Vom Glück und vom Schmerz, der uns die Welt erst erschließt

Von Jürgen Fritz, Mi. 12. Sep 2018

Der Schmerz sei Leben, meinte Friedrich Schiller, und Friedrich Löchner sah in ihm einen guten Erzieher. Für Ernst Jünger war der Schmerz sogar ein Schlüssel zur Erschließung der Welt. In der Tat lernt der Mensch durch nichts so sehr wie durch den Schmerz. Was passiert aber, wenn man versucht, diesen aus dem Leben der Menschen immer mehr zu verbannen, vor allem, wenn man sie von den Konsequenzen ihres eigenen Tuns mehr und mehr entbindet und diese anderen aufbürdet? Was passiert, wenn man Glück und Schmerz mit aller Gewalt umzuverteilen trachtet und dabei die Natur selbst negiert, sich über die Wirklichkeit und deren Gesetzmäßigkeiten hinwegzusetzen können meint? Macht man dann vielleicht alles nur noch schlechter statt besser?

Der Schmerz erschließt uns die Welt

„Über den Schmerz“, so nannte Ernst Jünger seinen Essay von 1934. Der Schmerz sei die stärkste Prüfung innerhalb jener Kette von Prüfungen, die man als das Leben zu bezeichnen pflege. Er gehöre zu jenen Schlüsseln, mit denen man nicht nur das Innerste, sondern zugleich die Welt erschließe.

Jüngers These lautet: Der Schmerz sei eine unwandelbare Größe der menschlichen Existenz. Die Summe des Schmerzes bleibe – allen Bemühungen zum Trotz – immer gleich. Wer einem Schmerz hier auszuweichen versuche, müsse stets an anderer Stelle den Preis dafür bezahlen, sprich der Schmerz komme dann woanders zurück, man könne ihn mithin nur verschieben, aber nicht abschaffen, ja nicht einmal verringern. Soweit Ernst Jünger.

Ob das so stimmt oder nicht, ist sehr schwer zu sagen. Das ist im Grunde ein metaphysisches Postulat oder Axiom, ein Glaubenssatz, der kaum überprüfbar sein wird. Denn dazu müsste man den Schmerz quantifizieren, in ein objektives Maß bringen und dann sekündlich messen über lange Zeiten hinweg, im Grunde bei jedem Menschen über seine gesamte Lebensspanne die Summe des Schmerzes aufaddieren. Dies ist also empirisch weder verifizierbar noch falsifizierbar, insofern ein metaphysische Grundannahme, aber keine, die jeglicher Plausibilität entbehrt. Ja mir scheint, Jünger hat hier auf jeden Fall eine tiefe Wahrheit berührt.

Denn über den Schmerz erschließen wir tatsächlich ein Stück weit die Welt, indem wir über ihn lernen, unsere Fehlvorstellungen zu korrigieren und unsere Weltbild gleichsam an die Welt selbst immer mehr anpassen, was uns dann ermöglicht, auch unsere Handlungen besser auf die Wirklichkeit abzustellen.

Je länger man dieses Zurückschlagen des Pendels hinausschiebt, desto heftiger wird der Rückschlag werden

Denn eines steht fest: Der Mensch lernt durch nichts so sehr wie durch den Schmerz. Fällt dieser eine geraume Zeit zu sehr weg, weil man Menschen zeitweise von den Folgen ihrer Entscheidungen und Handlungen abkoppelt und diese dauernd anderen aufbürdet, dann schlägt das Pendel irgendwann zurück, weil die Lerneffekte, die notwendig gewesen wären, bedingt durch die Verschiebung des Schmerzes, nicht einsetzen konnten. Das aber führt unweigerlich in die Erschlaffung. Und Erschlaffung schlägt irgendwann zurück auf den gesamten Organismus, der a) seine Wehrhaftigkeit verliert und b) sogar seine Haltung, so dass er irgendwann in sich zusammenfällt. Dabei gilt: Je länger man dieses Zurückschlagen des Pendels hinausschiebt, desto heftiger wird der Rückschlag werden, weil das Pendel dann noch mehr Energie aufgebaut hat.

Ich fürchte, in genau der Phase befinden wir uns und immer mehr Menschen fühlen das förmlich. Das führt leicht dazu, dass man depressiv wird oder besonders aggressiv, weil man sich so hilflos fühlt, alles kommen sieht und es nicht ändern kann. Wir sehen quasi wie das Pendel längst völlig zur Seite ausschlägt und immer weiter ausholt und können den mächtigen Einschlag, der irgendwann kommen wird, quasi schon antizipieren. Wir fühlen den kommenden Schmerz schon jetzt, leiden mithin doppelt, während die Naiven und Kurzsichtigen jetzt gar nicht leiden und irgendwann wie vom Schlag getroffen dastehen werden – oder vielleicht auch nicht mehr stehen können – und sich fragen werden: „Wie konnte das nur geschehen? Wo kam das denn jetzt her? Das haben wir ja gar nicht kommen sehen.“

„Jetzt sind wir halt mal dran mit Leiden, das ist nicht mehr als gerecht“

Unsere besonderen Lieblinge aber wollen alles und jeden schützen, sogar das Klima, meinen, den Schmerz völlig aus dem menschlichen Dasein verbannen zu können, wollen stattdessen die ganze Welt mit Glück überhäufen, welches sie sich als unerschöpfliches Reservoir vorstellen, in welches man nur mit beiden Händen reinzugreifen brauche, um es dann in alle Richtungen verschleudern zu können, so dass alle gleichermaßen davon getroffen werden.

Ja mehr noch. Die, die schon genug Schmerz erdulden mussten, sollen zuerst und am meisten von ihm befreit werden, denn jene sind in ihren Augen quasi die besseren, die schützenswerteren, die primären Menschen. Weshalb das? Weil ihr Schmerzkonto viel höher gefüllt ist. Warum ihr Kontenstand so hoch ist, dass dies eventuell auch mit ihnen selbst zusammenhängen könnte, schließen unsere Lieblinge gänzlich aus. Nein, das kann nicht sein! Schuld an einem hohen Schmerzkonto muss stets und immer ein anderer sein und der Schmerz soll, ja muss gleichmäßig verteilt werden.

Weil aber manche schon so einen hohen Stand haben und ihre Eltern und Großeltern auch schon, was den Kindern und Enkeln gleich mit angerechnet wird, sind jetzt die anderen gleich doppelt und dreifach dran. Die müssen jetzt eben etwas leiden – „Wir müssen abgeben“ sagen unsere Lieblinge, meinen aber: Schmerz aufnehmen -, weil es jetzt gilt, den an Schmerz so Reichen mit aller Gewalt so viel Glück wie nur irgend möglich zukommen zu lassen. Das sind wir diesen armen Menschen, die so reich an Schmerz einfach schuldig.

„Glück und Schmerz müssen umverteilt werden – mit aller Gewalt!“

Unsere Lieblinge empfinden diese Ungleichverteilung des Schmerzes als metaphysische Ungerechtigkeit, denn schon die Natur verteilt die Dinge ja nicht gleichmäßig, weder die Gaben noch die Leiden und Schmerzen. Natürlich verletzt das irgendwie unserer Gerechtigkeitsempfinden. Die Natur kennt den Begriff der Gerechtigkeit aber nicht und gegen die Natur zu revoltieren, bekommt kaum jemandem gut.

Daher treiben also unsere besonderen Lieblinge, die Schmerz-abschaffen-Woller das Pendel sogar noch gezielt immer weiter nach oben, so dass es immer noch mehr Energie aufnimmt. Dass man den Schmerz nicht aus der Welt schaffen kann, werden sie irgendwann sehr schmerzhaft zu fühlen bekommen.

Doch kurze Zeit später, das sage ich hiermit voraus, haben auch sie oder ihre Nachfolger das schon wieder vergessen und werden ihr Projekt, den Schmerz aus der Welt schaffen und das Glück für alle mit aller Gewalt maximieren zu wollen, ganz besonders aber für die vom Glück bisher Benachteiligten, wieder neu aufnehmen. Bis dann das Pendel erneut zurückschlagen wird. Und so wird es immer weiter gehen.

Realismus ist nicht das Gegenteil von Idealismus, sondern dessen conditio sine qua non, so es ein substanzieller Idealismus sein soll

Weshalb dem so ist? Weil unsere speziellen Freunde die Realität selbst, die Wirklichkeit nicht achten. Damit soll nicht einem dumpfen, simplen Konservatismus das Wort geredet sein, der den Status quo immer nur beibehalten möchte, der keinen Fortschritt, keine Entwicklung, keine Verbesserung haben möchte, der sich vor jeder Veränderung fürchtet. Aber wenn ich den Zustand der Welt verbessern möchte, und das sollten in der Tat eigentlich alle wollen, dann muss ich zunächst verstehen und auch akzeptieren, wie die Welt in ihren Grundzügen beschaffen ist und welchen Gesetzmäßigkeiten sie unterworfen ist. Diesen muss man sich gleichsam unterwerfen, wenn man etwas verbessern möchte. Das Seiende muss mithin in gewissem Sinne bejaht werden, wenn es nicht nur einfach negiert, sondern verändert werden soll, weil auch das Verändern Gesetzmäßigkeiten unterliegt.

Um ein Radio zu reparieren, muss ich wissen und verstehen, wie ein Radio funktioniert. Wer also Hand an die Welt legt, ohne ihre Gesetzmäßigkeiten zu kennen, der macht meist alles nur noch schlimmer. Am Ende ist dann das Radio in seine Bestandteile zerlegt und unser spezieller Freund ist nicht in der Lage, die Teile wieder zusammenzusetzen, weil er sich immer nur für seine Wünsche und Träume interessiert und weniger für die Wirklichkeit. Wer die Welt verändern möchte, muss mithin deren Gesetzmäßigkeiten a) kennen und b) akzeptieren. Realismus ist mithin nicht das Gegenteil von moralischem Idealismus, sondern dessen Voraussetzung, wenn es ein kluger Idealismus sein soll, der realistische Aussichten darauf hat, die Dinge besser und nicht schlechter zu machen.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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