Sind die Gedanken wirklich noch frei?

Von Thomas Schmid, Mo. 20. Jul 2020, Titelbild: Pixabay, CC0 Public Domain

Der Fanatismus der einzig zugelassenen Meinung macht die Korridore des Sagbaren immer schmaler. Wirklicher Dissens ist kaum noch gefragt. Dafür sehen wir zunehmend mangelnde Neugier, den Verzicht auf ein Denken ohne Geländer, Diskursverweigerung als Absage an die Aufklärung und eine Moralisierung der Diskurse. Man müsste diesem Unfug laut und in großer Zahl entgegentreten. Und im Namen der Freiheit schwungvoll nicht nur trial, sondern auch error verteidigen. Die Tugendwächter sind Spukgestalten. Nackte Kaiser. Eingeschüchtert können aber nur die werden, die sich einschüchtern lassen. Thomas Schmid mit einem Appell zu mehr Mut zum offenen Diskurs.

Der Fanatismus der einzig zugelassenen Meinung macht die Korridore des Sagbaren immer schmaler

In Deutschland sind die Korridore des Sagbaren schmaler geworden. Zumindest einige behaupten das. Man muss heftig widersprechen. Denn etliche derer, die die Meinungsfreiheit eingeschränkt sehen, haben eine beträchtliche Leser- und Anhängerschaft, kommen publizistisch ganz gut über die Runden. Manch ein durchaus namhafter Autor pflegt stetig ein Gärtlein, in dem allein sein Pflänzchen eingebildeten Außenseitertums gedeiht. Auch Andere, die über Ausgrenzung und insgeheimen Redeverboten klagen, finden ihr Publikum. Ihre Klagen sind von gespreizter Weinerlichkeit.

Wer hierzulande etwas sagen möchte, kann es sagen, selbst wenn er aneckt. Und doch, so einfach ist es wiederum auch nicht. Es gibt den sanften oder gar nicht so sanften Fanatismus der einzig zugelassenen, der guten Meinung. Manche TV-Moderatorinnen und -Moderatoren verkörpern ihn eindrucksvoll. Sie tun das in ihrer Macht Stehende, um jede Abweichung von Mitte-Links mit dem Odeur des Unanständigen zu imprägnieren. Nicht wenige Journalisten führen sich wie politische Tugendwächter auf. Schnell kleben sie allem, was ihnen nicht passt, das Etikett „rechts“ an und halten eine Debatte nur dann für frei, offen und lebendig, wenn sie untereinander diskutieren.

Wirklicher Dissens ist kaum noch gefragt, dafür sehen wir zunehmend mangelnde Neugier und den Verzicht auf ein Denken ohne Geländer

Es gibt eine zum Comment erstarrte Fortschrittlichkeit, die sich durch mangelnde Neugier und den Verzicht auf ein Denken ohne Geländer auszeichnet. Was um 1968 vielleicht noch mutiges Außenseitertum war, ist heute nahezu Staatsräson geworden. Eiserne Ration. Erstarrte, erkaltete Gewissheit. Der Zweifel ist betäubt. Sicherheiten werden kaum in Fluss gebracht. Zum Schutz vor dem rauen Gegenwind werden die Fenster geschlossen. Drinnen ist es dann schön warm.

Man kann, um ein Beispiel zu nennen, der Meinung sein, dass Migration geeignet ist, Gesellschaften instabiler zu machen, und es deshalb nötig sei, sie zu begrenzen. Migrationsskepsis gehört unbedingt in den öffentlichen Diskurs – nicht in die Randzone der Ausnahmen, sondern mitten hinein. Dort aber findet man sie nicht. Bei dem Thema – das pars pro toto steht – ist wirklicher Dissens kaum gefragt. Wer Grenzen weniger leicht überwindbar machen will, kann kein guter Mensch sein. Und noch immer ist der altlinke Konsens so stark, dass scheel angesehen wird, wer sich fröhlich als Antikommunist bezeichnet. Karl Popper, Isaiah Berlin, ja sogar Hannah Arendt hätten es heute schwer, in öffentlich-rechtliche Talkrunden eingeladen zu werden. Es sei denn als Feigenblätter. Oder zur Abschreckung.

Diskursverweigerung als Absage an die Aufklärung

Zu dieser traditionslinken Methode der Diskursverweigerung gesellt sich seit geraumer Zeit eine neue: die des radikalen Subjektivismus. Er tut empfindsam, ist aber intolerant. Dem Zwang zum Argument setzt er sich gar nicht erst aus. Wer sich etwa durch das Wort „Mohr“ verletzt fühlt, der ist verletzt, der ist angegriffen. So ist das Gespräch abgebrochen, bevor es begonnen hat. Wer etwas meint, hat Recht, weil er es meint. So bleibt er ganz bei sich und erteilt Ratio wie Aufklärung eine Absage. Pflegt einen aggressiven Moralismus, der sich wie ein Diktator aufführt. Obgleich er in der Minderheit ist, weiß er genau, dass er starke Kräfte auf seiner Seite hat, nicht in der Defensive ist. Er bringt nichts voran oder in Bewegung, er würgt ab, unterbindet, macht mundtot. Und sieht darin auch noch einen Sieg der guten Sache.

Warum sprangen so wenige den Berliner Professoren Jörg Baberowski oder Herfried Münkler bei, als winzige Minderheiten ihnen mit hanebüchenen Vorwürfen das Recht auf akademische Lehre bestritten? Sicher spielt Feigheit eine Rolle: Es kommt nicht gut, sich gegen Rebellen zu stellen, gar, wenn sie jung sind. Wichtiger ist etwas Anderes. Ein Paradigmen-, ein methodischer Wechsel, der gerade stattfand, zuerst an den Universitäten. Schon die Fragestellungen werden zensiert und apodiktisch aufgeladen. Kanonischer Ausgangspunkt sind moralische oder ideologische Aussagen, die – ginge es aufgeklärt zu – erst am Ende der Suche legitim wären.

Moralisierung der Diskurse

Wie überhaupt eine Moralisierung der Diskurse stattfindet, die schon weit in die Sozialwissenschaften vorgedrungen ist. Die Einschüchterung kommt im Gewand hoher Moralität daher. Wer etwa über Kolonialismus forscht, schreibt oder sendet, ist heute angehalten, vor allen materialen Darlegungen hohen Tons zu Protokoll zu geben, dass er Kolonialismus für etwas immer und überall Verabscheuenswürdiges hält. Einiges (jedoch nicht alles) spricht dafür, dass dem so ist. Wenn das aber von vorneherein ohne Möglichkeit des Widerspruchs feststeht, sind Neugier und Freiheit an die Kette gelegt. So trocknet kritische Öffentlichkeit aus.

Man müsste diesem Unfug laut und in großer Zahl entgegentreten. Und im Namen der Freiheit schwungvoll nicht nur trial, sondern auch error verteidigen. Die Tugendwächter sind Spukgestalten. Nackte Kaiser. Eingeschüchtert können nur die werden, die sich einschüchtern lassen.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Teaser und Zwischenüberschriften durch JFB.

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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