Merkel und die CDU: Die Fremde in der eigenen Partei, die sich beide brauchten

Von Thomas Schmid, Mi. 10. Jun 2020, Titelbild: Merkel geht – letzte Rede als CDU-Chefin

Heute vor 20 Jahren und zwei Monaten übernahm Angela Merkel den Bundesvorsitz der CDU, welche in zwei Wochen 75 Jahre alt wird. Und morgen werden es 18 Monate, da sie den Vorsitz nach 18,7 Jahren abgab. Das tat sie so, wie der Arbeiter seinen Blaumann, wie der Arzt seinen Kittel nach getaner Arbeit ablegt. In der Lakonie, mit der dies geschah, schwang etwas Bedrückendes. Zugleich war Merkel die erste in der Geschichte der CDU, die den Vorsitz dieser großen Partei freiwillig und geordnet hinter sich brachte. Dabei betrat sie das Gebäude der Macht durch die Hintertür und ihr Verhältnis zu „ihrer“ Partei war immer ein seltsames, im Grunde rein funktionales. Thomas Schmid geht dem auf die Spur.

Das Betreten des Gebäudes der Macht durch die Hintertür

Angela Merkel war nie das, was man eine Parteipolitikerin nennt. Dafür ist sie zu sehr ein Solitär – eine Einzelgängerin, kein Vereinsmensch. Wer in Parteien Erfolg haben und aufsteigen wollte, dem half es immer, wenn er Hinterzimmersitzungen goutieren konnte. Er musste Vergnügen am Schaffen und Dirigieren sogenannter Seilschaften haben. Musste gemeinschaftsfähig sein, zugleich aber den Willen zum Leitwolf an den Tag legen. Das alles ging Angela Merkel schon immer ab.

Ihr Aufstieg war von Anfang an eine Solokarriere. So als wäre sie nie auf Förderer – Helmut Kohl voran – angewiesen gewesen. Sie hat das Gebäude der Macht durch die Hintertür betreten, leise und unauffällig. Und so oft sie auch mit Worten, die sogar halbwegs glaubhaft klangen, die „Werte“ der CDU bemühte – im Grunde war ihr die Partei, die sie als Medium ihres Aufstiegs brauchte, egal.

Das war immer zu spüren, und auch das hat die CDU verändert. Eine Vorsitzende, die ihre Partei fast zwei Jahrzehnte lang wie in einem lästigen, aber unverzichtbaren Nebenjob führt, hinterlässt bei ihr Spuren. Knapp 20 Jahre in der Ausnüchterungszelle haben auf die CDU abgefärbt. Sie ist illusionslos, auch ein wenig freudlos geworden. Sie pulsiert nicht mehr. Als Gesinnungsgemeinschaften, die Parteien früher mehr oder weniger ausgeprägt waren, stellten sie so etwas wie soziale Körper dar, von denen für die Mitglieder und Anhänger Wärme ausging. Heute ist die CDU erkaltet, und das hat gleichermaßen mit ihrer langjährigen Vorsitzenden wie mit den Zeitläuften zu tun.

Das Verhältnis einer Maschinistin zur Maschine, die weiß, welche Hebel an dieser wie zu bedienen sind

Obwohl im eigentlichen Sinn also keine Parteipolitikerin, hat Angela Merkel es doch verstanden, in der CDU auf gewiefte und strikt ergebnisorientierte Weise voranzukommen. Dabei half ihr vermutliche die doppelte Eigenschaft, Frau und Ostdeutsche zu sein. Als Frau hat sie die Geselligkeitsrituale und die letztlich pubertären Machtspiele der Männerpartei mit Neugier verfolgt. Aber ohne eine Spur des Wunsches, an ihnen teilzunehmen. Als Ostdeutsche war ihr das westdeutsche Partei-Prinzip ganz neu. Das Prinzip einer Partei, die anders als die SED nicht zentral gesteuert wird und die daher mit lauter Unbekannten arbeiten muss. Sie studierte es intensiv. Und da sie nicht teilhatte, nahm sie besser und schneller wahr, wo es quietschte und klemmte. Merkel hat die CDU vermutlich als eine Maschine wahrgenommen und suchte die Hebel, mit denen sie am besten bedient werden kann. Emotionen, die in Parteien ja einen guten Nährboden haben, sah sie nicht als Emotionen, sondern als Teil der Maschine. Sie blickte von außen. So sah sie weiter.

Es hat mit den konservativen Wurzeln der CDU zu tun, dass sie nie eine Partei war, der ein scharfes politisches, ideologisches, weltanschauliche Profil wichtig war. Man könnte sagen: Sie nahm, wie es kam. Der erklärte Nazi-Gegner Adenauer, der den Deutschen nicht über den Weg traute, hatte zugleich kein Problem damit, seine schützende Hand über Mitläufer und Nazis zu halten. Das Erfolgsrezept der Partei wurde in das Bild der drei „Säulen“ gefasst: konservativ, sozial, liberal – Reihenfolge egal. Doch dieses Bild ist schief. Denn diese Säulen prägten die Partei nur unter anderem. Das wichtigste (und gerne versteckte) Prinzip war von Anfang an dies: sich auf keinen Fall gegen Strömungen, Überzeugungen und Wertewandlungen zu stellen, wenn sie mehrheitsfähig werden. Es ist dieses Prinzip, dem auch Angela Merkel gefolgt ist. Insofern steht sie in guter alter CDU-Tradition.

Der bauchige konservative Modernisierer und die immer irgendwie Ferne verkörperte Vorurteilslosigkeit

Doch eines unterscheidet sie. Das wird besonders dann deutlich, wenn man ihre „Führung“ der CDU mit den 25 Jahren von 1973 bis 1998 vergleicht, in denen Helmut Kohl Parteivorsitzender war. Schon als Student war Kohl ein skrupelloser Machtpolitiker. Und vor allem ein „Modernisierer“, der die Partei von altkonservativen Hemmnissen zu befreien suchte. Er hat diese jedoch nie allzu offen, allzu hart kritisiert; hat, im Gegenteil, immer mal wieder das Fähnchen konservativ-patriotischer Rhetorik hochgehalten. Denn er wusste, dass eine CDU, die gewinnen will, nicht nur modern sein darf. Sie muss in ihrem großen Magen auch die schweren Geröll-Massen krähwinkliger und richtig konservativer Gesinnung mit sich schleppen. Ungeachtet des kräftigen Trends zur Internationalisierung der deutschen Hausmannsküche auf Saumagen bestanden zu haben: Das war schon fast die halbe Miete.

Angela Merkel dagegen konnte so viel und so übergriffig von der schwäbischen Hausfrau schwärmen wie sie wollte, man hätte ihr nie abgenommen, dass sie – mit Kurt Beck zu sprechen – „bei de Leut“ ist und auch sein will. Der Graben zwischen ihr und der CDU-Mitgliedschaft war immer riesengroß. Respekt ja, sogar großer Respekt. Zuneigung aber: eher nein. Diese Leitung war immer tot. Es gehört zur in Fleisch und Blut übergegangenen Methode Angela Merkels, dass sie die verkörperte Vorurteilslosigkeit ist. Kaum etwas kann sie daher wirklich befremden. Und sie hat ihre private Gestalt hinter der Rolle nahezu unsichtbar gemacht. Dass sie Abende lang über ein und dasselbe Thema mit Eifer reden kann, dass sie durchaus trinkfest und gesellig ist, dass sie gut unterhalten kann, dass sie Ironie, Witz und auch Charme hat und damit zu spielen weiß: Das bleibt den von ihr Regierten fast vollständig verborgen. Sie bekommen nur den Staatsernst und die eher schlichte Kette an ihrem Hals zu sehen.

Die ihre Pflicht tut – Zugang verweigert

Nicht, dass die Mitglieder nicht versucht hätten, zu ihr emotional Fühlung aufzunehmen. Vielleicht hat sie das nicht einmal bemerkt, jedenfalls hat sie nicht darauf reagiert. Und konnte dabei geradezu schroff werden. Eine Zeit lang hat die CDU versucht, auf die innere Auskühlung der Partei und den Wunsch der namenlosen, aber treuen Anhänger nach wärmender Orientierung mit „Regionalkonferenzen“ zu antworten, die die Fiktion einer lebendigen Parteiendemokratie am Leben erhalten sollten. Es war ein Bild des Jammers. Die Vorsitzende erläuterte jedes Mal in gleichbleibender Tonlage bereitwillig die Weltlage und ihre Politik. Dann ging sie an ihren Platz auf dem Podium zurück, tat so, als hörte sie den um Verständnis geradezu flehenden Basisrednern mit Ernst zu – und las und beantwortete derweil auf ihrem Smartphone eine SMS nach der anderen.

Das war nicht böse, auch nicht herablassend gemeint. Es war nur so, wie es war: Diese ganzen vom Hölzchen aufs Stöckchen, vom Nationalen ins Heimatliche, vom Politischen zum Privaten schwankenden Einlassungen interessierten sie keine Spur. Und die Anwesenden nahmen das dem berühmten Gast, auf den sie ja auch stolz waren, nicht einmal übel. Sie waren nur ratlos. Ihre Vorsitzende erwies sich als ein Rätsel, Zugang verweigert.

Irgendwie muss sich auch Angela Merkel mit ihrer Partei ausgetauscht haben. Sicher nicht wie Helmut Kohl. Der war mit seinen legendär gewordenen Telefonanrufen bei der großen Schar der einfachen Parteimitglieder tatsächlich seiner Partei fast symbiotisch verbunden, bis in den letzten Winkel hinein. Seine Anhänger konnten in ihm einen Kümmerer sehen. Das hatte durchaus monarchische Reste. Wie beim Alten Fritz, wenn dieser leutselig, zugleich auf Distanz achtend einem Bauern, der gerade vorbeikam, sein Ohr lieh.

So konnte Angela Merkel nie mit der einfachen Frau und dem einfachen Mann umgehen. Während Kohl wie eine Naturgewalt auf seine Anhänger zustürmte, nähert sich ihnen Angela Merkel zurückhaltend, eher schüchtern, fast mädchenhaft. Knappes huldvolles Nicken, kurzer Händedruck, ein noch kürzerer Anflug von Lächeln, ein halber Satz, der nach Neugier und Einverständnis klingen soll. Das ist alles. Ob sie auf einer Pressekonferenz sprach, ob sie an einem Gipfel teilnahm, ob sie von Amts wegen ein Konzert über sich ergehen ließ: Immer sah es nach Pflicht aus. Muss sein, dann weiter.

Mit den großen Räucherstäbchen ihrer Vernünftigkeit hat Merkel die Partei entpolitisiert und die Viren des alten CDU-Geistes abgetötet

Einmal hat sie es mit der Distanz auf einsame Spitze getrieben: Im Flüchtlingsjahr 2015 sagte sie, „wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land“. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Da distanzierte sich eine Politikerin von dem Land, das sie doch regierte. So etwas kann man wohl nur sagen, wenn die Bindung an das eigene Land nicht sehr fest ist.

Auch ohne ihre aus der DDR stammende Vorsitzende wäre die CDU des Jahres 2020 kaum noch mit der der 80-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu vergleichen. Das Nein zur Schwulenehe oder die Idee, eine Frau müsse möglichst Mutter und Hausfrau sein, passt einfach nicht mehr in die Gegenwart. Die CDU musste sich weiter säkularisieren. Helmut Kohl hätten diesen unaufhaltsamen Prozess immer mal wieder mit kleinen Bremsklötzen versehen und das Ganze als Verlust- und Gewinngeschichte erzählt. Nicht so Angela Merkel. Sie hat diesen Prozess nicht hingenommen, nicht nur moderiert, sie hat ihn gewollt und nach Kräften verstärkt. Mit den großen Räucherstäbchen ihrer Vernünftigkeit hat sie die Partei entpolitisiert und die Viren des alten CDU-Geistes abgetötet. Wer auch immer ihr im Amt des Parteivorsitzes folgt, wird an diesem Erbe zu tragen haben.

Ein seltsames Merkel’sches Paradox. Die Frau, die Politik wie eine Rechenaufgabe betreibt und die Ratio zu ihrer verbindlichen Richtschnur gemacht hat, die also erklären können müsste, was sie da tut – sie vermag es nicht zu erklären. Sie kann keine großen Reden halten, in denen es ihr gelänge, ein Gefühl von Zugehörigkeit zu vermitteln. Frankreichs Präsident Macron übertreibt es vielleicht mit seinen Staatsinszenierungen und dem Glamour-Faktor. Angela Merkel aber fehlt das Gran Glamour, das ein Politiker braucht, um ganz zu überzeugen. Schon jetzt heißt es, wir würden sie, wenn sie einmal nicht mehr Bundeskanzlerin ist, schnell vermissen. Das stimmt vermutlich. Sie wird aber auch eine Leere hinterlassen.

Das Regiment der Rationalität

Politikern schmeichelt es, wenn sie glauben können, sie hätten das Heft staatlichen Handelns ganz alleine in der Hand. Wie kaum ein anderer Politiker hat Angela Merkel verstanden, dass das längst eine Fiktion ist. Die Politik „macht“ nicht Staat und Gesellschaft. Sie ist ein Akteur unter mehreren. Ihr Agieren ist daher zumeist Reagieren. Sie kann versuchen, zu moderieren. Und mit anderen Systemen – dem der Wissenschaft, dem der Wirtschaft, dem der Kultur, dem der internationalen Organisationen – zu kommunizieren. Politik ist daher ein geschrumpftes Geschäft geworden. Angela Merkel verkörpert diese illusionslose Bescheidenheit der praktischen Verstands. Und doch vermittelt sie ein wenig den Eindruck, sie sei die Herrin des Verfahrens. Genau das wird ein Grund dafür sein, warum sie beeindruckt und für sich einnimmt.

Als der Emigrant Willy Brandt 1969 Bundeskanzler wurde, schlug ihm schon bald aus nationalistischen, revanchistischen und erzkonservativen Kreisen blanker Hass entgegen. Der verflog im Laufe der Jahre. Ein ähnlich rasender Hass richtet sich mitunter heute (noch) gegen Angela Merkel. In bestimmten Kreisen gilt es als ausgemacht, dass sie vollkommen unfähig sei, dass sie Hochverrat betreibe, dass sie dem deutschen Volk schaden und es letztlich auslöschen wolle. Es bleibt ein Rätsel, wie es zu diesen wahnähnlichen Überzeugungen kommen konnte. An Angela Merkels Verhalten während der Flüchtlingskrise kann es nicht liegen, zumindest nicht allein.

Vielleicht liegt es an ihrem Regiment der Rationalität. Das lässt nämlich im Prinzip Widerspruch nicht zu: Was beschlossen wird, soll dann alternativlos sein. Der Hass auf Angela Merkel könnte auch ein fehlgeleiteter Protest gegen die allzu rigorose Herrschaft ihrer Rationalität sein. Denn so sehr Angela Merkels Beliebtheit auch daher rührte, dass sie die Bürger möglichst in Ruhe ließ, so geht von ihrem fast religiösen Glauben an die Vernunft etwas Übergriffiges aus. So als sagte sie: Wer nicht auf Kant’schen Höhen zu wandeln vermag, kann eigentlich kein guter Mensch sein.

Die Erste, die den Vorsitz freiwillig und geordnet hinter sich brachte

Das Amt der Parteivorsitzenden hat Angela Merkel vor 18 Monaten, am 7. Dezember 2018 klaglos aufgegeben. Man könnte auch sagen: sang- und klanglos. Wie der Arbeiter seinen Blaumann und der Arzt seinen Kittel nach der Arbeit ablegt, so hat sie den Vorsitz weggelegt. Das hat in der Lakonie, mit der dies geschah, etwas Bedrückendes. Doch es gilt auch: Angela Merkel ist die erste Vorsitzende in der nunmehr 75-jährigen Geschichte der CDU, die den Vorsitz dieser großen Partei freiwillig und geordnet hinter sich gebracht hat.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Überschrift, Teaser und Zwischenüberschriften durch JFB.

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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