Zwei neue Autopsien belegen: George Floyd wurde gemeinschaftlich erstickt

Von Jürgen Fritz, Mi. 03. Jun 2020, Titelbild: NBC-Screenshot

Die USA kommen nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd nicht zur Ruhe. Das US-Militär hat inzwischen rund 1.600 Soldaten auf Militärstützpunkte rund um Washington verlegt, um die Sicherheitskräfte in der Hauptstadt angesichts der anhaltenden Proteste bei Bedarf unterstützen zu können. Nun liegen zwei Autopsie-Berichte vor, die bestätigen, dass George Floyd durch von der Polizei angewendete Gewalt ums Leben kam. Der Mann wurde völlig hilflos, auf dem Rücken gefesselt auf der Straße liegend regelrecht erstickt und zwar von mehreren Polizisten.

Die Proteste in den USA reißen nicht ab

Rund 1.600 Soldaten hat das US-Militär hat nach eigenen Angaben auf Militärstützpunkte rund um Washington verlegt, um die Sicherheitskräfte in der Hauptstadt angesichts der anhaltenden Proteste bei Bedarf unterstützen zu können. Die Militärpolizisten und Infanteristen stünden bereit, um gegebenenfalls unterstützend einzugreifen, erklärte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Dienstagabend (Ortszeit). Minister Mark Esper habe die Verlegung der Soldaten angeordnet, hieß es weiter. Der Präsident selbst hatte am Montag angekündigt „abertausende“ Soldaten des US-Militärs einsetzen zu wollen, um Ausschreitungen am Rande der friedlichen Proteste nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd einen Riegel vorzuschieben.

Besonders brisant ist in dieser Situation, was nun gleich zwei neue Autopsie-Berichte zu Tage förderten. Der offizielle Gerichtsmediziner hatte zunächst auf Grundlage vorläufiger Erkenntnisse gemutmaßt, dass Vorerkrankungen mitverantwortlich gewesen seien für den Tod des 46-jährigen George Floyd. Doch nun liegen gleich zwei Autopsie-Berichte vor, die zu einem anderen Ergebnis kommen. Doch zunächst zu den Fakten, soweit bisher bekannt.

Die derzeitige Faktenlage

Fakt Nummer eins: Bei dem Polizeieinsatz in Minneapolis am Montag, den 25. Mai 2020, hatte einer der vier beteiligten Beamten, der weiße Polizist Derek Chauvin, George Floyd fast neun Minuten lang sein Knie in den Nacken gestemmt. Etliche Bitten des völlig wehrlos am Boden Liegenden (und auch umstehender Passanten) das Knie vom Nacken-Hals-Bereich herunter zu nehmen, ignorierte er.

GF1

Fakt Nummer zwei: Zugleich kniete ein zweiter Polizist auf Floyds Rücken und ein dritter fixierte seine Beine, so dass der festgenommene und mit Handschellen auf dem Rücken gefesselte Afroamerikaner sich überhaupt nicht mehr rühen konnte. (Eventuell kniete der dritte Beamte sogar auch teilweise auf dem Rücken des Verahfteten.)

Drei Polizisten auf GF (2)

Fakt Nummer drei: Videoaufnahmen zeigen, dass Floyd fast neun Minuten lang so fixiert wurde, ihm fast neun Minuten lang das Knie von Derek Chauvin in den Nacken gedrückt wurde, die beiden anderen Polizisten mit halfen, den den Festgenommenen völlig bewegungsunfähig zu machen, und dass der vierte Beamte die ganze Zeit daneben stand, seine drei Kollegen absicherte und nicht einschritt gegen diese grausame und unverhältnismäßige Fixierung über einen so langen Zeitraum, wobei Floyd die letzten zwei bis drei Minuten schon gar keine Regungen mehr machte.

Zweite Autopsie: Todesursache war ein gewaltsames mechanisches Ersticken

Der offizielle Gerichtsmediziner ging zunächst davon aus, dass George Floyd nicht erstickt sei. Dieser sei herzkrank gewesen und habe an Bluthochdruck gelitten, so der offizielle Gerichtsmediziner in seinem ersten Bericht. Außerdem sei bei ihm eine „Fentanylvergiftung“ (Opioidvergiftung) sowie die vor kurzer Zeit erfolgte Einnahme von Methamphetaminen festgestellt worden (eigentlich ein Arzneistoff, der aber auch missbräuchlich als euphorisierende und stimulierende Rauschdroge verwendet wird). Das Ergebnis der toxikologischen Untersuchung stehe aber noch aus. In dem Notruf, durch den die Polizei zu Floyd gerufen wurde, sagte die Person, die angerufen hat, der Mann sei „fürchterlich betrunken“ und habe sich nicht unter Kontrolle.

Die Angehörigen des Toten hatten daraufhin schon letzte Woche angekündigt, dass sie eine unabhängige Autopsie vornehmen lassen wollen. Deren Ergebnis liegt inzwischen vor und wurde am Montag bekannt gegeben. Das zweite Gutachten widerspricht gleich in mehreren Punkten dem vorläufigen Ergebnis der offiziellen Autopsie.

Allecia Wilson von der Universität in Michigan ist eine der beiden Rechtsmediziner, welche die unabhängige Untersuchung durchführten. Sie sagt:

Die Beweise belegen das mechanische Ersticken als gewaltsame Todesursache.“

Der sowohl auf Floyds Hals als auch seinen Rücken ausgeübte Druck habe zum Erstickungstod geführt. Diese zweite Autopsie widerspricht damit den Ergebnissen der  ersten offiziellen Aussage, der zufolge es keine Hinweise auf eine traumatische Strangulation gegeben haben soll und gesundheitliche Probleme mit dem Herz sowie Bluthochdruck zum Tod von George Floyd beigetragen hätten.

Auch der Kollege, der auf dem Rücken kniete, ist mitverantwortlich für den Erstickungstod

„Neben dem Knie auf dem Hals war auch das Gewicht der beiden anderen Polizisten auf seinem Rücken verantwortlich für Georges Tod. Dadurch wurde der Blutfluss zum Gehirn verhindert und auch die Luftzufuhr in seine Lunge“, sagte der Anwalt der Familie Floyd, Antonio Romanucci, am Montag in Minneapolis. Das mache alle diese Beamten vor Ort strafrechtlich haftbar.

„Wir können nach etwas weniger als vier Minuten sehen, dass George Floyd regungslos, leblos ist“, sagte Michael Baden, ein Arzt, der im Auftrag der Familie Floyd an der unabhängigen Autopsie teilnahm. Er habe bei Floyd keine gesundheitlichen Probleme gefunden, die seinen Tod hätten herbeiführen können. Auch widerspricht der Arzt der Ansicht, dass der auf den Boden gedrückte Floyd atmen konnte, weil er ja gesprochen habe. Baden:

Viele Polizisten haben den Eindruck, wenn man sprechen kann, kann man auch atmen. Das stimmt nicht. Ich rede gerade und atme dabei weder ein noch aus.“

Ben Crump, der leitende Anwalt der Floyd-Familie, meinte, die unabhängige zweite Autopsie sowie der Videobeweis zeigen, dass Floyd bereits tot war, bevor die Rettungssanitäter überhaupt eintrafen:

„Der Krankenwagen war sein Leichenwagen.“

Dritter Bericht bestätigt den zweiten

Nun bestätigt ein dritter, offizieller Autopsie-Bericht, dass Floyd durch von der Polizei angewendete Gewalt ums Leben kam. Todesursache sei ein Herz-Kreislauf-Stillstand infolge von „Druck auf den Nacken“ während eines Polizeieinsatzes, heißt es in dem offiziellem Bericht, der am Montag veröffentlicht wurde. Als Todesart wurde „homicide“ angegeben, was mit „Totschlag“ oder „Tötungsdelikt“ übersetzt werden kann, wobei dies natürlich keine rechtliche Einordnung in den Kategorien von „Schuld oder Absicht“ ist, sondern eine rein medizinische.

Der Anwalt Ben Crump sagte:

„George starb, weil er Luft zum Atmen brauchte.“

Der vierte beteiligte Polizist sei ebenfalls haftbar, weil er nicht eingeschritten sei. Crump rief dazu auf, die Proteste wegen Floyds Tod fortzusetzen, die sich längst über das ganze Land ausgebreitet haben. Der Anwalt forderte aber zugleich Gewaltverzicht bei den Demonstrationen, von denen viele in Ausschreitungen und Plünderungen ausgeartet sind.

Bisher nur einer der vier Polizisten verhaftet

Derek Chauvin, der Polizist, der Floyd fast neun Minuten sein Knie in den Nacken stemmte, arbeitete seit 18 Jahren für die Polizei in Minnesota. Und in diesen 18 Jahren gab es genau 18 interne Beschwerden gegen ihn, wie CNN berichtet. Und von diesen 18 Beschwerden hätten nur zwei überhaupt irgendwelche Folgen für ihn nach sich gezogen: Er erhielt nämlich einen Verweisbrief. Inzwischen wurde er wegen Mordes dritten Grades (nicht vergleichbar mit dem deutschen Mordtatbestand) angeklagt und ist in Untersuchungshaft. Seine Frau hat bereits die Scheidung eingereicht.

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