Genese und Geltung

Von Jürgen Fritz, Do. 11. Nov 2021, Titelbild: © JFB

Bei einem genetischen Fehlschluss wird rein aus den Ursprungs- und Entstehungsumständen, die zu einer Aussage führten, also aus ihrer Genese, auf deren Wahrheit oder Falschheit geschlossen. Um solch einem Fehlschluss nicht anheim zu fallen, ist es daher wichtig, zwischen Genese und Geltung, zwischen Entdeckungs- und Rechtfertigungszusammenhang zu unterscheiden.

Entdeckungs- und Rechtfertigungszusammenhang

In Logische Untersuchungen, Erster Teil: Der Gedanke. In: Beiträge zur Philosophie des deutschen Idealismus, 1. Band, 1918/19, S. 58f. schreibt Gottlob Frege:

„Aus den Gesetzen des Wahrseins ergeben sich nun Vorschriften für das Fürwahrhalten, das Denken, Urteilen, Schließen. Und so spricht man auch wohl von Denkgesetzen. […] Das Fürwahrhalten des Falschen und das Fürwahrhalten des Wahren kommen beide nach psychologischen Gesetzen zustande. Eine Ableitung aus diesen und eine Erklärung eines seelischen Vorgangs, der in ein Fürwahrhalten ausläuft, kann nie einen Beweis dessen ersetzen, auf das sich dieses Fürwahrhalten bezieht.“

Der Logiker, Mathematiker und Philosoph Gottlob Frege (1848-1925), der als erster eine formale Sprache und formale Beweise entwickelte und damit eine wesentliche Grundlage für die heutige Computertechnik und Informatik schuf sowie für formale Methoden in der linguistischen Semantik und der als einer der hauptsächlichen Wegbereiter der analytischen Philosophie gilt, übte schon vor mehr als hundert Jahren scharfe Kritik am auch heute in gewissen Kreisen noch immer beliebten Psychologismus (alles auf empirische Gesetze der Psychologie reduzieren zu wollen, wobei oft das Wesentliche gerade verloren geht). Die in den obigen Zeilen zum Ausdruck kommende Unterscheidung zwischen Genese und Geltung ist in der modernen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie essentiell.

Die Genese bezieht sich auf die empirischen Ursachen des Fürwahrhaltens in dem erkennenden Subjekt S, die Geltung auf die Gründe des Wahrseins der Aussage A. Fragen der Genese bewegen sich mithin im Reich der Natur, welches durch naturgesetzliche kausale Beziehungen organisiert ist, Fragen der Geltung bewegen sich dagegen im logischen Raum der Gründe und dem Bezug zur Wirklichkeit über die in einem Satz etwas ausgesagt wird. 

Bei der Genese geht es insbesondere um die Umstände der Entstehung oder Entdeckung einer Erkenntnis. Ist demjenigen das nachts im Schlaf gekommen oder hat eine Bemerkung eines anderen ihn direkt dahin geführt oder war ein Experiment ausschlaggebend. Bei der Geltungsfrage geht es dagegen darum, was die Gründe sind, warum ein Erkenntnisanspruch berechtigt, warum er gerechtfertigt ist.

Der genetische Fehlschluss

Hierbei gilt: der Entdeckungszusammenhang (die Genese), inklusive der Motivation des Entdeckers, warum er sich überhaupt mit dieser Thematik beschäftigt hat, spielt für die Geltungsfrage, für den Begründungs- bzw. Rechtfertigungszusammenhang keinerlei Rolle. Wenn etwas wahr (oder falsch) ist, dann ist es wahr (falsch) und es spielt für die Geltungsfrage keine Rolle, weshalb jemand sich für dieses Sujet interessierte, wie er diese Wahrheit entdeckte oder warum er sie ins Feld führt.

Der genetische Fehlschluss, also die Vermengung von Genese und Geltung, wird auch gerne strategisch eingesetzt, um sich der Sachkritik zu entziehen respektive um die Sachebene zu umgehen, so auch beim Autoritätsargument (argumentum ad verecundiam, lat. für „Beweis durch Ehrfurcht“), bei dem eine Aussage durch die Berufung auf eine Autorität gestützt werden soll, oder beim argumentum ad hominem, bei in dem die Aussage des Streitgegners durch Angriff auf dessen persönliche Umstände oder Eigenschaften angefochten wird, und beim argumentum ad personamdas gar keinen Bezug mehr aufweist zur Aussage des anderen und oft schlicht in dessen Beleidigung mündet.

Auch dies sind genetische Fehlschlüsse, da nicht auf der Sachebene auf die Geltungsfrage der Aussage eingegangen wird, sondern darauf, von wo die Aussage kommt, wer sie getätigt hat. Dabei kommen bisweilen Killerphrasen heraus, wie „Sie als … sollten das doch besser wissen“, „Mit Ihrer Vorgeschichte wäre ich hier mal ganz still“, „Das haben Sie doch von der AfD übernommen“ oder bei marxistischer „Ideologiekritik“ sehr beliebt: „Sie wollen ja nur Ihre Privilegien sichern“.

Strategisch kann man auf solch unsachliche Techniken manchmal dergestalt reagieren, dass man eine zugeschriebene Eigenschaft nicht zurückzuweisen, sondern sogar noch bekräftigt und sie positiv umdeutet: Auf „Sie sind ein solcher Hitzkopf, da kann ich Sie beim besten Willen nicht mehr ernst nehmen.“ ließe sich dann zum Beispiel kontern: „Wenn Hitzkopf für Sie bedeutet, dass mich diese Fehlentwicklungen auch emotional nicht kalt lassen, sondern ich mehr und mehr wütend darüber bin, dann bin ich gerne ein Hitzkopf. Aber vielleicht wollen Sie sich ja mal zu meiner Aussage selbst äußern.“

Erläuterung von Genese und Geltung an einem Beispiel

Wenn der Zeuge Z seinen Freund T vor Gericht verrät, weil er sich denkt, „wenn T für sehr lange ins Gefängnis muss, so ist seine Frau, die ich schon lange heimlich liebe, endlich für mich frei; vielleicht wird sie sich dann im Laufe der Zeit für mich öffnen“, so sagt das etwas aus über die Motivation von Z, warum er seinen Freund verrät. Für den Richter entscheidend ist aber eine andere Frage, nämlich die Geltungs-, die Wahrheitsfrage: Hat T die Tat wirklich begangen? Stimmt das, was Z sagt? Und das ist offensichtlich eine völlig andere Frage als: Warum sagt Z das, welches (heimliche) Ziel verfolgt er damit, was ist seine (heimliche) Absicht?

Denn offensichtlich gibt es für die rein äußerlich betrachtet gleiche Handlung mit der gleichen Motivation (Absicht) einen wesentlichen, einen essentiellen Unterschied, je nachdem ob Z seinen Freund T a) zurecht bezichtigt, die Tat begangen zu haben, oder b) ob er ihn zu unrecht bezichtigt, weil T sie in Wahrheit gar nicht beging. In beiden Fällen ist die Motivation von Z die gleiche. Einmal sagt er mit der gleichen Aussage und der gleichen Absicht die Wahrheit, einmal lügt er, sagt also die Unwahrheit. Entscheidend für die Wahrheitsfrage ist also nicht, was in der Psyche von Z empirisch vor sich geht, sondern entscheidend ist: das Verhältnis zwischen Inhalt der Aussage und der Realität.

Das heißt, das Wissen um die Motivation von Z sagt uns noch nicht, ob das, was er sagt, denn nun stimmt oder nicht. Die Wahrheit über das, was tatsächlich geschehen ist, wer die Tat beging, ist über solche Erkundungen dessen, was in der Psyche desjenigen Zeugen vor sich geht, der eine Aussage tätigt, nicht zu erschließen. Solche psychologischen Betrachtungen können zwar Einfluss haben auf die Glaubwürdigkeit des Zeugen, so dass wir etwas mehr oder weniger skeptisch werden, aber die gleiche Behauptung kann bei gleicher Motivation gleichwohl wahr oder falsch sein. Die Wahrheitsfrage ist für die Geltungsfrage das Entscheidende: Was ist tatsächlich passiert? Und welche Gründe gibt es, die es rechtfertigen zu glauben, dass T die Tat wirklich begangen hat?

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