Die wahren Motive hinter dem ganzen Irrsinn

Von Jürgen Fritz

Ein Zwerg werde nicht größer, auch wenn er sich auf einen Berg stelle, wusste schon Seneca. Warum aber drängt es den Zwerg überhaupt, sich auf einen Berg zu stellen? Weil er unter seiner Zwergenhaftigkeit leidet. Doch worunter genau leidet er, unter seiner eigenen geringen Größe oder dem Größer-sein der anderen? Wie versucht er, sein Leiden zu lindern, gerät dabei in einen verhängnisvollen Strudel, aus welchem es kaum noch ein Entrinnen zu geben scheint, und wie könnte die Herauslösung aus diesem Abwärtsstrudel aussehen?

Leiden und Drang der Zwergen

Der Zwerg leidet niemals unter seiner eigenen Größe, sondern unter dem Größer-sein der anderen. Daher verspürt er einen riesigen Drang in sich, alle anderen zu verzwergen. Indem er einen imaginierten riesigen Riesen erfindet, kann er zu denen, die viel größer als er, sagen: „Schaut nur, wie klein ihr doch seid vor diesem. Auch ihr seid nur Zwerge.“ Jetzt fühlt er sich gleich viel wohler, zumal wenn er sich von dem riesigen Riesen genauso angenommen und geliebt fühlen kann wie alle anderen, da er sich nur vorzustellen braucht, dass für jenen Giganten alle so winzig, dass sein Kleiner-sein im Vergleich zu den anderen jetzt gar nicht mehr ins Gewicht fällt.

Nun finden sich aber schnell diejenigen, zunächst die Erfinder des Riesen, dann ihre Getreuen und Nachfolger, die sagen, sie stünden ja dem riesigen Riesen viel näher, weil er mit ihnen besonders gern spreche und ihnen besonders zugetan sei und nur durch sie hätten die anderen überhaupt richtig Zugang zu dem Riesen. Und indem sie das behaupten, erheben sich nun diese Zwerge über alle anderen, über Zwerge und Nicht-Zwerge, versichern diesen jedoch, dass alle gleich klein wären, vor allem auch die, die in Wahrheit deutlich größer, außer ihnen selbst. Ihr Größer-sein leiten sie aber nicht von sich selbst ab, das würde man nicht dulden, sondern nur aus der Nähe zu dem so viel Größeren. Ihre Größe ist also keine eigenständige, sondern eine nur abgeleitete und daher hinnehmbar.

Der sozialistische und der relativistische Zwerg

Der sozialistische Zwerg aber geht einen anderen Weg, die viel Größeren zu sich herunter zu holen. Er schneidet ihnen so viel von den Beinen weg, bis sie auf seiner Höhe respektive seiner Niedrigkeit angekommen. Und dies immer und immer wieder bis ans Ende aller Tage, sobald jene auch nur einen Zentimeter wachsen und es wagen, sich doch wieder über ihn zu erheben.

Der relativistische Zwerg aber geht einen ganz anderen Weg. Er leugnet einfach jegliches Oben und Unten und projiziert sich und alle anderen aus der Dreidimensionalität in eine zweidimensionale Ebene. Nun sind alle gleich flach und zwar total. Sodann gebietet er allen, fortan nur noch über die projizierten Schatten zu sprechen und nicht mehr über die wahren Dinge, die ja mehr oder weniger in die Höhe ragen. Nun können sich alle „auf Augenhöhe“ begegnen. Welch eine Erleichterung für die Zwerge, die glücklicher als je zuvor.

Die zugereisten Zwerge

Doch dann kommen welche von außerhalb, von dort, wo die Sonne aufgeht und bis zum Mittag ihren Lauf nimmt, solche die meist noch kleiner als die hiesigen Zwerge. Jene aber behaupten, sie wären viel größer als alle anderen im Lande, auch viel größer als die, die keine Zwerge. Und wer es wagt, ihnen zu widersprechen, dem schneiden sie sogleich nicht die Füße, sondern den Kopf ab. Er ist dann immer noch größer, fällt aber, da es sich so ganz ohne Kopf schwer aufrecht halten lässt, meist sofort um und jetzt ist er dann wirklich kleiner.

Unsere Projektions- und Schattenkünstler aber haben den zugereisten Zwergen und Schneidemeistern wenig entgegenzusetzen. Denn sie können ja nun nicht mehr sagen: „Ihr seid ja noch viel kleiner als wir. So etwas machen wir hier nicht.“ Denn dann würden die Zwerge, die jetzt auch hier sind, sagen: „Wir machen das aber so und wir sind bald schon viel mehr als ihr. Und so wie wir es machen, ist es einzig richtig. Das werden wir euch schon noch beibringen.“

Wie der sozialistische und der zugereiste Zwerg zueinander finden

Da unsere zwergenhaften Relativismusfreunde zuvor aber jede Höhe negiert haben, sind die neuen Kopfabschneiderfreunde ja auf der gleichen Ebene wie sie selbst, also auch nicht schlechter, obschon sie umgekehrt behaupten, unsere zwergischen Projektionskünstler seien viel kleiner als sie. Aus diesem Widerspruch gibt es für unsere relativistischen Zwerge kein Entrinnen mehr. Sie müssen sich den fremden Zwergen, die zu keinen Zugeständnissen, zu keinem Entgegenkommen bereit, ergeben.

Unsere sozialistischen Zwerge aber finden irgendwie Gefallen an der neuen Schneidemethode und tun sich mit den eingereisten Zwergen zusammen. Denn so kommen beide viel schneller voran. Und bald schon machen sie sich mit vereinten Kräften ans Werk. Die einen schneiden unten ab, die anderen gleichzeitig oben. Alle, die größer und nicht bereit, sich klein zu machen, werden zurechtgestutzt. Gemeinsam geht es recht zügig und bald schon gibt es überhaupt keine Nicht-Zwerge mehr.

Die Zwerge, die jetzt auch hier sind, haben ihren eigenen Riesen

Allerdings bringen unsere neuen Zwerge wieder einen Riesen mit ins Land, jedoch ihren eigenen. Ganz ohne jegliche Phantasie sind sie ja nicht, wenngleich es zu viel mehr als der Erfindung ihres Riesen nicht ausreichte. Und auch den haben sie von anderen, den eigentlichen Erfindern geklaut und auch wieder zurechtgestutzt, so dass er für sie eher greifbar. Daher hassen sie die ursprünglichen Erfinder des Riesen, a) weil diese ihn erfunden haben und nicht sie selbst, b) weil deren Riese größer ist, was sie instinktiv spüren. Und dieser, ihr eigener, zurechtgestutzter Riese versteht sich ebenfalls besonders gut aufs Köpfe abschneiden. Das ist quasi seine größte Spezialität. Es ist wirklich ein sehr kleiner Riese, im Grunde ein winziger solcher.

Die einheimischen Zwerge, die sich in der Nachfolge der Erfinder des riesigen Riesen sehen, sind nicht wenig erfreut über die hereinströmenden Zwerge, bringen die doch wieder einen Riesen mit ins Land. Denn ihnen selbst gelingt es schon lange nicht mehr, den Leuten einzureden, dass es den riesigen Riesen wirklich gebe und dass sie eine besondere Nähe zu diesem hätten, weshalb ihnen auch eine besondere Position gebühre, die sich in einer ganz besonderen Achtung niederzuschlagen habe, die ihnen entgegengebracht werden müsse, und auch in barer Münze.

Auch die einheimischen einen Riesen anbetenden Zwerge tun sich mit den zugereisten zusammen

Nun sehen sie ihre große Chance gekommen, dass alle sich wieder einem Riesen unterwerfen müssen und dass ihre Position fortan nicht mehr belächelt werden darf. Denn dann kommen sogleich die geschulten Kopfabtrenner und schneiden dem Lächler nicht nur sein Lächeln aus dem Gesicht, sondern sogleich dieses komplett weg. Das völlige Abtrennen mögen unsere einheimischen Zwerge zwar nicht so sehr, da ihr Riese das nicht gutheißen würde, aber dass sie fortan keiner mehr belächeln wird, gefällt ihnen dafür umso mehr. Dass es ihnen später eventuell selbst an den Kragen gehen könnte, sehen die meisten von ihnen nicht, oder hoffen, dass man sich doch arrangieren könne und auch eine Position für einen selbst abfalle. Schließlich diene man doch auch einem Riesen, natürlich dem einen und einzigen. Dass es in Wahrheit zwei unterschiedliche Riesen sind, auch das wollen sie nicht wahrhaben.

Wenn dann aber alle auf die gleiche Größe zurechtgestutzt sind, dann werden sich die sozialistischen und die neu zugereisten Zwerge gegeneinander erheben, die, die gar keine Riesen mehr brauchen und nur Zwerge haben wollen, unsere Fußabschneider, und die, die noch kleinere Zwerge sind, die aber einen Riesen haben, dem zu unterwerfen sie jetzt den anderen verbliebenen Zwergen gebieten wollen. Nun wird es zur großen Entscheidungsschlacht kommen, ob es fortan nur noch Zwerge ohne Riesen geben wird oder nur noch solche mit einem winzigen Riesen, den sie für den Größten halten. Eines wird es aber auf jeden Fall nicht mehr geben: normal oder gar groß gebaute Leute.

Die (Heraus-)Lösung aus diesem Strudel

Was sich hinter alledem verbirgt – unter anderem – ist das Leiden des Kleineren an dem Größer-sein des anderen, welches ihn seine eigene geringe Größe überhaupt erst spüren lässt. Offenbar gelingt es den Menschen viel zu wenig, sich nicht an anderen zu messen, sondern an sich selbst. Dabei wäre die Lösung recht einfach. Zwerge sind wir letztlich alle, weil es immer welche gibt, die größer sind als wir. Die Kunst scheint mir darin zu bestehen, sich an dem messen, a) der man heute ist und zugleich b) an dem, der man morgen sein möchte und sein kann. Das Ich von heute mit dem Ich von vor einem Jahr vergleichen und das Ich von vor einem Jahr mit dem vor zwei Jahren usw. und zugleich einen Entwurf von sich selbst machen, wie man in einem, in fünf, in zehn Jahren sein will. Also den Maßstab vom Äußeren etwas mehr zum Inneren, genauer: zu sich selbst verschieben.

Hilfreich dabei: Vorbilder. Was ist ein Vorbild? Das Vorbild bildet das Leben nicht ab, es geht ihm voraus. Das Vorbild ist zunächst der, der größer ist als ich und von dem ich lernen, von dem ich mir etwas abschauen kann. Das Vorbild ist der, dessen bereits erreichtes Sein mir Motivation und Hilfe sein kann, mein eigenes Sein-können zu entwerfen, mithin meinen Entwurf meiner selbst zu gestalten und damit mein eigenes späteres Sein. Das Vorbild ist der, der mir hilft zu wachsen. Damit bekommen wir ein Oben und ein Unten ohne fiktive, imaginierte Riesen, einfach nur durch solche, die ganz real, die etwas größer, die unserem eigenen Wachstum förderlich, die uns helfen, ein Bild von uns zu entwerfen, welches größer ist als wir selbst im Moment gerade sind, ein Bild also, welches wir vor unseren Augen haben und welches in Bezug auf unser Sein in der Zeit voraus läuft, so dass wir ihm folgen können, was unserem Leben gleichsam eine Ausrichtung, eine Orientierung und einen tieferen Sinn verleiht.

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Titelbild: Youtube-Screenshot

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20 Antworten auf „Die wahren Motive hinter dem ganzen Irrsinn

  1. Pingback: Von Zwergen und Riesen – Leserbriefe

  2. Reinhard Wehpunkt

    Dieses Alptraum-Märchen wäre unerträglich deprimierend mit all dem unten und oben Abgeschnittenen, würde heute nicht draußen so wunderschön die Sonne auf eine schneebedeckte Landschaft scheinen.

    Die „(Heraus-)Lösung aus diesem Strudel“ des Schreckens, welches wie in jedem Märchen auch hier angeboten wird, scheint mir doch ein wenig aussichtslos zu sein angesichts einer Gesellschaft, welche den Ausspruch „bleib so wie du bist“ als Lob versteht.
    Das Plädoyer für Vorbilder, welche Leitbildgedanken vermitteln und dadurch Kraft verleihen, wird wirkungslos verpuffen bei Menschen, die im Stillstand verharren wollen.

    Wer sich jedoch weiterentwickeln möchte, der mache sich frei von solchen Schein-Riesen und suche wahre Vorbilder, um zu lernen, sich zu verändern und zu wachsen.

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  3. trumpelman

    Ich sag mal nix…
         …außer:
    Könnte ich hexen, gäbe es keine Toten, jedoch Heulen und Zähneklappern bei denen, die Heulen und Zähneklappern über das deutsche Volk gebracht haben.

    Das Gute, das Moralische, Ethische besteht aus Hemmungen, Böses zu tun, das Böse aus dem Fehlen solcher Hemmungen.
                              Uns regiert das Böse.
    Könnte ich hexen, würde ich alle Geheimnisse lüften, warum das so ist.
    – mlskbh –

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  4. Benjamin Goldstein

    Man darf auch Vorbilder nicht aufgeben, nur weil man Schwächen entdeckt. Das scheint mir das größte Problem zu sein. Der Wettstreit darum, den Menschen die richtigen intellektuellen Führer vorzustellen resultiert in Kämpfe über den Antisemitismus von Luther und Thomas von Aquin. Natürlich hören wir wenig über den Antisemitismus von Mahatma Ghandi und Karl Marx. Die Eliten wisssen schon genau, wen sie madig machen. wichtig ist, dass man sich dieser Manipulation gar nicht zur Verfügung stellt. Ich akzeptiere gute Seiten an Marx, wenn sie mir denn mal präsentiert werden und ich dem inhaltlich zustimmen kann. Man verdammt Menschen niemals 100%. Nur so kann man Vorbilder nutzen.

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  6. Christian Fuchs

    Als (Hobby)Zwerg bin ich über den Hobbit als Bildbegleitung des Artikels aufgebracht! J.R.R. Tolkin hat den Hobbit, als mit sich selbst im reinen, sich von der restlichen nicht Hobbitwelt bewusst abgrenzenden Rasse (keine Riesen im Umfeld) erfunden. Der Zwerg leidet nicht unter irgendwelchen Neurosen, weil er seinen Frust bei jeder Gelegenheit durch Gewalt auslebt und lebt in der Sippe mit starken Regeln um diese zu zügeln. Die größte Strafe für ihn ist von seiner Sippe ist ausgeschlossen zu werden. Begibt sich ein Zwerg in die Außenwelt hat er Freunde/Begleiter die in mäßigen und als Vorbilder dienen, gut sind dafür Elfen als Überwesen (ich hasse Elfen). Zu der Zwergenmetapher; unsere Sozialistenzwerge, oder auch Befreite, haben keine Vorbilder aber ein überbordendes Ego, ihre große Unsicherheit lindern sie durch einen starken Glauben, der in der Gruppe zelebriert wird, was sie emotional näher zu den anderen Glaubenszwerge bringt.

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  7. Realistischer

    Der Selbstwert, also die Wertschätzung des Eigenen allein aus dem Grund weil man sonst zum Getriebenen würde, ist heutzutage ein knappes Gut. Statt dessen haben wir Hetze, Mobbing und Hysterie im Überfluss. Es hat auch mit Identität und Grenzen zu tun, denn ohne Grenzen, ohne Identität, kann man nicht das Innere vom Äusseren unterscheiden. Und es hat mit der Linksheit zu tun, denn die Linken sehen diese Konzepte als Rechts an, lehnen sie ab, ebenso wie sie Selbstwert ablehnen. Denn es ist dieser Selbstwert im Grunde genommen ein Kapitalismus, also der zu bekämpfende Erzfeind – wenn man eine linke Identität hat.

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  8. Ronny

    „Ein Zwerg werde nicht größer, auch wenn er sich auf einen Berg stelle“

    Alternativ:

    „Aus einem Narren wird kein König, drückt man ihm ein Zepter in die Hand“

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  9. Ronny

    Vorbild hat immer was von „Hannemann, geh du voran“.
    Ich benutze gern „Mentor“ oder Coach. Oder Berater.
    Ein Korrektiv, dem man vertraut, dessen Kritik man an-
    nimmt. Jeder Boxer hat einen, jeder Firmenchef auch.

    Von einem väterlichen Freund läßt man sich sogar „Mein
    Junge“ nennen, weil man seine Seriosität und Lebens-
    erfahrung („mit allen Wassern gewaschen“) achtet. Diese
    Art von Männlichkeit durch Initiation ist heute schwer zu
    finden, da Männlichkeit per se als etwas „Negatives“ gilt.

    http://www.internetloge.de/arstzei/hggvater.htm

    http://www.oeko-net.de/kommune/kommune05-04/afranzen.htm

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    1. Barabasch

      „Mentor“ gefällt mir HEUTE (!!) auch besser – „Vorbild“ war FRÜHER dasselbe. Die Tatsache des „Zeitlichen“ als solchem erfordert fraglos die Differenzierung…

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