Warten auf Putin – Wie der russische Präsident sein Pünktlichkeitsproblem strategisch einsetzt

Von Jürgen Fritz, Do. 19. Jul 2018

Pünktlichkeit sei die Höflichkeit der Könige, meinte einst Ludwig XVIII. Nun gilt Wladimir Wladimirowitsch Putin als von Natur aus unpünktlicher Mensch. Doch scheint es auch so zu sein, dass er sein regelmäßiges Zuspätkommen strategisch einsetzt. Am Ausmaß, wie lange er seinen Gesprächspartner warten lässt, ist einiges ablesbar, insbesondere die Wertschätzung für diesen. Und nun raten Sie mal, wen Putin besonders gerne und lang warten lässt.

Putin kommt zum Treffen mit Trump 45 Minuten zu spät – Ist das viel oder wenig?

Bei seinem Treffen mit Donald Trump in Helsinki am Montag kam der Präsident der Russischen Föderation Wladimir Wladimirowitsch Putin 45 Minuten zu spät. Seine Maschine traf mit einer dreiviertel Stunde Verspätung in der finnischen Hauptstadt zum Gipfeltreffen ein. Das ist nicht wenig, aber für putinsche Verhältnisse auch nicht sehr viel. Trump seinerseits beschloss kurzerhand, das Treffen ebenfalls zu verzögern und setzte dem Ganzen nochmals eine Viertelstunde drauf.

Zum Vergleich: Barack Obama ließ Putin vor sechs Jahren 40 Minuten warten, Papst Franziskus vor drei Jahren 50 Minuten. Relativ pünktlich war der russische Präsident 2003 bei der englischen Königin Elisabeth II., als der er nur 14 Minuten zu spät kam.

Nun scheint Putin schon von Natur aus ein Mensch zu sein, dem Pünktlichkeit nicht leicht fällt. Wie The Guardian berichtet, erinnere sich seine frühere Frau Ludmilla Putina mit Schrecken an ihre ersten Verabredungen zurück: „Ich war nie zu spät. Aber Wladimir Wladimirowitsch war es immer.“

Vieles spricht aber dafür, dass der russische Präsident aus der Not eine Tugend, genauer: aus seiner persönlichen Schwäche eine (un)diplomatische Waffe gemacht haben könnte, indem er sein ständiges Zuspätkommen strategisch einsetzt. Wer den Gesprächspartner warten lässt, demonstriert damit zumeist seine Machtposition: „Sieh her, ich bin wichtiger als du. Du musst auf mich warten, nicht ich auf dich.“ Und davon macht Putin offensichtlich wie kaum ein anderer Gebrauch. Besonders interessant ist nun aber, wen Putin wie lange warten lässt. Denn daran kann wohl so einiges abgelesen werden, insbesondere was Wertschätzung und Achtung anbelangt.

Wen lässt Putin am wenigsten lange und wen am längsten warten?

Das deutsches Online-Portal für Statistik Statista hat hierzu einige Daten zusammengetragen, welchen Staats- bzw. Regierungschef Putin wie lange warten ließ. Hier das Ergebnis:

  • 2003: Elisabeth II. (englische Königin): 14 Minuten
  • 2006: Juan Carlos (spanischer König): 20 Minuten
  • 2013: Park Gen-bye (südkoreanische Präsidentin): 30 Minuten
  • 2012: Barack Obama (US-Präsident): 40 Minuten
  • 2011: Carl XVI. Gustaf (schwedischer König): 40 Minuten
  • 2004: Tarja Halonen (finnische Präsidentin): 40 Minuten
  • 2018: Donald Trump (US-Präsident): 45 Minuten
  • 2015: Papst Franziskus (Staatsoberhaupt des Vatikans): 50 Minuten
  • 2014: Narendra Modi (indischer Premierminister): 1:00 Stunde
  • 2015: UN-Generalversammlung (Paris-Treffen): 1:20 Stunde
  • 2013: Schimon Peres (israelischer Präsident): 1:30 Stunde
  • 2014: Tachiagiin Elbegdordsch (Präsident der Mongolei): 2:00 Stunden
  • 2016: Shinzo Abe (japanischer Premierminister): 3:00 Stunden
  • 2013: Alexandr Lukaschenko (weißrussicher Präsident): 3:00 Stunden
  • 2009: Julija Tymoschenko (ukrainischer Premierminister): 3:00 Stunden
  • 2012: Viktor Janukowitsch (ukrainischer Präsident) 4:00 Stunden
  • 2014: Angela Merkel (deutsche Bundeskanzlerin) 4:15 Stunden

Merkels und Putins ganz spezielle Beziehung

Dabei waren die 4:15 Stunden, die Putin die deutsche Kanzlerin 2014 beim Gipfel in Mailand warten ließ, nur der Höhepunkt einer langen Reihe von solchen Spitzen. Als Merkel ihn 2007 in seiner Sommerresidenz besuchte, ließ Putin seine schwarze Labradorhündin „Koni“ die Kanzlerin zur Begrüßung beschnuppern. Von der ist aber bekannt, dass sie keine Hunde mag, seit sie als junges Mädchen von dem Jagdhund ihres Nachbarn angefallen worden war. Merkel erstarrte regelrecht vor Angst, als die große Hündin ins Zimmer kam, während Putin genüsslich grinste. Kurz zuvor hatte er noch Friedrich den Großen zitiert: Je mehr er die Menschen kennenlerne, desto mehr liebe er die Hunde.

Nach seiner Wiederwahl 2012 reiste Putin nach Berlin – und ließ die Kanzlerin geschlagene zwei Stunden warten. Er hatte ausgerechnet bei Weißrusslands Diktator Alexander Lukaschenko gemütlich Zwischenstation gemacht. Als Gastgeschenk brachte er Merkel Blumen. Die sind aber laut Protokoll für Damen und kein adäquates Präsent für Regierungschefs. Doch ließ Merkel das nicht auf sich sitzen und revanchierte sich mit einem Präsent der besonderen Art: Sie überreichte Putin zum Abschied Pralinen. Ja, Sie haben richtig gelesen, der Mann, der sich zuvor mit einem betäubten Tiger hat ablichten lassen und der seine Männlichkeit wie kaum ein anderer Staats- oder Regierungschef gerne betont, bekam Pralinen, also ob Merkel ihm damit die Botschaft übermitteln wollte: Du bist doch kein Tiger, sondern bestenfalls ein Naschkätzchen.

Auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise 2014 ließ Putin die Kanzlerin dann sogar nicht nur zwei, sondern viereinviertel Stunden in Mailand warten. Er musste noch Soldaten in Serbien bewundern. Damit landet Merkel bei Putin auf dem letzten Platz, aber wohl nicht nur bei ihm.

*

Titelbild: YouTube-Screenshot

**

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog ist vollkommen unabhängig, werbe- und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: Jürgen Fritz Blog. Oder über PayPal  5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 30 EUR – 50 EUR – 100 EUR

Advertisements

2 Antworten auf „Warten auf Putin – Wie der russische Präsident sein Pünktlichkeitsproblem strategisch einsetzt

  1. Pingback: Warten auf Putin – Wie der russische Präsident sein Pünktlichkeitsproblem strategisch einsetzt – Leserbriefe

  2. Pingback: Warten auf Putin – Wie der russische Präsident sein Pünktlichkeitsproblem strategisch einsetzt – Rss News

Comments are closed