Texte und Gedanken geistig erfassen versus das Eigene in sie hineinprojizieren

Von Jürgen Fritz, Di. 14. Jul 2020, Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons, Symbolbild

„Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir. An jedem Punkt öffnet das Verstehen eine Welt. Das Verstehen ist ein Wiederfinden des Ich im Du. Nur was der Geist geschaffen hat, versteht er“, schrieb der deutsche Philosoph, Psychologe und Pädagoge Wilhelm Dilthey (1833 – 1911). Könnte es sein, dass diese Fähigkeit des Verstehens von geistig Geschaffenem, speziell das Erfassen von Gedanken und Texten zunehmend verloren geht? Wenn ja, woher kommt das und wozu führt es? Der Versuch einer Erklärung.

Geprochenes und Geschriebenes Verstehen ist die Grundvoraussetzung für Diskussion und Kritik

Was ich bei immer mehr Menschen meine zu beobachten: Die Fähigkeit, die Gedanken anderer, Gesprochenes und Texte zu erfassen, geht immer mehr verloren. Dabei habe ich den Eindruck, dass es gerade bei Personen, die sehr in einer ideologischen, sei es einer rein weltlichen oder religiösen Weltanschauung gefangen oder behütet sind, je nach Sichtweise, regelmäßig zu Projektionen kommt. Das heißt, die Fähigkeit, Texte zu lesen oder Gesprochenes inhaltlich aufzunehmen, ohne irgendwas hineinzuprojizieren, was man in sich trägt und in die Worte des anderen hinein liest, geht zunehmend verloren. Doch woher kommt das?

Texte oder Gesprochenes verstehen, als geistig aufnehmen, ist eine Metarepräsentation, bei der es darum geht, Repräsentationen anderer zu erfassen, sprich Inhalte, Gedanken, Propositionen, also das, was ausgesagt wird. Beim Verstehen geht es also darum, zu begreifen, wie ein anderer die Welt in sich repräsentiert, wodurch man im Idealfall etwas Neues über die Welt selbst erfährt, weil der andere etwas Wesentliches an ihr erfasst hat, was einem selbst noch nicht klar war.

Dieses Erzeugen einer Metarepräsentation in sich, ist etwas völlig anderes als einfach einzelne Worte aus dem Text oder dem Gesprochenen heraus zu picken, um sie als Ausgangspunkt eigener Assoziationen zu benutzen. Letzteres kann man natürlich machen, das ist vor allem viel weniger anstrengend, weil man sich auf nichts Fremdpsychisches einlassen muss, auch nicht auf die Sache selbst, über die gesprochen oder geschrieben wird, sondern ganz bei sich bleibt und quasi das, was in einem selbst ohnehin schon drin ist, über den Text oder das Gesprochene drüber kippt. Das kann man, wie gesagt, machen, es hat dann nur eben mit den Gedanken des anderen, welche gar nicht aufgenommen werden, nicht viel zu tun.

Damit ist natürlich auch keine Diskussionsgrundlage vorhanden. Wie soll man mit jemandem über einen Text diskutieren, der ihn geistig gar nicht erfasst hat. Man redet dann ja gar nicht über das Gleiche. Der eine redet dann über dieses – den Text, die Inhalte und Gedanken, die in ihm drinstecken -, der andere redet über das, was in ihm vor sich geht, was schon in ihm drin ist und was er in die Worte des anderen hineinhört oder -liest.

Eine Diskussion setzt aber voraus, dass man über das Gleiche redet, will man nicht völlig aneinander vorbeireden. Sie setzt also die Fähigkeit voraus, die Repräsentationen anderer erstmal zu erfassen und in sich zu repräsentieren (Metarepräsentation), also den Inhalt dessen, was ein anderer sagt oder schreibt, aufzunehmen und damit in seine Gedankenwelt einzutauchen. Nur Aufgenommenes kann dann im zweiten Schritt kritisiert werden. Wenn schon der erste Schritt fehl schlägt, ist gar keine Basis für Kritik und Diskussion vorhanden.

Das Überangebot an Geschriebenem und die oft sehr geringe Qualität führen zur Änderung der Lesegewohnheiten

Damit stellt sich die Frage, warum dies immer weniger gelingt, so meine These stimmt, dass wir uns hier zurückentwickeln. Vielleicht irre ich ja und dem ist gar nicht so. Aber falls meine Beobachtung stimmt, fragt man sich natürlich, weshalb das so ist, wieso Kommunikation immer öfter misslingt. Meine Vermutung dazu: Durch das Medien- und Internetzeitalter wird jeden Tag so viel Schrott produziert – Leute, die nie gelernt haben, halbwegs klare Gedanken zu fassen, und andere, die es wieder zunehmend verlernt haben, verfassen plötzlich Texte und schicken sie in die Welt. Manche von ihnen schreiben sogar Bücher.

Dadurch kommt es zu einem maßlosen Überangebot an Texten – ganz anders als in der Antike, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, als es extrem wenig Geschriebenes gab. Und da wir alle häufig die Erfahrung machen, dass die meisten Texte eh nicht viel taugen, hat sich erstens die Erwartungshaltung geändert. Wir gehen grundsätzlich nicht mehr davon aus, dass der Autor sich genau überlegt hat, was er schreibt, wodurch der Respekt vor dem Text nicht mehr der Gleiche ist wie früher, als nur wenige geschrieben haben, die diese Kunst zumindest auch viel öfter viel besser beherrschten.

Außerdem fehlt zweitens schlicht die Zeit, auch nur Bruchstücke all dessen, was jeden Tag geschrieben wird, in Ruhe zu lesen, weil es tausend- und millionenfach viel zu viel ist, was Texte generell entwertet allein auf Grund des maßlosen Überangebotes. Daher fehlt uns die Muße, einen Text in aller Ruhe, Satz für Satz, manche Sätze auch zwei-, dreimal zu lesen, bis uns der Inhalt klar ist. Manche erinnern sich vielleicht noch an den Lateinunterricht früher, als man eine ganze Unterrichtsstunde ein paar wenige Sätze und Zeilen übersetzte und haargenau analysierte. Dadurch lernte man viel mehr, als wenn man durch mehrere Seiten durchgerauscht wäre.

Zerstörung der Diskussionskultur durch ideologische Abschottung

Und es kommt meines Erachtens noch ein dritter Faktor hinzu: Immer mehr Menschen sind ideologisch verblendet und verschanzen sich regelrecht in ihren weltanschaulichen Schützengräben. Sehr stark ideologisch ausgerichtete Menschen, seien es politische, religiöse oder auch durch Verschwörungsmythen Geprägte, haben schlicht wenig Interesse, andere Gedanken zu erfassen. Sie wollen weniger ihren Horizont erweitern, als vielmehr ihr Vorstellungs- und Weltdeutungsgebäude wie eine Burg nach außen abriegeln.

Fremde Gedanken, die als Angreifer empfunden werden, wenn sie nicht genau in der eigenen Spur liegen, werden daher erst einmal abgewehrt. Man bemüht sich lieber, sein Ding, sein Sichtweise innerlich zu festigen und festzuzementieren. Also sucht man in Gedanken Andersdenkender nur Fehler oder solches, was einem hilft, das Ganze herabzuwürdigen. Und dabei wird dann einfach das, was in einem selbst ist, über den Text oder die Gedanken des anderen ausgekippt, was eine befreiende Wirkung hat, da man sich dann nicht mehr mit dem Inhalt beschäftigen muss. Auch wird ganz vieles schlicht überlesen, so dass die Gedankenführung gar nicht mehr erfasst werden kann. Man pickt sich einfach einzelne Sätze oder sogar nur Schlagworte heraus.

Das ist quasi so eine Art persönliches Zeitmanagement und psychische Hygiene, was ja beides grundsätzlich etwas Sinnvolles ist. Niemand kann sich mit allem beschäftigen. Man muss also immer eine Auswahl treffen. Das Auswahlkriterium ist aber immer weniger die Qualität von Texten und Gedanken, sondern ob es in die eigene Spur, in die eigene Ideologie passt und ob es leicht zu erfassen ist. Die meisten lesen am liebsten genau das, was sich völlig problemlos in ihr Weltbild einfügt und dies immer und immer wieder aufs Neue bestätigt, so dass sich ein Gefühl der Sicherheit einstellt, dass dies schon stimmen wird, wenn man es doch immer wieder hört und es so viele sagen und schreiben.

Anderes will man gar nicht verstehen, ja im Grunde nicht einmal hören oder lesen. Deswegen wird auf elektronischen Plattformen auch vieles gemeldet. Nicht weil es irgendwie sachlich daneben wäre, sondern schlicht weil es an anders ist und durch seine bloße Existenz und seinem Anderssein bereits eine Bedrohung darstellt für die eigene Sichtweise. Deswegen haben zum Beispiel Christen und Muslime, überall wo sie hin kamen, meist alle anderen metaphysische spekulativen Weltbilder schnell versucht zu zerstören, weil diese allein durch ihr Vorhandensein das Eigene in Frage stellten.

Die Basis für Diskussion und Kritik bröckelt mehr und mehr weg, damit auch die Grundlage für geistige Entwicklung

Dies alles, a) die durch das maßlose Überangebot an Geschriebenem veränderte Erwartungshaltung an Texte, b) die fehlende Zeit und Muse, in Ruhe zu lesen und zu versuchen, das Gelesene erstmals geistig zu erfassen, sowie c) das ideologische sich Abschotten, das alles mag aus psychologischer Sicht nachvollziehbar sein, weil sich das Individuum nach innerer Stabilität und Sicherheit sehnt. Es führt aber eben dazu, dass keine großartige geistige Entwicklung mehr stattfindet.

Und es führt dazu, dass die Basis für Kommunikation und Diskussion mehr und mehr verloren geht, weil das Fremdpsychische, Texte, Inhalte, Gedanken immer seltener geistig erfasst werden. Mag sein, dass ich irre und selbst projiziere, aber mir scheint, wir steuern in eine neue dunkle, antiaufklärerische Epoche.

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