CSU: Was ist aus der ehemaligen 60 Prozent-Partei geworden?

Von Jürgen Fritz, So. 15. Jul 2018, Update: Fr. 20. Jul 2018

Franz Josef Strauß soll sich im Grabe umdrehen, wird bereits gemunkelt. Einige meinen sogar, der werde sich nicht nur im Grabe wenden, der werde bald auferstehen und die Dinge wieder in die Hand nehmen, wenn das so weiter ginge, da der Tote dies nicht mehr ertragen könne, was sich seit geraumer Zeit in Deutschland und speziell auch in seinem Bayern und seiner CSU abspiele, deren Vorsitzender er 27 Jahre lang war. Doch betrachten wir das Ganze etwas genauer.

Wie aus der 60 Prozent-Partei eine 3X Prozent-Partei wurde

56,4 Prozent – 62,1 Prozent – 59,1 Prozent – 58,3 Prozent – 55,8 Prozent. Das waren die Ergebnisse der CSU bei den bayerischen Landtagswahl zwischen 1970 und 1986. Zwei Jahre später verstarb dann Franz-Josef Strauß, der seit 1961 ununterbrochen der Vorsitzende der Christlich-Sozialen Union in Bayern war. Und auch nach seinem Tod ging es unter den CSU-Vorsitzenden Theo Waigel und Edmund Stoiber von 1990 bis 2003 ähnlich weiter: 54,9 Prozent – 52,8 Prozent – 52,9 Prozent – 60,7 Prozent. Ja, Sie haben richtig gelesen, 2003 kam die CSU bei der Landtagswahl in Bayern noch auf über 60 Prozent.

Und auch bei Bundestagswahlen kam die CSU in Bayern, wo sie ja immer nur ausschließlich antrat, sogar schon seit 1957 bis 1987 regelmäßig auf 55 bis 60 Prozent. Das reichte dann im Bundestag immer zu ca. 10 Prozent (die bayerischen Wahlberechtigten machen heute ca. 15 bis 16 Prozent aller Wahlberechtigten aus, vor der Wiedervereinigung 1990 war der Anteil natürlich noch etwas höher). Seit 1990 sank, bedingt durch das nun größer gewordenen Deutschland, die Bedeutung der CSU auf Bundesebene natürlich etwas. Aus der 10 Prozent-Partei wurde eine 7 bis maximal 9 Prozent-Partei.

In Bayern selbst wurden aber bei Bundestagswahlen nach wie vor (mit einer Ausnahme, 2009: 42,5 Prozent) regelmäßig Ergebnisse von ca. 48 bis 59 Prozent erzielt. Dies änderte sich schlagartig im letzten Jahr. Die CSU stürzte bei der Bundestagswahl 2017 in Bayern erstmals unter 40 Prozent: auf 38,8. Ein katastrophales Ergebnis für die CSU! Jetzt war aus der kleinen Unionsschwester im Bundestag eine 6,2 Prozent-Partei geworden, ihr Einfluss also gegenüber den 10 Prozent-Tagen enorm gemindert. Jetzt war sie die kleinste der sieben Parteien, die den Einzug ins gesamtdeutsche Parlament geschafft hatten. Seither wird die CSU von der Angst umgetrieben, dass sie auch bei den bayerischen Landtagswahlen im Oktober, genau in drei Monaten, ähnlich abstürzen könnte. Eine 3 vorne, käme für die ehemalige 60 Prozent-Partei hier einer noch größeren Katastrophe gleich, denn dann wäre die Mehrheit im bayerischen Landtag weit verfehlt.

Just dies scheint sich aber, wie die neuesten veröffentlichen Umfragen deutlich machen, tatsächlich einzustellen. Bei der 09.07. veröffentlichten Forsa-Umfrage fällt die CSU auf 38 Prozent, bei der am 12.07. veröffentlichten GMS-Umfrage auf 39 und bei der jüngsten Umfrage von Infratest dimap vom 18.07. auf 38 Prozent. Nehmen wir den Mittelwert, der sehr realistisch sein dürfte, dann kommen wir also auf 38,3 Prozent. Das entspräche einem Minus gegenüber der letzten Landtagswahl 2013 von über 9 Punkten! Die CSU könnte, darauf deutet momentan alles hin, gegenüber 2013 ein Fünftel ihrer Wähler verlieren. Aus der 60 Prozent-Partei scheint eine 3X Prozent-Partei geworden zu sein.

Mittelwerte der Umfragen von Forsa, GMS und Infratest dimap

Forsa befragte vom 4. bis 6. Juli mehr als 1.000 Wahlberechtigte, GMS vom 5. bis 11. Juli ebenfalls mehr als 1.000 und Infratest dimap vom 11. bis 17. Juli ebenso. Damit kommen wir zusammen auf mehr als 3.000 befragte Personen, was die Ergebnisse deutlich sicherer macht als bei nur 1.000 Personen (mathematisch werden die Resultate ab ca. 2.000 Personen relativ stabil). Hier die Ergebnisse im arithmetischen Mittel der drei Umfragen, die nie mehr als ein bis zwei Punkte voneinander abweichen:

  1. CSU: 38,3 % (Forsa: 38; GMS: 39, Infratest dimap: 38)
  2. GRÜNE: 15 % (15; 14; 16)
  3. AfD: 13,3 % (14; 14; 12)
  4. SPD: 12,3 % (12; 12; 13)
  5. Freie Wähler: 8 % (8; 7; 9)
  6. FDP: 5,7 % (6; 6; 5)
  7. LINKE: 3,3 % (3; 3; 4)
  8. Sonstige: 4 % (4; 5; 3)
LT-Wahl Bayern

(c) Jürgen Fritz

Gewinne/Verluste gegenüber 2013

Was die Gewinne und die Verluste anbelangt, ist auch in Bayern eine ähnliche Entwicklung zu sehen wie bundesweit: AfD und GRÜNE steigen enorm an, während CSU bzw. die Union und die SPD massiv verlieren.

  1. AfD: + 13,3 %
  2. GRÜNE: + 6,4 %
  3. FDP: + 2,4 %
  4. LINKE: + 1,2 %
  5. Freie Wähler: – 1,0 %
  6. Sonstige: – 4,7 %
  7. SPD: – 8,3 %
  8. CSU: – 9,4 %

Die schwindende Bedeutung der CSU und das kontinuierliche Erstarken der AfD

Was wird dies nun für die Regierungsbildung bedeuten? Wenn wir davon ausgehen, dass die FDP den Einzug in den Landtag schaffen wird – für Die Linke dürfte dies völlig aussichtslos sein -, dann bräuchte man für eine Mehrheit der Sitze im Landtag ca. 46,35 Prozent. Das hätte zur Folge, dass es nicht nur für die CSU alleine nicht reichen wird, sondern dass es sogar für CSU + FDP oder CSU + Freie Wähler, die wahrscheinlich bevorzugten Partner der CSU, eventuell nicht reichen wird. Sie müsste dann entweder mit der SPD koalieren – AfD und Grüne wird sie sicherlich kategorisch ausschließen – oder aber mit den Freien Wähler und der FDP zugleich, so dass es sogar zu einem Drei-Parteien-Bündnis käme.

Die Zeit der CSU-Alleinregierung ist in Bayern wohl definitiv vorbei. Die Frage wird wohl eher sein, ob ihr ein Koalitionspartner überhaupt noch genügen wird. Damit wird die Bedeutung der CSU auf Bundesebene noch geringer werden. Wir haben es hier inzwischen mit einer 5 bis 6 Prozent-Partei zu tun, während die AfD sich anschickt, bundesweit von 15 in Richtung 20 Prozent weiter zu wachsen.

Rechts von CDU/CSU dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben, meinte einst Franz Josef Strauß. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Es gibt nicht nur rechts von der Union eine solche demokratische Partei, diese wächst vielmehr immer mehr in die Mitte hinein und wird die gesamte Parteienlandschaft Deutschlands und damit das Land selbst nachhaltig ändern. Und dies nicht zu dessen Ungunsten, wie immer mehr Menschen erkennen.

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Titelbild: YouTube-Screenshot von Franz Josef Strauß

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