Deshalb ist Daniel Craig der beste Bond, den es je gab

Von Jürgen Fritz, Do. 25. Feb 2021, Bilder: YouTube-Screenshots

Vor vier Monaten starb Sean Connery. Für viele war er der „einzig wahre“, der beste Bond-Darsteller. Ich möchte dem im folgenden widersprechen und erläutern, warum meines Erachtens Daniel Craig als 007 besser ist als alle seine Vorgänger, inklusive Connery. Dies hat mehrere Gründe, vor allem aber einen.

Craig verlieh der Figur von Anfang an eine völlig neue Facette: innere Zerbrechlichkeit und veränderte sie damit essentiell

Zunächst möchte ich betonen, dass ich der Auffassung bin, dass alle Bonddarsteller gut waren, wenngleich natürlich nicht gleich gut. Dies gilt natürlich für

  • Sean Connery in James Bond jagt Dr. No (1962), Liebesgrüße aus Moskau (1963), Goldfinger (1964), Feuerball (1965), Man lebt nur zweimal (1967) und Diamantenfieber (1971), aber auch für
  • George Lazenby in Im Geheimdienst Ihrer Majestät (1969), für
  • Roger Moore in Leben und sterben lassen (1973), Der Mann mit dem goldenen Colt (1974), Der Spion, der mich liebte (1977), Moonraker – Streng geheim (1979), In tödlicher Mission (1981), Octopussy (1983) und Im Angesicht des Todes (1985), für
  • Timothy Dalton in Der Hauch des Todes (1987) und Lizenz zum Töten (1989), für
  • Pierce Brosnan in GoldenEye (1995), Der Morgen stirbt nie (1997), Die Welt ist nicht genug (1999) und Stirb an einem anderen Tag (2002) sowie
  • Daniel Craig in Casino Royale (2006), Ein Quantum Trost (2008), Skyfall (2012), Spectre (2015) und demnächst in seinem fünften Einsatz in Keine Zeit zu sterben (2021).

Alle Bonddarsteller, YouTube-Screenshot

Aber es war der sechste Bonddarsteller Daniel Craig, der der Figur des von Ian Fleming erfundenen britischen Geheimagenten 007 etwas Neues verlieh, was so vorher nicht da war: innere Zerbrechlichkeit.

Dies begann bereits mit Craigs erstem Bond Film Casino Royale (2006). Hier wurde sofort eine völlig neue Facette der Figur angelegt. So etwa wenn seine Kindheit im Waisenheim kurz angerissen wird. Vor allem aber indem Bond zum ersten Mal liebt, das heißt, zum ersten Mal eine tiefe innere Beziehung zu einem anderen Menschen aufbaut, nämlich zu der Agentin Vesper Lynd, großartig gespielt von Eva Green, wegen der er seinen Dienst als Geheimagent quittieren will, um mit ihr zusammen zu leben, die er dann mit allen Mitteln zu beschützen versucht.

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Doch am Ende des Films stirbt sie, ertrinkt direkt vor seinen Augen und er ist nicht in der Lage, sie zu retten.

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Erstmals in der gesamten Bond-Filmreihe sehen wir, wie 007 einen Verlust erleidet, der ihn innerlich bis in Mark erschüttert und uns zugleich seine (scheinbare) folgende Unnahbarkeit erklärt. Es ist natürlich ein Schutz, ein Selbstschutz, weil man solche Verluste nicht beliebig oft verkraftet im Leben.

Der von Daniel Craig gespielte 007 kann tiefe innere menschliche Zuneigung aufbauen, aber er kann die, die er liebt, nicht beschützen

Später in Skyfall (2012), Craigs drittem Einsatz, verliert er M, gespielt von der wunderbaren Judi Dench, die ihm eine Art Ersatzmutter ist und die unter ihrer rauen Schale eine ganz besondere Beziehung zu ihm pflegt und er zu ihr.

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Beide verbindet, alles im Dienst für ihr Vaterland zu tun, und doch verbindet sie auch mehr, auch wenn sie das beide nie zeigen wollen: eine tiefe menschliche Zuneigung. Und so passt es, dass M in Skyfall in seinen Armen stirbt und nicht in den Armen irgendeines anderen. Hätte sie es sich aussuchen können, hätte sie wahrscheinlich genau so sterben wollen.

Damit hat Bond beide Menschen verloren, die ihm innerlich sehr viel bedeuten, zuerst die große Liebe, für die er bereit war, alles aufzugeben, mit der er zusammen quasi sesshaft werden und sich ein Zuhause aufbauen wollte, dann die Ersatzmutter, die er mit allen Mitteln zu schützen sucht vor dem „bösen Agenten-Bruder“ – genial gespielt von Javier Bardem, für mich der Angsteinflösendste von allen Bösewichten in der Filmreihe -, der sich von M verraten und verstoßen fühlt, weil sie ihren damaligen Top-Agenten so wie 007 zu Beginn in Skyfall im Kampf für das Gute zu opfern bereit war, und er neidisch ist auf seinen „kleinen Bruder“ (Kain und Abel-Motiv), der nun der neue Top-Agent und M’s Liebling ist.

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Doch wieder gelingt es 007 nicht, den Menschen, der ihm am wichtigsten ist, zu dem er eine echte innere Beziehung aufgebaut hat, zu beschützen. Wieder stirbt der geliebte Mensch in seinen Armen. So bleibt ihm nur noch das Vaterland und der Kampf gegen das Böse.

Mit Craig verlor Bond seine Eindimensionalität, wurde vielschichtiger und damit als Figur interessanter

Mit diesen neuen Facetten verlieh Craig dem Charakter eine neue Dimension, macht die Figur deutlich vielschichtiger. Der Craig-Bond ist sichtlich inspiriert von der genialen Jason Bourne-Filmreihe. 2002 war Die Bourne Identität erschienen, 2004 die Fortsetzung Die Bourne Verschwörung. Mit diesen Filmen wurden  im Action-Kino neue Maßstäbe gesetzt und es wurde zugleich einen völlig neuer Heldentypus kreierte: die perfekte Kampf- und Killermaschine, in der aber ein innerlich völlig zerrissener Charakter steckt, der auf der Suche nach sich selbst ist, nach seiner Identität, seinem Ich. Und einer, der mit einem ganz feinen moralischen Sinn ausgestattet ist.

Der neue Bond, der mit Daniel Craig ab 2006 erschaffen wurde, ist eine Mischung aus Coolness, die Craig auch zu verkörpern vermag, und aus äußerer Härte. Das beginnt gleich in der Anfangsszene in Casino Royale, die sofort in den ersten Minuten schon anzeigt, dass hier etwas völlig Neues seinen Anfang nimmt. Keiner ist so hart wie Daniel Craig als 007 und er kann diese Härte auf Grund seiner Gesichtszüge und seiner überragenden körperlichen Athletik übrigens auch besser und glaubhafter darstellen als alle anderen. Roger Moore war in diesem Punkt besonders in seinen späten Jahren besonders schwach, kompensierte das mit seiner Ironie.

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Hinzu kommt bei dem neuen Bond als dritte Eigenschaft neben der Coolness und der Härte – und das ist das Neue – seine innere Zerbrechlichkeit. , seine Verletzlichkeit. Nicht umsonst sieht man den Craig-Bond ständig mit Schrammen im Gesicht. Das beginnt bereits in Casino Royale

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… und setzt sich fort über die gesamte Filmreihe fort …

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… bis zu Keine Zeit zu sterben (2021).

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Diese Mischung ist einzigartig, wurde von keinem einzigen seiner Vorgänger so verkörpert und hebt Daniel Craig heraus, weil die Figur seit ihm nicht mehr eindimensional ist.

Erstklassige Drehbuchautoren und …

Es war wohl auch diese Eindimensionalität und fehlende Tiefgründigkeit, die Connery nach nur fünf Jahren 1967 dazu veranlasste, die Rolle nicht mehr spielen zu wollen. Es war vor allem das Geld, das ihn 1971 in Diamentanfieber und dann 1983 nochmals in Sag niemals nie zurück lockte, weniger die Figur des James Bond, weil die ihm, so meine These, zu flach, nicht vielschichtig genug war.

Sean Connery in Diamentenfieber (1971), YouTube-Screenshot

Genau das haben die Filmmacher, insbesondere die Drehbuchautoren und Regisseure seit Casino Royale geändert. Neal Purvis und Robert Wade schrieben schon ab Die Welt ist nicht genug (1999) mit Pierce Brosnan alle Bond-Drehbücher. Bei Casino Royale (2006) und Ein Quantum Trost (2008), Craigs zwei ersten Einsätzen, kam Paul Haggis als dritter Drehbuchautor hinzu, bei Skyfall (2012) und Spectre (2015) John Logan.

Paul Haggis hatte zuvor das großartige Drehbuch für Million Dollar Baby (2004) geschrieben, wofür er 2005 eine Oscar-Nominierung (bestes adaptiertes Drehbuch) erhielt. Der Film wurde mit vier Oscars ausgezeichnet, insbesondere für die Regie (Clint Eastwood) und für den besten Film des Jahres. Für L.A. Crash (2004) schrieb Paul Haggis sowohl das Drehbuch und führte auch selbst Regie. Auch hierfür wurde er für den Drehbuch-Oscar nominiert und auch ausgezeichnet. Außerdem war Haggis für den Regie-Oscar nominiert und der Film wurde 2006 mit dem Oscar für den besten Film des Jahres gekürt. Mit Haggis hatte man einen absolut großartigen dritten Drehbuchautor verpflichtet, der zusammen mit Purvis und Wade diese Figur neu schuf.

Auch John Logan, der bei Skyfall und Spectre Paul Haggis als dritten Autor ersetzte, schrieb schon zuvor solch großartige Drehbücher, wie etwa für Gladiator (2000, Oscar-Nominierung), Star Trek: Nemesis (2002), Last Samurai (2003), Aviator (2004, Oscar-Nominierung) oder Hugo Cabret (2011, Oscar-Nominierung).

… Regisseure schufen zusammen mit Daniel Craig diesen neuen, facettenreicheren, interessanteren Bond

Und die Regisseure Martin Campbell (Casino Royale, 2004), der schon Pierce Brosnan einen gelungenen Einstand verschaffte in Golden Eye (1995) und weitere Filme drehte, wie Die Maske des Zorro (1998) und Vertical Limit (2000), Marc Foster (Ein Quantum Trost, 2006), bekannt aus Monster’s Ball (2001) und Wenn Träume fliegen lernen (2004), und Oscar-Preisträger Sam Mendes, der sowohl Skyfall (2012) als auch Spectre (2015) verfilmte und zuvor schon so großartige Filme machte wie American Beauty (1999, Oscar-prämiert), Road to Perdition (2002) und Zeiten des Aufruhrs  (2008) sowie 1917 (2019, Oscar nominiert und mit dem Golden Globe ausgezeichnet), setzten den neuen Bond-Typ entsprechend um.

Sie alle zusammen erschufen diesen neuen Bond, für den man aus guten Gründen Daniel Craig als Darsteller aussuchte. Genau dies brachte die Filmreihe zugleich auf die Höhe der Zeit – wieder sei an die Jason Bourne-Reihe erinnert – und stellt eine wirkliche Fortentwicklung der Figur dar, ideal verkörpert durch Daniel Craig.

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Keine Zeit zu sterben – Finaler internationaler Trailer

Nun im September 2021 endlich in den Kinos: Daniel Craigs letzter Einsatz als James Bond. Nach Craigs eigener Aussage der beste Film, den er je gedreht hat:

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