Die fehlerhafte Kopplung von Gott und gut

Von Jürgen Fritz, Fr. 19. Apr 2019

Der Grundfehler der monotheistischen Göttergläubigen war und ist der, das Gute an ihren jeweiligen Gott zu koppeln, quasi die Fortführung der frühkindlichen Moralvorstellung, gut sei, was der Papa sagt und tut, nicht weil er das Gute eher zu erkennen vermag – dann gäbe es ja einen Begriff von gut jenseits des Vaters, auf den er dann blicken könnte, einen solchen Begriff von gut hat das Kleinkind aber gerade noch nicht -, sondern einfach weil es der Papa sagt, der mithin als die Quelle von Moralität fehlinterpretiert wird (Stufe 1 von 6 der Moralentwicklung nach Kohlberg).

Diskriminierung der Vernunft und Unterdrückung des freien Denkens und Redens

Diese Fehlvorstellung, gut an einen personenhaften Gott zu koppeln, hatte weitreichende Folgen. Zum einen wurde dadurch die Vernunft, also das, was den Menschen gerade erst konstituiert, diskriminiert, was wiederum die geistige Entwicklung hemmt, wenn nicht gar zu einem Regress führt. Der neuzeitliche geistige Fortschritt in Europa setzte just da ein, wo eine zunehmende Befreiung der Vernunft stattfand, eine Befreiung des Denkens von Dogmen, die mit der Rückbesinnung (Renaissance) auf die griechisch-römische Antike einherging, welche noch unbefleckt war von der monotheistischen Geißelung und Deformation.

Die Gewalt ist dem Monotheismus immer schon inhärent

Zum zweiten war durch die (zumindest teilweise) Abkoppelung von der Vernunft dem Missbrauch durch sogenannte Propheten (nicht selten Hochstapler oder verblendete Fanatiker) Tür und Tor geöffnet. Wo dieser Missbrauch zum persönlichen Nutzen am schlimmsten stattfand, mag ein jeder für sich überlegen. Die gesamte Menschheitsgeschichte zeigt, wenn das Gute an eine Person gekoppelt wird, den Über-Papa, dann wird immer einer kommen, der behauptet, er sei dessen Lieblingskind und der Papa habe ihn „auserwählt“ über alle andere zu herrschen. Wehe dem, der sich widersetzt!

Mit ihm kann alles gemacht werden, denn er widersetzt sich ja dem Willen des Über-Papas und der wurde mit dem Guten selbst gleichgesetzt. Er widersetzt sich mithin dem Guten selbst. Solchen Menschen wurde seit es den Über-Papa in der Vorstellungswelt von Menschen gibt, von der ersten Stunde an Schreckliches angetan, siehe was Moses als erstes machte, als er vom Berg Sinai zurückkam, wo er die Zehn Gebote des Über-Papas entgegengenommen hatte und siehe Jan Assmans großartige Arbeit „Monotheismus und Gewalt“.

Stirbt Gott, so stirbt für die Kleingläubigen das Gute mit ihm

Zum dritten passiert aber durch die fehlerhafte Kopplung von Gott und gut folgendes. Sobald ein Feuerbach, Nietzsche, Freud oder sonst ein schlauer Kopf kommt, der die Gottesprojektion in Stücke haut, geht damit zugleich das Gute als eigenständige ontologische Größe verloren, denn es war ja fest an den zerschlagenen Gott gekoppelt. Wenn ihr Gott stirbt, stirbt also für diese Kleingläubigen das Gute mit ihm.

Dies ist besonders schön zu sehen bei Literaten wie Fjodor Michailowitsch Dostojewski, beispielsweise in seinem großartigen Roman „Die Brüder Karamasow“ oder aktuell in Michel Houellebecq, der eine ganz feines Näschen hat für die Bedrohungen unserer Kultur, darauf aber mit absoluter Phantasielosigkeit zu antworten versucht, indem er den Katholizismus reaktivieren möchte, der ja dieses ganze Dilemma erst heraufbeschwor.

Die Folgen sehen wir seit über hundert Jahren. Denn damit treten nun viele Menschen in eine Phase der völligen Orientierungslosigkeit ein. Just das erleben wir seit langem in der aufgeklärten Welt. Das Schlechte war aber nicht die Aufklärung – das können jene Kleingläubigen natürlich nicht sehen, weil sie ja nichts anderes kennen als ihre von klein auf eingetrichterte Kopplung -, sondern das Schlechte war schon im Anfang, nämlich in der fehlerhaften Kopplung von Gott und gut (Stufe 1 bei Kohlberg).

Nietzsches blinder Fleck

Das war übrigens auch der Denkfehler von Nietzsche, diesem klugen, sensiblen und irren Kopf, der noch immer in diesem Schema gefangen blieb, was ihn vielleicht mit in den Wahnsinn trieb. Er zerschlug die Gottesvorstellung, weil er diese ganze abgrundtiefe Verlogenheit all der Pharisäer, denen es gar nicht mehr um das Gute selbst ging, sondern nur noch um ihren Gott und die Vorteile, die sie aus ihm für sich persönlich schlagen konnten, wie kaum ein anderer durchschaute.

Wahrscheinlich war er hypersensibel, eine furchtbare Last in dieser groben Welt. Er zerschlug damit aber zugleich das Gute selbst, weil er noch nicht fähig war, die Koppelung aufzuheben. Das ist Nietzsches blinder Fleck. Somit blieb er zurück mit nichts in den Händen (Nihilismus) und versuchte dann in seiner ihm eigenen Genialität, aus dem Nichts etwas Großes zu basteln. Aber selbst der größte Künstler vermag natürlich aus dem Nichts weniger zu machen als der etwas weniger große aus etwas, ja aus dem Guten selbst.

Die Lösung

Wie weiter also? Die Lösung wäre im Grunde ganz einfach, ist aber doch unendlich schwer, weil die seit Jahrtausenden so Geformten nicht mehr fähig sind, diese fehlerhafte Kopplung, die sich quasi in ihr Innerstes förmlich eingebrannt, die sich bis ins Innerste der Zwiebel hinein gefressen hat, zu lösen. Die – jetzt in doppeltem Wortsinn – Lösung wäre, zum Guten zurückzufinden, dieses aber zuvor von allen Göttern zu trennen.

Die alten Griechen und Römer, wohl auch die Germanen und andere, haben nie eine solche fixe Koppelung vorgenommen. Ihre Götterbilder waren sehr viel differenzierter, ihre Götter menschlicher, nicht frei von Fehlern und Makeln. Wer diese feste Koppelung ersann und sich selbst zugleich als die auserwählten Kinder postulierte, dürfte bekannt sein. Diese Ideen kommen nicht aus Europa, kommen nicht aus dem Abendland. Sie sind aus dem Morgenland nach Europa immigriert und nun kommen millionenfach solche nach, die von dieser furchtbaren Kopplung vielfach wie besessen sind und überhaupt nichts anderes kennen.

Was fehlt, ist die Liebe zur Vernunft, insbesondere zur Ethik

Um zum Guten selbst zu gelangen, wäre also zuerst die Auflösung dieser starren Verbindung Gott – gut vonnöten. Just dazu sind aber die Abendländer in ihrer großen Mehrheit nicht mehr fähig (und bestimmte Morgenländer natürlich noch viel weniger), da sie quasi über Jahrtausende anders geformt (deformiert?) wurden und weil ihre Reflexions- und Vernunftfähigkeit auf Grund der Diskriminierung der Vernunft, die auch bei den Nichtreligiösen nachwirkt und durchschlägt, meist nicht sehr stark entwickelt ist.

Was in der Breite fehlt, ist die höchste Hochschätzung der Vernunft, die Liebe zu ihr und zwar der theoretischen, schauenden, erkennenden, wie auch der praktischen, auf das Handeln bezogenen, also der Ethik, der Reflexion über Moral, dem Nachdenken über gut und böse mit dem Ziel eben dadurch, weil man sich durch dieses Nachdenken natürlich zugleich selbst für das Gute sensibilisiert, zu einem besseren, gerechteren Menschen zu werden. Aussehen (Traumberuf: Model), Sportlichkeit und Körperbeherrschung, Schauspiel- oder Gesangeskunst, Geld und Macht und dergleichen mehr stehen sehr viel höher im Kurs.

Die Abendländer, die keine solche mehr sein wollen und die unfähig sind, diese Entkoppelung vorzunehmen

All das oben Genannte fehlt weitgehend, die Abendländer sind inzwischen trotz Aristoteles, trotz Kant, trotz Schopenhauer weitgehend fast schon genau so große ethische Analphabeten geworden wie die, die jetzt massenweise zu uns dazu stoßen und hierfür noch weniger Sinn mitbringen. Somit sind aber auch die Abendländer, die zumeist gar keine solche mehr sein wollen, sondern einfach nur „Menschen“, nicht imstande, diesen Zusammenhang, insbesondere die fehlerhafte starre Kopplung von Gott und gut zu durchschauen, was erfordern würde, ins Innerste ihrer eigenen (sterblichen) Seele zu blicken.

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Titelbild: YouTube-Screenshot aus Die Zehn Gebote

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