Bewusstsein: ein ewiges Rätsel? Nachtzug ins Unerklärliche

Von Axel Stöcker, Mi. 29. Jul 2020, Titelbild: Screenshot aus Nachtzug nach Lissabon

Im Jahre 2004 erschien der Roman „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier (Pseudonym des Philosophen Peter Bieri). Es sollte ein Weltbestseller werden, der in 32 Sprachen übersetzt und 2013 von Bille August verfilmt wurde mit Jeremy Irons, Jack Huston, Mélanie Laurent, Bruno Ganz, Martina Gedeck, Charlotte Rampling, Lena Olin, Christopher Lee, Burghart Klaußner und August Diehl. Roman und Film sind zugleich eine Allegorie für eine Reise ins Innere. Axel Stöcker nimmt uns mit im Nachtzug ins Unerklärliche zum ewigen Rätsel unseres Bewusstseins.

A. Manche Aspekte des Bewusstseins kann man erklären

Über eine seiner Hauptfiguren, Amadeu de Prado, einen charismatischen portugiesischen Arzt zu Zeiten der Salazar-Diktatur, heißt im Roman: „er war unersättlich in seinem Bedürfnis nach Erklärungen, und es muß im Hörsaal dramatische Szenen gegeben haben, wenn er mit seinem unerbittlichen kartesischen Scharfsinn darauf hinwies, daß etwas, was als Erklärung ausgegeben wurde, in Wirklichkeit keine war.“

Pascal Mercier ist ein Pseudonym, hinter dem sich der Schweizer Philosoph Peter Bieri verbirgt. An welche Pseudoerklärung er beim Schreiben dieser Zeilen dachte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, aber es ist gut möglich, dass er sich von den heutigen „Erklärungen“ für das Phänomen Bewusstsein inspirieren ließ. Denn auch über das Bewusstsein hat Bieri geschrieben und die fundamentalen Probleme bei der Erklärung desselben in einem prägnanten Trilemma zusammengefasst.

Um das Bieri-Trilemma und das Rätsel des Bewusstseins zu verstehen, muss man sich zunächst fragen, was Bewusstsein überhaupt sein soll, denn es gibt keine allgemein gültige Definition für diesen Begriff. Bieri unterscheidet drei Bedeutungsebenen von Bewusstsein.

Wenn wir jemandem Bewusstsein zuschreiben, so kann dies zunächst daran liegen, dass er sich, grob gesagt, „vernünftig“ verhält: Er ist in der Lage auf äußere Reize sinnvoll zu reagieren, indem er zum Beispiel Gefahren ausweicht. Ferner sollte sein Verhalten koordiniert und zielstrebig wirken, was zum Beispiel der Fall wäre, wenn jemand mit Messer und Gabel essen kann. All dies fasst Biere unter dem Terminus integriertes Verhalten zusammen.

Die zweite Verwendung des Begriffs Bewusstsein bezieht sich auf die kognitiven Fähigkeiten eines Subjekts. Sie ermöglichen, Wissen über die Außenwelt selbständig zu erwerben. Zum Beispiel zu erkennen und dann zu wissen, dass es regnet. Oder zu erkennen und dann zu wissen, dass ich ein Geräusch zunächst nicht bemerkt habe, dass es aber jetzt in mein Bewusstsein vorgedrungen ist. Hierher gehört auch das Bewusste in Abgrenzung zum Unbewussten. Bewusst ist nach Bieri das, „was ich auf unmittelbare Weise weiß“, während ich mir das Unbewusste erst erschließen muss. Beispielsweise ist mir unmittelbar bewusst, wenn mir kalt ist. Um mir darüber klar zu werden, warum ich heute besonders reizbar bin, muss ich aber vielleicht erst nachdenken. Dessen bin ich mir erst bewusst, wenn ich es eben durch nachdenken ins Bewusstsein geholt habe.

Entstehung und Funktion dieser ersten beiden Ebenen von Bewusstsein sind noch nicht verstanden. Das gilt insbesondere für die kognitiven Fähigkeiten, wo beispielsweise der Zusammenhang zwischen Syntax und Semantik eines Bewusstseinsinhalts nach wie vor ungeklärt ist.

Aber, so Bieri, diese beiden Ebenen stellen kein grundsätzliches Rätsel dar. Viele Aspekte davon können bereits heute von künstlicher Intelligenz, also durch komplexe Datenverarbeitung, simuliert werden. Und es gibt zumindest Erklärungsansätze dafür, wie sie im Laufe der Evolution entstanden sein könnten. Man kann also zumindest hoffen, dass integriertes Verhalten und kognitive Fähigkeiten sich in Zukunft durch Informationsverarbeitung erklären bzw. auf diese reduzieren lassen.

B. Das große Rätsel ist unser inneres Erleben

Das eigentliche Rätsel wird erst auf der dritten Bedeutungsebene des Begriffs Bewusstsein sichtbar. Hier geht es um Bewusstsein im Sinne von Erleben. Wir erleben Kälte, Schmerz, Lust, Farben, Töne oder die Berührung durch einen Menschen, den wir lieben (siehe Titelbild) und vieles mehr. Doch bleiben wir bei dem „einfachen“ Beispiel Kälte: Wenn ich einen Schneeball in die Hand nehme, bewirkt dies, dass die Schwingungen der Moleküle meiner Haut langsamer werden. Dies wird von entsprechenden Sensoren in der Haut registriert und an das Gehirn gemeldet. Dort kann dann durch geeignete Informationsverarbeitung beispielsweise veranlasst werden, dass die Hand den Schneeball fallen lässt. Mein Erleben von Kälte ist jedoch etwas anderes, als die verlangsamte Molekularbewegung in meiner Haut oder deren Verarbeitung im Gehirn. Es ist – im Sinne dieser dritten Verwendung des Begriffs – das Bewusstsein von Kälte.

Dass es sich dabei um etwas anderes handelt, als die ersten beiden Aspekte, erkennt man daran, dass dieses Erleben nicht notwendig ist, um integriertes Verhalten oder kognitive Leistungen zu ermöglichen. Das Fallenlassen des Schneeballs lässt sich ohne inneres Erleben veranlassen. Vergleichbares können bereits einfachste Organismen oder Roboter. Und auch das Registrieren von Kälte ist ohne inneres Erleben möglich, indem man zum Beispiel die mittlere Molekülgeschwindigkeit in der Haut misst und diesen Wert abspeichert. Auch das kann ein vergleichsweise simpler Roboter, ohne dass in ihm etwas vorgehen müsste, was unserem Erleben von Kälte vergleichbar ist.

Bewusste subjektive Erlebnisinhalte werden auch als mentale Phänomene oder als Qualia (Singular: Quale) und die damit zusammenhängenden Fragen als Qualiaproblem bezeichnet. Qualia sind, so Bieri, „ausschlaggebend dafür, dass ich mich als Subjekt meines Tuns erfahre. Dazu genügt es nicht, dass irgend etwas in mir meine Bewegungen steuert und dadurch integriertes Verhalten zustande kommt. Das würde auch auf einen Schlafwandler zutreffen.“

Ein anderes Beispiel für Qualia sind Farben. Farben sind nicht objektivierbar, denn sie existieren nicht in dem Sinne, wie Atome oder Energie dies tun. Objektiv existiert Licht, das in unserem Gehirn das Erleben bestimmter Farben hervorruft. Doch das Erlebnis von „rot“ existiert nur subjektiv für jede einzelne Person. Man kann zwar sagen, dass Licht der Wellenlänge 560 nm bei allen Menschen das Erlebnis von „rot“ entstehen lässt, aber man weiß nicht, ob alle Menschen vor ihrem inneren Auge dabei tatsächlich dasselbe sehen. Das, was jemand sieht, wenn er „rot“ sagt, ist also ein Beispiel für Qualia.

C. Was erleibt ein Schachcomputer in seinem Innern? – Nichts!

Das Problem lässt sich auch an folgendem Beispiel illustrieren: Im Februar 1996 gewann erstmals ein Schachcomputer gegen einen amtierenden Schachweltmeister. Es handelte sich um den IBM-Rechner Deep Blue, der in Philadelphia Garri Kasparow schlug. Deep Blue konnte auf dem Schachbrett Angriffe parieren und selbst Angriffe führen (integriertes Verhalten) und er wusste offensichtlich, was auf dem Schachbrett vor sich ging und konnte daraus Schlüsse ziehen (kognitive Fähigkeiten).

Trotzdem wird vermutlich niemand behaupten, dass Deep Blue die leiseste Ahnung davon hatte, was er eigentlich tat oder, dass er beim Spiel irgendetwas in seinem Inneren erlebte. Vielmehr war es so, dass Deep Blue alle möglichen Spielkombination durchrechnete, diesen nach vorgegebenen Kriterien eine Stellungsbewertung zuordnete und dann jene Kombination mit der besten Stellungsbewertung auswählte. Dafür ist ein inneres Erleben nicht notwendig.

Komplexe Informationsverarbeitung bringt also integriertes Verhalten und kognitive Fähigkeiten hervor, aber nicht unbedingt mentale Phänomene (Qualia). Man kann aus dem Vorhandensein von integriertem Verhalten und kognitiven Fähigkeiten im Allgemeinen nicht auf die Existenz von mentalen Phänomenen schließen.

Andererseits ist die Existenz mentaler Phänomene (Qualia) ein sicheres Zeichen dafür, dass ein Subjekt auch über integriertes Verhalten und kognitive Fähigkeiten verfügt. Kurzum: Die Existenz eines inneren Erlebens (Qualia) ist hinreichend, aber nicht notwendig für integriertes Verhalten und kognitive Fähigkeiten. Es handelt sich bei Qualia, also um ein echtes Mehr, das durch einen materiell-reduktionistischen Ansatz bisher nicht ansatzweise erklärbar ist.

Und es kommt hinzu – und das ist noch weit schwerwiegender – dass völlig unklar ist, welche Rolle Qualia im Konzert des neuronalen Orchesters eigentlich spielen sollen. Bei Bieri hört sich die Frage so an: Es gibt in einem Organis­mus zahllose Rückkoppelungsmechanis­men ohne das geringste Erleben: warum könnte nicht unser gesamtes Selbstmo­dell da sein, aber kein Erleben?“

D. Das Bieri-Trilemma

Dies alles führt uns zur ersten Aussage des Bieri-Trilemmas, die lautet:

1. Mentale Phänomene sind nichtphysikalische Phänomene.

Die zweite Aussage des Bieri-Trilemmas beschreibt die vielleicht alltäglichste unserer Erfahrungen. Sie besagt, dass wir mental, also mit unserem Bewusstsein, Einfluss auf unser Verhalten nehmen können, dass Teile unseres Verhaltens also ein Tun sind und nicht nur ein bloßes Geschehen. Diese Erfahrung, dass wir in vielen Aspekten freie und damit auch selbstverantwortliche Subjekte sind, prägt unser Selbstbild, wie vielleicht keine zweite. Das Qualiaproblem ist also eng mit der Frage nach dem freien Willen verknüpft. Daher lautete die zweite Aussage des Trilemmas:

2. Mentale Phänomene sind im Bereich der physikalischen Phänomene kausal wirksam.

Die dritte Aussage schließlich besagt, dass in der materiellen Welt alles „mit rechten Dingen zugeht“, soll heißen, dass jede physikalische Wirkung auch eine physikalische Ursache hat und nicht etwa eine aus einer geisterhaft-geistigen Welt. Eine Ansicht, die durch zahllose empirische Befunde gestützt ist und die viele Naturwissenschaftler deshalb für eine bloße Selbstverständlichkeit halten:

3. Der Bereich der physikalischen Phänomene ist kausal in sich geschlossen.

Damit haben wir es mit einem klassischen Trilemma zu tun: Jede der drei Aussagen ist für sich genommen plausibel, aber es ist unmöglich alle drei Aussagen unter einen Hut zu bringen, weil immer zwei von ihnen der jeweils dritten widersprechen.

E. Drei Gruppen von Bewusstseinstheoretikern

Rein logisch kann man ein solches Trilemma nur dadurch auflösen, dass man eine der drei Aussagen widerlegt oder zumindest in Abrede stellt. Das Folgende stellt den Versuch dar, die Bewusstseinstheoretiker anhand des Bieri-Trilemmas grob in drei Gruppen einzuteilen. Ich nenne diese Gruppen die Qualiaskeptiker, die Willensskeptiker und die Mentalisten.

Gruppe 1: Prinzip Hoffnung – Die Qualiaskeptiker (Identitätstheorie, Physikalismus)

Qualiaskeptiker verneinen Aussage 1 des Bieri-Trilemmas. Ihr Credo lautet also: Mentale Phänomene können kausal wirksam in einer kausal geschossenen physikalischen Welt sein, doch es handelt sich bei ihnen um gewöhnliche physikalische Phänomene.

Problem: Mentale Phänomene lassen sich durch keine naturwissenschaftliche Theorie aus neuronalen Prozessen herleiten. Es gibt lediglich Korrelationen zwischen beiden Ebenen, die man aus introspektiven Berichten von Versuchspersonen ableitet. Hierbei gibt es auch beeindruckende Fortschritte. Aber Korrelationen sind keine Erklärungen. Sie müssen nicht einmal für kausale Zusammenhänge stehen, wie die bekannte Korrelation zwischen der Anzahl von Störchen und der Geburtenrate zeigt.

Lösungsversuche der Qualiaskeptiker: Sie gehen davon aus, dass Qualia eine Begleiterscheinung der immensen Komplexität des Gehirns ist, die noch nicht hinreichend verstanden wurde und die in künstlicher Intelligenz noch nicht hinreichend abgebildet werden konnte. Sobald dies gelingt, so hoffen sie, wird sich das Problem lösen lassen. Häufig steht hinter dieser Ansicht die Überzeugung, dass mentale Phänomene nicht nur mit bestimmten Prozessen im Gehirn korrelieren (was weitgehend unstrittig ist), sondern mit diesen identisch sind (Identitätstheorie).

Kommentar: Diese Ansicht ist recht bequem, da sie das Problem in die Zukunft verlagert und deshalb schwer angreifbar ist. Nicht zuletzt deshalb darf man sie wohl als die häufigste Meinung im naturwissenschaftlichen Mainstream betrachten. Man sollte der Ehrlichkeit halber aber dazusagen, dass es für eine solche Theorie nicht einmal einen bescheidenen Ansatz gibt.

Und zur Komplexitätsthese stellte Christoph von der Malsburg, Professor für Neuroinformatik am Frankfurt Insitute for Advanced Studies, bereits vor über fünf Jahren fest„Also bisher war das ja so, dass wir immer eine sehr gute Ausrede hatten, das Gehirn nicht auf dem Computer nachbilden zu können, weil die Computer alle so lahm waren. Aber seit neuestem ist das ja so, dass die Höchstleistungsrechner an die Rechenleistung von unserem Gehirn einigermaßen rankommt. Diese Ausrede haben wir nicht mehr. … das Gebiet [tritt] eigentlich auf der Stelle.“

Eine besonders radikale Gruppe der Qualiaskeptiker gibt sich mit dem Prinzip Hoffnung allerdings nicht zufrieden. Sie wollen das Qualiaproblem gleich mit Stumpf und Stiel ausmerzen und behaupten, dass es Qualia gar nicht gäbe und es sich beim Qualiaproblem folglich um ein Scheinproblem handle. Zu ihnen gehört zum Beispiel der US-amerikanische Philosoph Daniel Dennett. Er ist der Meinung, dass von Qualia nichts übrig bleibt, wenn man alles irgendwie „messbare“ davon wegnimmt. Auch der Physiker und Blogger Martin Bäker (mit dem ich hier, ab Kommentar #834, schon mal eine Diskussion über das Thema geführt habe) gehört zu dieser Gruppe.

Gruppe 2: Illusionisten am Werk – Die Willensskeptiker (Epiphänomenalismus)

Sie verneinen Aussage 2. Ihr Credo lautet: Es kann nichtphysikalische mentale Phänomene in einer kausal geschlossenen Welt geben, aber sie sind dann nicht kausal wirksam. Das Bewusstsein ist für Willensskeptiker ein Epiphänomen, also eine Begleiterscheinung ohne Wirkung. Es beeinflusst den Ablauf der Dinge so wenig, wie der Rauch eines Dampfschiffs dessen Kurs.

Problem: Hier gibt es sogar zwei grundsätzliche Probleme. Zum einen steht diese Ansicht in krassem Gegensatz zu unserer alltäglichen Erfahrung, wie bereits oben erwähnt. Wir erfahren, dass wir bestimmte Dinge mental beeinflussen können, indem wir uns entscheiden, das heißt uns unseres freien Willens bedienen. Zum anderen wäre es in diesem Denkmodell schleierhaft, warum sich das Bewusstsein im Laufe der Evolution entwickelt haben sollte, da ein Epiphänomen offenbar keinen Selektionsvorteil darstellt.

Lösungsversuche der Willensskeptiker: Das Bewusstsein sei nur eine Illusion. So klingt die lapidare Erklärung zum Beispiel bei dem deutschen Philosophieprofessor Thomas Metzinger in seinem Bestseller Der Ego-Tunnel.

Kommentar: Leider ist damit aber keines der beiden Probleme wirklich gelöst. Schon gar nicht die zweite Frage nach der evolutionären Entwicklung des Bewusstseins, denn wie sollte eine den tatsächlichen Geschehnissen hinterherlaufende Illusion in den Verlauf der Evolution eingreifen? Das Bewusstsein wäre bestenfalls eine Laune der Natur. Aber auch die Lösung des ersten Problems, der Frage nach dem Erleben, bleibt unklar. Denn: Setzt eine Illusion nicht bereits ein Bewusstsein voraus? Nur ein Bewusstsein kann eine Illusion haben. Kann dann das Bewusstsein durch eine Illusion erklärt werden?

Was die Frage des freien Willens angeht, sind sich Qualia- und Willensskeptiker einig: Es gibt ihn nicht. Beide Gruppen haben in den 1980er Jahren durch das berühmte Experiment von Benjamin Libet, das diese These zu bestätigen schien, Oberwasser bekommen. Inzwischen ist man allerdings wieder deutlich vorsichtiger geworden (siehe z. B. hierhier oder hier). Jedenfalls unterscheiden sie sich in diesem Punkt fundamental von der dritten Gruppe.

Gruppe 3: Freiheit statt Physikalismus – Die Mentalisten

Sie verneinen Aussage 3 des Bieri-Trilemmas. Ihr Credo lautet: Mentale Phänomene sind nichtphysikalische Phänomene, die kausal wirksam sind, weshalb die physikalische Welt nicht kausal in sich geschlossen sein kann.

Problem: Man bräuchte einen Nachweis, dass Bewusstsein auch unabhängig von einem Körper existieren kann. Hat man diesen erbracht, gibt es ein zweites Problem: Wenn Bewusstsein ein nichtphysikalisches Phänomen ist, muss es irgendwo im Körper eine Schnittstelle geben, an der es mit diesem interagiert und so seine kausale Wirkung ausübt. (Über diese Frage sinnierte bereits Descartes und glaubte diese Schnittstelle in der Zirbeldrüse gefunden zu haben.)

Lösungsversuche der Mentalisten: Viele Vertreter der Mentalisten sehen den Nachweis für ein körperloses Bewusstsein durch die dokumentierten Fälle von Nahtoderfahrungen und außerkörperlichen Erfahrungen als erbracht an. Bezüglich der Schnittstelle gibt es eine Idee, die auf den neuseeländischen Neurophysiologen und Nobelpreisträger John Eccles zurückgeht: Das Bewusstsein beeinflusst ein quantenmechanisches Wahrscheinlichkeitsfeld an den Synapsen und nimmt dadurch Einfluss auf den Körper.

Kommentar: Die Nahtodforschung wird nach meinem Eindruck von etablierten Wissenschaftlern weitgehend ignoriert, was sicher auch daran liegt, dass dort der Übergang von seriös arbeitenden Forschern (wie z. B. Pim van Lommel) zu religiösen oder esoterischen Träumern fließend ist. Die geschilderten Fälle von Nahtoderfahrungen sind teilweise beeindruckend, aber eine abschließende Beurteilung fällt schwer auch weil sie von der etablierten Forschung weitgehend verweigert wird.

Ansonsten haben die Mentalisten sicher ein Argument auf ihrer Seite: Die physikalische Welt ist tatsächlich nicht kausal in sich geschlossen, jedenfalls nicht auf der Ebene des Mikrokosmos. Dies wissen wir seit der Entdeckung der Quantentheorie. Quantenereignisse, wie zum Beispiel der Zerfall radioaktiver Atome, haben keine physikalischen Ursachen. Eine ganz andere Frage ist freilich, inwieweit sich das auf den Meso- und Makrokosmos auswirkt und ob sich daraus irgendeine Erklärung für das Bewusstsein basteln lässt.

Immerhin gibt es einige große Namen, die dieser Frage nachgehen. Der bereits erwähnte John Eccles, der hier die Schnittstelle zwischen Bewusstsein und Körper verortet, ist einer von ihnen. Üblicherweise wird dagegen eingewendet, dass Quanteneffekte im Gehirn keine Rolle spielen können, weil sie sich schlicht aufgrund der Größe des Gehirns herausmitteln (Dekohärenz). Doch auch dieses Argument ist nicht unumstritten. Jemand, der es wissen sollte, nämlich der bekannte österreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger sagt dazu:

„Ob die Quantenphysik in lebenden Systemen eine Rolle spielt, die über die Chemie hinausgeht, ist eine der interessantesten Fragen in den Naturwissenschaften überhaupt – auch für die Hirnforschung. Die meisten Menschen würden sagen, dass das Denkorgan in einer warmen Suppe schwimmt, wo die Dinge nicht von der Umgebung isoliert sind, der Quantenzustand daher sehr schnell zerstört werden würde. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen.“

Auch der bekannt britische Mathematiker und Physiker Roger Penrose denkt in diese Richtung. Und schließlich sei angemerkt, dass auch Karl Popper mit dieser Idee sympathisierte (Siehe: Das Ich und sein Gehirn, zusammen mit J. Eccles).

F. Lissabon ist noch weit

Die Natur des Bewusstseins ist nicht nur nicht geklärt, sondern man ist sich nicht einmal über das Problem einig. Am Qualiaproblem, also der Frage, warum es inneres Erleben überhaupt gibt, scheiden sich die Geister (wenn man das in diesem Zusammenhang so formulieren darf). Während die Qualiaskeptiker das Problem gar nicht sehen (wollen), halten die Mentalisten es für so elementar, dass es auch gewagte Überlegungen rechtfertigt.

Das Bieri-Trilemma löst die Frage nicht – das ist auch nicht sein Anspruch -, es strukturiert sie. Aber vielleicht zeigt es dadurch, dass man schnellen Antworten auf komplexe Fragen misstrauen sollte und dass man nichts als Erklärung akzeptieren sollte, das in Wirklichkeit keine ist. Ganz so, wie es Amadeu de Prado aus dem Roman Nachtzug nach Lissabon, einfordert.

Der Held des Romans, Mundus, ein etwas verstaubter Lateinlehrer aus Bern, betritt den Nachzug übrigens, ohne zu wissen, was ihn erwartet. Nur eine vage Ahnung, die sich aus einem dünnen Büchlein speist, dessen portugiesischen Texten Mundus nach und nach übersetzt, treibt ihn an.

Wenn wir Lissabon als Metapher für das Bewusstsein nehmen, dann sind wir gerade erst in den Nachtzug eingestiegen. Und selbst wenn wir ankommen, steht in den Sternen, ob wir Lissabon jemals ergründen werden. Wir sollten mit vermeintlichem Wissen über das Ziel daher nicht hausieren gehen.

Es kann sein, dass ein Kopernikus der Bewusstseinsforschung die Situation eines Tages ändern wird. Doch bisher ist der nicht in Sicht, auch wenn sich wohl einige dafür halten. Daher ist einstweilen ein vertieftes Verständnis des Problems einer schnellen, aber zweifelhaften Erklärung allemal vorzuziehen. Oder, wie Gómez Dávila sagt: „Zwischen zwei Theorien, die einander widersprechen, muss man sich entscheiden; den Widerspruch zweier Evidenzen gilt es auszuhalten!“ Und das gilt natürlich auch für drei Evidenzen.

G. Literaturhinweis

Peter Bieri: Was macht Bewusstsein zu einem Rätsel?, In W. Singer (Hrsg.) 1994: Gehirn und Bewusstsein. Heidelberg, Spektrum. S.172-180

*

Dieser Artikel erschien zuerst auf Der Blog der großen Fragen. Er erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors und Blogbetreibers Axel Stöcker.

**

Zum Autor: Axel Stöcker, Jg. 1967, hat Mathematik und Chemie studiert und ist Gymnasiallehrer. Er ist mit einer Spanierin verheiratet und lebt mit Unterbrechungen seit 2002 in Spanien. Auf seinem Blog, die-grossen-fragen.com, arbeitet er sich an den großen Fragen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie ab. Doch auch politische Verwerfungen stacheln ihn gelegentlich zu Kommentaren und Satiren an.

***

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog (JFB) ist vollkommen unabhängig und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: JFB. Oder über PayPal – 3 EUR – 5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 50 EUR – 100 EUR