Coronavirus verbreitet sich immer schneller: Es drohen Ausgangssperren

Von Jürgen Fritz, Do. 19. Mär 2020, Titelbild: Worldometers-Screenshot

In Italien wird die Ausgangssperre verlängert. Die Zahl der Todesfälle durch das Coronavirus ist dort auf fast 3.000 gestiegen. Allein gestern kamen laut den Behörden in Rom fast 500 Fälle hinzu (475), die an den Folgen ihrer Coronavirus-Infektion gestorben seien, weltweit ein neuer trauriger Rekordwert. Aber auch in Deutschland gelingt es bisher nicht, die rasante Verbreitung des Virus zu stoppen oder merklich aufzuhalten. Zwar gab es hier, Stand gestern Abend, zum Glück erst 28 Tote, aber heute kamen bereits 14 dazu und die Zahl der dokumentierten Infektionen schnellte gestern um fast 3.000 Neuinfizierte auf nun über 12.300 insgesamt an und heute schon auf ca. 14.000.

Besonders hart betroffen: der Kreis Heinsberg in NRW

Wie das Gesundheitsamt Heinsberg mitteilt, gibt es drei weitere Tote in dem Kreis in NRW. In allen drei Fällen sei die Todesursache eine Lungenentzündung gewesen, bedingt durch die Coronavirus-Infektion. Es handelt sich demnach um zwei am Dienstag im Krankenhaus Heinsberg verstorbene Männer im Alter von 87 Jahren (aus Heinsberg) und 83 Jahren (aus dem Selfkant). Eine 85-jährige Frau (aus Heinsberg) sei am Mittwoch im Uniklinikum Aachen verstorben.

Alle drei infizierten Personen waren durch Vorerkrankungen bereits belastet, heißt es weiter. Aktuell gebe es im Kreis Heinsberg 840 bestätigte Infektionen mit dem Coronavirus abzüglich 33 wieder genesenen Personen. Insgesamt seien in diesem Zusammenhang neun Todesfälle im Kreis Heinsberg zu beklagen, also fast ein Drittel aller Todesfälle in ganz Deutschland.

Absolut gesehen hat das riesige NRW die meisten Infizierten, doch bezogen auf die Bevölkerung Hamburg und Baden-Württemberg

Bei den Bundesländern liegt zwar absolut gesehen NRW noch immer vor allen anderen Bundesländern mit Stand gestern über 4.200 Infektionen, bezogen auf die Einwohnerzahlen hat aber Hamburg sich die letzten Tage an die Spitze gesetzt vor Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.

Hier die zum Stand gestern Abend, den 18.03.2020, bzw. heute morgen gemeldeten Zahlen der Gesundheitsministerien der Länder:

  1. Nordrhein-Westfalen: insgesamt 4.268 Infizierte (16 Todesfälle, besonders betroffen: der Landkreis Heinsberg) 
  2. Baden-Württemberg: 2.184 (8 Todesfälle)
  3. Bayern: 1.798 (7 Todesfälle)
  4. Niedersachsen: 740
  5. Rheinland-Pfalz: 608
  6. Hessen: 547 (1 Todesfall)
  7. Berlin: 519
  8. Hamburg: 414 (1 Todesfall)
  9. Sachsen: 296
  10. Schleswig-Holstein: 196 (1 Todesfall)
  11. Brandenburg: 171
  12. Saarland: 169
  13. Sachsen-Anhalt: 133
  14. Mecklenburg-Vorpommern: 100
  15. Thüringen: 87
  16. Bremen: 75

Insgesamt (Stand 18.03.2020, abends): über 12.300 (bis gestern 28 Tote, zu denen heute bis 16 Uhr schon 14 dazukamen, mindestens 105 Geheilte).

Das Virus verbreitet sich in Deutschland mit ständig zunehmender Geschwindigkeit aus

Leider ist kaum erkennbar, dass das exponentielle Verbreitung des Virus gestoppt worden wäre bisher.

Total Caces Germany

In der logarithmischen Darstellung können wir sogar erkennen, dass nicht nur eine ständig sich beschleunigende Verbreitung stattfindet, sondern dass nicht einmal die Beschleunigung abnimmt, was höchst besorgniserregend ist:

Total Caces Germany - logarithmisch

Ausgangssperren werden in Deutschland immer wahrscheinlicher

Im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus haben nun gleich mehrere Ministerpräsidenten mit einer Ausgangssperre gedroht, so in Bayern heute Markus Söder (CSU) nun ganz konkret  für den ganzen Freistaat:

„Wenn sich viele Menschen nicht freiwillig beschränken, dann bleibt am Ende nur die bayernweite Ausgangssperre als einziges Instrumentarium, um darauf zu reagieren. Das muss jedem klar sein.“

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat heute bei einer Sondersitzung des Landtags eindringlich an die Bürger appelliert, sich an die Einschränkungen zur Eindämmung des grassierenden Coronavirus zu halten – und schärfere Maßnahmen bei Zuwiderhandlung in Aussicht gestellt. Man wolle ein solches Verbot vermeiden. Aber wenn sich die Bürger nicht an die neuen Regelungen hielten, werde es wohl kommen:

„An die Vorgaben muss sich jeder halten. Es kann nicht sein, dass jetzt junge Leute zu Corona-Partys rennen. Wenn nicht alle ihr Verhalten grundlegend umstellen, dann kommen wir um härtere Maßnahmen und Sanktionen nicht herum.“

Auch im Saarland könnte bald eine Ausgangssperre kommen. Nach den Worten des saarländischen Ministerpräsidenten Tobias Hans (CDU) muss jeder sein Leben einschränken und diszipliniert sein, sagte Hans den Zeitungen der Essener Funke Mediengruppe:

„Doch unsere ersten Erfahrungen zeigen, dass sich viele Menschen nicht an unsere Vorgaben halten und weiterhin die Gefahr auf die leichte Schulter nehmen. Sollten sich weiterhin viele nicht an unsere Auflagen halten, bleibt nur eine schnelle und harte Ausgangssperre als Instrument.“

Tirol erlässt Quarantäneverordnungen, im Iran steigen die Infizierten- und Todesfälle weiter drastisch an

Tirol greift in der Corona-Krise währenddessen nun endlich hart durch und erlässt für jede einzelne der 279 Tiroler Gemeinden Quarantäneverordnungen. Tirols Landeschef Günther Platter teilte gestern Abend mit:

„Das bedeutet: Die Gemeinde darf nur dann verlassen werden, wenn es um die Deckung der Grundversorgung geht, um die Daseinsvorsorge oder um zur Arbeit zu kommen – und dann nur zum nächstgelegenen Ort.“

Im Iran sind mittlerweile 1.284 Menschen infolge des Coronavirus gestorben. Sowohl gestern als auch heute seien jeweils binnen 24 Stunden fast 150 Menschen der Krankheit erlegen, teilt das Gesundheitsministerium mit. Die Zahl der Infektionsfälle steigt heute um mehr als tausend auf nun über 18.400 (vergleiche zum Stand gestern oben in der Tabelle im Titelbild, als es noch 17.361 waren).

In China wurden dagegen zum ersten Mal seit dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus Anfang Januar landesweit keine lokalen Neuinfektionen gemeldet. Sogar in der am schwersten betroffenen Stadt Wuhan soll es keine neuen Fälle gegeben haben.

Allerdings steigt im Reich der Mitte die Angst vor einer möglichen zweiten Ausbreitungswelle, jetzt einer importierten. Denn die Zahl der Infizierten, die aus dem Ausland zurück in die Volksrepublik kamen, sei gestiegen. Wie die Pekinger Gesundheitskommission heute mitteilt, wurden 34 neue „importiere Fälle“ registriert, also Erkrankungen, die bei Menschen auf der Einreise nach China nachgewiesen wurden. Es war der bisher höchste Anstieg von Erkrankten, die aus dem Ausland eingereist waren.

In Italien explodieren die Zahlen der Todesfälle, ganz besonders in Bergamo

Am schlimmsten hat es aber Italien erwischt, welches gestern Abend schon über 35.000 Infizierte meldete. Rund die Hälfte der Fälle entfällt dabei auf die Region um Bergamo, Die 120.000 Einwohner zählende Stadt liegt etwa 50 Kilometer nordöstlich von Mailand am Fuß der Alpen an der Grenze zur Po-Ebene. Bergamo ist besonders schwer von der Coronavirus-Pandemie betroffen. Die Stadt muss Särge mit Toten aus der Stadt bringen lassen, weil die Leichenhäuser überfüllt sind. Viele Mitarbeiter der Krankenhäuser haben sich angesteckt.

Auf  Videos aus dem Stadtzentrum  ist zu sehen, wie eine Kolonne von Militärtransportern Särge mit Toten aus der Stadt abtransportiert. Ein Armeesprecher bestätigte heute, dass 15 Laster und 50 Soldaten nach Bergamo abkommandiert wurden, um Särge in benachbarte Provinzen zu bringen.

„Sorgt dafür, dass sich die Leute nicht mehr treffen, sondern auf Abstand gehen“

Die Lage in der Stadt sei immer noch „sehr kritisch“, sagt Bürgermeister Giorgio Gori. Die Zahl der Infizierten steige konstant. „Leider sterben viele Pflegebedürftige wegen der Epidemie“. Die Berichte aus den Krankenhäusern seien „erschütternd“, auch viel notwendiges Material fehle.

An seine Bürgermeisterkollegen in Deutschland hat Gori einen Rat: „Sorgt dafür, dass sich die Leute nicht mehr treffen, sondern auf Abstand gehen. Nutzt die Zeit gut, die ihr noch zur Verfügung habt“, so der der Bürgermeister von Bergamo. Italien sei „leider ein Modell“ für Europa. „Jetzt müssen auch andere realisieren, dass sie nicht länger ausgehen und tanzen können, sondern harte Maßnahmen ergreifen können“, sagte Gori dem SPIEGEL.

In Italien ist die Zahl der Todesfälle durch Covid-19 gestern um 475 Fälle auf insgesamt jetzt 3.000 angestiegen und heute dürfte hunderte dazukommen. Fast 500 Tote an einem Tag, das sei die höchste Zahl an Todesfällen in einem Land an innerhalb von 24 Stunden seit dem Beginn der Viruskrise im vergangenen Dezember.

Die Gesellschaften werden jetzt enger zusammenrücken

Doch es gibt auch Stimmen, die Mut machen, so der 93-jährige italienische Soziologe Franco Ferrarotti.

„Ich glaube, wenn die Krise vorbei ist, werden wir eine enorme Wiederkehr von Lebensfreude und Lust am Wiederaufbau erleben. Ähnlich wie am Ende des Krieges wird es in ganz Europa eine unglaubliche Explosion an Lebensfreude geben.“

Der emeritierte Professor gilt als Vater der italienischen Soziologie. Der derzeitige Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus sei eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft – aber auch eine Chance.

„Das wird eine grundlegende, positive Erfahrung von Leben sein, gemeinsam die Krise durchzustehen. Für Europa, und, ich würde sagen, für die gesamte Menschheit.“

Krisenerfahrungen, sagt Ferrarotti, führten dazu, dass Gesellschaften enger zusammenrücken. Und dass sie aus dieser Phase neue Kraft schöpften – ungeachtet aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Angst ja, aber keine Panik, stattdessen Solidarität

Gianluca Castelnuovo, einer der bekanntesten Psychologen Italiens, der an der Universität Cattolica in Mailand lehrt, schaut ebenfalls mit Zuversicht nach vorne.

„Aus psychologischer Sicht wird danach eine große Lust da sein, wieder loszulegen. Zu arbeiten und zu feiern. Die zweite Jahreshälfte wird voll sein mit beruflichen Terminen, mit sozialen Ereignissen, mit Konzerten, mit der Lust auszugehen. Es wird diesen Sprungfeder-Effekt geben. Wir wollen dann in die Welt schreien, dass wir zurück sind nach diesem hässlichen Abenteuer.“

Um dieses Abenteuer gemeinsam zu überstehen, sagt Castelnuovo, sei Optimismus psychologisch genauso notwendig wie Angst:

„Es ist wichtig, eine gewisse Dosis Angst zu haben. Angst um sich selbst und um die anderen. Also das Bewusstsein, selbst krank werden, aber auch andere, die vielleicht schwächer sind, anstecken zu können. Diese Angst ist notwendig, aber sollte nicht in Panik abgleiten, sondern zu reflektierten, vernünftigen Entscheidungen führen.“

Und Franco Ferrarotti meint, die Italiener seien in der Coronavirus-Krise dabei, die Grenzen ihres extremen Individualismus zu erkennen und den Wert der Solidarität wiederzuentdecken. Dies, so der 93-jährige Wissenschaftler, tauge als gutes Beispiel auch für andere.

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