Was, wenn Hitler gleich nach der Geburt verstorben wäre?

Von Jürgen Fritz, Fr. 29. Nov 2019, Titelbild: Bundesarchiv [Public domain]

„So hoch er sich heute spreizt, so weit seine Einschüchterung sich ausbreitet, soviel von ihm angerichtetes Elend, Entehrung, Verderbnis, Blut, Tränen, Verzweiflung und Selbstmord er sich von seinem Bergsitz betrachten und sich groß, sich »geschichtlich« vorkommen darf, – der Stab ist ihm gebrochen, nichts wird bleiben von seinen Worten und Werken, weil sie falsch und nichtig waren, und sein Nachruhm wird Schande sein.“ (Thomas Mann, 1938)

Das Phänomen Hitler

Hitler ist der, von dem die Deutschen wohl niemals loskommen werden. Oder wie Dietrich Schwanitz 1999 schrieb: „Noch heute zeigt sich das Land von ihm besessen, indem es alle zwei Minuten schwört, ihn überwunden zu haben.“

Der Mann hatte offensichtlich etwas Besonderes, das auch John F. Kennedy schon früh erkannte. Dieser notierte mit 28 Jahren, am 1. August 1945, in sein Tagebuch: „Hitler wird aus dem ihn noch umgebenden Haß hervorgehen, als eine der bedeutendsten Erscheinungen, die jemals gelebt hat…, es lag eine Aura über ihm in der Art wie er lebte und starb, die wachsen und fortleben wird. Er hatte das gewisse Etwas, woraus Legenden geschaffen werden…“ 

Doch die entscheidende Frage ist natürlich, wie Hitler diese Aura nutzte. Sebastian Haffner, der mit die besten Bücher über Adolf Hitler verfasste, schrieb bereits 1939: „Hitler ist der potentielle Selbstmörder par excellence. Er hat keine Bindungen außer an sein Ego, und wird dieses ausgelöscht, ist er alle Sorgen, jegliche Verantwortung und Bürde los. Er ist in der privilegierten Situation eines Mannes, der nichts liebt außer sich selbst. Ihm ist das Schicksal von Staaten, Menschen und Gemeinwesen, deren Existenz er aufs Spiel setzt, völlig gleichgültig.“ (Germany: Jekyll & Hyde. Deutschland von innen betrachtet)

Die Psychologin Alice Miller hat natürlich einen anderen Blick, mehr auf die Person, auf das Innere, auf die Psyche und wie diese wurde, was sie dann irgendwann war, wobei Psychologen immer mit einem ganz bestimmten Menschenbild arbeiten, das es zu hinterfragen gilt, das sie das meist selbst nicht oder wenig reflektieren. Miller schrieb 2003: „Hitler kam, wie jedes Kind, unschuldig zur Welt, wurde von seinen Eltern, wie viele andere Kinder damals, destruktiv erzogen, und später hat er sich selbst zum Monster gemacht. Er war Überlebender einer Vernichtungsmaschinerie, die im Deutschland der Jahrhundertwende »Erziehung« genannt wurde und die ich als das verborgene KZ der Kindheit bezeichne, das nie erkannt werden darf“.

Eine unerhörte Frage

Drei kleine Geschwister von Adolf Hitler, zwei vor ihm und eines direkt nach ihm, sind wenige Tage nach der Geburt oder kurze Zeit danach (in den ersten zwei Lebensjahren) verstorben. Adolf war das einzige der ersten vier Kinder von Klara Hitler, geborene Pölzl, welches überlebte, was wohl dazu führte, dass sie den kleinen Jungen regelrecht vergötterte – wer könnte das nicht nachvollziehen? -, was dann wiederum in diesem das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein (Gefühl der Auserwähltheit), hervorrief oder zumindest verstärkte.

Was nun, wenn auch der kleine Adolf gleich nach seiner Geburt oder kurz danach verstorben wäre? Wie hätte die Welt sich dann entwickelt? Wäre es für Deutschland, Europa und die Welt insgesamt nicht im Grunde viel besser gewesen? Klara hätte sicherlich auch diesen vierten Verlust seelisch überlebt und dann eben das fünfte Kind dementsprechend vergöttert. 

Was können wir aus solch einer Betrachtung lernen?

Vielleicht dies: Sollten wir alle unser Leben nicht so führen, dass später keiner auf solche Fragen kommt, ob es nicht besser gewesen wäre, wir wären nie geboren oder gleich nach der Geburt verstorben? Muss es nicht das Ziel eines jeden sein, dass er unterm Strich kein Schaden für die Welt, sondern eine Bereicherung war und sein Davonscheiden einen Verlust darstellt?

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