Magnitz-Überfall: Polizei und Staatsanwalt widersprechen der AfD-Darstellung

Von Jürgen Fritz, Mi. 09. Jan 2019

Gestern berichtete ich ausführlich über den Angriff auf den AfD-Abgeordneten des Deutschen Bundestages und Bremer AfD-Chef Frank Magnitz. Der Sachverhalt schien zumindest vom Grundsätzlichen her eigentlich eindeutig. Doch heute wird die Lage zunehmend verwirrender. Denn die Polizei, die angibt, Videoaufnahmen ausgewertet zu haben, widerspricht der Darstellung der AfD in Teilen. Auch scheint sich Magnitz teilweise selbst zu widersprechen und man fragt sich, wie jemand, der Montags „halbtot geschlagen“ wird und solch schwere Wunden davon trägt, am Dienstag ein Interview nach dem anderen geben kann. Hier der Versuch, einigen Ungereimtheiten etwas näher zu beleuchten.

Die Darstellung der AfD

Ihr Landesvorsitzender und Bundestagsabgeordnete Frank Magnitz sei am Montag von drei vermummten Männern angegriffen worden. Diese hätten ihm vor dem Theater am Goetheplatz aufgelauert, als er den Neujahrsempfang des Weser-Kuriers in der Kunsthalle verlassen hat. Mit einem Kantholz hätten sie ihn bewusstlos geschlagen und dann weiter gegen seinen Kopf getreten, als er bereits am Boden lag. Nur dem couragierten Eingriff eines Bauarbeiters sei es zu verdanken gewesen, dass die Angreifer ihr Vorhaben nicht hätten vollenden können und Frank Magnitz mit dem Leben davongekommen sei. So schilderte die AfD Bremen den Vorfall am späten Montagabend (nach 23 Uhr) in ihrer Pressemitteilung.

Dieser Pressemitteilung fügte die AfD ein Foto des verletzten Frank Magnitz bei, welches diesen im Krankenhaus liegend zeigt und auf dem man eine furchteinflößende Wunde am Kopf sieht. Diese Wunde kann eigentlich nur von einem oder mehreren schweren Schlägen mit einem harten Gegenstand herrühren. Es dürfte schlicht unmöglich sein, so eine Verletzung mit der bloßen Faust herbeizuführen.

Wie Polizei und Staatsanwaltschaft den Fall darstellen

Die Polizei stellte den Überfall gestern Abend jetzt aber deutlich anders dar. Angangs machte die Polizei folgende Angaben: Magnitz sei von mindestens drei Tätern, die dunkel gekleidet gewesen seien und Kapuzen oder Mützen getragen hätten, mit einem unbekannten Gegenstand gegen den Kopf geschlagen worden.

Nun behaupten Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstagabend, Aufnahmen aus Überwachungskameras im Umfeld des Tatorts würden zwei Personen zeigen, die sich dem 66-Jährigen von hinten genähert hätten. Eine dritte Person sei versetzt dahinter gelaufen. Von Vermummung ist hier jetzt nicht mehr nicht die Rede.

Einer der Unbekannten habe das Opfer von hinten geschlagen, woraufhin der Mann gestürzt sei. Der AfD-Bundestagsabgeordnete habe demnach eine stark blutende Kopfverletzung erlitten. Anschließend sei das Trio geflüchtet. „Wir konnten auf dem Videomaterial keinen Einsatz eines Schlaggegenstandes feststellen“, sagte eine Polizeisprecherin. Auch von Fußtritten gegen den Kopf und den Körper ist hier nicht die Rede. Ob die Täter auf dem Videomaterial zu erkennen waren, wollte die Polizei „aus ermittlungstaktischen Gründen“ zunächst nicht sagen.

Der Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft, Frank Passade, sagte mit Blick auf die Videoaufnahmen, die den Überfall angeblich in Gänze zeigen sollen, Magnitz sei am Montagabend in Bremen von einem von insgesamt drei zu sehenden Männern von hinten „angesprungen worden“. Daraufhin sei Magnitz gestürzt und offenbar ungebremst mit dem Kopf aufgeschlagen.

„Wir gehen davon aus, dass die gesamten Verletzungen allein dem Sturz geschuldet sind“Die Täter seien nach dem Angriff sofort weggelaufen, so Passade weiter. Auf der Grundlage der Videos gebe es keine Hinweise, dass auf Magnitz eingetreten worden sei. Schon zuvor hatten die Ermittler mitgeteilt, dass nach Sichtung der Aufnahmen bei der Tat kein Schlaggegenstand verwendet worden sei.

Was stimmt denn hier nicht und was stimmt?

Damit stellen sich etliche Fragen, die nun aufgeworfen werden:

  1. Was stimmt denn nun und wie kam die anfängliche Meldung der Polizei zustande?
  2. Wie kann denn so eine massive Kopfverletzung entstehen, wenn nur von einer Person einmal auf den Kopf geschlagen wurde und das ohne einen harten Gegenstand? Ist es tatsächlich möglich, dass die Wunde durch den Sturz entstand? Wie sollte das möglich sein, wenn die Verletzung sich genau auf der Oberseite des Kopfes befindet? Man fällt doch nicht von mehreren Meter von oben senkrecht nach unten und selbst dann sähe doch die Wunde, wenn man nicht auf eine Unebenheit aufschlägt, ganz anders aus.
  3. Ist die Kopfwunde gar nicht echt? Das lässt sich doch im Krankenhaus von ärztlicher Seite eindeutig feststellen. Auch wodurch die Wunde verursacht sein muss. Warum gibt es dazu keine Aussagen?
  4. Waren die Angreifer vermummt oder nicht?
  5. Was ist mit den Verletzungen, die Magnitz sonst noch angibt, zum Beispiel, dass ihm die ganze Seite weh tut und das Bein? Gibt es diese Verletzungen, gibt es Prellungen etc. oder nicht? Auch das ist doch ärztlich eindeutig feststellbar. Wenn es diese Verletzungen gibt, stammen sie von Fußtritten oder woher sonst?
  6. Werden die Verletzungen und der ganze Sachverhalt von Polizei und Staatsanwaltschauft gezielt runtergespielt oder von der AfD bewusst dramatisiert oder beides? Wo kommt denn die Aussage her, es sei mit einem Kantholz zugeschlagen worden? Wer hat das aufgebracht?

Unweigerlich gewinnt man hier den Eindruck: Irgendetwas passt hier nicht zusammen. Dass Polizei und Staatsanwaltschaft die Tendenz haben könnten, den Vorfall herunterzuspielen, kann sicherlich nicht ausgeschlossen werden. Aber lügen sie auch ganz konkret? Und was ist mit Magnitz und der AfD? Übertreiben und dramatisieren diese, weil sie die Gesellschaft endlich wachrütteln wollen, bleiben somit aber nicht mehr bei einer wahrheitsgetreuen Darstellung dessen, was tatsächlich vorgefallen ist?

Auch Magnitz selbst macht mit seinen Aussagen von gestern und heute keine glückliche Figur

Auffällig ist auch, dass die Parteispitzen, Gauland und Meuthen, Interviews zu dem Fall geben, bei Nachfragen zu Details aber fast immer passen müssen. Man fragt sich, wie hier die innerparteiliche Abstimmung und gegenseitige Information stattfindet. Professionell wirkt das alles nicht so richtig.

Seltsam mutet auch an, dass jemand Montagabend „halbtot geschlagen“ wird, so eine schwere Kopfverletzung davon trägt und am Dienstag ein Interview nach dem anderen gibt, so 1. der dpa, 2. der BILD, 3. der WELT (Telefoninterview),4. RTL (TV-Interview), 5. der FAZ (Telefon-Interview), 6. RT Deutsch (Telefoninterview), 7. WELT (TV-Interview), eventuell noch weitere.

Auch passen die Aussagen von Magnitz irgendwie nicht so richtig zusammen. Einerseits sagt er:

„Was hier passiert ist, das darf man ohne zu dramatisieren als Mordanschlag bezeichnen.“

Andererseits soll er selbst in einem Interview mit der BILD gesagt haben:

„Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber es kann auch ein Raubüberfall gewesen sein.“

Ferner schildert Magnitz einerseits die Tat recht detailliert, sagt aber andererseits, dass er keinerlei Erinnerung an die Tat selbst habe. Die Sekunden vor dem Überfall bis zum Erwachen, als der oder die Klempner ihn weckten und fragten, ob ihm etwas gestohlen worden sei, seien völlig aus dem Gedächtnis gestrichen. Das heißt, Magnitz macht nicht deutlich, wo er a) nur berichtet, was die Handwerker oder andere ihm wiederum berichtet haben, und was er b) selbst wahrgenommen hat.

Er behauptet, die Handwerker hätten ihm gegenüber gesagt, dass es sich bei dem Tatwerkzeug um ein Kantholz gehandelt habe. Wie konnten Sie das aus der Entfernung so genau sehen und auf den Videoaufnahmen sieht man angeblich nichts? Sie hätten zudem erzählt, die drei Täter seien ihm, aus der belebten Straße kommend, gefolgt, seien dunkel gekleidet gewesen und hätten ihre Mützen oder Kapuzen bis tief ins Gesicht gezogen. All das hat die Polizei bisher nicht bestätigt. Es ist nicht einmal klar, ob die Polizei die beiden Zeugen überhaupt vernommen hat. Wenn nein, warum nicht? Warum erfolgen hier keine detaillierten Informationen gegenüber der Öffentlichkeit?

Dass Frank Magnitz überfallen und zusammengeschlagen wurde, dass also ein tätlicher Angriff auf ihn stattfand, bei dem er erheblich verletzt wurde, dürfte absolut unstrittig sein, aber es bleibt vieles offen. Und erneut stellt sich die Frage a) nach der Sorgfalt und Neutralität von Polizei und Staatsanwaltschaft, auch an dem festen Willen, alles genau aufzuklären und die Täter zu fassen, aber auch b) die Frage nach der Professionalität und der inneren Organisation der AfD, die teilweise einen dilettantischen Eindruck hinterlässt. Dazu auch ein Kommentar von Oliver Flesch.

Deutliche Worte von Oliver Flesch

P.S.

Von all dem abgesehen, das Wichtigste zum Schluss: Es ist zu hoffen, dass Frank Magnitz keinerlei gesundheitliche Schäden davon trägt, auch keine psychischen, und dass er so schnell wie möglich genesen wird.

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Titelbild: YouTube-Screenshot

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