Polen: das Sich-einrichten im kollektiven Opfermythos

Von Thomas Schmid, Di. 14. Jul 2020, Titelbild: euronews-Screenshot

Polen hat gewählt. Der bisherige Präsident Andrzej Duda bleibt im Amt. Mit rund 51 zu 49 Prozent der Stimmen konnte er sich hauchdünn gegen seinen Herausforderer, den charismatischen Bürgermeister von Warschau Rafal Trzaskowski behaupten, der sich für Wandel und Toleranz, für ein weltoffenes, freies Polen, für Widerstand gegen Ressentiments der ländlichen Gegenden gegenüber Homosexuellen einsetzte. Duda dagegen steht für ein erzkonservatives, fundamental-katholisches Polen und er wird den Nationalisten und Populisten der PiS-Partei weiter behilflich sein, das Land in genau jene Richtung umzubauen. Im Wahlkampf griff er teilweise in die unterste Schublade. Thomas Schmid blickt in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft Polens.

Eine lange Geschichte der Demütigungen

Gäbe es nur die Wirtschaft, dann wäre fast alles in bester Ordnung. Polens ökonomische Entwicklung seit dem endgültigen Ende der sozialistischen Eiszeit im Jahre 1989 ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Sie übertrifft die Fortschritte aller anderen ehemaligen Ostblockstaaten bei Weitem, die dahingeschiedene DDR inbegriffen. Doch die Wirtschaft ist nicht alles. In Polen schon gar nicht. Denn die Geschichte der Erniedrigung der gesamten polnischen Nation ist dort bis heute mental allgegenwärtig.

Kein anderer Staat hatte unter der Expansions- und Unterdrückungspolitik der europäischen Großmächte so zu leiden wie Polen. Vor allem unter Russland und Preußen-Deutschland. Nach den drei Teilungen des Landes gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es mehr als ein Jahrhundert lang keinen eigenständigen, souveränen Staat Polen mehr. Polen war für die großen Mächte eine quantité négligeable. Man sprach den Polen die Fähigkeit zur Staatlichkeit, die man gerade zerstört hatte, rundweg ab. Und zieh sie in deutscher Diplomatie wie im Volksmund der „polnischen Wirtschaft“, also des Versagertums.

Nach dem furchtbaren Hitler-Stalin-Pakt vom September 1939 wurde die polnische Nation im Zangengriff des nationalsozialistischen Deutschlands und der bolschewistischen Sowjetunion buchstäblich zermahlen – mit Millionen von Opfern. Und es war Polen, das sich NS-Deutschland zum Schauplatz des Holocaust auserwählte. Erst seit 1989 ist Polen wieder ein souveräner Staat. Doch die lange Geschichte der Demütigungen und Vernichtungen hat sich den tief eingeschrieben, bis heute nicht vergessen, sondern sehr gegenwärtig.

Das Sich-einrichten im kollektiven Opfermythos

Es ist daraus, in Jahrhunderten eingeübt, auch ein kollektiver Opfermythos erwachsen. Während sich das urbane Polen von diesem Mythos längst freigemacht hat und Anschluss an die Welt sucht, hat sich das konservative, meist ländliche Polen in diesem Opfermythos eingerichtet, man möchte sagen: bequem gemacht. Als Opfer steht man immer auf der richtigen Seite, ist über alle Zweifel erhaben. Polens gegenwärtige Regierungspartei PiS, deren Vorsitzender Jarosław Kaczyński und neuerdings auch Staatspräsident Andrzej Duda bedienen diesen Mythos auf beinahe schamlose Weise.

Wer die PiS kritisiert, steht für sie automatisch im Dienst fremder Mächte, Deutschland voran. Ein Pole, der das Verhalten etlicher Polen während der deutschen Besatzung kritsch beleuchtet, wird umgehend zum Volks- und Staatsfeind erklärt. Wir oder die, Freund oder Feind, Weiß oder Schwarz.

Staatspräsident Andrzej Duda, der am Sonntag wiedergewählt wurde, musste fürchten, von seinem liberalen Herausforderer Rafał Trzaskowski knapp geschlagen zu werden. Auch deswegen, weil dieser an die Adresse Dudas regelmäßig wiederholt, ein Präsident dürfe nicht spalten, er müsse der Präsident aller Polen sein. Das kam nach fünf Jahren PiS-Regiment offenbar nicht schlecht an. Es gibt eine Sehnsucht nach europäischer Normalität und einem Ende der nationalen Kränkung, die ja nicht Selbstbewusstsein, sondern ein Minderwertigkeitsgefühl darstellt.

Faktisch erklärten Duda und Kaczyński den liberalen Herausforderer Trzaskowski zum Feind des polnischen Volkes

Nun haben Duda und Kaczyński in eine ihrer unteren Schubladen, in die anti-deutsche, gegriffen. Voller Zorn hielten sie Trzaskowski vor, er habe nicht ausgeschlossen, Polen müsse Entschädigungen für die Enteignungen jüdischen Eigentums zahlen. Es war von dem Herausforderer sicher nicht besonders geschickt, ausgerechnet dieses Thema aufzubringen. Denn an ihm hängt die heikle Frage des Antisemitismus, den es auch in Polen gegeben hat: Polen waren nicht nur Opfer. Und es gab wilde und offizielle Enteignungen von Juden, an denen Polen beteiligt oder von denen sie profitierten.

Es gab auch nach dem Ende der deutschen Besetzung, so 1946 in Krakau und Kielce, antisemitisch motivierte Pogrome. Und der einzige politische Streik polnischer Arbeiter zwischen 1945 und 1948 richtete sich gegen Resolutionen, die sie unterschreiben sollten: Resolutionen, die das Massaker von Kielce verurteilten. Das gehört zur historischen Wahrheit, kein Opfermythos kann das ungeschehen machen.

Faktisch haben Duda und Kaczyński den liberalen Herausforderer damit zum Feind des polnischen Volkes erklärt. Kaczyński soll gesagt haben, wer solche Entschädigungen fordere (was Trzaskowski nicht getan hat), der könne keine polnische Seele haben. Richtige Polen müssten Entschädigungen für Polen fordern. Richtig. Aber waren die enteigneten polnischen Juden etwa keine Polen? Und Duda sagte gegen seinen Konkurrenten, es sei klar, wer die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und das Leid der Juden trage. Da hat er Recht. Deutschland trägt diese Verantwortung. Weswegen auch nichts gegen die Idee spricht, dass Deutschland von Deutschen enteignete polnische Juden entschädigt. Es gibt aber auch die genannten Fälle, in denen Polen aktive Enteigner waren. Wenig spricht dagegen, dass auch diese Juden entschädigt werden.

Überfällige Überwindung der Vergangenheit

Es ist tieftraurig, wie düster sich das polnisch-deutsche Verhältnis, zumindest auf offizieller politischer Ebene, eingetrübt hat. Kein Zweifel, daran ist auch Deutschland, daran ist auch die EU nicht ganz unschuldig. Beide haben viel zu wenig getan, um Polen den im europäischen Staatengefüge längst zustehenden Platz und Rang zu verschaffen. Viel zu viel ist – von der Finanzkrise bis zur ukrainischen Tragödie – entschieden worden, ohne Polen so gleichberechtigt wie etwa Frankreich einzubeziehen. Auch das hat dazu geführt, dass es so viele Polen gibt, die sich geistig einmauern und die ins benachbarte Ausland wie in Feindesland blicken.

Wir müssen verstehen, dass da eine alte Angst mitschwingt. Die Angst, wieder einmal zwischen den Größeren – Deutschland und Russland – zerrieben zu werden. Man muss aber auch darauf dringen, dass die polnischen Autoritäten ihre Politik nicht mehr nur mit der Vergangenheit begründen. Dass sie nicht jede Kritik aus Deutschland als altdeutsche Polenfeindschaft brandmarken. Und es wäre zu hoffen, dass sie in ihrem Land endlich vom Carl-Schmittschen Freund-Feind-Denken lassen. Es käme Europa und wohl auch ihnen selbst sehr zugute.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Überschrift, Teaser und Zwischenüberschriften durch JFB.

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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