Die Traumtänzer und die Querulanten

Von Jürgen Fritz, Do. 11. Okt 2018

Man stelle sich folgende Situation vor, dann bekommt man in etwa einen Begriff, in welcher Situation wir uns befinden: Auf einem Schiff bekommen einige Matrosen von der Kapitänin persönlich, die sich zuvor mit ihren höchsten Offizieren beraten hat – kein einziger von diesen widersprach klar und deutlich -, den Befehl, sie sollen mehrere Löcher in den Schiffsboden schlagen, so dass Wasser ungehindert eindringen kann. Gesagt getan. Die Matrosen schlagen das eigene Schiff leck, das Wasser strömt nur so ein. Die Mannschaft und die Passagiere des Schiffes aber jubeln zum Großteil und freuen sich über das eindringende Wasser, ja führen regelrechte Freudentänze auf. Zumindest anfangs.

Die Traumtänzer und die Warner

Einige wenige wundern sich von Anfang an und versuchen, ihr Bedenken zu artikulieren, welche aber weggebügelt werden. In der Folge strömt innerhalb kurzer Zeit so viel Wasser ein, dass nun auch einige Traumtänzer merken, dass die Idee vielleicht doch nicht so arg gut war.

Ein Offizier, der die Kapitänin etwas kritischer sieht, moniert nun immer heftiger dieses Vorgehen, hilft aber ständig mit, das eindringende Wasser irgendwie so in den Griff zu kriegen, dass es nicht gleich zur Katastrophe kommt. Der Offizier warnt die Kapitänin öffentlich und droht ihr sogar, wofür Mannschaft und Passagiere ihn größtenteils verurteilen. Er macht sich bei beiden immer unbeliebter, die Kapitänin aber macht nur minimale Zugeständnisse, woraufhin er seine Drohungen nicht in die Tat umsetzt, was ihm immer mehr seine Glaubwürdigkeit raubt. Jetzt wird er von den meisten Passagieren sogar noch ausgelacht und verhöhnt, während die wenigen Warner enttäuscht sind, weil er immer nur droht und redet, aber so gut wie nichts bewirkt und sich jeden Abend mit der Kapitänin wieder zusammen an den Tisch setzt, um mit ihr zu speisen.

Eine zunächst kleine Gruppe von Matrosen und Passagieren, die mit der Zeit aber immer größer wird, protestiert zunehmend lauter, je mehr Wasser eindringt. Sind die denn alle vollkommen verrückt“, denken sie sich. Schließlich schaffen sie es, dass einige der ihren zu Offizieren gemacht werden, die jetzt bei Besprechungen mit der Kapitänin zumindest dabei sein dürfen. Sobald sie sich aber zu Wort melden und ihre Bedenken und Einwände vorbringen, werden sie abgewürgt, ausgelacht oder verächtlich gemacht.

Was wollt ihr denn? Das Wasser dringt doch gar nicht mehr so schnell ein wie zu Beginn

Die meisten Matrosen und Passagiere beginnen eine regelrechte Hetze gegen diese neuen Offiziere und die, die hinter ihnen stehen, wie es dieses Schiff niemals zuvor erlebt hat. Wieso die so eine Angst vor dem bisschen Wasser hätten, die würden sich bestimmt auch nie waschen, diese Wasserscheuen. Daher würde es in letzter Zeit auch so furchtbar stinken auf dem Schiff. Der üble Geruch käme nicht von dem fauligen Wasser, sondern von diesen Wasserscheuen. Früher sei doch schon mal ein Schiff von dieser Reederei untergegangen, wo auch solche Stinkstiefel waren, die es schafften, das Ruder zu übernehmen und das Schiff direkt in den Untergang geführt hätten usw. usf. Kein Vergleich ist ihnen zu absurd, nichts lassen sie aus, um die Warner ins Abseits zu stellen.  

Ein sachlicher, offener Dialog, ja jegliches halbwegs vernünftige Gespräch wird mit der Mehrheit der Matrosen, der Passagiere und den Offizieren sowie der Kapitänin, welche die Kontrolle über das Schiff mehr und mehr entgleitet, gänzlich unmöglich. Auf die Frage, wann man denn endlich die Löcher im Rumpf abdichten und dann das ganze eingedrungene Wasser, das zum Teil mit gefährlichen Bakterien durchsetzt ist, wieder abgepumpt werden soll, wird überhaupt nicht eingegangen. Ja sicherlich, am Anfang sei das Wasser schneller eingedrungen, als man dies erwartet hatte, einige Zeit sei man überfordert gewesen und habe auch Fehler gemacht, aber dank der Hilfe auch vieler Passagiere und der Matrosen, die sich vorbildlich bemühten mit dieser Situation zurechtgekommen, habe man es ja doch ganz gut geschafft und schließlich dringe das Wasser ja längst nicht mehr so schnell ein wie zu Beginn in den ersten Tagen.

Haltung zeigen, ist jetzt angesagt

„Ja aber warum lassen wir denn überhaupt noch Wasser eindringen?“, rufen einige laut. „Warum dichten wir denn nicht endlich völlig ab? Und wie wollen wir denn das ganze Wasser wieder rauskriegen, was jetzt schon eingedrungen ist? Hier geht doch alles kaputt mit der Zeit durch die Feuchtigkeit, die sich längst überall ausbreitet. Überall beginnt es im Rumpf schon zu faulen. Es gibt sogar schon die ersten Toten, die von den eingedrungenen Krankheitserregern befallen wurden.

Ach, Tote hat es schon immer gegeben“, entgegnet man diesen und geht ansonsten auf ihre Fragen gar nicht ein, überhört sie ganz gezielt. „Wann dichten wir endlich den Rumpf vollständig ab und schauen zu, dass wir all das eingedrungene Wasser wieder rauskriegen?“, rufen jene erneut. Aber schon haben sich die Kapitänin, die nun immer besser abgeschirmt wird vor unangenehmen Fragen, und ihre Offiziere abgewandt und sind verschwunden.

Abends setzen sie sich dann zusammen und beraten, wie sie gegen diese unangenehmen Rufer und Fragensteller vorgehen können. Diese Querulanten bringen die ganze Mannschaft und die Passagiere völlig durcheinander. Diese organisieren sich bereits in Gruppen, um gegen diese bösen Rufer vorzugehen, denn auch sie mögen keine Unruhe an Bord.

Immer wieder versuchen Passagiere diese wasserscheuen Querulanten einzuschüchtern, auszugrenzen und hier und wieder, wenn einer abends mal alleine an Deck ist, stürzen sich drei oder vier, die „Haltung zeigen“, im Dunkeln auf ihn und schlagen ihn zusammen. Die Kapitänin und ihre treuen Offiziere, einige sind nicht nur treu, sondern stacheln sie sogar noch ständig an, viel mehr Wasser reinzulassen und viel konsequenter gegen die Querulanten vorzugehen, bekommen das durchaus mit, wollen aber offiziell nichts davon wissen. Heimlich lassen sie diesen Passagieren aber Schlagringe zukommen und zahlen ihnen Kurse in Kampfsport.

Wir lassen nicht zu, dass dieses wunderbare Schiff zerstört wird!

So kommt es, dass sich nicht nur die Offiziere und die Mannschaft sich zunehmend spalten, sondern auch die Passagiere. Und immer, wenn einer nun fragen möchte, was denn nun mit den Löchern im Rumpf sei, die noch immer offen sind, und mit all dem eingedrungenen Wasser, wie man das wieder rauskriegen will und wann man damit beginnen möchte, dann schreien die anderen, die klar in der Mehrheit sind „Schaut, diese hier, sie wollen die Menschen auf diesem Schiff spalten“. Und ihre Blicke, die sie diesen „Spaltern“ zuwerfen, werden immer böser. Doch diese lassen sich einfach nicht einschüchtern. Ja schlimmer noch, sie werden immer mehr!

Bald werden sie noch mehr Offiziere und noch mehr Mitspracherecht fordern. Sie würden nicht zulassen, dass dieses Schiff zerstört werde, sagen sie, aber die anderen können das einfach nicht mehr hören.  Sie wissenSie können es nicht mehr ertragen und all ihre Ablenkungsversuche wirken immer nur kurz., sobald es die nächsten Toten geben wird, die wieder an dem versuchten eingedrungenen Wasser sterben, werden die Rufe noch lauter werden.

Wie können wir denn bloß wieder Ruhe und Frieden herstellen an Bord?

Da kommt einem die rettende Idee: „Was wenn wir sie alle wegsperren? Dann müssen wir ihre Rufe und ihre Fragen nicht mehr hören und sie können auch andere nicht mehr anstecken mit ihren Bedenken. Außerdem kriegen es dann die anderen mit der Angst zu tun und keiner wird es mehr wagen, solche zersetzenden Fragen zu stellen.“ Sie schauen sich gegenseitig an, einigen steht schon die Freude ins Gesicht geschrieben, wenn sie sich vorstellen, wie diese Wasserscheuen eingesperrt in ihrer Zelle hocken. Vielleicht könnte man sie ja sogar in solche Zellen setzen, in die schon von dem verseuchten Wasser eingedrungen ist, meinte eine Offizierin mit grünem Schal.

Dann schauen alle zur Kapitänin. Diese würde solche Gedanken niemals offen aussprechen. Nein, sie wahrt immer die Contenance, lässt sich niemals gehen. Wie es in ihrem Innern tatsächlich aussieht, weiß kein Mensch. Alle blicken auf ihr Gesicht. Dann huscht ein kleines Lächeln über selbiges. Ganz kurz nur, aber alle ihr treu ergebene und sie anstachelnde, besonders phantasievolle Offiziere haben es gesehen und nun wissen sie: Bald wird wieder Ruhe einkehren an Bord.

P.S.: Der Untergang der Titanic

Es war am sehr späten Sonntagabend, dem 14. April 1912 gegen 23:40 Uhr, als die RMS Titanic, das damals größte Schiff der Welt, welches als unsinkbar angesehen wurde, mit einem schätzungsweise 300.000 Tonnen schweren Eisberg kollidierte. Von da ab dauerte es ca. 2 Stunden und 40 Minuten, bis sie restlos untergegangen war. Anschließend dauerte es nochmals fast zwei Stunden, bis endlich ein anderes Schiff kam, welches die Notrufe der Titanic empfangen hatte. Bis dahin hatten von den über 2.200 Personen an Bord  über 1.500, mehr als zwei Drittel, den Tod gefunden. Die meisten wurden nicht mit dem Schiff in die Tiefe gerissen, sondern erfroren in dem eiskalten Wasser, das unter 0 Grad hatte, nur knapp über dem Gefrierpunkt von Salzwasser lag. Dass so viele Menschen ums Leben kamen, hing hauptsächlich mit der unzureichenden Zahl an Rettungsbooten und der Unerfahrenheit der Besatzung im Umgang mit diesen zusammen.

In der ersten Stunde nach dem Zusammenstoß strömten zwischen 22.000 und 25.000 Tonnen Wasser in das Schiff ein. Dabei wurden die vorderen fünf Abteile nahezu komplett geflutet, wonach die Titanic kurzfristig fast ein Gleichgewicht erreichte. Die Neigung des Schiffes betrug zu diesem Zeitpunkt circa 5° Richtung Bug, was von den meisten Personen wahrscheinlich noch nicht als bedrohlich wahrgenommen wurde.

Erst 65 Minuten nach der Kollision ließ man das erste Rettungsboot zu Wasser. In der zweiten Stunde drangen höchstens weitere 6.000 Tonnen Wasser ins Schiff ein, also sehr viel weniger als in der Stunde zuvor. Die Neigung des Schiffes veränderte sich dabei nicht gravierend. Allerdings begannen nun zunehmend Sekundärflutungen, da immer mehr nicht wasserdichte Öffnungen des Schiffes, wie offene Bullaugen, Lüftungsschächte und Ladeluken im untergehenden Bug, unter die Wasserlinie gelangten. Dadurch beschleunigte sich der Sinkprozess rapide.

Über 40 Prozent der Rettungsbootplätze blieben ungenutzt

Etwa eine Stunde nach der Kollision erhielten Offiziere und Stewards den Auftrag, den Passagieren die Evakuierung lediglich als ein „Bootsmanöver“ zu erklären. Viele Reisende der ersten Klasse sahen es daher als übertrieben an, Rettungswesten anzulegen, woraufhin die Offiziere dann darauf bestehen sollten. Außerdem wurde die Order ausgegeben „Frauen und Kinder zuerst!“ Teilweise wurde dieser Befehl nach dem Motto „Männer auf keinen Fall“ ausgelegt, selbst wenn dadurch ein nicht einmal halb volles Boot zu Wasser gelassen wurde, weil keine weitere Frau bereit war, die noch stabil erscheinende Titanic zu verlassen. Eine Mutter hatte laut Augenzeugenberichten Mühe, ihren 13-jährigen Sohn zu sich in ein Rettungsboot zu nehmen, da der Offizier diesen bereits als Mann ansah.

So kam es, dass statt der teilweise möglichen Kapazität von 65 Passagieren viele Boote nur zur Hälfte besetzt wurden. Eines der kleineren für 40 Passagiere ausgelegten Rettungsboote wurde sogar bereits gefiert, als sich darin nur 12 Personen befanden. Insgesamt wurden von den vorhandenen 1.178 Rettungsbootplätzen 473 – über 40 Prozent – nicht genutzt. Von den ca. 2.200 Menschen an Bord kamen 26 Prozent der Frauen, 48 Prozent der Kinder und 80 Prozent der Männer ums Leben.

Die Gefahr wurde von den meisten bis wenige Minuten vor dem Untergang völlig unterschätzt

Viele der an Bord befindlichen Personen glaubten lange, die Titanic sei ein sichererer Ort als die kleinen Rettungsboote, da das Schiff noch längere Zeit einen stabilen Eindruck machte und kaum Schlagseite hatte. Wahrscheinlich führte auch das Orchester des Schiffes dazu, dass die Gefahr nicht ernst genug genommen wurde. Die acht Musiker spielten auf dem Bootsdeck Ragtime-Musik und andere heitere Stücke, um Panik zu verhindern. So hatte es die Schiffsführung angeordnet, obschon der Schiffsarchitekt schon nach wenigen Minuten einen raschen Untergang vorausgesehen hat, woraufhin der Kapitän um 00:15 Uhr Befehl gab, Notrufe abzusenden.

Panik brach erst aus, als offensichtlich wurde, dass das Schiff bald sinken würde und nur noch wenige Rettungsboote übrig blieben. Von den zum Schluss gefierten Booten wurden einige dann mit über 70 Menschen statt der vorgesehenen 65 überbesetzt. Um ca. 02.20 Uhr, 2 Stunden und 40 Minuten nach dem Zusammenstoß mit dem Eisberg sank die Titanic. Um 03.00 Uhr, also etwa 40 Minuten nach ihrem Untergang, verstummten auch die letzten Hilferufe aus dem Wasser.

*

Titelbild: YouTube-Screenshot aus Titanic sinks in real time – 2 hors 40 Minutes

**

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog ist vollkommen unabhängig, werbe- und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: Jürgen Fritz Blog. Oder über PayPal  5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 30 EUR – 50 EUR – 100 EUR