The Circle oder: Das letzte Geheimnis

Von Axel Stöcker, Mo. 26. Aug 2019, Titelbild: Screenshot von Emma Watson aus The Circle

„Etwas zu wissen ist gut, aber alles zu wissen ist besser!“, „Alles Private ist Diebstahl“, „Geheimnisse sind Lügen“, „Alles, was passiert, muss bekannt sein!“, so lauten die Slogans von The Circle, einer Art Super-Google, einer Verschmelzung aller Onlinedienste zu einem gigantischen Kreis, in dem über jeden alles gespeichert ist. Doch das ist nur ein Zwischenschritt zu einem noch viel größeren: dem totalen „Gläsern“ des Lebens, in dem alles öffentlich gemacht wird, alles, was wir tun, und zuletzt auch: unsere Gedanken. Axel Stöcker bespricht den Nr. 1-Spiegelbestseller The Circle und beleuchtet die philosophischen Gedanken dahinter. Dabei kommt er zu dem Schluss: Warum es ein Segen sein könnte, dass wir die Natur des Bewusstseins nie verstehen werden.

„Etwas zu wissen ist gut, aber alles zu wissen, ist besser!“

The Circle – so heißt ein Millionenbestseller aus dem Jahre 2013 von Dave Eggers. Sprachlich eher Hausmannskost (nichts gegen Hausmannskost) und an der Unterkomplexität seiner Figuren leidend, ist er dennoch recht spannend zu lesen. Und er spricht ein wichtiges Thema an: die digitale Erfassung der realen Welt. Im Mittelpunkt steht ein Internetkonzern, eine Art Super-Google, mit dem Namen The Circle, der es sich zum Ziel gesetzt hat, alles Geschehen der Welt so komplett wie möglich zu erfassen und zu speichern.

C1

Screenshot aus The Circle

The Circle plant nichts geringeres als alle Online-Dienste wie Facebook, Twitter und Google etc. zu einem großen Kreis zu machen. Wozu? Natürlich, um die Welt besser zu machen, um anderen besser helfen zu können, um Verbrechen schneller aufzuklären oder gleich ganz zu verhindern, um Krankheiten zu heilen usw. Daher: „Etwas zu wissen ist gut, aber alles zu wissen ist besser!“, so Eamon Bailey, Chef und Guru von The Circle (im gleichnamigen Film gespielt von Tom Hanks).

C8

Screenshot aus The Circle

Mit „Wissen“ ist hier natürlich kein Wissen im Sinne der großen Fragen gemeint. Die interessieren Internetfirmen allenfalls als Speicherkategorie oder als Name für entsprechende Dateiablagen, gleich neben Fußball, Schminktipps und Kochrezepten. Nein, es geht dabei zunächst um die rein quantitative Anhäufung von Faktenwissen, zum Beispiel und vor allem über Personen. Doch dieses Hamstern von Informationen führt am Ende des Romans dann doch zu einer der ganz großen Fragen, wie wir gleich sehen werden.

Der Alltag als Dauertweet

Doch zunächst zur Geschichte (Spoilerwarnung!). Mae, die Protagonistin des Romans (im Film gespielt von Emma Watson), ist mit Annie befreundet, die bereits ein Star beim Circle ist. Annie verschafft Mae einen Job bei ihrem Traumarbeitgeber, den diese begeistert antritt. Schnell arbeitet Mae sich ein und saugt die Glaubenssätze des Konzerns auf wie ein Schwamm. Als da wären: „Geheimnisse sind Lügen“, „Alles Private ist Diebstahl“ oder „Alles, was passiert, muss bekannt sein!“.

C6 (2)

Screenshot aus The Circle

Als man beim Circle neue Kleinstkameras entwickelt, die von jedermann überall angebracht werden können und die das Gefilmte direkt ins Netz bringen, kommt man diesem Ideal näher. Mae macht derweil eine steile Karriere. Sie wird eines der bekanntesten Gesichter des Circle und tut daher auch den entscheidenden und letztlich nur konsequenten Schritt: Sie wird „gläsern“. Gläsern zu sein bedeutet, während des ganzen Tages eine Kamera um den Hals zu tragen, die alles sieht und hört, was man selbst sieht und hört. Und natürlich wird alles, was sie aufzeichnet, direkt ins Netz gestreamt und dort gespeichert. So können Maes Follower ihre Gespräche und alles, was sie sieht und hört, live miterleben oder sich zu einem späteren Zeitpunkt anschauen – und natürlich kommentieren. Alles Private ist Diebstahl!

Der Alltag als Dauertweet mit direkter Rückmeldung durch die Follower als permanente Egostimulation. „Du machst das sooo toll Mae !!!“ Mae ist begeistert. Im Laufe des Romans kommt sie eigentlich nur einmal richtig ins Grübeln: Als sie bei einem Besuch ihrer Familie das heimische Schlafzimmer betritt, überrascht sie ihre Eltern in einer delikaten Situation. „Toll, dass deine Eltern in ihrem Alter noch Sex haben, Mae!!“ Mae versucht ihre Kontakte zur Konzernspitze zu nutzen, um eine Löschung dieser Szene zu bewirken. Doch man gibt ihr zu verstehen, dass man keine Ausnahme machen könne. Alles, was passiert, muss bekannt sein! Sie solle in sich gehen und sich klar machen, dass das so in Ordnung sei. Das tut Mae dann auch.

Nach diesem retardierenden Moment gibt es kein Halten mehr. Mae wird zum Superstar des Unternehmens. Ihre Freundin Annie neidet ihr den Erfolg und stürzt sich in ein anderes Firmenprojekt, das ihr psychisch schwer zu schaffen macht. Schließlich wird sie krank und fällt ins Koma. Am Ende des Romans besucht Mae ihre Freundin im Krankenhaus. An die Geräte angeschlossen, liegt Annie auf dem Bett. Auch ihre Gehirnaktivitäten werden gemessen, sie erscheinen auf den Monitoren als „Farbexplosionen“, „…aber was genau in ihrem Kopf vor sich ging, wusste keiner, und das ärgerte Mae irgendwie.“ Immer stärker wird dieses Gefühl bei Mae. Schließlich entscheidet sie sich, dieses Problem bei der nächsten Sitzung im Circle zur Sprache zu bringen. „Sie mussten dringend über Annie reden, über die Gedanken, die sie dachte. Wieso sollten sie die nicht wissen? Die Welt hatte nichts Geringeres verdient und würde nicht warten.“ Mit diesen Worten endet das Buch. Annies Gedanken bleiben das letzte Geheimnis in Eggers Romanwelt.

C3

Screenshot aus The Circle

The Circle 2.0 – eine Vision

Spinnen wir die Geschichte weiter. Wie sähe denn eine Lösung des Problems im Sinne des Circle aus? Es wäre ein Apparat, der die „Farbexplosionen“ auf den Monitoren dechiffrieren könnte, ein Messgerät, ein Hirnscanner, der statt jener Farbexplosionen direkt das zeigt, was Annie vor ihrem inneren Auge sieht. Und der ihre Gedanken direkt ausdruckt oder von einer Computerstimme nachsprechen lässt. Ein Decoder von Annies Erleben, der ihr Innerstes gleichsam nach außen stülpte.

Natürlich wäre dieser Wunderscanner nicht nur für Komapatienten geeignet. Nein, entsprechend miniaturisiert, so dass man ihn wie ein Hörgerät hinter dem Ohr tragen könnte, wäre er natürlich ein Muss für all jene, die zeigen wollen, dass sie keine Geheimnisse vor der Welt haben. So könnte der Circle die innersten Gedanken eines jeden in Echtzeit ins Netz streamen. Dagegen wäre Mae ein verdruckste Geheimniskrämerin. Nur wer alle seine Gedanken sofort mit allen anderen teilt, zeigt damit, dass er für die Gemeinschaft da ist. Eigentlich hätte nur so jemand das Recht, sich als „gläsern“ zu bezeichnen, denn nur er wäre wahrhaft gläsern. Alles Private ist Diebstahl!

So könnte jede negative Regung schon im Ansatz erstickt werden, denn die Welt hört ja mit und kann in Form der Follower jederzeit kommentierend eingreifen. „Mae, du hast gerade schlecht über deinen Chef gedacht, das solltest du nicht tun“. – „Mae, du hättest gern mehr Zeit für dich allein, das ist egoistisch.“ – „Mae, du hast Aggressionen gegenüber deinem ehemaligen Partner, ich denke ich sollte das melden, um einem Gewaltausbruch vorzubeugen.“

Gegenseitige Beeinflussung, die alles Böse schon im Ansatz erkennt und ausmerzt. Endlich wäre eine Welt ohne Gewalt und negative Emotionen in greifbare Nähe gerückt. Die Gedanken aller Menschen verschmölzen zu einem einzigen, positiven Bewusstsein.

Die Überschätzung bunter Bildchen

Wie weit sind wir von einer solchen Horrorvision noch entfernt? Für das im Roman beschriebene Streaming des Alltags gibt es ja bereits erste Ansätze in den sozialen Netzwerken. Technisch wäre es wohl bereits heute möglich. Man wird sehen, ob und wie schnell hier die Vision zur Realität wird.

„Hirnscans“ sind keine Schnappschüsse des Gehirns, sondern oft über Monate hergestellte Bilder

Die gute Nachricht: Auf The Circle 2.0, das Streamen von Gedanken, wird die Welt noch lange warten müssen, wenn es überhaupt je möglich sein wird. Dem stehen zunächst gigantische technische Probleme im Wege. Teile der Presse und einzelne Vertreter der Hirnforscherzunft erwecken ja mitunter der Eindruck, die Wissenschaft werde in absehbarer Zeit in der Lage sein, Gedanken per „Hirnscan“ zu lesen. Nichts könnte indes weiter von der Wahrheit entfernt sein. Die bei „Hirnscans“ produzierten bunten Bildchen mit angefärbten Hirnregionen haben sicher ihren wissenschaftlichen Wert. Mit Gedankenlesen haben sie indes nicht mehr zu tun, wie ein Stück Geigenholz mit der 5. Symphonie von Beethoven.

Diese Abbildungen sind nämlich mit nichten Momentaufnahmen eines Gehirns, sondern sie entstehen in einem langwierigen Prozess, der Monate dauern kann. So muss beispielsweise das „Hintergrundrauschen“ des Gehirns herausgefiltert werden, indem man von einem „Hirnscan“ bei einer bestimmten Aktivität einen anderen Scan ohne Aktivität subtrahiert (Differenzbild). Danach folgt noch eine Kaskade von messtechnischen und statistischen Bearbeitungen. Und oft werden die Messungen von vielen Personen gemittelt, so dass die Bilder ohnehin nur ein Durchschnittsgehirn darstellen (mehr dazu hier).

Doch selbst, wenn es möglich wäre, Schnappschüsse des Gehirns im (Milli-)Sekundentakt herzustellen, stünde man vor der Frage, ob eine Abfolge solcher Scans einem bestimmten Gedanken entspricht und damit in diesen übersetzbar ist. Bejaht man diese Annahme, wäre jeder Gedanke identisch mit einer Abfolge bestimmter neuronaler Prozesse und damit vollständig durch diese erklärbar (Identitätstheorie). Wer diese Annahme bejaht, steht allerdings vor zwei schwierigen Problemen.

Ist Bewusstsein auf physiologische Prozesse reduzierbar?

Wenn ein Gedanke auf neuronale Prozesse reduzierbar wäre, dann müsste eine vollständige Theorie auch in der Lage sein, den Gedanken aus diesen neuronalen Prozessen abzuleiten. Davon ist man jedoch Lichtjahre entfernt. Zwar kennt man Korrelationen zwischen bestimmten neuronalen Zuständen und Bewusstseinsinhalten, doch gewinnt man diese ausschließlich aus introspektiven Berichten von Versuchspersonen. Man stimuliert also beispielsweise eine bestimmte Region des Gehirns einer Person und fragt sie dann, was sie dabei empfindet (introspektiver Bericht). So erhält man Korrelationen: Hirnregion X gehört zu Bewusstseinsinhalt Y. Das ist sicher interessant, aber nicht mehr, als botanisieren auf hohem Niveau. Eine Theorie des Bewusstseins, die diesen Namen verdient, müsste in der Lage sein, einen Bewusstseinsinhalt allein auf Grund eines neuronalen Zustands vorherzusagen.

Man kann dies vielleicht am Beispiel der Meteorologie verdeutlichen. Früher wusste man, bei Ostwind und bestimmten Wolkenformen gibt es am nächsten Tag Regen, ohne die Zusammenhänge zu verstehen. Heute kann man die Entstehung des Regens auf Grund physikalischer Prozesse in der Atmosphäre erklären und vorhersagen. Die Bewusstseinsforschung befindet sich bestenfalls in ersterem Zustand. Für eine schlüssige Theorie gibt es bisher nicht einmal vielversprechende Ansätze.

Das zweite Problem ist noch vertrackter und hängt mit dem ersten zusammen. Es gibt nämlich Grund zu der Annahme, dass das, was wir im introspektiven Bericht erfahren, also die Innenperspektive der Person, aus der Außenperspektive gar nicht erfasst werden kann, weil es von grundsätzlich anderer Qualität ist. Illustriert hat dies der australische Philosoph Frank Cameron Jackson in seiner berühmten Abhandlung What Mary didn’t know (1986).

Mary ist eine begnadete Physiologin, die sich auf die Erforschung des Farbsehens spezialisiert hat. Sie weiß also alles über Lichtspektren, Wellenlängen, Sehzellen etc. Es gib nur eine Besonderheit: Mary ist, aus welchen Gründen auch immer, seit ihrer Geburt in ein schwarzweißes Labor eingesperrt und kann die Außenwelt nur über einen Schwarzweiß-Monitor wahrnehmen. Wenn Mary nun eines Tages das Labor verlässt und zum ersten Mal in ihrem Leben tatsächlich Farben sieht, wird sie offenbar etwas Neues über Farben erfahren, dass ihr kein naturwissenschaftliches Wissen vorher geben konnte. Dieses etwas entspricht dem inneren bewussten Erleben, auch Qualia genannt (das phänomenale Bewusstsein, also der subjektive innere Erlebnisgehalt, wie es zum Beispiel ist, eine bestimmte Farbe zu sehen). Letztlich sagt das Qualiaproblem also, dass die Innenperspektive nicht auf die Außenperspektive zurückgeführt werden kann.

Das Problem erkennen auch viele Naturalisten an. So räumt der Physiker und Philosoph Gerhard Vollmer ein, dass auf die Frage, wie Bewusstsein, Ich und Qualia überhaupt arbeiten, „noch keine befriedigende Antwort in Sicht“ sei und dass es sein könne, dass „wir dem ‚Welträtsel‘ des Bewusstseins nicht auf die Spur kommen“.

So wird das Streamen von Gedanken vielleicht für immer eine schaurige Vision für Science-Fiction-Filme bleiben. Und die Frage, wie Gedanken in unserem Bewusstsein entstehen, könnte als eines der letzten, aber sehr zentralen Geheimnisse des Menschen fortbestehen. Sicher ist auf jeden Fall, dass die Gedanken bis auf weiteres frei bleiben. Und das ist doch immerhin eine gute Nachricht.

*

Das Buch: Dave Eggers, Der Circle, Der Nr.-1-SPIEGEL-Bestseller jetzt als KiWi-Taschenbuch, EUR 10,99

Der Circle

**

Dieser Artikel erschien zuerst auf Der Blog der großen Fragen. Er erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors und Blogbetreibers Axel Stöcker.

***

Zum Autor: Axel Stöcker, Jg. 1967, hat Mathematik und Chemie studiert und ist Gymnasiallehrer. Auf seinem Blog, die-grossen-fragen.com, arbeitet er sich an den großen Fragen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie ab. Doch auch politische Verwerfungen stacheln ihn gelegentlich zu Kommentaren und Satiren an.

****

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog (JFB) ist vollkommen unabhängig und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: JFB. Oder über PayPal  5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 30 EUR – 50 EUR – 100 EUR

Werbeanzeigen