Vertrauen in die eigene Intuition

Von Jürgen Fritz

„Ich verbringe nicht viel Zeit damit, Meinungsumfragen rund um die Welt durchzuführen, um herauszufinden, ob das, was ich glaube, richtig ist. Ich muss nur wissen, was ich fühle“, meinte George W. Bush im November 2002, zu der Zeit als er US-Präsident war. Wie sicher sind unsere Intuitionen? Können sie zu einer enormen Fehlerquelle werden und wenn ja, wie kann diese Fehlerquelle minimiert werden? Spielt hier so etwas wie Denkfaulheit eine entscheidende Rolle und könnte das eine Ursache für viele katastrophale Fehlurteile von Linksintellektuellen sein?

Denken und Selbstkontrolle (Reflexion) sind anstrengend

Wir können uns unseren Geist – höchster Seelenteil: 1. Logos über 2. Thymos und 3. Eros -, der bei uns physisch ans Gehirn gekoppelt ist, wiederum als aus zwei Instanzen bestehend vorstellen: a) dem Denkvermögen und der Selbstkontrolle (Reflexionsvermögen), b) dem intuitiven, assoziativen Denken.

Letzteres, also System b, geht wie von selbst, ohne Anstrengung und ohne, dass wir es steuern könnten. Das eigentliche Denken (Nachdenken, logisches Denken) und auch die Selbstkontrolle, beides System a, sind dagegen mit Anstrengung verbunden, die messbar ist, und nicht unwillkürlich, also zumindest zum Teil steuerbar.

Die Selbstkontrolle muss dabei meist gegen die Impulse aus dem unteren Seelenbereich, dem Eros, dem Begehrungsvermögen, ankämpfen, zum Beispiel wenn wir dauernd etwas Naschen wollen, wenn wir jemand, der uns furchtbar auf die Nerven geht, am liebsten eine klatschen würden oder jemanden, zu dem wir uns unwillkürlich hingezogen fühlen, einfach so anfassen wollen. All das ist anstrengend und ermüdet uns.

Unser Gehirn, die materielle Basis des Geistes, und das Nervensystem verbrauchen mehr Glukose als die meisten anderen Körperteile. Wenn sie intensiv über etwas nachdenken (System a, also nicht assoziieren, sondern denken im engeren Sinne) oder ein Aufgabe ausführen, die Selbstkontrolle (Reflexionsvermögen, ebenfalls System a) erfordert, sinkt ihr Blutzuckerwert. Der Effekt ist vergleichbar mit einem Sprint, bei dem die im Muskel gespeicherte Glukose aufgebraucht wird. Das eigentliche Denken und Selbstkontrolle können also im Gegensatz zum Assoziieren, das quasi einem ganz gemütlichen Spaziergang gleicht, wie Hochleistungssport sein. Daher brauchen wir dann nach längerer solcher Anstrengung beispielsweise Schokolade oder sonst eine Belohnung.

Die ständig arbeitende Assoziationsmaschine

Intuitive Urteile tauchen dagegen mit der gleichen Unmittelbarkeit im Bewusstsein auf wie das „Wawau“, wenn ein kleines Kind einen Hund sieht. Das Urteil ist einfach da. Ohne jede Anstrengung, ohne jede Überlegung. Was aber ist Intuition überhaupt? Intuition ist nicht mehr und nicht weniger als ein Wiedererkennen. System b ist wie eine Assoziationsmaschine, die ständig arbeitet, ohne dass wir etwas dafür tun müssen. Alles geschieht wie von selbst.

Und wenn wir etwas sehen, hören, riechen etc., dann sucht unsere Assoziationsmaschine (System b) nach einem ähnlichen Muster, das es schon abgespeichert hat, und vergleicht ganz automatisch. System b ist z.B. unheimlich gut im Erkennen von Gesichtsausdrücken oder von Körpersprache. Das geht oft sogar völlig unbewusst, vollzieht sich also im Geist unterhalb der Bewusstseinsebene.

Denkfaulheit als Ursache von Fehlurteilen

Ferner hat man herausgefunden, dass Denkvermögen und Selbstkontrolle (Reflexionsvermögen), beides System a, miteinander korrelieren, aber nicht zu hundert Prozent. Kinder, die über eine höhere Selbstkontrolle verfügen, haben auch einen höheren IQ und sind erfolgreicher, weniger anfällig für Drogen etc.

Eine Aufgabe von System a ist es, die Vorschläge, die von System b, der Intuition, vorgeschlagen werden, zu bewerten. Die Intuition ist in vielfacher Hinsicht sehr fehleranfällig, was die Betroffenen meist aber nicht so empfinden und auch nicht wahr haben wollen. Untersuchungen haben nun gezeigt, dass Menschen dann eher ihrer Intuition unkritisch vertrauen, wenn sie z.B. gut gelaunt sind, wenn sie weniger anfällig sind für Depressionen (extreme Optimisten) oder wenn sie das Gefühl haben, über Macht zu verfügen, siehe das Eingangsbeispiel von George W. Bush.

Die Unterscheidung innerhalb von System a zwischen Denk- und Reflexionsvermögen (Selbstkontrolle) ist insofern aufschlussreich, weil sie einen Schlüssel an die Hand gibt, um zu verstehen, warum auch intelligente Menschen (linke Intellektuelle, z.B. Habermas) immer wieder zu krassen Fehlurteilen kommen. Hier kann zum Einen ein Mangel an Präzision im Denkvermögen vorliegen oder auch eine Diskrepanz zwischen Denkvermögen (IQ) und Reflexionsvermögen (Selbstkontrolle) – sprich Denkfaulheit beziehungsweise, wenn wir der Sache noch tiefer auf den Grund gehen: mangelnde Wahrheitsliebe. Es wird der Intuition zu früh geglaubt, ohne diese weiter kritisch zu prüfen (nicht ausreichende Selbstkritik). Und warum wird ihr zu früh geglaubt? Weil es sich doch stimmig, mithin so gut, genauer: so angenehm anfühlt.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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10 Antworten auf „Vertrauen in die eigene Intuition

  1. truckeropa66

    Ich handele viel , wie man sagt aus dem Bauch heraus, habe auch dort schon manchen Kampf erlebt, wenn nicht zu schnell sondern mehr Überlegung notwendig waren.
    Aber auf Infos, wie Umfragen habe ich noch nie gebaut. Die sind mir prinzipiell zu leicht manipulierbar!

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  2. gilbert808

    Hinzu kommt wohl noch so eine Art institutioneller Trägheit. 70 Jahre BRD mit dem Gewaltmonopol beim Staat haben dazu geführt, dass Recht für uns mehr oder weniger zum Verwaltungsakt geworden ist, von (fast) allen akzeptiert und an und für sich auch recht vorteilhaft: bis zur Verhandlung laufen Angeklagte i.d.R. weiter frei durch die Gegend, und Urteile sind häufig Bewährungsurteile, was gesellschaftlich auch als Bestrafung anerkannt ist.

    Inzwischen sind aber glatte 25% der Bevölkerung keine Deutschen mehr (und werden menschenverachtend als „diejenigen, die hier schon länger wohnen“ abqualifiziert), und für den größten Teil dieser Leute ist Recht immer noch Faustrecht. Nach der Tat sich weiter frei bewegen zu können und nach einigem Gefasel eines Richters, das man nicht versteht, auch wieder frei zu sein, wird de Fakto als Freispruch interpretiert.

    Selbst wenn also erkannt wird, dass wir ein Problem mit gewaltbereiten Ausländern haben, so hindert die institutionelle Trägheit die Protagonisten an der Erkenntnis, dass es sich um ein grundsätzliches strukturelles Problem unseres Rechtssystems handelt. So lange man nicht weit genug denkt, ist Scheitern vorprogrammiert.

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  3. Pingback: Vertrauen in die eigene Intuition – Denkfaulheit als Ursache von Fehlurteilen – Leserbriefe

  4. Benjamin Goldstein

    Danke für den Text. Ich muss sagen, dass mir das Problem mit den gewagten Assoziationen auch schon aufgefallen ist. Das geht wohl den meisten so. Insbesondere weil heute jeder Unsinn zu Assoziationsketten geflochten wird, die zum Dritten Reich führen.

    Zum einen ist da natürlich die Denkfaulheit, die man kaum verändern kann. Man kann etwas die Kontrolle darüber stärken und Techniken popularisieren, die sie einhegen. Zum anderen, denke ich, dass manches vielleicht beabsichtigt ist.

    Lernen wir dieses unpräzise Denken nicht in der Schule? George Orwell scherzte, dass manche Ideen so dumm seien, dass nur „Intellektuelle“ sie glauben können. Andrew Breitbart sagte immer, dass er von der Dummheit der „Intellektuellen“ verschont wurde, weil er sich nicht für die Schule interessierte. Peter Thiel, der wohl einflussreichste deutsche Denker unserer Tage, wirbt radikal für den Verzicht auf höheren Bildung.

    Wieviel Zeit verbringen Kinder und Jugendliche damit, über Texten und Kunstwerken zu brüten und sie zu „interpretieren“? Es hat sich auch etwas wichtiges dabei gewandelt: Was der „Dichter“ oder wer auch immer sagen will soll nicht mehr herausgefunden werden (Manche kennen sicher den entsprechenden Propagandafilm „Club der toten Dichter“). Der Sinn ist nicht, dass die Menschen lernen, die Kommunikation von Künstler zu Betrachter/Leser/Hörer zu entschlüsseln, sondern sie zu vertuschen!

    Der Text hat immer Autorität und wird nicht als (zumindest teilweise) falsch zurückgewiesen, er wird fast wie ein Gotteswort anerkannt. Damit er trotzdem in die aktuell richtige Meinung passt, muss Goethe, Schiller, Poe etc mit aller Gewalt das sagen, was der Leser hören will. Praktischerweise erfährt der Lehrer durch dieses Rohrschachten, was der Schüler denkt und vergibt bewusst oder unbewusst seine Noten nach ideologischer Nähe.

    Moralisch aufgeladen wird alles, wenn es zum wilden Assoziieren beim Lesen der heiligen Bücher geht. Da sagt der gute Deutsche, dass natürlich die wörtliche Auslegung abzulehnen und ein fröhliches Kaffeesatzlesen harmlos sei. Ich sehe das anders. Wenn ich lese, ich solle jemanden mit dem Schwert zerstückeln, dann weise ich das zurück und mache mir klar, warum das nicht gut it. Katrin Göring-Eckhart liest einfach statt „Schwert“ „Streuselkuchen“ und statt „zerstückeln“ halt „schenken“. Das macht sich hübsch im Fernsehen, nur gibt es gar keine Einigkeit für die Interpretation „Streuselkuchen“. Der Nächste liest die „Metapher“ Schwert dann halt für Sprengstoff.

    Und genau das soll vielleicht auch eingeübt werden, diese „Kreativität“. Die Reibung mit und der Widerspruch zu Künstlern, Autoren, politischen und religiösen Anführern wird weggebügelt. Und so nehmen wir auch die Autoritäten im späteren Leben an. Die meinen scheinbar immer, was man selbst meint. Man ändert mit ihnen die eigene Meinung ohne es ehrlich zuzugeben und schaffen dabei doch jeden Lügendetektortest.

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    1. Ralf Pöhling

      Sehr guter Kommentar. Es wird bei uns viel zu viel interpretiert. Interpretation ist subjektiv und spiegelt deshalb eher zufällig die Realität wieder. Es bedarf des realistischen Blickes auf die Fakten. Es gibt immer nur eine Wahrheit. Wasser ist nass und Feuer ist heiß. In einem Roman ist Bildsprache und eine gewisse Abstraktion sicherlich erlaubt. Man sollte sich aber hüten, ein Sachbuch zu interpretieren, denn die echte Welt lässt sich nur durch Sachbücher realistisch beschreiben.
      Oder anders: Augen auf und Dinge so sehen, wie sie wirklich sind und nicht so, wie man sie gerne hätte.

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    2. Jürgen Fritz

      Was Sie beschreiben, Benjamin Goldstein, beobachte ich auch. Ich würde dies als Anti-Intellektualismus, als Anti-Realismus, als Vernunft-Antipathie bezeichnen, die das angenehme Gefühl an die Stelle von Wahrhaftigkeit, Realitätsnähe und Logik zu setzen versucht. Die Ergebnisse sehen wir: ein kultureller Niedergang einer einmaligen Zivilisation.

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  5. Ralf Pöhling

    Intuition ist die Mischung aus Instinkt und Erfahrung. Also im schlechtesten Fall die Mischung aus Neandertaler und TV Konsument. Praktische Erfahrung kombiniert mit Logik, gefolgt von systematischer Abarbeitung führt viel eher zum Ziel, als ein intuitives Gefühl, welches oftmals auf nicht vorhandenen oder falschen Erfahrungen basiert.
    Ich habe längere Zeit in der Softwareentwicklung gearbeitet. Moderne Programme zeichnen sich durch eine Komplexität aus, die mit dem „Bauchgefühl“ nicht mehr im Ansatz greifbar ist. Also bedarf es einer Systematik, die dieses Bauchgefühl durch etwas leistungsfähigeres ersetzt.
    In der Weltpolitik ist es ähnlich. Bei knapp 200 Nationen und knapp 7,5 Milliarden Menschen auf dieser Welt, führt ein irgendwie geartetes und durch lokale Erfahrungswerte bestimmtes Bauchgefühl allenfalls durch Zufall zum richtigen Ergebnis. Die Tendenz, dass sich Politiker kostspielige Berater halten, kommt deshalb nicht von ungefähr. Man kann schließlich nicht alles wissen. Allerdings führt dies nur dann zum Ziel, wenn der Berater mehr praktische Erfahrung vorweisen kann, als der Politiker selbst und zudem keine Fremdinteressen verfolgt. Da wird es dann schwierig. Denn in einer Welt, wo das Geld regiert, wird jeder Berater zum potentiellen Saboteur, wenn der politische Feind die dickere Geldbörse hat.

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