Was ich Gott fragen würde

Von Jürgen Fritz, Mo. 20. Jul 2020, Titelbild: Screenshot auf Raumschiff Enterprise

Was ich Gott fragen würde, so mir jemand erschiene, der behauptete, ein solcher zu sein: Zunächst würde ich ihn fragen, was es bedeutet, ein Gott zu sein, ob er mir diesen Begriff irgendwie explizieren könne, so dass klar sei, von was die Rede ist. Sodann würde ich fragen, wo die anderen Götter seien, warum man so selten welche sehe, was die denn so machten, womit er und sie ihre Zeit verbrächten und wo sie sich für gewöhnlich aufhielten. Wenn er behauptete, er sei der einzige Gott, das höchste Wesen überhaupt, welches alles geschaffen habe, würde ich ihn folgendes fragen …

Woher willst du denn wissen, dass du der einzige Gott bist?

Wenn er – oder sie oder es – behaupten würde, er sei der einzige Gott, das höchste Wesen überhaupt, welches alles geschaffen habe, würde ich ihn fragen, woher er das denn wissen will, dass er der Einzige sei. Dazu müsste man ja alles überblicken können, um so eine Behauptung wahrheitsgetreu aufstellen zu können. Wie sollte aber jemand wissen können, dass das, was er überblicken kann, alles ist, was es gibt.

Ich meine das so, würde ich versuchen, ihm zu erklären. Wenn mich jemand zum Beispiel am Telefon fragt, ob in meinem Wohnzimmer eine Elefant steht, dann kann ich mich, so ich im Wohnzimmer bin, dort umsehen und kann dann versichern, dass da kein Elefant ist, weil ich das ganze Wohnzimmer überblicken kann und es sehen würde, wenn da irgendwo ein Elefant wäre, schließlich ist das ja ein recht großes Tier, welches man schwerlich übersehen kann, und mein Wohnzimmer ist im Gegenzug nicht so groß, dass ich es nicht überblicken könnte.

Wenn mich aber jemand fragen würde, ob es irgendwo Lebewesen gibt, die viel schlauer sind als Menschen, dann müsste ich ja, wenn ich ehrlich bin, sagen, dass ich das nicht wissen könne, weil ich das Universum oder das All oder genauer: die Welt, die alles umfasst, was es gibt, nicht überblicken kann. Denn dies ist ja kein begrenzter Raum. Und selbst wenn wir uns vorstellen wollen, das Universum wäre ein irgendwie begrenzter Raum, so wüsste ich ja nicht, ob es nicht andere Universen gibt, die von diesem Universum aus gar nicht zugänglich sind. Wie sollte ich das ausschließen können, dass die Welt aus mehreren oder gar vielen Universen besteht?

Inwiefern also kannst du dir sicher sein, dass es keine anderen, vielleicht noch höhere Götter gibt als dich, würde ich dieses Wesen fragen. Wie kannst du sicher sein, dass du nicht so etwas wie eine Versuchsratte von anderen Wesen bist, die ein Experiment mit dir machen, das sie wissenschaftlich auswerten und dich die ganze Zeit beobachten? Woher willst du wissen, dass nicht im nächsten Moment dieses Experiment abgebrochen und du aus dem Labor herausgeholt wirst, welches du bis zu diesem Moment für die ganze Welt gehalten hast?

Warum meinst du, das wäre gut und richtig, wenn ich mich an diese Maximen hielte?

Aus den Antworten auf diese meine Fragen könnte ich sodann bereits einiges über das Reflexionsniveau dieses Wesens in Erfahrung bringen. Wenn es mir dann Vorschläge unterbreiten würde oder Anordnungen, wie ich mich fortan verhalten solle, womöglich unter Androhung von Strafe, falls ich dagegen verstoße, und unter In-Aussicht-stellen von Belohnung, wenn ich mich an die Anordnungen halte, zuzüglich einer kleinen Machtdemonstration, so würde ich dieses Wesen fragen, warum es meint, dass es gut wäre, wenn ich mich an diese Dinge halte, wie es darauf komme, ob es das begründen, ob es diese Regeln rechtfertigen, also zeigen könne, dass die Befolgung die Handlungsanleitungen gut und richtig sei.

Wäre dieses Wesen dazu nicht imstande, würde aber auf seinen Anordnungen beharren, mir womöglich eine zweite kleine Machtdemonstration offenbaren, würde ich dem unter Umständen Folge leisten, um den angedrohten Sanktionen zu entgehen, ähnlich wie ich unter Umständen das Gleiche tun würde, was mir Mafiosi sagen, was ich tun soll, da sie mir oder meinen Liebsten sonst Schlimmes antun. Aber achten würde ich dieses Wesen dann nicht und würde versuchen, seiner irgendwie habhaft zu werden, zum Beispiel wenn es schläft oder gerade nicht achtsam ist.

Sollte dieser Gott dagegen eine exzellente inhaltliche Begründung für diese Verhaltensmaximen liefern können, eine ganz vorzügliche Rechtfertigung, warum es richtig sei, sich so zu verhalten, so würde ich das aus innerer Überzeugung versuchen zu tun und hätte hohe Achtung vor diesem Wesen. Zugleich würde ich denken, dass es im Grunde egal war, wer diese Regeln so gut zu begründen und herzuleiten, so gut zu rechtfertigen vermochte. Entscheidend wäre also die Begründung, nicht das Wesen, von dem diese kommt.

Hochachtung wird nicht durch Gewalt und Macht erzeugt, sondern durch eine edle Gesinnung, ein edles Wesen

Wenn dieses Wesen freilich immer wieder so kluge Dinge sagen würde und so vorzüglich zu begründen und zu rechtfertigen wüsste, es zugleich sich selbst an diese Regeln hielte und ich mit der Zeit merken würde, dass es sich um ein in höchsten Grade aufrichtiges, ehrliches, wahrhaftiges Wesen handelte, dann würde meine Hochachtung vor ihm immer mehr steigen.

Äußere Eigenschaften und solche Dinge wie Unsterblichkeit oder Macht spielten dabei aber keinerlei Rolle. Selbst wenn dieses Wesen äußerlich nicht viel hermachen und nur kurze Zeit existieren würde, auch keinerlei Macht über die seiner Worte und seiner Begründungen hinaus hätte sowie seine Authentizität, so hätte ich vor ihm doch die gleiche Hochachtung. Sie wäre keinen Deut geringer. Groß wäre dagegen mein Bedauern, wenn so ein Wesen schon nach kurzer Zeit von uns ginge. Wahrscheinlich würde ich bitterlich weinen und diesen Umstand als höchst tragisch empfinden.

Entscheidend ist letztlich, was gesagt und wie gut dies begründet wird, nicht wer es sagt

Kurzum, es würde für mich keinerlei Rolle spielen, um was für ein Wesen es sich handelte, dass solch kluge Dinge sagte und zu rechtfertigen vermochte, wie es aussähe, wie alt oder jung es sei, wie lange es existieren würde, wie mächtig oder machtlos es wäre. Das Einzige, was wirklich von Relevanz wäre, wäre erstens, ob mir das als gut und richtig erschiene, was dieses Wesen zu sagen hätte, zweitens wie gut es dies zu begründen, zu rechtfertigen vermochte und drittens ob es sich selbst an das hielte, was es als gut und richtig hinstellte.

Wobei selbst der letzte Punkt nur von untergeordneter Bedeutung wäre gegenüber den ersten beiden. Denn wenn dieses Wesen ganz ähnlich wie ich manchmal einfach innerlich zu schwach wäre, um sich wirklich immer an das als gut und richtig Erkannte zu halten und es auch wirklich immer zu tun und sich an diese Ideale zu halten, so wäre auch das verzeihlich und würde vor allem die Richtigkeit des Gesagten ja gar nicht tangieren, denn das wäre ja eine Schwäche der Person, nicht des Gesagten und der Begründung respektive Rechtfertigung. Letztlich wäre also sogar nur dies das Entscheidende, alles andere dagegen im Grunde nicht wirklich von Belang.

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