So möge es jedem ergehen, der diese Mauer zu übersteigen wagt – Die Gründung Roms

Von Jürgen Fritz, So. 21. Okt 2018

„Für das Gesetz soll ein Volk kämpfen wie für seine Mauer.“ – Heraklit von Ephesos (um 540 – 480 v. Chr.)

Wirf die Kinder in den Tiber

Einer der königlichen Nachkommen aus des Äneas Stamm war der Albanerkönig Prokas, der bei seinem Tode zwei Söhne, Numitor und Amulius, hinterließ. Selten sah man so große Unterschiede zwischen zwei Brüdern; Numitor, der ältere, hatte ein sanftes und gutmütiges Wesen, während Amulius aufbrausend und herrschsüchtig war. Ehrgeiz und diese Herrschsucht trieben Amulius, den Bruder vom Throne zu stoßen und aus dem Lande zu verbannen. Aus Furcht vor der Vergeltung ließ er des Bruders Sohn auf der Jagd meuchlings töten.

Die Tochter Numitors, Rhea Silvia, machte er zur Priesterin der Vesta, in deren Dienst sie unvermählt bleiben mußte. So schien jede Bedrohung seines Thrones beseitigt. Da begab es sich, daß der Kriegsgott Mars die schöne vestalische Jungfrau erblickte und sich heimlich mit ihr vermählte. Als Rhea Silvia ein Zwillingspaar gebar, kannte der Zorn ihres Oheims Amulius keine Grenzen; denn er fürchtete, daß die Kinder, Enkel des rechtmäßigen Königs Numitor, sich einst an ihm rächen könnten. Nach dem strengen Gesetz der Göttin Vesta mußte Rhea Silvia wegen ihres Vergehens mit dem Tode bestraft werden. Die Zwillinge aber sollte ein Diener nach des Königs Gebot in den Tiber werfen.

Die Wölfin säugt die hilflosen Kinder, der Specht versorgt sie mit Körnern

Nun war der Fluß gerade in jenen Tagen über seine Ufer getreten, und so überließen des Königs Beauftragte die Kinder ihrem Schicksal in einem Körbchen, das sie in das strömende Wasser setzten. Der Korb schaukelte auf den Wellen dahin und gelangte in eine Landschaft, die von sieben Hügeln gekrönt war. Dort blieb er im Geäst eines Feigenbaumes hängen, und als das Wasser gefallen war, stand er mit seiner wimmernden Fracht auf dem Trockenen.

Der Kriegsgott Mars war besorgt um das Schicksal seiner Söhne und sandte ihnen die ihm geheiligten Tiere. Von der Höhe des Berges Palatinus kam eine Wölfin, die ihren Durst im Flusse löschen wollte, und bemerkte die hilflosen Kinder; sie schleppte sie in ihre Höhle, bettete sie weich und säugte sie. Später brachte der Specht, der heilige Vogel des Mars, Körner und wohlschmeckenden Samen. So wurden die Zwillinge mit kräftiger Nahrung am Leben gehalten.

Der Ziegenhirt Faustulus findet die Knaben, seine Frau und er nehmen sich ihrer an und geben ihnen die Namen Romulus und Remus

Eines Tages kam Faustulus, ein einfacher Ziegenhirt, auf der Suche nach einem seiner Tiere des Weges und gewahrte das wundersame Schauspiel in der Höhle. Er empfand Mitleid mit den Knaben und brachte sie zu seiner Frau, die eben ihr Söhnchen durch den Tod verloren hatte. Aus Mitleid nahm Acca Larentia, die Hirtenfrau, sich der Zwillinge an. Die Pflegeeltern gaben ihnen die Namen Romulus und Remus. Als die Kunde von dem Schicksal Rhea Silvias und ihrer Kinder auch in diese Einsamkeit gelangte, wurde es Faustulus offenbar, wie es mit der Herkunft der beiden Knaben bestellt sei. Er erkannte, daß er Numitors Enkel gerettet hatte; doch aus Furcht vor der Rache des Königs Amulius behielt er sein Geheimnis bei sich.

In der ländlichen Freiheit wuchsen die Zwillinge zu kräftigen Jünglingen heran, durchstreiften mit ihren Altersgenossen Wald und Flur und bauten sich auf dem Palatinischen Berge ihre Hütten. Häufig mußten sie, jeder an der Spitze einer Schar von Getreuen, ihre Kraft mit wilden Tieren messen, welche die Herden bedrängten. Oft lagen sie auch im Streit mit anderen Hirten, besonders mit denen des vertriebenen Königs Numitor, der auf einem kleinen Gehöft ein zurückgezogenes, stilles Leben führte.

Faustulus offenbart Numitor die ganze Wahrheit um Romulus und Remus, diese erobern Alba Longa zurück

Einst geschah es bei solchen Streitigkeiten, daß Remus sich der Übermacht der feindlichen Hirten nicht erwehren konnte und von ihnen gefangen weggeschleppt wurde. Sie brachten ihn vor ihren Herrn, den greisen Numitor. Tief betroffen blickte dieser auf den Jüngling, die Ähnlichkeit mit seinem Sohn schien ihm unverkennbar. Bald darauf stellten sich auch, getrieben von der Sorge um Remus, der treue Faustulus und Romulus ein, um den Gefangenen freizubitten. Faustulus offenbarte dem Alten nun die ganze Wahrheit, und überglücklich umarmte Numitor, der rechtmäßige König, seine beiden jungen Enkel.

Vor allem Volk, das herbeigeströmt war, schworen Romulus und Remus den Eid, die ihnen zustehende Herrschaft zu gewinnen. Die beiden Jünglinge riefen ihre Gefährten und die andern Männer zum Vergeltungsfeldzug auf, zogen nach Alba Longa und drangen mit List in die Königsburg ein. Im Kampf um die Burg fand Amulius den Tod, und unter dem Jubel des Volkes setzten Romulus und Remus ihren greisen Großvater wieder in seine königlichen Rechte ein. Numitor liebte seine Enkel zärtlich, und er war glücklich bei dem Gedanken, daß sie nach seinem Tode als Doppelkönige die Geschicke Alba Longas lenken würden. Doch die Götter fügten es anders.

Romulus und Remus gründen eine Stadt – Doch wer soll ihr König sein?

Die beiden Brüder Romulus und Remus beschlossen, an der Stelle, wo sie ausgesetzt und vom heiligen Tiber vor dem Tode bewahrt worden waren, eine Stadt zu gründen. Romulus spannte zwei weiße Rinder vor seinen Pflug und führte sie im Viereck um den Palatin herum. Das aufgeworfene Erdreich und die Furche sollten Wall und Graben kennzeichnen, und an den Stellen, wo dereinst die Tore stehen sollten, hob Romulus seinen Pflug auf und trug ihn.

Doch wer sollte der neuen Stadt den Namen geben, und wer sollte König sein? Beide Brüder erhoben Anspruch darauf; aber da sie Zwillinge waren, konnte keiner von beiden das Recht der Erstgeburt geltend machen. „Ihr müßt nach der Weisung der Götter handeln und ihren Willen durch den Vogelflug erkunden“, antwortete Numitor, als die Brüder ihn um Rat fragten. Da folgten sie den Worten des Großvaters und einigten sich. Wem die Schicksalsvögel zuerst ein glückliches Zeichen geben würden, der sollte König sein.

So möge es jedem ergehen, der diese Mauer zu übersteigen wagt!

Lange warteten die beiden, Romulus auf dem Berge Palatin und Remus auf dem Aventin, auf die göttliche Weisung. Endlich zeigten sich Remus sechs Geier, die den Berg umkreisten. „Heil unserem König Remus!“ riefen seine Begleiter voller Freude, und sogleich eilten sie zu seinem Bruder, um ihm die Kunde zu bringen, daß Remus der Erwählte sei. Doch bei ihrer Ankunft auf dem Palatin erschienen zwölf Geier, die unter Blitz und Donner vorüberflogen. „Mir steht die Königswürde zu!“ erklärte nun Romulus selbstbewußt; „denn mir ist die doppelte Zahl der göttlichen Vögel erschienen, dazu unter besonderem Himmelszeichen!“

Remus achtete des Bruders Einwände gering, und schließlich scheute er sich nicht, ihn zu verspotten. Er sprang über die niedrige Mauer der neuen Stadt, um zu beweisen, wie wertlos sie sei. Das Sinnbild des Geborgenseins zu verhöhnen, erschien Romulus als ein so ungeheurer Frevel, daß er auf der Stelle das Gericht vollzog und den Bruder mit dem Schwerte tötete. „So möge es jedem ergehen“, rief er aus, „der diese Mauer zu übersteigen wagt!“

753 v. Chr.: Die Gründung Roms

Romulus wurde König der jungen Stadt. Nach seinem eigenen Namen nannte er sie Rom. Um den Schatten des Toten zu versöhnen, ließ er einen zweiten Thron neben seinem eigenen aufstellen, gleichsam als teile er die Herrschaft mit dem erschlagenen Remus. Dies begab sich im Jahr 753 v. Chr.

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Die Text der Sage wird hier nach der Fassung im „Projekt Gutenberg DE“ zitiert.

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Titelbild: YouTube-Screenshot

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