In Erinnerung an Marcel Reich-Ranicki

Von Jürgen Fritz, Di. 02. Jun 2020, Titelbild: ORF-Screenshot

„Das ist meine Tätigkeit, Frauen lesen und Bücher umarmen.“ So umschrieb er sich, seine Tätigkeit und sein Leben selbst. Heute vor 100 Jahren erblickte Marcel Reich-Ranicki (02.06.1920 – 18.09.2013) das Licht der Welt. Für mich bis heute der unterhaltsamste, der interessanteste, der eindringlichste Literaturkritiker von allen. Hier meine 21 Lieblingszitate des Literaturpapstes.

„Aufrichtigkeit ist die erste Pflicht des Kritikers“

  1. „Dieses Literarische Quartett ist keine Veranstaltung im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit. Was schlecht ist, ist schlecht, und es muss gesagt werden.“ (18.02.1991)
  2. „Wozu soll ich eigentlich ein Buch über Kalkutta lesen? Mich persönlich interessiert Kalkutta überhaupt nicht. Wenn ich aber ein Buch über Kalkutta lesen möchte, dann doch nicht von einem Poeten, der dahin gefahren ist für drei oder vier Monate, der sich etwas umgesehen hat. Was hat er dort gesehen? Schmutz, Gestank, Elend, Armut. Das wissen wir doch.“ (30.09.1988)
  3. „Ich erwarte, dass ich nicht gelangweilt werde. Das ist mein Hauptverhältnis zur Literatur.“ (30.09.1988)
  4. „Die Satire kennt kein Mitleid, der Humor keine Unbarmherzigkeit.“
  5. „Wer Ja oder Nein sagt, riskiert immer den Irrtum. Man erkennt die großen Kritiker an ihren Irrtümern. Nur wer dauernd Jein sagt, irrt nie.“
  6. „Erst in der Übertreibung der Dinge werden sie klar und einsichtig. Natürlich muss man in der richtigen Richtung übertreiben.“
  7. „Mich interessiert in der Literatur eigentlich nur der Mensch. Mäuse und Kühe interessieren mich nicht.“ (18.02.1991)
  8. „Ich kann Ihnen voraussagen, was Martin Walser in Kalkutta schriebe: einen Roman über den Bodensee.“ (30.09.1988)
  9. „Das Fernsehen macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer.“
  10. „Der Alfred Andersch schrieb im Roman oft solche Sätze wie: Mir gelingt dieser Roman nicht, es fällt mir so schwer weiterzuschreiben, ich weiß nicht, wie ich das jetzt weiterschreiben soll. Ja, bitte, wenn’s dir nicht gelingt, dann hör auf, den Roman zu schreiben und quäle uns nicht mit deinen misslungenen Werken.“(12.02.1990)
  11. „Was habe ich aus dem Gespräch mit Anna Seghers gelernt? Daß die meisten Schriftsteller von der Literatur nicht mehr verstehen als die Vögel von der Ornithologie.“
  12. „Die Literatur und der Fußballsport appellieren auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Mitteln an dieselben fundamentalen Gefühle: Heldentum, Leidenschaft, Solidarität, Neid, Ruhmsucht. Vielleicht sind deshalb die meisten literarischen Texte, deren Thematik vom Sport handelt, langweiliger, als es der Sport jemals sein kann.“
  13. „Ich habe einen Widerwillen gegen die irische Literatur, ich kann das nicht ertragen, immer die Slums und immer wird gesoffen und ein bisschen gekotzt zwischendurch. Elend und muffiger Katholizismus.“ (15.12.1996)
  14. „Unverständlichkeit ist noch lange kein Beweis für tiefe Gedanken.“
  15. „Bei der Erwartung einer neuen deutschen Literatur ist man wie am Anfang eines Walzers: man hört das Hm-ta-ta, Hm-ta-ta, und man fragt sich: wann kommt denn nun endlich die Melodie?“
  16. „Und ehe ich mich’s versah, da war’s um mich geschehen. Ich war glücklich – wohl zum ersten Mal in meinem Leben. Ein extremes, ein unheimliches Gefühl hatte mich befallen und überwältigt. Ich war verliebt. Halb zog sie mich, halb sank ich hin – ich war verliebt in sie, die Literatur.“
  17. „Das ist meine Tätigkeit, Frauen lesen und Bücher umarmen.“
  18. „Die Beurteilung literarischer Werke darf man doch nicht davon abhängig machen, ob sie vom Publikum goutiert werden.“
  19. „Aufrichtigkeit ist die erste Pflicht des Kritikers.“
  20. „Das Literarische Quartett hat mich oft amüsiert, bisweilen geärgert, nie gelangweilt.“
  21. „Manchmal ist eine Schreibblockade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen.“ (15.12.1994)

*

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog (JFB) ist vollkommen unabhängig und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: JFB. Oder über PayPal  5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 30 EUR – 50 EUR – 100 EUR