Alle Tennisspieler des Jahres in der Open Era von 1968 bis 2019

Von Jürgen Fritz, Fr. 15. Nov 2019, Titelbild: Rafael Nadal by Movistar

Seit gestern Abend steht fest: Rafael Nadal wird am Jahresende die Nr. 1 der Welt und damit zum fünften Mal Spieler des Jahres sein. Somit zieht er mit Federer und Djokovic gleich. Nur einer schaffte es in der Open Era seit 1968 öfters die Weltrangliste am Jahresende anzuführen: Pete Sampras. Berücksichtigt man jedoch auch die Plätze 2 und 3 am Jahresende, Silber und Bronze quasi, so ergibt sich ein eindeutiges Bild. Dann zeigt sich nämlich: die drei Größten der Open Era sind, genau wie bei der Anzahl der Grand Slam-Titel: Federer, Nadal und Djokovic.

A. Die Zeit vor 1968

Bis zum Frühjahr 1968 waren Profis bei den meisten Turnieren, insbesondere den vier wichtigsten, den Grand Slams (A) nicht spielberechtigt. Es waren reine Amateurveranstaltungen. Bereits 1920 führte der internationale Tennisverband ILTF eine Regelung an, die jegliche Einkünfte, oder auch allgemein die Erlangung sonstiger Vorteile, für einen Spieler in Zusammenhang mit seiner Sportart untersagte. Die Spieler konnten von nun an lediglich Ersatz für Reisekosten und Spesen bei Turnieren geltend machen und das zunächst auch nur für acht Wochen eines Jahres.

Ursprünglich verband man mit dem Begriff des Amateurs die Vorstellung eines idealtypischen Sportlers, der seinen Sport nicht aus finanziellen oder sonstigen Erwägungen, sondern allein aus der Liebe zum Sport heraus betreibt. Faktisch zielte die Unterteilung jedoch darauf ab, Angehörige der unteren Schichten von Vereinen und Turnieren fernzuhalten. Ein Amateur war ein Synonym für einen Gentleman, einen Angehörigen der gehobenen Mittel- und Oberschicht. Dem gegenüber stand der Professional aus einer unteren Schicht, der seinen Lebensunterhalt durch manuelle Arbeit bestreiten musste, also beispielsweise ein einfacher Handwerker oder Arbeiter. Dabei war man sich durchaus bewusst, dass der Professional den Amateur schlagen konnte, jedoch wurde ein solcher Wettkampf als „ungentlemanlike“ und damit unfair abgelehnt.

Fred Perry wurde nach seinem Wechsel ins Profi-Lager 1935 sogar die Ehrenmitgliedschaft im All England Club entzogen. Pauline Betz beschrieb, dass sie nach ihrem Übergang zu den Berufsspielern im Jahre 1947 vom internationalen Tennisverband regelrecht kriminalisiert wurde. Der Wechsel ins Profi-Lager galt als schlimmstes Vergehen, dessen sich ein Spieler überhaupt schuldig machen konnte.

Gleichwohl wechselten viele erfolgreiche Spieler gegen Ende ihrer Karriere mit mehreren Grand-Slam-Siegen im Gepäck ins Profi-Lager, so beispielsweise Bill Tilden, Suzanne Lenglen und Fred Perry, später unter anderem auch Jack Kramer und Pauline Betz. Pancho Gonzales, der aus sehr einfachen Verhältnissen stammte, und 1948 und 1949 mit 20 und 21 Jahren seine ersten Grand Slam-Titel errang, wechselte sogar schon ein Jahr später, 1950, ins Profilager und war ab dann bis 1968 bei allen großen Turnieren für Amateure 18 Jahre lang nicht mehr spielberechtigt. Insofern ist die Zeit bis Frühjahr 1968 nicht ohne weiteres mit der Zeit danach zu vergleichen.

B. Der Beginn der Open Era

Als erstes offenes, also sowohl für Amateure als auch professionelle Spieler zugelassenes Turnier, wurden ab dem 22. April 1968 die British Hard Court Championships in Bournemouth ausgetragen. Sieger dieses Sandplatzturniers wurde der Australier Ken Rosewall, einer der größten Spieler der Vor-Open-Era-Zeit und überhaupt einer der größten Spieler aller Zeiten. Rosewall wurde mit seinem anschließenden Triumph in Paris (Roland Garros) auch erster Grand-Slam-Turniersieger der Open Era. Insgesamt wurden im Jahr 1968 zwölf offene Turniere ausgetragen.

1973 wurde dann das ATP-Ranking, die 52-Wochen-Weltrangliste, eingeführt, die lange Zeit aber noch nicht so genau war wie heute und immer weiter verfeinert wurde. Gleichwohl war es nun wesentlich leichter möglich, die Spieler bezüglich ihrer Leistungsstärke direkt auf einen Blick zu vergleichen. Das ATP-Ranking ist insofern das wichtigste, aber nicht das alleinige Kriterium für die folgende Aufstellung. Genaueres hierzu siehe: World number 1 ranked male tennis players.

C. Alle Spieler des Jahres von 1968 bis 2019

Im folgenden ist für jedes Jahr angegeben, wer der beste Spieler des Jahres war (fettgedruckt), wer der zweitbeste war und wer der drittbeste. In manchen Jahren waren zwei oder manchmal auch drei Spieler nahezu gleich stark, so dass keine eindeutige Entscheidung möglich ist. In diesen Fällen werden die Spieler mit einem Schrägstrich getrennt direkt nebeneinander geschrieben.

Zu Beginn der Open Era

1968: Laver – Ashe – Rosewall
1969: Laver – Roche – Newcombe

Spieler des Jahrzehnts der 1970er Jahre: Björn Borg und Jimmy Connors

1970: Laver / Rosewall – Newcombe; (Laver und Rosewall jeweils 0,75 Punkte)
1971: Smith / Newcombe – Rosewall; (Smith und Newcombe jeweils 0,75 Punkte)
1972: Smith – Nastase – Rosewall
1973: Nastase – Newcombe – Connors / Smith; (Connors und Smith jeweils 0,15 Punkte)
1974: Connors – Newcombe / Vilas; (Newcombe und Vilas jeweils 0,4 Punkte)
1975: Ashe – Borg / Connors / Orantes; (Borg, Connors und Orantes jeweils 0,27 Punkte)
1976: Connors – Borg – Nastase
1977: Borg / Vilas – Connors; (Borg und Vilas jeweils 0,75 Punkte)
1978: Borg – Connors – Vilas / McEnore / Gerulaitis (Vilas, McEnore, Geralaitits 0,1 Punkte)
1979: Borg – McEnroe – Connors

Spieler des Jahrzehnts der 1980er Jahre: Ivan Lendl und John McEnroe

1980: Borg – McEnroe – Connors
1981: McEnroe – Borg – Connors / Lendl
1982: Connors – Lendl – McEnroe
1983: McEnroe – Wilander – Lendl / Connors (Lendl und Connors je 0,15 Punkte)
1984: McEnroe – Lendl – Connors
1985: Lendl – Wilander / McEnroe (Wilander und McEnore je 0,4 Punkte)
1986: Lendl – Becker – Wilander
1987: Lendl – Edberg / Wilander (Edberg und Wilander je 0,4 Punkte)
1988: Wilander – Lendl – Agassi / Becker (Agassi und Becker je 0,15 Punkte)
1989: Becker – Lendl – Edberg

Spieler des Jahrzehnts der 1990er Jahre: Pete Sampras

1990: Edberg – Lendl / Agassi (Lendl und Agassi je 0,4 Punkte)
1991: Edberg – Courier – Becker
1992: Courier – Edberg – Sampras
1993: Sampras – Stich – Courier
1994: Sampras – Agassi – Becker
1995: Sampras – Agassi – Muster
1996: Sampras – Chang – Kafelnikov / Ivanisevic (Kafelnikov, Ivanisevic je 0,15 Punkte)
1997: Sampras – Rafter – Chang
1998: Sampras – Rios – Rafter / Corretja (Rafter und Corretja je 0,15 Punkte)
1999: Agassi – Kafelnikov / Sampras (Kafelnikov und Sampras je 0,4 Punkte)

Spieler des Jahrzehnts der 2000er Jahre: Roger Federer

2000: Kuerten – Safin – Sampras
2001: Hewitt – Kuerten – Agassi
2002: Hewitt – Agassi – Safin
2003: RoddickFederer – Ferrero
2004: Federer – Roddick – Hewitt
2005: FedererNadal – Roddick
2006: FedererNadal – Davydenko
2007: Federer NadalDjokovic
2008: Nadal – FedererDjokovic
2009: FedererNadalDjokovic

Spieler des Jahrzehnts der 2010er Jahre: Novak Djokovic

2010: Nadal – FedererDjokovic
2011: DjokovicNadalFederer
2012: DjokovicFederer – Murray
2013: Nadal – Djokovic – Ferrer / Murray
2014: DjokovicFedererNadal
2015: Djokovic – Murray – Federer
2016: MurrayDjokovic – Raonic
2017: NadalFederer – Dimitrov
2018: DjokovicNadalFederer
2019: NadalDjokovicFederer

D. Gesamtranking der Open Era von 1968 bis 2019

Wenn wir nun für die jeweilige Nr. 1 eines jeden Jahres einen Punkt vergeben, 0,5 Punkte für die jeweilige Nr. 2 und 0,3 Punkte für die jeweilige Nr. 3 (wenn zwei Spieler auf 1 sind, dann jeder 0,75 Punkte, wenn zwei Spieler auf Nr. 2 sind, dann jeder 0,4 Punkte, wenn drei Spieler auf Nr. 3 sind, dann jeder 0,1 Punkte usw.), dann ergibt sich folgendes Gesamtranking (in Klammern jeweils die Anzahl der Jahre als Nr. 1 – Nr. 2 – Nr. 3 am Jahresende):

Die Top-Ten von 1968 bis 2019

  1. Roger Federer: 9,2 Punkte (5 – 6 – 4) – 15 Jahre in den Top 3 
  2. Rafael Nadal: 8,3 Punkte (5 – 6 – 1) – 12 Jahre
  3. Novak Djokovic: 7,7 Punkte (5 – 3 – 4) – 12 Jahre
  4. Pete Sampras: 7,0 Punkte (6 – 0,5 – 2,5) – 9 Jahre
  5. Ivan Lendl: 5,7 Punkte (3 – 4,5 – 1,5) – 10 Jahre
  6. Jimmy Connors: 5,3 Punkte (3 – 1,33 – 5,33) – 12 Jahre
  7. Björn Borg: 5,0 Punkte (3,5 – 2,83 – 0,33) – 7 Jahre
  8. John McEnroe: 4,8 Punkte (3 – 2,5 – 1,83) – 7 Jahre
  9. Andre Agassi: 3,4 Punkte (1 – 3,5 – 2) – 7 Jahre
  10. Stefan Edberg: 3,2 Punkte (2 – 1,5 – 1,5) – 5 Jahre

Pete Sampras war zwar sechsmal am Jahresende die Nr. 1, einmal öfters als Federer, Nadal und Djokovic, er war aber nur neunmal am Jahresende unter den drei Besten, Federer dagegen 15 mal, Nadal und Djokovic 12 mal. Und Sampras war nur maximal einmal, wenn überhaupt, der zweitbeste Spieler des Jahres, mithin „nur“ sechs- bis siebenmal die Nr. 1 oder die Nr. 2. Federer und Nadal dagegen waren elfmal am Saisonende die Nr. 1 oder die Nr. 2.

Die Anzahl der Jahre als Nr. 1, Nr. 2 oder Nr. 3 dürfte nach der Anzahl der Grand Slam-Titel (A) das wichtigste Kriterium bei der Frage sein, wer die größten Tennisspieler aller Zeiten waren. Auch hier führen Federer (20), Nadal (19) und Djokovic (16) vor Pete Sampras (14).

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