Die vollkommene Ignoranz der Sprachreiniger

Von Thomas Schmid, Do. 09. Jul 2020, Titelbild: FAZ-Screenshot

Der erste Schritt ist getan. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVB) werden noch in diesem Jahr die U-Bahn-Haltestelle „Mohrenstraße“ nach dem russischen Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka in „Glinkastraße“ umbenennen. Die BVG begründet das damit, dass sie „als weltoffenes Unternehmen jegliche Form von Rassismus oder sonstiger Diskriminierung“ ablehne. Und bald schon dürfte auch die Straße, nach der die Haltestelle bisher benannt war, einen anderen Namen bekommen. Das ist kein Sieg des Fortschritts, sondern einer der Einfalt, sagt Thomas Schmid und geht dem Wort „Mohr“ auf den Grund.

Menschen mit dunkler Hautfarbe wurde nicht verachtet, sondern nur als Andere wahrgenommen

Diese Umbenennung ist kein Sieg des Fortschritts, sondern einer der Einfalt. Denn das deutsche Wort „Mohr“ hatte nie eine ausschließlich abwertende Bedeutung. Heute erst recht nicht mehr, denn es kommt im aktiven Sprachgebrauch überhaupt nicht mehr vor. Wer Menschen mit dunkler Hauptfarbe aus rassistischer Verblendung herabsetzen, beleidigen und schmähen will, nennt sie „Neger“ oder gar „Kaffern“, aber nicht „Mohren“. Es lohnt ein Blick in die Geschichte des Wortes „Mohr“ (das in ähnlicher Bedeutung auch im Englischen, Spanischen, Italienischen und Polnischen vorkommt).

Ursprünglich bezeichnete „Mohr“ im Althochdeutschen seit dem 8. Jahrhundert Menschen aus Mauretanien (Marokko), später Menschen mit dunkler Hautfarbe. Da sie im europäischen Alltag nicht vorkamen und die Europäer nur aus Reisebeschreibungen von ihnen erfahren hatten, hatte man nur höchst ungefähre, oft fantastische Vorstellungen von Schwarzen. Sie galten als ferne Fabelwesen. Sie wurden nicht verachtet, sie wurde nur als Andere wahrgenommen. Seit der Renaissance tauchten sie auch nördlich der Alpen in der Malerei auf. Einer der Heiligen drei Könige war ein Mohr, was zweifellos nicht abwertend gemeint war.

Es gab die Schwarze Madonna und den hl. Mauritius, der als Schwarzer dargestellt wurde. Das waren sicher Ausnahmen, aber hier bezeugte das Christentum seinen universalistischen Strang: Vor Gott sind auch die, die anders sind, uns gleich. Der hl. Mauritius wurde Reichsheiliger im Heiligen Römischen Reich. Und er zierte die Wappen mehrerer Adelsfamilien und Städte, unter anderem Coburgs. Hans Baldung Grien malte ihn ebenso wie Matthias Grünewald. Den Gläubigen, die diese Bilder in den Kirchen betrachteten, wurden sie als Vorbilder präsentiert. Sie provozierten Neugier, nicht Ablehnung.

Der Name „Mohrenstraße“ symbolisierte die Achtung vor anders sprechenden, anders aussehenden Menschen

Es gibt die andere Seite: Schwarze, die bis tief ins 20. Jahrhundert hinein, von Schaustellern als Attraktionen vorgeführt wurden, wie Tiere. Es gab bis in die 60-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein in vielen Kirchen die sogenannten „Nickneger“, schwarze Holzfiguren mit Schlitz für Geldmünzen, die nach jeder getanen Spende für die Missionierung der „Heiden“ dankbar mit dem Kopf nickten. Es gab den deutschen Rassismus, der zum Beispiel die Vernichtung der Herero betrieb. Und es gab und gibt viele nicht eben sensible Verwendungen des dicklippigen, kraushaarigen Mohren in der Werbung. Siehe der Mohr mit Fez, der für die Wiener Kaffeerösterei Julius Meinl wirbt. Oder der Mohr als Markenzeichen des Tucher Bräu aus Nürnberg. Oder der Sarotti-Mohr, eine Figur, die noch vor wenigen Jahrzehnten in den Schaufenstern deutscher Bäckereien mit dem Kopf wackelte und den Betrachter servil anlächelte.

Doch so eindeutig chauvinistisch wie es auf den ersten Blick wirkt, ist der Schoko-Mohr gar nicht. Das Stammhaus von Sarotti befand sich in der Berliner Mohrenstraße, daher die Idee. Der Historiker Götz Aly, der sich für den Erhalt des Namens „Mohrenstraße“ einsetzt, hat kürzlich darauf verwiesen, dass die Straßennamen im Friedrichstädter Viertel für eine helle Seite preußischer Tradition stehen. Die Namen „Französische Straße“ und „Französischer Dom“ waren eine Reverenz an die hugenottischen Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, die der preußische König aus Toleranz, aber auch ihrer wirtschaftlich-innovativen Potenz wegen ins Land holte. Jäger-, Schützen- oder Kochstraße: Das hob die neue Bedeutung bürgerlicher Berufe hervor. Und so auch die „Mohrenstraße“: Der Namen „symbolisierte die Achtung vor anders sprechenden, anders aussehenden Menschen“ (Götz Aly).

Das Traurigste am Treiben der sich fortschrittlich gebenden Sprachreiniger ist vielleicht ihre vollkommene Ignoranz

Es besteht daher kein Grund, den Namen zu tilgen. Im Gegenteil, er gemahnt an eine aufgeklärte Episode deutscher Geschichte – von der viele nichts wissen, vielleicht auch nichts wissen wollen. In Frankfurt am Main kämpft der Ausländerbeirat seit geraumer Zeit (und vorerst vergeblich) dafür, dass die zwei dortigen Mohren-Apotheken umbenannt werden: Der Name sei rassistisch. Doch das ist kaum glaubhaft. Denn hätte das Wort „Mohr“ eine solche Bedeutung – hätten die Begründer der beiden Apotheken dann einst das Wort verwendet, um ein Geschäft zu benennen, in dem es um Mittel zur Linderung und Heilung, um Rettung von Menschenleben geht? Es muss, im Gegenteil, etwas von Auszeichnung, von Besonderheit mitgeklungen haben.

Das Traurigste am Treiben der sich fortschrittlich gebenden Sprachreiniger ist vielleicht ihre vollkommene Ignoranz gegenüber dem Wort „Mohr“, gegenüber seinem Klang. Es ist, wie gesagt, schon lange in niemandes Mund mehr. Vor allem aber: Es klingt wohlwollend, respektvoll. Der Mohr taucht in der deutschen Sprache fast immer im Singular an. Das ist aber nicht der böse Singular der Rede von „dem Russen“. Während da ein ganzes Volk zu einem dumpfen Kollektivwesen gemacht wird, ist in der Rede von „dem Mohren“ viel eher ein Einzelner, ein Individuum gemeint.

Natürlich schwingt, wenn vor Jahrhunderten vom „Mohren“ die Rede war, die Scheu vor dem Fremden mit. Der Mohr war der Andere, der Unbekannte, er war exotisch. War nicht wie wir. Deswegen verstehen wir ihn schwer. Er gehört nicht zu uns. Wir schauen gewissermaßen aus Distanz auf ihn. Was exotisch ist, verstört – und zieht an. Das Wort „Mohr“ enthält gerade deswegen auch Anerkennung. Und das rührt wohl auch daher, dass es seit dem 17. Jahrhundert an deutschen Höfen und später in den Häusern reicher Bürger Mode wurde, Schwarze zu beschäftigen, etwa in der Dienerschaft. Aber auch auszubilden, zu erziehen, zu Persönlichkeiten zu formen, die sich auf deutschem Parkett bewegen konnten. Die sich selbstständig machen und reüssieren konnten. Die Distanz ging dabei wohl nie verloren, es gab aber auch viel Achtung, viel Anerkennung. Denn man begann zu ahnen, dass ein Schwarzer in einer weißen Gesellschaft bedeutet, dass die weiße Welt nicht die ganze Welt ist.

Das Wort „Mohr“ transportiert mehr Achtung als Verächtlichkeit

Daher sollte man das Wort „Mohr“, das ja ohnehin aus unserem aktiven Sprachgebrauch verschwunden ist, nicht auch noch von den Straßenschildern verbannen. In Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ sagt in der „Geschichten von den schwarzen Buben“ der große Nikolaus zu den Burschen, die einen Mohren hänseln:

„Ihr Kinder, hört mir zu,
und lasst den Mohren hübsch in Ruh!
Was kann denn dieser Mohr dafür,
dass er so weiß nicht ist wie ihr?“

Wenn man will, kann man aus diesen Zeilen Rassismus herauslesen: Schwarz-Sein als Abweichung, als Defekt. Man kann aber die Achtung vor dem Mohren, vor Anderen herauslesen. Das Wort „Mohr“ transportiert mehr Achtung als Verächtlichkeit.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Überschrift, Teaser und Zwischenüberschriften durch JFB.

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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