Gibt es eine moralische Verpflichtung, eine Hochkultur zu erhalten?

Von Jürgen Fritz

Gibt es eine moralische Verpflichtung, eine Hochkultur zu erhalten, zu bewahren und zu schützen? Was bedeutet Bildung und worauf muss Erziehung zum Menschen, die kategorial etwas anderes ist als Dressur und Abrichtung, abzielen?

Eine Hochkultur zu erhalten, ist eine moralische Pflicht

Lebewesen streben gewöhnlich nach Selbsterhaltung. Dies ist ein biologisches Faktum. Würden sie das nicht tun, würden sie schnell aussterben. Hochkulturen haben darüber hinaus eine moralische Verpflichtung, sich selbst zu erhalten, zu bewahren und zu schützen, den erreichten Level an die jeweils nächste Generation weiterzugeben und diese so auszustatten, dass sie befähigt wird, die jeweilige Hochkultur möglichst weiterzuentwickeln. Denn ansonsten gäbe es einen Rückfall auf ein niedrigeres kulturelles Niveau. Wer in einer Hochkultur lebt und diese moralische Verpflichtung nicht versteht, negiert respektive nicht empfindet, bei dem ist der Bildungsprozess, bei dem ist der Erziehungsprozess, bei dem ist der Prozess der Enkulturation nicht wirklich geglückt.

Was bedeutet Bildung?

Die deutsche Sprache unterscheidet im Gegensatz zu vielen anderen (z.B. dem Englischen, wo beides „education“ genannt wird) zwischen Bildung und Erziehung. Hier zeigt sich wie an vielen anderen Stellen auch die tiefere geistige Durchdringung, die auch und gerade mit der deutschen, sehr differenzierten Sprache zusammenhängt, welche wiederum mit der einzigartigen deutschen Philosophie korrespondiert (das Land der Dichter und Denker). Doch was ist der Unterschied und wie hängen Bildung und Erziehung zusammen?

  • Bildung als Prozess und als Ergebnis dieses Prozesses (gebildet sein, über Bildung verfügen) bedeutet: die Befähigung zu vernünftiger Selbstbestimmung, Verantwortung für sich selbst übernehmen lernen und nicht unmündiger Knecht eines anderen zu sein.
  • Bildung bedeutet die Subjektentwicklung im Medium der Objektivationen bisheriger menschlicher Kultur (Sprache, gesellschaftliche Strukturen und Spielregeln, Literatur, Kunst, Wissenschaften, Philosophie …). Bildung ist mithin immer zugleich als Selbst- und Weltverhältnis auszulegen, das nicht nur rezeptive, sondern immer auch verändernd-produktive Teilnahme an der Kultur meint (Mitbestimmungs- und Gestaltungsfähigkeit).
  • Bildung bedeutet gleichermaßen die Gewinnung von Individualität und Gemeinschaftlichkeit (Solidarität), zwei Pole, die in einer steten Spannung zueinander stehen und immer neu austariert werden müssen, ohne den einen und ohne den anderen Pol zu vernachlässigen oder gar völlig auszublenden (extremer Individualismus bzw. extremer Kollektivismus).
  • Bildung bedeutet im Gegensatz zu Erziehung (sofern darunter nicht auch Selbsterziehung verstanden werden soll) ein lebenslanger, nie endender Prozess.
  • Bildung bedeutet Mehrdimensionalität, bedeutet insbesondere praktische, ästhetische, kognitive (geistige) und moralische Bildung (Charakterbildung).

Worauf zielt Erziehung zum Menschen?

Erziehung zum Menschen, das heißt das intentionale (bewusste, absichtliche und gezielte) Eingreifen in den Prozess der Individuation (ein einzigartiges Individuum werden), hat das Ziel der Aufhebung ihrer selbst. Erziehung will also das nichten, auf dem sie aufbaut, nämlich die Unmündigkeit des zu Erziehenden. Sie strebt mithin nach dem Sich-selbst-überflüssig-machen.

Erziehung zum Menschen zielt im Gegensatz zur Dressur und Abrichtung auf Mündigkeit, zielt auf Autonomie, zielt auf Emanzipation (Freiheit von Fremdbestimmung), zielt auf die Befähigung zu vernünftiger Selbstbestimmung, zielt – da der Mensch ein Gemeinschafts- und Kulturwesen ist – auf die Befähigung zu vernünftiger Mitbestimmung, zielt auf die Befähigung zur Solidarität.

Der anthropologische Überschuss

„O welch ärmliches Geschöpf ist der Mensch, wenn er sich nicht über das Menschliche erhebt!“ – Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v. Chr – 65 n. Chr.)

„Der Mensch kann nicht gut genug über den Menschen denken. – Der Mensch ist zwar unheilig genug, aber die Menschheit in seiner Person muss ihm heilig sein.“ – Immanuel Kant (1724 – 1804)

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Dieser Text erschien auch auf Epoch Times.

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Bild: Youtube-screenshot

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  14. Michael Nitsche

    Gibt es eine moralische Pflicht, eine Hochkultur zu erhalten?
    Im Gegensatz zu diesem Essay sage ich NEIN. Man kann es als wünschenswert ansehen, eine Hochkultur zu erhalten, wenn es einem gefällt, darin zu leben und man den Glauben hat, die Evolution hat eine ständiger Höherentwicklung zu immer komplexeren Gebilden und Strukturen als Ziel. Allerdings spricht ein Argument dagegegen: Das Fermi-Paradoxon. Wir können im Weltall keine Hochkultur beobachten, die länger als 100 Jahre existiert hat. Danach läuft unsere Hochkultur 2045 +- x-Jahre aus. Das wir die Wild-Card der Evolution sind, ist sehr unwahrscheinlich – leider.

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    1. Jürgen Fritz

      Sie argumentieren ganz auf der Seinsebene, bleiben also in einem ontologisch ein- oder maximal zweidimensionalen Weltbild (1. objektive physikalische Welt, 2. subjektive Psyche). Philosophieren heißt aber gerade, die dritte ontologische Dimension (objektive Geistigkeit, Logos) zu erschließen, so zum Beispiel die Welt der Moralität (Ethik) und objektiven Sinnhaftigkeit.

      Oder um mit Kant zu sprechen: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und bloß vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewußtsein meiner Existenz. Das erste fängt von dem Platze an, den ich in der äußern Sinnenwelt einnehme, und erweitert die Verknüpfung, darin ich stehe, ins Unabsehlich-Große mit Welten über Welten und Systemen von Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das zweite fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit, an, und stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur dem Verstande spürbar ist, und mit welcher (dadurch aber auch zugleich mit allen jenen sichtbaren Welten) ich mich, nicht wie dort, in bloß zufälliger, sondern allgemeiner und notwendiger Verknüpfung erkenne. Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit, als eines tierischen Geschöpfs, das die Materie, daraus es ward, dem Planeten (einem bloßen Punkt im Weltall) wieder zurückgeben muß, nachdem es eine kurze Zeit (man weiß nicht wie) mit Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite erhebt dagegen meinen Wert, als einer Intelligenz, unendlich, durch meine Persönlichkeit, in welcher das moralische Gesetz mir ein von der Tierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben offenbart, wenigstens so viel sich aus der zweckmäßigen Bestimmung meines Daseins durch dieses Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses Lebens eingeschränkt ist, sondern ins Unendliche geht, abnehmen läßt.“

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