Niemand verliert immer, niemand gewinnt immer – Ein Rückblick auf die French Open bei den Damen

Von Jürgen Fritz, Mo. 11. Juni 2018

Die eine stand zum viertel Male in einem Grand Slam-Finale, hatte die drei zuvor alle verloren. Die andere stand zum siebten Male in einem Endspiel eines Tennisturniers, hatte bisher alle sechs gewonnen. Man durfte also gespannt sein, ob beide Serien halten oder beide reißen würden. Simona Halep gegen Sloane Stephens, so lautete die Finalpaarung bei den diesjährigen French Open. Ein Rückblick auf dieses Saisonhighlight und die letzten Jahre im Damentennis von Jürgen Fritz.

Die fehlende Beständigkeit bei den Damen, außer bei einer

In den letzten Jahren bin ich kein großer Fan des Damentennis gewesen und das hatte einen einfachen Grund. Seit den Rücktritten von Justin Henin (2008 und kurzem Comeback-Versuch 2010) und Kim Clijsters (2012) kam nie wieder eine Spielerin, die den Williams-Sisters, vor allem Serena dauerhaft etwas entgegensetzen konnte. 2004 hatte die damals 17-jährige Maria Sharapova im Endspiel von Wimbledon und der WTA-Finals die fast sechs Jahre ältere Serena Williams jeweils bezwingen können, die in den beiden Jahren zuvor bereits überragend gespielt hatte. Das machte Hoffnung. Doch irgendwie entwickelte sich die hübsche Russin spielerisch nicht so, wie man es damals hätte erwarten können. Sie gewann zwar in den kommenden zehn Jahren 4 weitere Grand Slam-Titel (die WTA-Finals, das fünftwichtigste Turnier, nie wieder), aber angesichts ihres Talentes ist das nicht wirklich viel. Vor allem wenn man ihre 5 Majors ins Verhältnis setzt zu den 23 von Serena.

Justine Henin (7 A-Titel), Lindsay Davenport (3), Kim Clijsters (4) konnten den beiden Williams-Schwestern (7 und 23 A-Titel) zumindest teilweise immer wieder mal Paroli bieten, aber die letzten sieben bis zehn Jahre war keine mehr da, die dauerhaft gut zu spielen vermochte. Da tauchte mal eine Ivanovic oder Jankovic auf, eine Kuznetsova oder Schiavone, eine Li Na oder Kvitova, eine Stosur oder Azarenka, aber keine von all diesen schaffte es, auch nur einige wenige Jahre in der absoluten Weltspitze zu spielen. Keine einzige brachte es auf mehr als maximal zwei Grand-Slam-Siege, die meisten nicht mal das.

Der sagenhafte Aufstieg und Absturz der Angelique Kerber

Dann kam die Saison 2016. Eine Deutsche namens Angelique Kerber mischte plötzlich das Damentennis auf. Im Januar lieferte sie Serena im Finale der Australian Open einen großartigen Fight und konnte diese tatsächlich bezwingen. Bei den French Open verlor Williams erneut das Endspiel, dieses Mal gegen Muguruza und im Wimbledonfinale standen sich wieder Williams und Kerber gegenüber, nun zwar mit dem besseren Ende für die US-Amerikanerin, aber Kerber lieferte wieder einen großen Kampf. Und es sollte noch besser kommen: Bei des US Open stand Kerber erneut im Endspiel und konnte Pliskova niederringen, holten ihren zweiten A-Titel. Bei den WTA-Finals (B+) verlor sie zwar im Endspiel gegen Cubulkova, aber am Jahresende war Kerber tatsächlich die Nr. 1 der Welt – vor Serena und das völlig verdient!

Gleichwohl hatte ich da schon etwas Zweifel, ob sie dieses Niveau würde halten können. Weshalb? Weil sie permanent am Limit spielte. Ich dachte mir schon: „Das wird sie nicht auf Dauer durchhalten.“ Mann kann nicht permanent an seine absolute Grenze gehen und nur so gewinnen. Kerber fehlte die Range nach oben. Große Spieler(innen) gewinnen die meisten Matches, ohne an ihr Limit gehen zu müssen. Dies muss Ausnahmesituationen vorbehalten bleiben. Genau deswegen ist z.B. Nadal auf Sand so stark.

Promt folgte 2017 der Absturz. Die Nr. 1 der Welt konnte keinen einzigen Grand Slam-Titel verteidigen, ja erreichte bei keinem einzigen A-Turnier auch nur das Viertelfinale, gewann das ganze Jahr nicht ein einziges Tournament, nicht mal ein C- oder D-Turnier und war Ende 2017 nicht mehr in den Top-20. Und das alles übrigens, obwohl ihre stärkste Konkurrentin, Serena, die Saison bereits im Januar beendet hatte, die deutsche also quasi elf Monate freie Bahn hatte. 2018 spielt Kerber wieder deutlich stärker, hat sich inzwischen auf Platz 11 vorgekämpft und erreichte bei den French Open erstmals überhaupt das Viertelfinale. Ein Riesenerfolg für die sympathische Deutsche, deren Lieblingsbelag nicht unbedingt die rote Asche ist.

Erstens Serena, zweitens Serena, drittens Serena

Gleichwohl zeigt dieser Absturz Kerbers im Jahr 2017 etwas Symptomatisches im Damentennis der letzten Dekade: Es fehlt – außer bei Serena – an jeglicher Konstanz. Während wir im Herrentennis seit ca. zwölf bis 15 Jahren mit Federer, Nadal, Djokovic, teilweise auch Murray und Wawrinka zeitgleich eine wohl einzigartige Ära erleben durften von absoluten Top-Spielern, die den Tennissport auf ein neues Level gehoben haben, sehen wir im Damentennis fast das Umgekehrte: sehr viel Eintönigkeit und eine enorme Dominanz einer Spielerin, deren Vornamen längst zu einer eigenen Marke geworden ist: Serena Williams.

Wie sehr die US-Amerikanerin alle anderen überragt, erkennt man an folgendem Faktum: Nachdem Serena die Saison 2017 bereits im Januar nach ihrem Triumph bei den Australian Open (A) beendete, einige Monate später ihr erstes Kind zur Welt brachte, trat sie nun nach über 16 Monaten bei den French Open 2018 erstmals wieder bei einem Grand Slam, also einem A-Turnier an. Ihr fehlte jegliche Spielpraxis und sie wirkte übergewichtig. Gleichwohl putzte sie in Paris gleich mal so die Nr. 17 und die Nr. 11 vom Platz, ehe sie wegen Problemen in der Brustmuskulatur vor dem Match mit Sharapova zurückziehen musste.

Das zeigt, wie schwach das Damentennis in der Breite seit Jahren ist und deswegen waren die letzten zehn bis 15 Jahre die Herren für mich wesentlich interessanter. Doch das war an diesem Wochenende zumindest ein wenig anders.

Das French Open-Finale 2018: Halep – Stephens

Am Samstag standen sich nämlich zwei wirklich interessante Spielerinnen im Endspiel der French Open gegenüber: die Nr. 1 der Weltrangliste, die 26,7-jährige Rumänin Simona Halep und die amtierende US Open-Siegerin, die 25,2-jährige Sloane Stephens, die Nr. 10 der Weltrangliste.

Halep stand bereits zum vierten Mal in einem Grand Slam-Finale. Die ersten drei hatte sie alle verloren, 2014 bei den French Open gegen Sharapova, letztes Jahr an gleicher Stelle gegen die knapp 20-jährige Ostapenko, nachdem Halep den ersten Satz bereits gewonnen hatte und auch im zweiten schon vorne lag, und im Januar bei den Australian Open, wo sie sich einen phantastischen Fight mit Wozniacki, der aktuellen Nr. 2 der Welt, lieferte, den Halep dann unglücklich im dritten Satz verlor. Würde sie es in ihrem vierten Anlauf nun endlich schaffen, ein ganz großes Turnier zu gewinnen, das war die Frage.

Ihr gegenüber stand eine Spielerin, die in gewisser Weise das genaue Gegenteil von Halep darstellt. Stephens stand zum siebten Male überhaupt in einem Finale und sie hatte noch nie eines verloren. Bisherige Endspielbilanz: 6-0, darunter auch der Sieg bei den US Open 2017. Während also Halep es schon mal mit den Nerven zu tun bekommen kann, wenn es drauf ankommt, ist Stephens unglaublich cool, hat die Fähigkeit dann, wenn es um alles geht, ihr bestes Tennis abzurufen.

Stephens geht 8-3 in Führung

Es kam also in Paris zu einem Finale, die Nr. 1 der Welt, die aber von ihrem Typ her, eher eine ewige Nr. 2, 3 oder 4 ist, ein – wenn Sie so wollen – eher Verlierertyp, gegen einen absoluten Gewinnertyp, die Fleißige, die Kämpferin gegen die Begnadete, der alles leicht zu fallen scheint. Keine andere Spielerin bewegt sich so fließend und mühelos wie Stephens, nur wenige können den Ball derart beschleunigen und das auch noch so zumindest scheinbar mühelos, während bei Halep alles nach Kampf, Anstrengung und viel Energieaufwand ausschaut. Optimale Voraussetzungen also für ein Finale, wenn zwei ganz unterschiedliche Spielertypen aufeinander treffen.

Das Match war von Anfang an absolut hochklassig, ein wahrer Augenschmaus für jeden Tennisfan. Doch schnell zeichnete sich ab, dass Halep, die wirklich gut spielte, sich schwer tat, gegen diese unfassbare Leichtigkeit und Klasse von Stephens anzukommen. Die Unterschiede waren nicht sehr groß, aber die Amerikanerin war die Bessere. Folgerichtig gewann diese den ersten Satz dann auch mit 6:3.

Doch es sollte noch schlimmer kommen für Halep. Auch im zweiten lag sie bereits mit 0:2 zurück. Von den ersten elf Games gewann Halep trotz gutem Spiel gerade mal 3! Würde sie im vierten großen Finale zum vierten Mal als Verliererin vom Platz gehen? Was dann folgte, liebe Tennisfans, das hat mich tief beeindruckt. Wer selbst einmal auf Turnierniveau Tennis spielte, weiß, was einem in solchen Momenten schnell durch den Kopf schießt: „Nein, nicht schon wieder!“ Man erinnert sich unwillkürlich an all die Niederlagen zuvor. Und das schwächt einen, raubt einem das Selbstvertrauen. Dagegen anzukommen, ist alles andere als leicht.

Halep schlägt zurück

Doch Halep spielte völlig unbeirrt von solchen Assoziationen weiter. Ja mehr noch: sie konnte sich steigern! Sie spielte jetzt noch besser. Sie rannte, sie kämpfte, sie peitsche den Ball ein ums andere Mal übers Netz und sie schaffte noch etwas: Sie spielte Stephens mehr und mehr müde. Diese kam jetzt immer öfters einen winzigen Schritt zu spät. So konnte Halep den zweiten Satz nach 0:2-Rückstand noch drehen und mit 6:4 für sich entscheiden. Damit war das Match wieder offen.

Nun war die Frage, ob Halep dieses unglaubliche Niveau würde halten können, ob Stephens die dritte Luft bekommen würde, ob sich das Match nochmals drehen sollte. Aber Halep – und das war dann genauso beeindruckend wie ihr Comeback im zweiten Satz – ließ jetzt nicht mehr locker, kein bisschen. Man spürte förmlich, dass sie diesen Titel, der ihr nach all den bitteren Niederlagen längst mehr als jeder anderen gebührte, unbedingt haben wollte. Doch nicht nur das. Das Wollen ist ja immer das Eine, hinzu kommen muss aber das Können. Und auch das hatte sie am Samstag. Ja sie spielte im dritten Satz sogar noch besser als im zweiten und ging schließlich mit 5-0 in Führung.

Momentumwechsel: zuerst 3-8, dann 12-3

Doch dann brachte Stephens ihr Service zum 1:5 durch und Halep konnte zum Matchgewinn aufschlagen. Auch das kann, wie jeder Tennisspieler weiß, nochmals schwer werden. Im Tennis hat man anders als im Fußball erst dann gewonnen, wenn der letzte Punkt gespielt ist. Und gerade das Ausservieren ist alles andere als einfach. Da wird die Hand so kurz vor einem großen Triumph nicht selten zittrig und plötzlich ist alle Sicherheit wieder dahin, da jetzt Verlustängste in einem hochkommen. Man hat den Gegner quasi schon im Sack und muss nur noch zumachen, doch plötzlich bekommt man Angst, das schon Sichere doch noch verlieren zu können.

Nicht so aber Simona Halep am Samstag in Roland Garros. Sie blieb – und das war das Dritte, was mich sehr beeindruckte – auch jetzt ganz ruhig. Nicht ein Hauch von Nervosität war ihr anzumerken. Halep blieb die ganze Zeit voll fokusiert auf jeden einzelnen Punkt. Und sie machte einen um den anderen und servierte das letzte Game zu 30 nach Hause zum 3:6, 6:4, 6:1. Nachdem Halep von den ersten elf Spielen nur drei gewonnen hatte, gewann quasi in der zweiten Halbzeit Stephens von den letzten 15 Spielen nur noch drei. Das heißt, wir sahen zwei grundsätzliche unterschiedliche Phasen, das Momentum wechselte nach dem 3:6, 0:2 vollkommen und von da an gab die Rumänin keinen Millimeter mehr nach.

Damit konnte Simona Halep in ihrem vierten Anlauf endlich eine ganz große Trophäe erringen und auch eine zweite Serie riss: Stephens verlor erstmals in ihrer Karriere ein Finale auf der WTA-Tour. Und das hatte irgendwie etwas sehr Tröstliches: Niemand gewinnt immer und niemand verliert immer. Auch wenn ich persönlich eigentlich ein riesiger Rafa-Fan bin und mich sehr über seinen elften French Open-Titel am Tag darauf gefreut habe, aber fast noch mehr freute ich mich am Samstag für Simona Halep. Was sie vollbrachte, war a) großartig und b) hat sie diesen Titel mehr verdient als jeder andere.

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Simona Halep mit dem Siegerpokal, YouTube-Screenshot

Ausblick auf die Rasensaison

Ab heute beginnt nun die Rasensaison mit dem Höhepunkt in Wimbledon, das in drei Wochen beginnt. Bei den Damen ist es immer sehr schwer einzuschätzen, wer wie stark spielen wird. Sollte sich Serena körperlich gut erholen von ihrer Brustmuskelverletzung und wieder fit werden, dürfte sie erneut zu den Top-Favoritinnen gehören.

Auf Rasen muss man wohl auch mit der Titelverteidigerin und Paris-Halbfinalistin Garbiñe Muguruza rechnen sowie der zweimaligen Wimbledon-Siegerin Kvitova. Aber auch Angelique Kerber könnte in der Form, in der wir sie in Paris sehen durften, in Wimbledon gute Chancen haben. Außerdem die aufschlagstarke Pliskova sowie die wiedererstarkende Sharapova. Und natürlich unsere beiden Paris-Finalistinnen Simona Halep und Sloane Stephens, wobei ich gerade Letzterer auf Rasen sehr viel zutraue.

In der 52-Wochen Weltrangliste steigt Stephens, vielleicht eines der größten Talente im Damentennis, heute übrigens von 10 auf 4, während Halep auf 1 bleibt, nun aber als wahre Nr. 1 mit einem Grand Slam-Titel, den sie endlich ihr eigen nennen darf.

Höhepunkte des Damenfinales

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Titelbild: YouTube-Screenshot

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