Titebild: YouTube-Screenshot aus Der schmale Grat

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