Der ontologische Gottesbeweis

Von Jürgen Fritz, Sa. 10. Nov 2018

Kann man Gottes Existenz beweisen? Immer wieder gab es Versuche, dies zu tun. Berühmt wurden vor allem der kosmologische, der teleologische und der ontologische Gottesbeweis, den Anselm (1033 – 1109) als erster durchführte, später dann Descartes (1596 – 1650), bevor Kurt Gödel ihn im 20. Jahrhundert in der Sprache der modernen Modallogik rekonstruieren sollte. Dies aber nicht, wie Nicht-Logiker, insbesondere Theologen, gelegentlich meinen, um die Existenz Gottes logisch herzuleiten, sondern um gleichsam zu zeigen, dass mit der axiomatischen Methode bei Zurechtlegung der entsprechenden Axiome im Grunde alles bewiesen werden kann, sogar Gott. Doch bleiben wir bei Anselms besonders beeindruckendem Beweis, der natürlich fehlerhaft, gleichwohl aber von atemberaubender Genialität und Schönheit ist und an dem sich ungemein viel erlernen lässt, sowohl in Bezug auf die Geistesgeschichte als auch die Ontologie, die Erkenntnistheorie und das logische Denken.

Das Jahr 1077

Wir schreiben das Jahr 1077. Das Jahr, in welchem die westliche Christenheit gespannt auf den Machtkampf zwischen Kaiser und Papst blickt, den sogenannten Investiturstreit, der mit dem Gang des Kaisers nach Canossa enden wird.

Just in diesem Jahr beginnt ein anderer in der fernen Normandie in einem Kloster mit der Abfassung eines Werkes, welches er Proslogion nennen wird. Dieses Werk wird in die Geschichte des Geistes und in die Geschichte der Philosophie eingehen. Weshalb das? Weil hier erstmals in der Menschheitsgeschichte der sogenannte ontologische Gottesbeweis formuliert wurde. Doch bevor wir uns diese an Schönheit und Eleganz überragende Herleitung ansehen, wer war Anselm überhaupt und in was für einer Zeit lebte er?

Das hungrige Mittelalter

Anselm war ein Mann des Mittelalters (ca. 500 bis 1500). Dieses war von Beginn an ein hungriges Zeitalter gewesen. Lange Zeit hungerten die Menschen nach Essen, doch das Objekt des Hungers wandelte sich im Laufe des Hohen Mittelalters (ca. 1000 bis 1250). Jetzt war man immer mehr begierig auf Wissen und Bildung.

Im 11. Jahrhundert hatten sich die Lebensverhältnisse deutlich konsolidiert, was Raum schuf für den Hunger nach geistiger Nahrung. Bereits unter Karl dem Großen war im 8. Jahrhundert eine große Wertschätzung von Bildung zu beobachten. Der frühmittelalterliche karolingische Herrscher investierte gemessen an der Wirtschaftskraft seines Reiches, des Frankenreichs, aus dem später Frankreich und Deutschland hervorgehen sollten, in den Aufbau von Bildung und Kultur solche Summen, dass die Bildungspolitiker des 21. Jahrhunderts daneben wie Zwerge erscheinen.

Die Geburt der europäischen Universität

Im Hohen Mittelalter entwickelten sich dann allmählich die ersten Universitäten in Europa. Ende des 11. Jahrhunderts in Bologna (Italien), im 13. Jahrhundert in Paris, Oxford, Cambridge und vielen anderen Orten. Als ein mongolischer Gesandter Ende des 13. Jahrhunderts Paris besuchte, der aus dem heutigen Peking (Beijing) stammte, zeigte man ihm allerlei Kunstschätze und prächtige Bauten. Doch es war etwas anderes, was den Botschafter aus dem fernen Osten am meisten beeindruckte.

Der weit gereiste Mann stand in Diensten des Il-Khans Arghun, der in Bagdad residierte, einer der prächtigsten und kulturell florierendsten Städte der damaligen Welt. Nein, mit Kunstschätzen und Bauten konnte man diesen Mann nicht nachhaltig beeindrucken. Doch es gab etwas anderes, das dieser Mann so noch nie gesehen hatte: 30.000 Studenten, die unablässig mit Schreiben beschäftigt waren und für deren Lebensunterhalt der König aufkam.

Anselm von Canterbury

Einen vornehmen und ehrwürdigen Platz an den im Hochmittelalter gegründeten europäischen Universitäten nahm eine Disziplin ein, die heute bisweilen umstritten ist als wissenschaftliche Disziplin, die damals aber eine zentrale Position innehatte: die Theologie. Eine Schlüsselrolle kam hierbei Anselm von Canterbury zu.

Anselm wurde 1033 in Aosta in Italien geboren. Mit Anfang zwanzig verließ er sein Elternhaus, ging auf Wanderschaft, trat in ein Benediktinerkloster in der Normandie ein. Dort stieg er zum Prior und Abt (Leiter des Klosters) auf und wurde 1093, also mit 60 Jahren, schließlich als Erzbischof von Canterbury in England inthronisiert. Mit dem König von England lag er im Dauerstreit über die Machtbefugnisse von Krone und Papst. Doch was war nun das Besondere an Anselm?

Die Rationalisierung der christlichen Theologie

Anselm steht vor allen Dingen für eines: die Rationalisierung der christlichen Theologie (genau das, was der islamischen Theologie fehlt?). Jene hatte immer schon die Nähe zur Philosophie, die Nähe zur Vernunft gesucht. Der Impuls, religiösen Glauben und Vernunft in Einklang zu bringen, ist dem Christentum von je zu eigen, wenngleich dieses Verhältnis immer auch ein sehr spannungsreiches war und die christliche Weltansschauung oft, ja meist Probleme hatte, sich der Vernunft unterzuordnen.

Doch in Anselm findet diese Annäherung einen Höhepunkt und eine Schlüsselfigur. In seiner Schrift Proslogion macht Anselm deutlich, dass der religiöse Glaube aus einem inneren Antrieb heraus nach vernünftiger Einsicht suche. Der Glaubende möchte verstehen, was er glaubt, und suche daher nach gedanklicher Durchdringung.

Dies exemplifiziert Anselm an der Frage, ob Gott tatsächlich existiert oder nur eine leere Vorstellung ist, modern gesprochen: ein bloßer Begriff in unserem Geist ohne Referenzobjekt in der Wirklichkeit.

Der ontologische Gottesbeweis

Um zu zeigen, dass Letzteres nicht der Fall ist, führt Anselm einen Beweis, der zwar nicht richtig, der aber an Schönheit kaum zu überbieten ist. Wer einen Sinn für beweisendes Denken hat, die höchste aller Künste, die dem Menschen gegeben, der wird sich der Faszination des Anselmschen Gedankengangs kaum entziehen können.

René Descartes, der Begründer der Bewusstseins- und überhaupt der modernen Philosophie wird diese Argumentation mehr als 500 Jahre später in der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert aufgreifen und ganz ähnlich formulieren. Immanuel Kant gelingt im späten 18. Jahrhundert die Widerlegung der Argumentation und Kurt Gödel wird den ontologischen Gottesbeweis im 20. Jahrhundert in der Sprache der modernen Modallogik rekonstruieren.

Gödel beweist nicht, wie manche Theologen, die in Logik weniger gut geschult sind, meinen, die Existenz Gottes, sondern er zeigt, dass bei entsprechender Wahl der Axiome und Definitionen quasi alles beweisbar ist. Sein Thema war also nicht die Existenz oder Nichtexistenz Gottes, sondern die Stärken und Schwächen der axiomatischen Methode, die er an dieser Frage, ob Gott tatsächlich existiert, nur exemplifizierte. Daher veröffentlichte er diesen Beweis auch nicht, da er schon befürchtete, dass man ihn missverstehen würde.

Anselms Gottesbegriff

Doch nun zu Anselms genialem Gedankengang, der mir jedes Mal aufs Neue das Herz ein wenig hüpfen lässt ob seiner Schönheit. Seinen Gottesbeweis kleidet Anselm in ein Gebet. Es beginnt mit der Bitte, Gott möge ihm die nötige Erkenntnis für sein Vorhaben schenken. Sodann folgt seine Erläuterung des Gottesbegriffs, der für den Beweisgang von zentraler Bedeutung ist und einen genialen Kniff darstellt, auf dem im Grunde alles beruht. Gott sei das, „worüber hinaus nichts Größeres (Vollkommeneres) gedacht werden kann“.

Mit diesem Gottesbegriff führt Anselm nun einen indirekten Beweis, was meist besonders elegant anmutet. Das heißt, er nimmt das Gegenteil dessen an, was er zu beweisen sucht, also Nicht-A statt A, und zeigt dann auf, dass die Annahme des Gegenteils des zu Beweisenden unweigerlich in Widersprüche führt, so dass also die Annahme Nicht-A falsch sein muss, mithin ihr Gegenteil, das, was eigentlich bewiesen werden soll, nämlich A richtig. Beim indirekten Beweisen fragen wir also: Kann denn das Gegenteil von A überhaupt sein? Wenn wir eindeutig zeigen können, dass nein, so wissen wir dass A der Fall sein muss.

Beweisgang in vier Schritten

1. Zunächst führt Anselm aus, dass auch ein Tor, der die Existenz Gottes leugne, zugeben müsse, dass, wenn er den vorgelegten Gottesbegriff verstehe, dieser in seinem Verstand existiere (esse in intellectu), da alles, was verstanden werde, im Verstand sei. Auch ein Tor könne sich also vorstellen, dass es etwas gibt, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Genau so aber haben wir Gott definiert. Somit befindet sich dieser Gottesbegriff in seinem Geist respektive dieser kann diesen Gottesbegriff erfassen.

2. Nun nimmt Anselm das Gegenteil dessen an, was er zeigen will: Was, so fragt er, wenn Gott nur im Verstand sei, nicht aber in der Wirklichkeit? Aber dann gäbe es ja etwas Größeres als das. Nämlich die Vorstellung von etwas, das größer ist als alles, was gedacht werden kann, etwas, das nicht nur gedacht wird, sondern auch tatsächlich existiert (esse in re). Oder einfacher ausgedrückt: ein real existierender Gott sei ja größer als nur ein gedachter Gott.

3. Gott wurde aber gerade definiert als das, worüber nichts Größeres gedacht werden könne. Ein Gott, der nur im Verstand existiere, sei aber, wie gerade gezeigt, nicht das Größte, was gedacht werden kann, da ein real existierender Gott größer sei als nur ein erdachter.

4. Also muss die Annahme in (2), dass Gott nur im Verstand, nicht aber in der Realität sei, falsch sein. Gott kann gar nicht nur im Verstand existieren, da er dann nicht das Größte wäre. Also muss Gott, das, worüber nichts Größeres gedacht werden kann, real existieren (esse in re), was zu beweisen war.

Widerlegung des Gottesbeweises

Die Beweisführung ist natürlich nicht richtig. Sie enthält gleich mehrere Fehler, die aber nicht ganz einfach aufzuspüren sind. Wenn Sie wollen, können Sie ja mal versuchen, sie zu finden. So viel kann ich Ihnen verraten: Dabei tun sich neue Dimensionen des Denkens auf, die generell helfen, die Welt und unser Weltbild, vor allem das Verhältnis beider zueinander und damit den Wahrheitsbegriff selbst besser, vor allem viel tiefer zu verstehen. Es lohnt also.

Um Ihnen eine Richtung anzudeuten, in die Sie denken könnten: Bereits der Mönch Gaunilo von Marmoutiers, ein Zeitgenosse Anselms, kritisierte Anselms Beweis. Aus dem (bloßen) Begriff könne man nicht auf die tatsächliche Existenz des damit bezeichneten Sachverhalts schließen. Auf diese Weise könne man dann auch „beweisen“, dass es eine „vollkommene Insel“ geben müsse.

Auch der überragende Denker des Hohen Mittelalters Thomas von Aquin (1225 – 1274) kritisierte Anselms Version des ontologischen Gottesbeweises und Immanuel Kant zeigt in seiner Kritik der reinen Vernunft (1. Aufl. 1781, 2. Aufl. 1787) auf, dass ontologische Gottesbeweise verschiedene Kategorien unzulässig vermengen.

Das Entscheidende hierbei ist, dass Anselm über seinen genialen Kniff, wie er Gott definiert, dann den Schritt hinaus tut vom Denkraum in den Wirklichkeitsraum. Genau das geht aber nicht. Das (nur) Gedachte und das Wirkliche sind zwei völlig verschiedene ontologische Dimensionen und über die Wirklichkeit können wir positiv nur etwas in Erfahrung bringen durch Wahrnehmung, besser: gezielte Beobachtung.

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Literaturempfehlungen (vier absolut lesenswerte, ja überragende Bücher):

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Bild: Youtube-Screenshot

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