Der Zauber der Umhüllung: Christo, Jeanne-Claude und der Deutsche Reichstag

Von Thomas Schmid, Di. 02. Jun 2020, Titelbild: Tate-Screenshot

„Nichts bleibt für die Ewigkeit“, hatte der Meister der Verhüllung, der Meister der vergänglichen Kunst einmal gesagt. Und ganz so war ein großer Teil seiner Arbeit. Christo und seine Frau Jeanne-Claude wurden berühmt vor allen Dingen durch ihre Umhüllungsaktionen an Gebäuden und Großprojekte in Landschaftsräumen. Hierzulande wurden die beiden besonders durch die Verhüllung des Berliner Reichstagsgebäudes 1995 populär. Am gleichen Tag, dem 13. Juni 1935, geboren, ist Jeanne-Claude schon im November 2009 von uns gegangen. Vorgestern folgte ihr Christo kurz vor seinem 85. Geburtstag. Nichts bleibt für die Ewigkeit, aber manches bleibt irgendwie doch. Thomas Schmid mit einer persönlichen Erinnerung.

Christo, Jeanne-Claude und der Deutsche Reichstag

Die Idee hatte ein Amerikaner aus New York. Der Historiker Michael S. Cullen, der seit einigen Jahren in West-Berlin lebte, ließ im August 1971 dem Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude eine Ansichtskarte zukommen. Auf ihr war das Berliner Reichstagsgebäude zu sehen, ein dunkler Koloss. Cullen, er interessierte sich für Baugeschichte, schlug den beiden vor, das Gebäude zu verhüllen. Christo zeigte sich interessiert. Es brauchte dann 24 Jahre, bis das Vorhaben endlich verwirklicht wurde. Der lange Hindernislauf geriet zu einem ganz eigentümlichen geschichtspolitischen Parcours. Sehr gegen den Willen Christos.

Der Deutsche Reichstag ist kein Haus wie andere Häuser. Auch nicht wie andere Parlamentsgebäude. Solange er an der Kante zur DDR stand, symbolisierte er in seiner klotzig-düsteren Wucht vor allem misslungene Geschichte, die Niederlage des deutschen Parlamentarismus. Zwar kämpften in ihm tapfere Abgeordnete im kaiserlichen Deutschland für ein wirklich souveränes Parlament; zwar wurde von hier aus die erste deutsche Republik ausgerufen und die zu Unrecht geringgeschätzte Weimarer Republik gestaltet. Aber am Ende ging dieses Parlament unter, schaffte sich selbst ab und stand dann in den ersten Wochen der NS-Herrschaft in Flammen. Kein Ort der Freude oder des Stolzes. Sondern eine Ruine der republikanischen Idee. Für die einen ein Mahnmal der Schande, für die andern trotz allem ein sakraler Ort der Nation.

„Ein Irrer wickelt Lappen um ein Haus“

Keine gute Voraussetzung für Schönheit, Kunst und Gelassenheit. Christo nahm viele Anläufe, mehrere Bundestagspräsidenten – die Hausherren des Reichtags – lehnten ab, entweder, weil sie dagegen waren oder weil ihnen das Vorhaben zu heikel vorkam. Es gehört zu den hübschen Pointen der Verhüllung, dass ein Zufall die Verwirklichung des Projekts vor der Wiedervereinigung vereitelte. Bundestagspräsident Rainer Barzel wollte sein Plazet geben – kam aber nicht mehr dazu, weil er wegen seiner Verwicklung in die Flick-Affäre zurücktreten musste. So gab es erst 1995 die Verhüllung, und sie geriet zu einem demokratischen Volksfest des vereinten Deutschlands.

Als der Bundestag 1994 mit 292 gegen 223 Stimmen Christo überraschend klar (und gegen den ausdrücklichen Wunsch von Bundeskanzler Helmut Kohl) die Einwilligung gab, sahen die Befürworter in der Umhüllung ein „sanftes Zeichen“ (Peter Conradi) für einen Neuanfang im politischen Berlin, für eine „schöpferische Zäsur“ (Konrad Weiß). Die Gegner werteten die Verhüllung als bloße PR-Aktion und einen Frevel an einem bedeutenden deutschen Geschichtsort. Wolfgang Schäuble meinte gar, die Verhüllung verletze die „Ehrwürde“ des Traditionsgebäudes. Die Debatte war so schief, überfrachtet und verquast wie fast alle kulturpolitischen Debatten in der Geschichte der Bundesrepublik. Zu recht ist sie ebenso vergessen wie das verächtliche Urteil des einst gefeierten DDR-Dramatikers Peter Hacks. Dieser schrieb in dem Gedicht „Fin de Millénaire“, das mit seinem Antipoden Heiner Müller abrechnet: „Ein Irrer wickelt Lappen um ein Haus“.

Eine Idee von Leichtigkeit und Flüchtigkeit: zauberhaft schön

Als dann der Reichstag im Sommer 1995 tatsächlich für vierzehn Tage verhüllt war, schmolz der Widerstand augenblicklich dahin. Christos Idee der Leichtigkeit, der Flüchtigkeit obsiegte. „Wrapped Reichstag“ heißt es im Englischen, und das trifft die Sache besser als das eher düstere Wort „Verhüllung“Wrap bedeutet nicht nur Verpackung, sondern auch Umhang oder Stola, das Verb nicht nur verhüllen, sondern auch umarmenin den Arm nehmen. Keine Wegschließung, sondern etwas Aktives, Berührung.

Das schwere Gebäude wurde leicht, der Wind, der um es strich, brachte es in Bewegung. Von Entweihung keine Spur. Die Planen aus aluminiumbedampftem Polypropylengewebe, nach dem Ende der Aktion recycelt, änderten je nach Lichteinstrahlung ihre Farbe. Einem Kristall nicht unähnlich. Die Verschnürung mit den 15.600 Meter langen blauen Seilen, hoben die Klobigkeit des Reichtags hervor – und hoben sie zugleich auf. Die monochrome Leinwand bewirkte den Eindruck, der Reichstag sei wie aus der Silhouette Berlins herausgeschnitten. Er hatte das Flair des Außerirdischen. In den zwei Wochen saßen Millionen Menschen auf der Wiese vor dem vertraut-unvertrauten Gebäude. Sie dachten nicht an die Nation, sondern fanden das Ganze zauberhaft schön. Für viele begann hier eine freundliche Beziehung zu dem Gebäude.

Etwas Zartes und Empfindliches, das die Vergänglichkeit verdeutlicht

Nun saßen auch meine Frau und ich vor dem Reichstag, der – umgebaut – bald wieder zum Parlament werden sollte. Die Sonne schien, ein paar Meter vor uns hatte es sich Easy Rider Dennis Hopper in Begleitung seiner Frau bequem gemacht. Er blickte leicht missmutig, schwieg – war aber wohl guter Dinge.

Christo wollte den Reichstag und kein anderes Parlament umhüllen. Es musste für den aus Bulgarien stammenden Flüchtling, 17 Jahre lang ein Staatenloser, Berlin sein. Aber er hatte keine politische Botschaft, weder vor noch nach 1989. Er wollte den Reichstag weder ab- noch aufwerten. Er wollte dieses deutsche Haus einfach nur zum Schwingen bringen. Stoffbahnen, sagte er, „haben etwas Zartes und Empfindliches, sie verdeutlichen die einzigartige Qualität des Vergänglichen“. Deswegen sind sie so tief und plastisch in Erinnerung geblieben.

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Christo, DW-Screenshot

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Teaser und Zwischenüberschriften durch JFB.

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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