Voll die Seuche: Generalverdacht!

Ein Gastbeitrag von Archi W. Bechlenberg, Fr. 15. Jun 2018

Ein Gespenst geht um in Europa – und befällt immer mehr bislang unbescholtene Bürger, ja selbst die Anständigsten der Anständigen, die Guten und noch Guteren: das Gespenst des Generalverdachts. Hat es auch Sie schon befallen?

Gestern beim Psychiater

„Und was plagt uns heute?“

„Was Sie plagt, weiß ich nicht. Ich leide unter Generalverdacht.“

„Das ist nicht schön. Wer verdächtigt Sie?“

„ICH verdächtige!“

„Ach was. Und wen?“

„Na zum Beispiel unangeleinte Hunde, die auf mich zugestürmt kommen. Oder betrunkene Rocker, die quer über den Bürgersteig stehen. Oder alle Passanten, denn ich schließe meine Haustüre ab. Und wenn ich so komische Opas auf dem Spielplatz sehe, dann beobachte ich die immer, ob die sich nicht an Kindern vergreifen“

„Und das finden Sie nicht in Ordnung?“

„Nein! Das ist doch furchtbar! Wer weiß, wem ich da alles Unrecht tue. Der Hund will vielleicht nur spielen. Die „Rocker“ sind vielleicht Zahnärzte auf Wochenendsause! Mopsfidele Jungs! Und der Opa ist vielleicht nur…“

„…ein Opa?“

„Jaaa! Ist es nicht schrecklich?“

„Er könnte aber auch beißen. Der Hund meine ich. Und die Rocker feiern vielleicht gerade die Entlassung ihres Scheffes nach 10 Jahren Knast! Und der Opa…“

„Jetzt reden Sie auch schon so! Meine Nachbarin sagte erst gestern, sie ging immer lieber bei Tag durch den Park, als abends! Und das hätten ihre Mutter und ihre Oma auch schon immer so gemacht. Aber so wird man doch kein weltoffener Bürger!“

„Immerhin wird man so ein alter, nichtweltoffener Bürger…“

Ist das nicht völlig undeutsch? Ich will doch ein Guter sein!

„Aber ich tue dann ganz vielen Menschen Unrecht, wenn ich sie generalverdächtige! Und das ist ganz und gar nicht in Ordnung! Es ist… es ist… ist…“

„…undeutsch?“

„Jaaa! Ich möchte doch ein Guter sein! Einer, der dem Anderen mit einem freundlichen Wort und offenem Herzen…“

„Ein offenes Herz fängt man sich so schnell ein…“

„Ich will aber kein Nazi sein! Ich will andere Menschen nicht unter Generalverdacht stellen und sie damit verletzen…“

„Aber wie merken die das?“

„Na, indem ich mich zum Beispiel abwende, wenn mich ein Flüchtling antanzt! Das merkt der doch und ist dann ganz traurig, weil er mir nur seine Lebensfreude und Dankbarkeit zeigen wollte.“

„Also lassen Sie sich antanzen?“

„Naja, manchmal nicht, eben wegen diesem scheiß Generalverdacht…“

„Nun gut. Die Stunde ist jetzt um. Und bitte ab der nächsten Woche IMMER im Voraus bezahlen.“

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Zum Autor: Archi W. Bechlenberg, Jg. 1953, studierter Kunsthistoriker, Journalist, Buchautor, Grafiker und Maler, schreibt für Livestylemagazine und kritische Medien wie Die Achse des Guten und Jürgen Fritz Blog.

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Titelbild: © Archi W. Bechlenberg

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