Der letzte alte weiße Mann und die unerbittliche Meute

Ein Gastbeitrag von Raymond Unger, Di. 13. Nov 2018

Nun ist es also fast vollbracht, der letzte große Widersacher bald schon weggeräumt. Die Meute macht ihrer Noch-Herrin den Weg frei und wird auch zukünftig keinen Widerspruch dulden, alles und jeden zerfleischen, der nicht Teil ihrer selbst oder aber still ist. Die Herrin wird gehen, doch die Meute wird bleiben, wird weiter zubeißen und reißen, denn sie kennt nur ein Ziel: Wiedergutmachung, um jeden Preis. Dabei wird sie natürlich gar nichts wiedergutmachen, sondern alles kaputtmachen. Das zu erkennen, ist sie aber nicht imstande. Raymond Unger legt mit seinem neuen Buch Die Wiedergutmacher eine hervorragende Tiefenanalyse unserer Gesellschaft und unserer Zeit vor. JFB präsentiert exklusiv einen Abschnitt aus dem Werk, welches fast schon prophetisch beschreibt, wie es Seehofer ergehen wird, erklärt das Warum und wie es weiter gehen wird.

Die Zeit der »alten, weißen Männer« ist vorbei

Rund um das beinahe Ende der Kanzlerschaft Merkels, einer Ikone der Wiedergutmacher, läuft im Sommer 2018 ein ganz bestimmter Babyboomer-Typus noch einmal zur Hochform auf. In der Zeit des »Ultimatums der CSU« offenbaren die etablierten Strukturen in Medien, Parteien und Kulturwelt, wer in Deutschland die Deutungshoheit zur Wahrheit besitzt.

Als Angela Merkel im Streit mit ihrem Innenminister Horst Seehofer nach 13 Jahren Kanzlerschaft ernsthaft ins Wanken geriet, führen ihre Anhänger einen bemerkenswerten Verteidigungskampf. Hierbei tritt die Einseitigkeit der Leitprinzipien der Wiedergutmacher mit großer Klarheit hervor: Moral vor Recht, Legende vor Wahrheit, Feminismus vor Maskulinität, Konformität vor Charakter, Gesinnung vor Verantwortung, Bekenntnis vor Handlung, Selbstverleugnung vor Selbstbehauptung, Gefühl vor Ratio, Feigheit vor Mut.

Spätestens in der Nacht vom 1. auf den 2. Juli 2018, als ein völlig derangierter Innenminister Horst Seehofer vor die Presse tritt und seinen Rücktritt kolportiert, ist klar: die Zeit der »alten, weißen Männer« ist vorbei. Und mit ihnen endet auch das Zeitalter der alten weisen Männer.

Wie mache ich alles wieder gut?

Die Konterfeis der politischen Charakterköpfe meiner Jugend hängen im Museum des Deutschen Doms am Gendarmenmarkt: Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Richard von Weizsäcker, Willy Brandt, Herbert Wehner, Hans-Dietrich Genscher.

Längst wurde der Staffelstab übernommen von den verletzten Söhnen und Töchtern der Republik. Kriegsenkelinnen und Kriegsenkel wie Claudia Roth, Andrea Nahles, Annalena Baerbock, Katja Kipping, Katrin Göring-Eckardt, Anton Hofreiter, Robert Habeck, Heiko Maas und Peter Altmaier bestimmen die Geschicke Deutschlands.

Politik und Medien sind heute fest in den Händen der sogenannten »Nebelkinder« (benannt nach dem Bestseller des Europa Verlages zum Thema Kriegsenkel), deren einzige Gewissheit ein nebulöses und doch stetig präsentes Gefühl ist: Schuld. Seit ihrer Kindheit bewegt Nebelkinder eine einzige Frage: Wie mache ich alles, alles wieder gut? […]

Die Meisterin der Taktik spielt wieder einmal auf Zeit und Seehofer macht den strategischen Fehler, ihr diese zu geben

Erst Seehofers Pläne machten auch den Merkel-Getreuen klar, dass die Kanzlerin um jeden Preis die Ausnahmeregelung der offenen Grenzpolitik von 2015 zum Dauerzustand erklären wollte. Selbst in der CDU-Fraktion gerieten viele darüber ins Grübeln. War es wirklich alternativlos, dass die Grenzen dauerhaft unkontrolliert bleiben mussten, weil sonst ein unbeherrschbarer Domino-Effekt droht? Doch wie schrecklich könnte dieser Effekt schon sein, wenn es anderseits hieß, die Flüchtlingskrise hätte sich so gut wie erledigt? Gerade im Zusammenhang mit der Sommerkrise 2018 geistert eine wichtige Meldung durch die Medien: Der Flüchtlingsstrom habe um sensationelle 95 Prozent abgenommen, eine Zahl, die ich gegen Ende dieses Buches noch genauer untersuchen werde.

Die Argumentation lautet demnach: Betroffen von Seehofers Plänen zur Zurückweisung an den Grenzen sei allenfalls ein unbedeutendes Häuflein, um das man nicht so viel Aufhebens machen sollte. Die Unlogik ist natürlich mit Händen zu greifen, denn der Umkehrschluss gilt ja ebenfalls. Wenn die Krise nahezu vorbei ist, warum sollte man dann nicht zur bewährten Rechtspraxis von 2015 zurückkehren? Warum riskiert Merkel wegen einer Belanglosigkeit ihre Kanzlerschaft?

Merkels ausgesprochen dünne und widersprüchliche Argumentation, »keine nationalen Alleingänge«, hätte sie fast den Rückhalt ihrer eigenen Fraktion gekostet. Aber die Meisterin der Taktik wusste, was sie am dringendsten brauchte: Zeit. Den Rest würde ein Netzwerk von Wiedergutmachern erledigen, auf das sich Merkel seit Beginn ihrer Amtszeit verlassen konnte. Und so kam es auch.

Nun läuft die Diskreditierungskampagne gegen die CSU und Seehofer an

Obwohl im Sommer 2018 die Medienfront pro Merkel bereits erkennbar erodiert war, konnten die wichtigsten Meinungsmacher die Stimmung zugunsten der Kanzlerin drehen. Die Diskreditierungskampagne, mit der man gegen Merkels Widersacher zu Felde ziehen konnte, war schnell ersonnen:

1. Der CSU ging es nie um die eigentliche Frage der Kontrolle an den Grenzen, denn dort habe sich die Lage ja weitgehend beruhigt. In Wirklichkeit handelt es sich um populistisches Fischen am rechten Rand, die schäbige Wahltaktik einer im Prinzip europafeindlichen Partei mit dem Ziel, die AfD kleinzuhalten.

2. Männer wie Horst Seehofer, Alexander Dobrindt und Markus Söder seien aus der Zeit gefallen. Im Prinzip wären die CSU Ambitionen die letzten Zuckungen der zum Glück aussterbenden Spezies testosterongesteuerter Männer: »Was ist da nur los mit diesen ganzen testosterongesteuerten Männern in Bayern?« (Katrin Göring-Eckardt), »Bei der CSU regieren Ego und Testosteron« (Anton Hofreiter), »Politik nach persönlichem Hormonhaushalt« (Kai Gniffke).

Nebenbei bemerkt: Selbstverständlich ist die Strategie, politische Entscheidungen einzig auf das zwangsläufig alle Männer regulierende Sexualhormon zu reduzieren, blanker Sexismus. Der eigentliche Skandal ist die Einseitigkeit, mit der dieser Sexismus erlaubt ist. Man stelle sich nur den umgekehrten Fall vor: Ein Journalist oder Politiker würde Frauen wie Angela Merkel, Ursula von der Leyen oder Andrea Nahles als »östrogengesteuert« titulieren – das vorzeitige Karriereende wäre so gut wie sicher.

3. Letztlich sind die Streitlinien zwischen CDU und CSU uralte Machtfehden zwischen Preußen und Bayern, die von Altvorderen wie Franz Josef Strauß begründet worden waren. […]

Zu Beginn der Regierungskrise stehen die meisten Deutschen hinter Seehofer, doch was passiert dann?

Doch zu Beginn der Krise, Mitte Juni 2018, sahen die einfachen Bürger all dies offenbar ganz anders. Zum Entsetzen der Merkel-Getreuen zeigte der Blick in die Statistik: »Im Streit zwischen Merkel und Seehofer stehen die meisten Deutschen hinter dem Innenminister« (Welt, »Deutsche vertrauen in Asylpolitik Seehofer mehr als Merkel«, 16.6.2018). Und dies nicht nur ein bisschen, sondern überdeutlich. Je nach Umfrageinstitut und Fragestellung zwischen 60 und 80 Prozent.

Der weitaus größte Teil der Deutschen sprach sich glasklar für Seehofers Pläne der Grenzkontrollen aus, bezüglich der geplanten Umsetzung von Abschiebungen ist das Ergebnis sogar noch krasser. Mitte Juni stellt die Zeit fest: »Laut aktuellem ARD-Deutschlandtrend ist eine breite Mehrheit der Bundesbürger für eine harte Linie in der Asylpolitik. In der Umfrage sprachen sich 86 Prozent der Befragten für eine konsequente Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern aus« (Zeit, »Mehrheit für härtere Asylpolitik«, 15.6.2018). Hätte Merkel auf dem Hoch dieser Stimmungsumfragen ihren Plagegeist einfach entlassen, es hätte sie vermutlich mitgerissen.

Deshalb gaben merkelfreundliche Journalisten und TV-Moderatoren auf dem Höhepunkt der Regierungskrise 2018 ihr Bestes, um diese Pro-Seehofer-Anti-Merkel-Stimmung zu drehen, doch tagelang zeigten die Meinungsumfragen, dass es für einen Stimmungsumschwung weiterer Ingredienzien bedurfte. […]

Ein weiteres argumentatives Standbein war nötig. Genialerweise fanden die Meinungsmacher eines, das sich Seehofer selbst gestellt hatte. Seehofer stimmte dem Aufschub zur Umsetzung seiner Grenzregelung zu, indem er selbst die Parole ausgab, Merkel müsse mit »wirkungsgleichen« Maßnahmen vom EU-Gipfel zurückkommen – dann würden seine Regelungen obsolet. Natürlich war sich Seehofer wie jeder vernunftbegabte Mensch sicher, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit war. Immerhin war die EU in der Flüchtlingsfrage seit Jahren hoffnungslos zerstritten. Doch das Stichwort »wirkungsgleich« war für die Medienprofis ein Stöckchen, in das man sich durchaus verbeißen konnte. […]

Wir können doch einfach mal frech was behaupten – das Original liest eh keiner

Als Merkel schließlich vom Gipfel zurückkehrte, hatten die deutschen Leitmedien die Schlüsse aus Seehofers Stöckchen »wirkungsgleich« gezogen. Frech vermeldete man: Das Wunder ist vollbracht! In Wirklichkeit geschah dieses Wunder natürlich weniger in Brüssel als vielmehr im deutschen Blätterwald. Hier jazzte man ein belangloses EU-Wischiwaschi-Papier, eine Ansammlung von Schlussfolgerungen und freiwilligen Absichtserklärungen, kurzerhand zum größten EU-Durchbruch zur Flüchtlingsfrage hoch. Einmal mehr war man sich sicher – kaum jemand würde das Originalpapier der EU lesen. Und so erklärten die Medien dem verblüfften Bürger, dass Merkel in wenigen Stunden schaffte, was drei Jahre lang nicht gelingen wollte. Die Einigung Europas sei derart weitreichend, dass Seehofer keinerlei Grund mehr für Grenzkontrollen habe; das Ergebnis sei sogar »mehr als wirkungsgleich«.

Nur wer das EU-Papier tatsächlich las, erkannte sofort – es war reine Augenwischerei. Während der überwiegende Teil der deutschen Presse Merkels großen Coup feierte, scherzte die ausländische Presse: »Ein Gigant hat ein Mäuschen geboren« (Il Giornale), »Gipfel der Beschlüsslein« (Baseler Zeitung). […]

Merkel: Abgeschlossen haben wir gar nichts, nur dass wir im Gespräch bleiben

Nachdem sich die Presse derart vor Lob überschlagen hatte, blieb es bei der CSU auffallend lange still. Das Dilemma war klar: Entweder die CSU hätte darüber aufklären müssen, dass die Leitmedien bezüglich der Ergebnisse des EU-Gipfels dreist überzogen hatten, ja eigentlich, dass sie die Bürger angelogen hatten. Die Rolle als Aufklärer ist aber nicht sonderlich sympathisch, die Argumentation klingt verdächtig nach »Lügenpresse«, ein Vokabular von PEGIDA, AfD und Co. Oder es blieb der CSU nichts anderes übrig, als die angebliche Wirkungsgleichheit anzuerkennen – damit hätte Seehofer sämtliche Pläne beerdigen können. So meldete sich die CSU zwei Tage lang gar nicht, bis schließlich immer mehr Details der Erklärung durchsickerten und sich das Phrasenpapier selbst entlarvte.

Jetzt ruderte vorsichtshalber sogar die Kanzlerin zurück. Der Cicero kommentierte: »Momentan hat Merkel ein unverbindliches Absichtspapier ›rausgehandelt‹ und bilaterale Zusagen, von denen sich bereits vier Staaten distanziert haben: ein Missverständnis, eine Lüge? Merkel gestand im ZDF-Sommerinterview am Sonntag ein, dass sie die Backen zu voll genommen hatte: ›Abgeschlossen haben wir überhaupt  keine Vereinbarung, sondern nur politisch darüber Einverständnis erzielt.‹ Man bleibe ›weiter im Gespräch‹.« (Cicero, »Journalistische Kernschmelze«, Alexander Kissler, 2.7.2018). […]

ARD und ZDF retten Merkels Kopf

Der Subtext der Mainstream-Presse: Nationale Alleingänge seien nicht rechtskonform, nur europäische Lösungen seien legitim. Doch in Wahrheit gab es eine rechtskonforme Lösung längst, sie heißt EU-Verordnung Nr. 604/2013 oder schlichtweg Dublin III. Mehr noch, im Grunde ist eher Merkels Ausnahmeregelung juristisch problematisch, da nicht wirklich grundgesetzkonform. […] Seehofers Lösung anzuwenden wäre gerade kein »nationaler Alleingang«, wie die Kanzlerin behauptete, sondern das geltende Recht vor 2015. Dieses wurde von Merkel beziehungsweise durch ihren damaligen Innenminister Thomas de Maiziere kurzfristig und nur durch eine mündliche Ministeranweisung ausgesetzt. Begründung war damals eine einmalige Notstandssituation, die, da sind sich wirklich alle einig, schon lange nicht mehr gegeben ist. […]

Wenigstens Zuwanderer mit Einreiseverbot, Kriminelle, abgelehnte Asylbewerber und jene mit offenen Asylverfahren in anderen EU-Ländern wollte Seehofer zurückweisen dürfen. Was anderes als diese Selbstverständlichkeiten hätte man sonst mit dieser Gruppe von Zuwanderern machen sollen? Erneut einem Verfahren im völlig überlasteten BAMF zuführen? Um einen bereits abgelehnten Antrag ein zweites Mal durchzuarbeiten? Doch zum Entsetzten der Bürger erfuhr man im Sommer 2018, dass dies seit Jahren die gängige Praxis war. […]

Seehofers Vorschläge zur Abstellung der Missstände machten klar – die Lage ist weitaus dramatischer als der BAMF-Skandal. In den entscheidenden zwei Wochen des Sommers 2018 kämpft Merkel deshalb ernsthaft um ihr politisches Überleben. Es werden harte Wochen für die Kanzlerin, ARD und ZDF leisten Schützenhilfe.

Merkel hetzt von einer Sendung zur nächsten, »Anne Will«, »Das Sommerinterview, »Farbe bekennen«, dazu kommen mehrere Regierungserklärungen. Nach zwei Wochen Medientour kann jeder deutsche Fernsehzuschauer Merkels Vorstellungen zur Rolle Deutschlands mitsprechen: »Niemals unilateral – immer multilateral. Niemals national – immer europäisch. Niemals zulasten Dritter – immer im Konsens.«

Merkel: Die Menschen sollen den Eindruck haben, Recht und Ordnung werden durchgesetzt

Viele Bürger haben den Eindruck, dass es für Deutschland nicht legitim ist, eigene Interessen zu vertreten. Die Kernaufträge einer Kanzlerin, zum Wohle des Volkes, Nutzen mehren, Schaden abwenden, Gesetze achten, scheinen schön und gut, aber hört man Merkel zu, »nie zulasten Dritter«.

Zudem rutscht der Kanzlerin in der Generaldebatte im Deutschen Bundestag ein Satz heraus, der viele Journalisten beunruhigt: »Es muss mehr Ordnung in alle Formen von Migration kommen, damit Menschen den Eindruck haben, Recht und Ordnung werden durchgesetzt.«

Ist dieser Satz womöglich ungewollt ehrlich? Kann es Merkel denn reichen, wenn Menschen nur den Eindruck haben, Recht und Ordnung würden durchgesetzt? Immer mehr Bürger sind von Merkels Hybris dermaßen irritiert, dass sie nach politischen Alternativen für Deutschland suchen, denn Globalität hin und gute Nachbarschaft her, auf viele Menschen wirkt Merkels Staatspolitik devot. Ein Eindruck, der sich im europäischen Vergleich nur noch verschärft, denn hier vertreten mittlerweile alle Nachbarn mit Nachdruck ihre eigenen Interessen. […]

Wie Merkel sich ihre eigene Heiligenlegende strickt

Dabei hat Merkel den Kern der Kritik gegen sie durchaus verstanden: ihren Alleingang 2015, ohne die Abstimmung mit den europäischen Nachbarn. Doch 2018 gibt es einen bösen Widerspruch zu ihrer eigenen Losung. Ihrem eigenen Mantra der Multilateralität folgend, baut Merkel in den diversen TV-Sendungen und in der Regierungserklärung vom 28.6.2018 deshalb die Legende auf, bereits ihre damalige Entscheidung sei in Abstimmung und multilateral getroffen worden.

Der Hauptstadtjournalist Robin Alexander, der die Vorgänge von 2015 minutiös beschrieben hat, kommentiert ihren Versuch mit den Worten: »Man kann jede einzelne oder auch alle ihrer Entscheidungen für richtig halten und auch die gesamte Flüchtlingspolitik Merkels für vernünftig. Aber die Geschichte von der europäisch abgestimmten Flüchtlingspolitik der Kanzlerin ist eine Heiligenlegende, die man sich unter Demokraten nicht zumuten sollte« (Welt, »Merkel strickt an Legende vom europäischen Flüchtlingsherbst«, Robin Alexander, 28.6.2018).

Erstmals wird Recht moralisch überschrieben, Merkels bester Freund dabei: Die Grünen

Auf jeden Fall wird die Kanzlerin in ihrem Beharren, die Grenzen auf der Basis einer höchst umstrittenen Ausnahmeregelung offen zu halten, im Sommer 2018 am besten von den Grünen und der SPD verstanden. Dabei gestehen die Grünen überraschend offen zu, dass Seehofer juristisch gesehen im Recht gewesen wäre. […] Kommentare des grünen Führungspersonals zeigen zweifellos, dass die Grünen das geltende Recht sehr wohl verstanden haben.

Trotzdem ist die Partei offensichtlich der Meinung, man kann und sollte es moralisch übergehen. Wer heutzutage auf das geltende EU-Recht und das Grundgesetz verweist, wie diverse Politiker, Innenminister Seehofer und etliche Verfassungsrechtler, ist ein reaktionärer Spießer und würde nur »Vertrauen zerstören und Ängste fördern«. Nach Ansicht der Grünen sollte man zur Beruhigung der Bürger beim Rechtsbruch und damit bei der unkontrollierten Zuwanderung bleiben.

Mit dieser Haltung zeigt die Krise vom Sommer 2018 exemplarisch die Kernproblematik der Wiedergutmacher. Den einzelnen Facetten dieses Problems werden wir in diesem Buch immer wieder begegnen: Erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte werden verbindliche Rechtsnormen und ausgehandelte Ordnungsprinzipien, die Basis jeder Demokratie, von Eliten in Politik und Medien moralisch überschrieben. […]

Dank der Leitmedien setzt Merkel sich wieder einmal durch

Auf jeden Fall blieben die Anstrengungen der Pro-Merkel-Leitmedien nicht ohne Wirkung. Die Grundbotschaften, Seehofer agiere vollkommen verantwortungslos und nur Merkel handele vernünftig, wurden schließlich doch noch gelernt. Nach 14 Tagen Medienmarathon zeigt die Meinungslage ein Remis. Wenige Tage nach der Krise stürzt Seehofer sogar in der Beliebtheitsskala um ganze 16 Punkte ab, ein Erdrutsch. Die CSU ist geschwächt, die Kanzlerin konnte sich noch einmal retten.

Murrend rafft man sich zu einem faulen Formelkompromiss auf, den jede Seite natürlich als großen Erfolg ausgibt. Doch auf eines beharrte die Kanzlerin während der gesamten Krise: Flüchtlinge verlassen dieses Land nur im Konsens mit all unseren Nachbarn, nie zulasten Dritter und nur nach bilateralen Verhandlungen. Also so gut wie nie. Christian Lindner von der FDP kommentiert den Kompromiss: »Ich glaube, im Bundeskanzleramt biegen die sich vor Lachen, Herr Seehofer«. […]

Am 5.7.2018 kommt die erlösende Meldung der Tagesschau: »Asylstreit beendet – keine ›Transitzentren‹, keine Lager, keine Zurückweisungen, keine nationalen Alleingänge – die Spitzen von CDU, CSU und SPD haben sich auf ein neues Asylpaket geeinigt.« Aber – geeinigt? Man könnte auch einfach sagen, Angela Merkel hat sich durchgesetzt. Sie bleibt Kanzlerin, und das Sommermärchen von 2015 geht in die Verlängerung. Vorerst.

In nur zwei Wochen drehen die Meinungsmacher mit vereinten Kräften die Volksmeinung komplett um

In einer bemerkenswerten Operation hat Merkels Spezialteam aus Wiedergutmachern den Kunstgriff noch einmal hinbekommen. Die komplizierte Doppel-OP dauerte gut zwei Wochen. Auf einem OP-Tisch konnte Angela Merkel erfolgreich geliftet werden. Auf dem anderen Tisch wurde Seehofers Zahn, die Rückkehr zu mehr Kontrolle an den deutschen Grenzen, unter Schmerzen extrahiert. Während der Vollnarkose hat das OP-Team präventiv auch Seehofers Testikel entfernt, doch die Komplikationen könnten immer noch zum Kreislaufkollaps des Ministers führen.

Dabei war die Regierungskrise vom Sommer 2018 vor allem eines: eine beeindruckende Demonstration der realen medialen Kräfteverhältnisse. Waren zu Beginn der Krise 80 Prozent der Bürger klar für Seehofer, plädierten danach 80 Prozent für seinen Rücktritt. Den Pro-Merkel-Meinungsmachern ist es in nur zwei Wochen gelungen, die Volksmeinung in einer so zentralen Frage wie der Zuwanderung um 180 Grad zu drehen.

Der Fuchs muss vollends zur Strecke gebracht werden und die Meute wird auch ohne ihren gegenwärtigen Kopf bleiben und herrschen

Doch das OP-Team gibt keineswegs Ruhe, nach diversen kleinen Nachoperationen erinnert Horst Seehofer inzwischen an Frankensteins Monster. Mit Nähten und Narben am Kopf taumelt der Riese noch eine Weile als »unchristlich, ohne Anstand und untragbar« durch die Leitmedien. Natürlich hat Seehofer recht, wenn er nach der Krise feststellt: »Jeder, der es sehen will, sieht, dass eine Kampagne gefahren wird.« (Augsburger Allgemeine: »Seehofer: Jeder, der es sehen will, sieht, dass eine Kampagne gefahren wird.«, 9.7.2018). Nützen wird ihm diese Erkenntnis wenig. Meinungsmacher gleichen einer Meute, die erst Ruhe gibt, wenn der Fuchs tot ist. […]

Noch ein oder zwei Not-OPs dieser Art, und es könnte sein, dass die Wiedergutmacher auch ihre Königin vom OP-Tisch auf die Totenbahre legen müssen. […] So ist es nicht gänzlich ausgeschlossen, dass Angela Merkel bereits Geschichte ist, wenn Sie dieses Buch lesen. Doch damit hätten sich die folgenden Seiten keineswegs überholt. Dies ist kein Buch über Angela Merkel, es geht um Wichtigeres. Die »mächtigste Frau der Welt« hat ihre Macht nur, weil sie ihr von einem ganz bestimmten Babyboomer-Typus in Medien, Politik und Kultur verliehen wird. Und dieser Typus wird unsere Gesellschaft auch lange Zeit nach der Ära Merkel prägen.

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Dieser Text ist ein Auszug aus Raymond Ungers brandneuem Buch Die Wiedergutmacher, welches ich Ihnen dringendst ans Herz legen möchte. Ich selbst bin noch mitten in der Lektüre, aber mein bisheriger Eindruck ist: Hier haben wir ein 400-seitiges Meisterwerk vor uns liegen, in welchem der Autor den Dingen auf den Grund zu gehen versucht und dabei sehr, sehr weit kommt, viele weiter als die meisten. Prädikat: unbedingt lesenwert!

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Zum Autor: Raymond Unger lebt als Autor und bildender Künstler in Berlin. Er ist als Kunstmaler tätig, schreibt Essays und Bücher, hält Vorträge und leitet Seminare zu den Themen Kunst, Psychologie und Politik. 2013 erschien sein Sachbuch Die Heldenreise des Künstlers – Kunst als Abenteuer der Selbstbegegnung, in dem der ehemalige Therapeut seinen Quereinstieg in den etablierten Kunstmarkt beschreibt. 2016 folgte seine Familienchronik Die Heimat der Wölfe. Als Kunstmaler erhielt Raymond Unger 2011 den internationalen Lucas-Cranach-Sonderpreis für Malerei.

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Titelbild: YouTube-Screenshot

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