Causa Merz-Tichy oder: Wenn der eine Held nicht neben dem anderen stehen will

Von Jürgen Fritz, Mi. 18. Jul 2018

Friedrich Merz möchte den Ludwig-Erhard-Preis nicht haben. Warum nicht? Weil er Preise generell nicht so mag und weil er nichts mit Roland Tichy zu tun haben will, dem Vorsitzenden der Ludwig-Erhard-Stiftung, der ihm den Preis womöglich überreicht und eine Laudatio auf ihn gehalten hätte. Was hat es mit dieser Posse auf sich? Was steckt dahinter und worum geht es tatsächlich?

Zum Sachverhalt

Roland Tichy ist seit 2014 Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung. Der gemeinnützige Verein wurde 1967 durch Altbundeskanzler Ludwig Erhard selbst gegründet. Der Verein will durch Publikationen, Vorträge und Veranstaltungen „der Fortentwicklung und Stärkung der Sozialen Marktwirtschaft“ dienen. Satzungsgemäß besteht die Aufgabe darin, „freiheitliche Grundsätze in Politik und Wirtschaft durch staatsbürgerliche Erziehungs- und Bildungsarbeit im In- und Ausland sowie durch wissenschaftliche Tätigkeit auf dem Gebiet der Wirtschaft und Ordnungspolitik“ zu fördern.

Alljährlich zeichnet die Stiftung Personen für ihre Verdienste um die Soziale Marktwirtschaft mit dem Ludwig-Erhard-Preis aus. Darunter waren bislang Persönlichkeiten wie Prof. Dr. Karl Schiller (der erste sozialdemokratische Bundesminister für Wirtschaft und von 1971 bis 1972 zusätzlich Bundesminister der Finanzen), Dr. Václav Klaus (ehemaliger tschechischer Ministerpräsident), Prof. Dr. Paul Kirchhof, Prof. Hans-Olaf Henkel, Prof. Dr. Dr. h.c. Otmar Issing (ehemaliger Chefvolkswirt der EZB), Otto Graf Lambsdorff (FDP), Roland Tichy selbst (2008), Roger Köppel, der Ökonom Prof. Dr. Dr. Hans-Werner Sinn, Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) u.a.

Dieses Jahr sollte nun der ehemalige Unions-Fraktionschef Friedrich Merz (CDU) diese Auszeichnung erhalten. Merz lehnte den Preis allerdings ab. Weshalb? Er tue sich grundsätzlich schwer mit Preisen, „in diesem Fall aber besonders, weil er nicht mit dem Vorsitzenden der Stiftung (Roland Tichy, JF) auf einer Bühne auftreten wolle“, gaben Jury-Mitglieder in einer E-Mail an, die dem Handelsblatt vorliegen soll. Öffentlich wollte Merz sich dazu aber nicht äußern. Er habe abgesagt, nachdem er erfahren habe, dass Tichy die Laudatio auf ihn halten sollte.

Eine günstige Gelegenheit, um eine neue Hetzjagd zu initiieren

Das Handelsblatt und auch andere M-Medien, denen Tichy insbesondere mit seinem Blog und seinem Magazin Tichys Einblick (TE) schon lange ein Dorn im Auge ist, scheinen diese Gelegenheit nun nutzen zu wollen, um eine regelrechte Kampagne gegen TE ins Leben zu rufen.

Nach der Ablehnung der Auszeichnung durch Friedrich Merz gaben vier Jury-Mitglieder, nämlich die Journalisten Rainer Hank, Ulric Papendick, Nikolaus Piper und Ursula Weidenfeld ihren Austritt aus dem Wahlgremium bekannt. Ein weiteres Mitglied soll am Wochenende gefolgt sein. Tichy wird unter anderem der Vorwurf gemacht, er würde den Vorsitz in der Ludwig-Erhard-Stiftung als „Reputationsmaschine“ für TE nutzen. Tichy selbst gab an, die Hauptversammlung habe ihn gebeten, seine Reputation in den Dienst der Stiftung zu stellen. „Dieses habe ich getan und werde es weiterhin tun“.

Das Handelsblatt, namentlich die drei Herren Sven Afhüppe, Martin Greive und Jan Hildebrand, nutzten diesen peinlichen Vorfall nun vorgestern, um gezielt Stimmung gegen Tichy und TE zu machen. Andere M-Medien sprangen schnell auf den Zug auf und auch etliche Politiker sahen nun ihre Stunde gekommen, so auch der an Schmierigkeit schwerlich zu übertreffende Alexander Lambsdorff (FDP), der auf Twitter sogleich folgendes zum Besten gab:

„Endlich steht jemand aus dem bürgerlichen Lager auf und entlarvt Roland Tichy, dessen rechtspopulistischer Tichys Einblick nicht zufällig so oft auf den Pulten der AfD im Bundestag liegt. Danke, Friedrich Merz (Daumen nach oben)“

Lambsdorff-Tweet

Das Ganze ist insofern besonders abstrus, da Tichys Einblick kaum eine Gelegenheit auslässt, um sich der FDP anzudienen und – ähnlich wie kürzlich der Cicero – sich von der AfD abzusetzen. So schrieb Roland Tichy noch letzten Monat einen Artikel, in welchem er insinuierte, Alexander Gauland gebe den Johannes Heesters der Politik.

Inquisitorische Jagd selbstermächtigter Wächter ist einer freiheitlichen Gesellschaft nicht nur unwürdig, sie zerstört diese!

Ausgerechnet der derart Verunglimpfte – und nicht FDP-Politiker – stellt sich nun aber hinter Tichy. Der AfD-Partei- und Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland hat sich zu der ganzen Affäre gestern wie folgt geäußert:

„Die Moralkeule wird von den etablierten Medien und der Politik mit immer größerer Härte und Unerbittlichkeit geschwungen. Nach der ZEIT-Redakteurin Mariam Lau bekommt das nun auch Roland Tichy zu spüren. Wer in Deutschland unbequeme Wahrheiten und nicht eliten-genehme Meinungen öffentlich artikuliert, hat mit sozialer Vernichtung zu rechnen. So lautet die Botschaft.

Schon das Recht, dringend notwendige Fragen zum Umgang mit Migration zu stellen, wird selbst im Feuilleton der FAZ bestritten. Alles, was auch nur etwas von der Linie des gutmenschlichen Mainstreams abzuweichen scheint, wird mit moralinsaurem Sperrfeuer belegt. Umso härter, je größer die Reichweite der Dissidenten ist.

Die Meinungsfreiheit in unserem Land befindet sich in ernster Gefahr. Wenn Menschen aus Angst um ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Existenz ihre Meinung nicht mehr öffentlich zu äußern wagen, dann ist ein elementarer Grundpfeiler unserer Demokratie zerstört.

Abweichende Meinungen dürfen nicht wie ein Sakrileg im Mittelalter behandelt werden. Wer Fragen stellt, gehört nicht an den Pranger. Die inquisitorische Jagd selbstermächtigter Wächter der political correctness auf kritische Journalisten ist einer freiheitlichen Gesellschaft nicht nur unwürdig, sie zerstört diese.

Soweit Alexander Gauland.

Mehr Selbstverleugnung aus Feigheit vor dem linken Mainstream geht kaum

Die engagierte Bürgerrechtlerin und frühere Bundestagsabgeordnete, jetzige freie Autorin Vera Lengsfeld kommentiert das Ganze gestern wie folgt:

„Mit seiner Ablehnung des Preises der Ludwig-Erhard-Stiftung hat Merz endgültig klar gemacht, dass man ihn vergessen kann. Wenn er schon Angst hatte, diesen Preis aus den Händen von Roland Tichy entgegenzunehmen, hätte er wenigstens den Mund halten sollen. Stattdessen gibt er kund und zu wissen, dass ihm Tichy ‚zu rechts‘ sei. Dabei vertritt Tichy mehr oder weniger die Positionen, für die Merz selbst stand, zuletzt als Merkel-Kritiker. Mehr Selbstverleugnung aus Feigheit vor dem linken Mainstream geht kaum.“

Nun mag man angesichts der Tatsache, wie Tichy selbst im Januar 2017 den Schwanz einzog respektive einknickte und meinen inzwischen zu einiger Berühmtheit gelangten Artikel „Warum Sie mit psychopathologisch gestörten grün-linken Menschen nicht diskutieren sollten“ kurzerhand von seinem Blog löschte, nachdem entsprechend Druck auf ihn ausgeübt worden war, sich eine gewisse Schadenfreude nicht ganz verkneifen können, nach dem Motto: Nun geschieht ihm selbst, was er zuvor mit anderen praktizierte. Doch mag ich mit dem nicht so recht anschließen.

Die Angst vor der Ansteckungsgefahr

Es ist quasi so, als ob Kritiker, die die Finger genau in die Wunde legen und dort auch noch tief reindrücken, so dass es richtig weh tut, mit einem Kainsmal gebrandmarkt werden sollen und zugleich suggeriert wird, dass jeder, der einen derart Gezeichneten berührt oder auch nur in seine Nähe kommt und dies auch noch fotografiert oder sonstwie festgehalten wird, Gefahr läuft, dass das Mal selbst auf den in der Nähe Befindlichen überspringen könnte, so dass nun beide damit versehen.

Das Mal hat gleichsam etwas Virusartiges und es besteht permanent Ansteckungsgefahr. Und so wie dereinst Tichy sich schnell von mir zurückzog und nicht nur den einen so viel Aufsehen erregenden Text, sondern alle von mir auf TE löschte, um sich so gleichsam von jeder Verbindung zu mir „zu reinigen“, so ergeht es Tichy nun selbst seitens Friedrich Merz. Dieser möchte sich nun nicht von dem merkel- und migrationskritischen Journalisten anstecken lassen, so dass er nicht mal neben ihm auf einer Bühne stehen möchte. Schon dies könnte zu einer Verunreinigung führen, genauer: zu einer möglichen Behauptung der Verunreinigung durch andere:

„Seht, hat er nicht mit diesem auf einer Bühne gestanden? Hat er nicht sogar einen Preis aus dessen Hand entgegengenommen und sich von ihm loben lassen?“ – „Nein, wahrlich ich sage euch: Ich kenne diesen gar nicht, hatte nie mit ihm zu tun.“

Da stehen sie also nun unsere beiden Helden, aber nicht nebeneinander. Beide ganz groß im Reden und Schreiben, beide so etwa von dem Typ: „Liebling, da ist eine Spinne. Kannst du die wegmachen?“ – „Oh, wen könnte ich denn da anrufen, dass er kommt und sie entfernt? Lass mich mal überlegen.“

Wir sollten nun aber keine Schadenfreude empfinden, selbst wenn Tichy die vielleicht verdient hätte, sondern wir sollten das größere Ganze sehen. Die Meinungsfreiheit in unserem Land befindet sich in ernster Gefahr“, sagt Alexander Gauland. Ja, das tut sie! Und zwar schon lange. Zeit, dagegen anzugehen. Alle gemeinsam. Alle Aufrechten und Aufrichtigen gemeinsam, um genau zu sein.

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Titelbild: YouTube-Screenshots von Friedrich Merz und Roland Tichy

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