Warum die geistig offene Gesellschaft sich nach außen schützen muss

Von Jürgen Fritz, Fr. 22. Mrz 2019

Kennen Sie das: jemand hat etwas für sich innerlich als gut oder schlecht bewertet und möchte nun überhaupt nichts sehen oder hören, was sein einmal gefasstes Urteil in Frage stellen könnte? Gegen jedes andere Urteil, gegen alle Fakten und Argumente kapselt er sich regelrecht ab und würde am liebsten allen, die seine Sicht in Frage stellen, den Mund verbieten, um selbst nicht hören zu müssen. Wo rührt dieses Muster her, was liegt ihm im Innersten zu Grunde und inwiefern ist dies eine riesige Gefahr für die geistig offene Gesellschaft?

Wenn jemand nur über zwei Schubladen verfügt: Null oder Eins und nichts dazwischen

Das naive, undifferenzierte Bewusstsein tickt wie folgt: Wenn es A als gut bewertet hat und B als schlecht, dann versucht es, alle Fakten, Aspekte und Argumente, die gegen A oder für B sprechen könnten, krampfhaft abzuwehren oder zu verdrängen. Es will an A nichts Schlechtes, an B nichts Gutes erkennen. Warum tut es dies? Weil dies das innerlich bereits gefällte Urteil in Frage stellen, weil es die Dinge irgendwie verwässern würde. Diese Verwässerung würde aber gleichsam ein Gefühl der Verunsicherung erzeugen, mithin den inneren sicheren Halt gefährden. Menschen lieben aber eine ganz klare Orientierung: Das darf man essen, das schmeckt gut, weil es zum Beispiel süß schmeckt, das aber darf man nicht essen, es schmeckt überhaupt nicht und riecht auch schon ganz schlecht.

Was ist aber der tiefere Grund für ein derartiges Agieren? Die eigentliche Ursache hierfür liegt im Null-Eins-Denken. Das naive, undifferenzierte Bewusstsein kennt oftmals nur zwei Gruppen, in welche alles eingeordnet wird: Null oder Eins, gut oder schlecht, Gott und Teufel respektive Satan, null oder hundert Prozent. Der naive religiöse Christ kann es daher kaum ertragen, wenn man Schwächen seines Gottes oder von Jesus herausarbeitet. Der naive Muslim hält es nicht aus, wenn man Dinge an seinem Allah oder Mohammed aufdeckt, die diese in einem auch nur ansatzweise schlechteren Licht erscheinen lassen. Der naive AfD-Anhänger kann es kaum ertragen, wenn man solches bei der AfD tut, der naive, unkritische Klimawandelgläubige ist unfähig, CO2 (Kohlendioxid) oder einen Wandel des Klimas anders als nur schlecht zu sehen, wobei ja CO2 sehr viele positive Wirkungen hat. Warum können sie alle das nicht ertragen, dass ihr Urteil Kratzer bekommt? Weil dasjenige, welches sie innerlich bereits als absolut positiv (oder absolut negativ) beurteilt haben, dann nicht mehr in die Einser- (bzw. in die Nuller-)Gruppe passen könnte und sie sonst nur noch die konträre Gegengruppe zur Verfügung haben.

Für das Kleinkind mögen solche eindeutigen, extrem groben Rubrizierungen überlebensnotwendig sein. Dem Papa und der Mama muss bedingungslos vertraut werden, denn ansonsten könnte das Kleinkind kaum überleben. Ebenso gibt es Gefahren, die absolut gemieden werden müssen. Weitere Differenzierungen sind anfangs nicht notwendig, um zu überleben. Dieses sehr simple Schema wird also beibehalten und nicht weiter ausdifferenziert. Ein typisches Urteil des naiven Bewusstseins, welches wir oft hören können, lautet zum Beispiel: „Ach, die … sind doch alle gleich.“ In die Leerstelle können Sie nun nach Belieben einsetzen: Politiker, Männer, Frauen, Unternehmer, Banker, Religionen usw. Wie kommt derjenige zu so einem undifferenzierten und auch ungerechten Urteil? Ganz einfach, er hat gemerkt, dass alle Genannten, beispielsweise alle Politiker, nicht in seine Einser-Gruppe passen und sonst hat er ja nur noch eine. Also sind für ihn alle gleich, landen somit durchweg im Null-Körbchen, da sie ja nicht in Eins gehören.

Die nochmalige Reduktion auf eine Schublade: Alles ist gleich

Wieder andere reduzieren die Anzahl ihrer Schubladen sogar noch weiter auf nur eine. Sie haben nur noch ein Körbchen, in welchem alles landet, nach dem Motto „Jeder und alles hat Stärken und Schwächen“, was natürlich stimmt, aber noch undifferenzierter ist. Hier gibt es quasi nur noch die Schublade 0,5 bzw. 50 Prozent, in welcher jetzt sogar alles landet.

Dieses Alles-ist-gleich-Denken hat einen großen Vorteil: es entlastet ungemein. Viele Menschen haben Angst vor Beurteilungen, weil sie ahnen, dass nicht wenige Urteile über sie selbst nicht besonders gut ausfallen könnten. Das erzeugt Angst oder Furcht, also eine unangenehme Emotion vor dem potentiell negativen Urteil. Und jemand, der viele negative, aber nur wenige positive Urteile erfährt, landet dann natürlich womöglich insgesamt in einem schlechteren Körbchen als ein anderer, bei dem es genau umgekehrt ist. Das erzeugt keine angenehmen Gefühle und zudem wirkt es trennend. Viele Menschen haben aber eine starke Sehnsucht nach Verbundenheit. Alles Trennende beurteilen sie daher äußerst negativ.

Hinzu kommt, dass ein Beurteilt-Werden nicht wenige an ihre Schulzeit erinnert, als wir von unseren Lehrern ständig beurteilt wurden. Und die Erinnerung an unsere Schulzeit ist für viele von uns nicht sehr positiv besetzt. Man fühlt sich dann leicht in die Schülerrolle zurückversetzt, die negativ assoziiert und konnotiert ist. Auch daher das Ressentiment gegenüber dem Beurteilt-Werden. Und den scheinbaren Ausweg bietet hier das 0,5- respektive 50 Prozent-Denken. Wenn alle im gleichen Körbchen sind, wenn alle eben ihre Stärken und Schwächen haben, dann sind ja letztlich alle irgendwie gleich gut. Welch eine Entlastung!

Überwindung des Null-Eins- und des Alles-ist-gleich-Denkens

Dass beide Konzepte, das Null-Eins- und das Alles-ist-gleich-Denken, keine adäquaten Muster sind, um die Welt zu erschließen und zu verstehen, liegt auf der Hand. Doch wie diese könnten diese inadäquaten Muster überwunden werden?

Die Lösung und damit die Überwindung dieses schlichten Null-Eins- oder Alles-ist-gleich-Denkens ist eigentlich ganz einfach. Zwischen 0 und 1 befinden sich unendliche viele rationale (und noch mehr reelle) Zahlen. Bei der Beurteilung der Qualität von X wird man fast nie bei 0 oder 1 landen, fast nie bei 0 oder 100 Prozent landen, so man etwas genauer hinschaut, sondern fast immer irgendwo dazwischen. Aber 90 Prozent ist eben etwas ganz anderes als 10 Prozent. Jenes hat eine vollkommen andere Qualität als dieses.

Nicht so für das undifferenzierte Bewusstsein. Für dieses ist beides nicht 1, nicht 100 Prozent oder sogar alles 50 Prozent respektive alles gleich gut. Etwas zwischen 0 und 100 oder etwas anderes als 50 kennen beide nicht. 60 und 40 oder gar 80 und 20 sind beiden fremd. Das heißt, was beiden auf ihre je eigene Art fehlt, ist das, was man Urteilskompetenz nennt. Mangelndes Urteilsvermögen führt aber zu Realitätsverlust oder zumindest Realitätsferne, weil die Urteile ständig zu grob ausfallen und damit der Wirklichkeit nicht gerecht werden.

Warum die geistig offene Gesellschaft sich nach außen schützen muss

Das wichtigste Ziel in unseren Schulen und Hochschulen, welches seit geraumer Zeit immer mehr vernachlässigt zu werden scheint, muss daher sein: bei jedem einzelnen eine möglichst hohe Urteilskompetenz zu entwickeln. Oder wie Immanuel Kant es mal formulierte: Der Student der Philosophie soll nicht Gedanken (anderer), sondern (selbst) denken lernen; man soll ihn nicht tragen, sondern leiten, wenn man will, dass er in Zukunft von sich selbst zu gehen geschickt sein soll.

Um diese Selbst-Denken und diese Urteilskraft zu entwickeln, bedarf es aber eines offenen Geistes. Dieser wiederum kann sich nur entwickeln in einem Klima der geistigen Offenheit, in welchem offen gedacht und offen gesprochen werden kann, in welchem keine sogenannte „politische Korrektheit“, keine religiösen oder politisch-ideologische Dogmen, keine „religiösen Gefühle“ einzelner – meist mit sehr geringer Urteilskompetenz – die gesamte Gesellschaft dominieren und jedem enge Grenzen ziehen, was er noch denken und sagen darf und was nicht mehr, womit sie letztlich die ganze Gesellschaft in ein geistiges Gefängnis verfrachten.

Genau diese geistige Offenheit wiederum – und nicht offene Staatsgrenzen – kennzeichnet eine offene Gesellschaft, welche sich nach außen davor schützen muss, dass immer mehr solche einströmen, die zum einen über kaum Urteilsvermögen verfügen, die sich also selbst geistig-moralisch eher bei 0,1 oder 0,2 befinden, dabei aber meinen, sie allein wären bei 1 und alle anderen bei 0, die ein vollkommen geschlossenes, rückständiges, ja primitives Weltbild in sich tragen, welches sie auch noch überall zu verbreiten trachten, die mithin alle anderen auf ihr geistiges Niveau herabziehen möchten und überall geistige Grenzzäune zu errichten versuchen, mithin die geistig offene Gesellschaft von innen heraus zerstören, so man sie gewähren lässt und ihnen nicht Einhalt gebietet.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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