So ein Mist, Glinkastraße geht ja auch nicht!

Von Thomas Schmid, Do. 09. Jul 2020, Titelbild: FAZ-Screenshot

Den Namen des Berliner U-Bahnhofs „Mohrenstraße“ wird es nicht mehr geben. Die Station sollte fortan „Glinkastraße“ heißen. Doch das geht nun auch nicht, denn: Wer ist der Namensgeber, der der Haltestelle nun einen unverdächtigen Namen geben sollte? Michail Iwanowitsch Glinka (1804–1857) war ein russischer Komponist. Und ein glühender Nationalist. Und Antisemit, wie Thomas Schmid aufzeigt.

Antipolnische Ressentiments und mythische Verklärung des russischen Volkes

Der Sohn eines Adligen wurde im Gouvernement Smolensk geboren. Wie viele Künstler des 19. Jahrhunderts begeisterte er sich für die Volkskultur und das nationale Erbe. Zwar reiste er durch ganz Europa und lernte Komponisten wie Vincenzo Bellini, Gaetano Donizetti, Felix Mendelssohn Bartholdy oder Hector Berlioz persönlich kennen und ließ sich von ihnen musikalisch inspirieren, was seinen Werken anzuhören sei. Sein eigentliches Ziel aber war die Schaffung einer originär russischen Musik.

1836 schrieb er die Partitur der ersten auf Russisch gesungene Oper, „Iwan Sussanin“. Der Titelheld ist ein russischer Bauer, der zu Anfang des 17. Jahrhunderts gelebt haben soll. Held wird er, weil er – um den Zaren zu retten – die polnischen Besatzer erfolgreich in die Irre führt und dafür mit seinem Leben bezahlen muss. Das antipolnische Ressentiment prägt die Oper. Bei der Uraufführung gab Glinka ihr den Titel „Ein Leben für den Zaren“, um damit der Obrigkeit akzeptabel zu machen, dass ein einfacher Bauer der Held ist. Die mythische Verklärung des Volkes prägte und durchzieht das Werk Glinkas.

Und Antisemit auch noch

Und da ist es, wie so oft im 19. Jahrhundert, zum Antisemitismus nicht mehr weit. Eine andere Oper Glinkas, „Fürst Cholmski“, handelt von einem Feldzug, den der russische Fürst Daniil Dmitrijewitsch Cholmski 1472 bei Pskow nahe der russischen Grenze zum heutigen Estland erfolgreich gegen die Ritter des Livländischen Ordens führte. Er endet mit einem Friedensvertrag, der russischen Kaufleuten freie Handelsrechte im Baltikum garantierte. Fürst Cholmski hat sich in der wüsten Geschichte dieser Oper auch einer jüdischen Verschwörung zu erwehren, der sogenannten „Häresie der Judaisten“. Diese wollten angeblich den russischen Adel und die Kirche infiltrieren und von innen zersetzen.

In der Oper versuchen sie, die russische Armee in ihrem Kampf gegen den Livländischen Orden zu schwächen. Dass der Antisemitismus dieser Oper kein Einzelfall oder nur ein Kunstgriff war, sondern Glinkas feste Überzeugung, zeigen viele persönliche Äußerungen. So griff er Komponisten wie Modest Petrowitsch Mussorgski als „zu deutsch“ und „zu jüdisch“ an. Den Pianisten und Komponisten Anton Rubinstein nannte er einen „frechen Zhid“, einen frechen Juden.

Ein plumper russischer Nationalist

Unter zaristischer, sowjetischer und jetzt unter Putinscher Herrschaft galt Glinka, der 1857 während eines Aufenthaltes in Berlin starb, stets als staatlich anerkannter Künstler, dessen Erbe gepflegt wurde. Allen Regimen kam sein plumper russischer Nationalismus zupass, und über seinen Antisemitismus sah man geflissentlich hinweg – wenn man ihn nicht gar teilte. Es war 1951, also zur Zeit der SED-Herrschaft, als die Kanonierstraße in Glinkastraße umbenannt wurde. Als Reverenz ans große „Brudervolk“, dessen protzige Botschaft um die Ecke lag und liegt.

Es geht nicht darum, den Künstler Glinka zu verurteilen. Wie so viele Schriftsteller, Philosophen, Intellektuelle des 19. Jahrhunderts – etwa Görres, Kleist oder Arndt – war auch er vom Furor des Nationalismus erfasst, der sich von anderen Völkern abgrenzte und Feinde in ihnen sah.

Es bringt nichts, wenn wir Straßenschilder, an denen wir täglich vorbeilaufen, so gestalten, als liefen wir an uns selbst vorbei

Man sieht aber, dass bei Namensgebungen von Straßen, Plätzen, Bahnhöfen und Gebäuden der Bezug auf historische Gestalten ein schwieriges Geschäft ist. Denn die meisten von ihnen werden unseren Maßstäben nicht mehr gerecht, können das auch nicht werden. Sie schleppen den Geist und den Ungeist ihrer Zeit mit. Und es zeichnet sie aus, dass sie – im Guten wie im Schlechten – eben nicht unsere Zeitgenossen sind. Es bringt nichts, wenn wir versuchen, die Straßenschilder, an denen wir täglich vorbeilaufen, so zu gestalten, als liefen wir an uns selbst und unserer Fortschrittlichkeit vorbei.

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben anlässlich der Umbenennung des U-Bahnhofs Mohrenstraße stolz verkündet, dass sie das tun, weil sie „als weltoffenes Unternehmen jegliche Form von Rassismus oder sonstiger Diskriminierung“ ablehnen. Dumm gelaufen, dass der angedachte neue Namensgeber ein überzeugter Antisemit war. Jetzt ist man wieder auf der Suche.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Überschrift, Teaser und Zwischenüberschriften durch JFB.

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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