Franziskus, der Imam im Vatikan? David Berger und Jürgen Fritz im Gespräch über Religion und den Katholizismus

Von Jürgen Fritz und David Berger, Mi. 27. Mrz 2019

„Muss man eigentlich noch Katholik oder Christ sein, um Papst werden zu können  oder geht das inzwischen auch so?“, habe ich gestern David Berger halb im Spaß, aber doch auch mit einem ernsten Hintergrund gefragt. Und David Berger, ein tief gläubiger Katholik, der natürlich sofort spürte, dass ich mit dieser Frage etwas Essentielles berührt habe, hat prompt geantwortet. Diese seine Antwort sowie meine Replik hierauf sollen Ihnen nicht vorenthalten bleiben.

A. Der Katholik und der „Atheist“

Zunächst ein paar Worte vorab zur Einordnung von David Berger und mir. Jener ist bekanntlich ein bekennender, traditionalistischer Katholik und Thomas-Spezialist, der lange Jahre im Vatikan tätig war. Ich würde mich als metaphysischen, erkenntnistheoretischen und ethischen Realisten bezeichnen, der den philosophisch-wissenschaftlichen Grundsatz, stets die einfachste, plausibelste und widerspruchsfreie Erklärung zu präferieren, tief verinnerlicht hat.

Daraus folgt dann zwangsläufig, dass der Juden-, der Christen- und der Arabergott, sprich die metaphysische Hypothese eines allmächtigen, manchmal zornig-bösartigen, inzwischen aber zumeist gütig-liebenden oder im Falle des Araber-Gottes eines bisweilen, aber eben nur partiell barmherzigen Schöpfers, diesen einfachen Kriterien so wenig genügen, dass sie einfach als nicht glaubwürdig und als menschliche, allzumenschliche Projektionen angesehen werden, die sich aus der seelischen Verfasstheit des Menschen, so wie er nun einmal ist, ergeben. David Berger würde es wohl in kurz in die Worte fassen: ich sei ein Atheist, ich selbst würde das als eine Fremdbezeichnung des götterzentrierten Denkers ansehen.

Der Mensch, das zur Religion begabte Wesen, das aber auch seine eigenen Projektionen als solche erkennen kann

Der Mensch ist aus meiner Sicht das einzig bekannte Wesen, welches dazu fähig ist, ein Jenseits zu denken (und sich das ggf. entsprechend auszumalen, wobei das Ausmalen philosophisch sekundär ist) sowie dieses mit Göttern oder anderen Wesen zu bevölkern oder es auch unbewohnt zu lassen, nur mit abstrakten Kräften zu versehen; außerdem sich vorzustellen, dass diese Götter oder Kräfte ins Diesseits hinein wirken, es durchdringen, mithin der Welt einen tiefen Zauber zu verleihen. Daher konnte Thales (um 600 v. Chr.), der am Beginn der abendländischen Philosophie steht, sagen, „dass alles von Göttern voll sei“, dass „der Kosmos beseelt und voller Gottheiten sei“. Der Mensch hat also die Gabe, Religion zu erfinden, zu erschaffen. Er ist mithin als einzig bekannte Spezie ein von Natur aus zur Religion begabtes Wesen.

Zugleich verfügt er, im fortgeschrittenen Stadium des Mensch-seins, über die Fähigkeit zu durchschauen, was er tut, wenn er von dieser Gabe Gebrauch macht. Er kann mithin sich selbst und seine Projektionen für sich selbst durchsichtig machen und so die von ihm selbst verzauberte Welt wieder entzaubern. Dann aber fehlt ihm etwas – so ganz ohne Zauber. Warum fehlt ihm dann etwas? Eben weil er ein auf diesen Zauber hin angelegtes Wesen ist, so dass etwas in ihm nicht ausgefüllt wird, wenn diese Verzauberung der Welt weggenommen wird.

David Berger, ein zutiefst Verzauberter, der ohne diesen (rückwärtsgewandten) Zauber nicht leben möchte

An der Stelle stehend kann er aber nicht zurück in die Verzauberung, die noch nicht um sich weiß. Der Weg zurück in die Naivität ist für den, der einmal aus ihr herausgetreten ist, für immer verschlossen. Das ist die tiefere Botschaft des Paradies-Vertreibungs-Mythos. Vielleicht muss er also nach vorne gehen und einen neuen Zauber finden, der sich selbst durchsichtig ist, der aber im sich selbst durchschauen sich dabei nicht in Wohlgefallen auflöst.

David Berger ist also aus meiner Sicht ein von diesem Zauber zutiefst Verzauberter, der sich ein Leben ohne diesen gar nicht vorstellen könnte. Insofern hat er aus dieser Perspektive etwas Rückwärtsgewandtes, dieses aber nicht in anderen Bereichen, sondern nur oder primär in der Frage der metaphysischen Gesamtschau auf Gott und die Welt. Und er ist ein Mann der europäischen Philosophie.

Franziskus dagegen ist ein Südamerikaner, bei dem sich die Frage stellt, wie nah ihm die europäische Kultur steht, ob er nicht ein Anhänger der Befreiungstheologie, der „Theologie der Armen und Unterdrückten“ ist mit einer gewissen Nähe zum Sozialismus, dem womöglich der Islam näher steht als die europäische Moderne. Interessant ist nun also, wie der traditionelle europäische Katholik seinerseits auf „seinen“ Papst blickt, den er irgendwie so wenig als den seinen zu empfinden vermag. David Berger hat das Wort. 

B. David Berger: Deine Frage hat einen existentiell-dramatischen Aspekt

Der vorgestrige Baciamano-Skandals von Loreto scheint für Nichtkatholiken nur eine Äußerlichkeit, deren Aufregung lächerlich. Aber er berührt tiefe Seelenschichten gläubiger Katholiken, die sich unter diesem Pontifikat in der vielleicht schwierigsten Situation befinden, in die ein Katholik auf der Ebene des Glaubens geraten kann. Anlässlich der Baciamano-Skandals von Loreto fragt mein Kollege Jürgen Fritz:

„Frage an David Berger, unseren ehemaligen Vatikan-Professor: Muss man eigentlich noch immer Katholik oder wenigstens Christ sein, um Papst werden zu können oder geht das inzwischen auch so? Falls diese alte Regel noch immer gilt und quasi eine conditio sine qua non darstellt, hat Franziskus da was Neues eingeführt im Vatikan? Kannst du uns dieses neue Spiel vielleicht erklären, David? Ich hab das so noch nie gesehen, scheint aber irgendwie witzig zu sein.“

Lieber Jürgen, für einen Nicht-Katholiken klingt das Ganze erst einmal ziemlich lächerlich: Zuerst das Verhalten des Papstes, der in fast neurotisch scheinender Art immer wieder die Hand wegzieht, sich ziert wie eine alte Jungfer, die von übersexualisierten Männerhorden verfolgt wird. Und dann das der Gläubigen, die daraus einen Skandal machen, weil sie sich mit jenen Katholiken von Loreto verbunden fühlen, deren Glaube und Gehorsam gegenüber dem Heiligen Stuhl vom Papst gestern so gedemütigt wurden.

Nach heiligen Päpsten wie Johannes Paul II. ein unvorstellbarer Absturz

Für den Katholiken spielt das Papstamt aber einer enorme Rolle. Ich selbst bin einem Papst begegnet, der inzwischen zu den Heiligen gezählt wird, Papst Johannes Paul II., und einem, der sicher auch die Ehre der Altäre erlangen wird, Papst Benedikt XVI. Ich bekomme noch immer eine Gänsehaut, manchmal auch Tränen in den Augen, wenn ich an diese Begegnungen zurückdenke. Meine Großeltern konnten das von Pius XII. sagen.

Umso krasser erleben wir nun alle den Absturz durch Franziskus: ein Mann mangelnder Intelligenz, ohne jedes Taktgefühl, aber was das Schlimmste ist: der den Eindruck erweckt, als wäre er eben kein Christ oder Katholik mehr – und klandestin (heimlich) längst zum Islam konvertiert. Von daher hat Deine Frage, lieber Jürgen, jenseits des lustigen Aspekts für gläubige Katholiken einen existentiell dramatischen Aspekt.

Was der Papst für Katholiken bedeutet kann man – jenseits von theologischen Grübeleien – an Franz Werfels Roman „Der veruntreute Himmel“ mitfühlen. Hier ein Ausschnitt aus der großartigen Verfilmung, in die Originalszenen einer Audienz mit dem großen Pius XII. hineingeschnitten wurden.

Ein Dilemma – Diese Zurschaustellung seiner „Demut“ ist peinlich

Ein Glaubensabfall des Papstes stellt daher den Katholiken vor ein Dilemma, dem er nicht entkommt, ohne in die Dunkelheit und Traurigkeit der Sünder zu verfallen. Diese dunkele Stunde durchleiden derzeit sehr viele Katholiken. Und mich als Katholiken schmerzt jedes böse Wort, das ich über den derzeitigen Papst schreibe oder spreche.

Aber selbst wenn man es nicht so tragisch sieht, wie ich das als traditionalistischer Katholik sehe, dann bleibt doch die Tatsache, von der der US-Pater Dwight Longenecker angesichts des Baciamano-Skandals spricht:

„Es scheint, dass er bisher noch nicht begriffen hat, das Papstsein nichts mit ihm zu tun hat. Die Tendenz seine Persönlichkeit und seine Meinungen ins Papsttum einfließen zu lassen begannen schon früh mit seiner Ablehnung beim ersten öffentlichen Auftreten auf dem Balkon keine Mozzetta und keine päpstliche Stola zu tragen. Diese Zurschaustellungen seiner »Demut« sind peinlich und zeigen auf (wie der Widerstand gegen Personen, die seinen Ring küssen wollen), dass er sich selbst in den Vordergrund seines Amtes spielt.“

C. Im Gespräch bleiben

Lieber David, vielen Dank für deine Antwort. Ich finde das gut und wichtig, dass wir – ich als Atheist, wie du es bezeichnen würdest, und du als tiefgläubiger traditionalistischer Katholik – hier mit Humor und doch auch mit Ernsthaftigkeit und Tiefgründigkeit im Gespräch bleiben. Für mich zeigt das sehr schön, wie zwei Menschen, die von völlig unterschiedlichen metaphysischen Annahmen ausgehen, wie sie sehr viel größer gar nicht mehr sein könnten, sich gleichwohl sehr gut verstehen, in vielen konkreten Fragen und Einschätzungen zu ganz ähnlichen, oft sogar zu identischen Ergebnissen kommen und sich gegenseitig als Denker, Gesprächspartner und Mensch schätzen können. Das zeigt, was möglich ist, wenn zwei, drei Voraussetzungen gegeben sind: eine gewisse geistige Offenheit und der Wille, sich in den anderen hineinzudenken, sowie ein gewisses Maß an Selbstreflexion, die eigene Position nicht dogmatisch und unkritisch als die absolut richtige anzusehen.

JFB wird an dem Thema Christentum und Katholizismus dranbleiben und wird hierbei – wie auch beim Thema Islam – versuchen, ans Eingemachte zu gehen, dabei mit scharfer Kritik nicht zurückhalten. Und du, lieber, geschätzter David, bist jederzeit eingeladen, mit voller Kraft genauso dagegen zu halten, so dass hier auch auf meiner Seite Lerneffekte und neue Einsichten möglich werden. Deine Beiträge sind hier immer willkommen. Nochmals danke für diesen hier zu Franziskus und seiner Einordnung, vor allem was das in der Gefühlswelt von vielen Katholiken auslöst.

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Teil B dieses Artikels erschien gestern Abend auf Philosophia perennis und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung von PP und dessen Betreiber David Berger.

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Zum Autor: David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Besteller werdende Buch Der heilige Schein über seine Arbeit im Vatikan als homosexueller Mann. Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Homomagazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritk. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die ZeitJunge Freiheit, The European). Seine Bibliographie wissenschaftlicher Schriften umfasst ca. 1.000 Titel.

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Titelbild: YouTube-Screenshot

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