Mütter gegen Krieg

Von Herwig Schafberg, Sa. 08. Mai 2021, Titelbild: Troy-Screenshot

Es war ein weiter Weg von der göttlichen Thetis zur menschlichen Mutter Alvins und Milovans. Achilleus, der mehr als jeder andere in der Antike für Kraft und Schönheit stand, wurde von dem Pfeil getroffen, den der göttliche Apollo in die Achillesferse gelenkt hatte, und starb, wie von den überirdischen Mächten vorher bestimmt. Alvin und Milovan dagegen überlebten den Krieg, weil ihre Mutter nicht hinnehmen wollte, was irdische Mächte über ihre Köpfe hinweg beschlossen hatten.

Der Krieg offenbart die grässlichen Defizite in der Entwicklung des Mensch gewordenen Affen

Am 9. Mai ist Muttertag und zugleich jährt sich der Tag, an dem 1945 die deutsche Wehrmacht in Berlin-Karlshorst kapitulierte und wenigstens in Europa der Zweite Weltkrieg beendet war. Er hatte mit Völkermord und verbrannter Erde im Osten des Kontinents so verheerende Auswirkungen wie kein anderer Krieg seit den Eroberungen der Mongolen und offenbarte grässliche Defizite in der Entwicklung des Mensch gewordenen Affen. Mag er im Zivilleben auch ein vernunftgeleitetes Individuum sein, wird er im Krieg leider oft zu einem triebgesteuerten Massenmenschen, der sich von Angst, Wut oder sogar Lust am Töten zu Gräueltaten treiben und sich im Kollektiv der individuellen Verantwortung für seine Taten entledigen lässt. Das wird besonders begünstigt, wenn solch ein Kollektiv den Befehlen eines Führers oder Kalifen folgt – einerlei, ob es sich um die SS oder den IS handelt.

Der von Deutschland ausgegangene Weltkrieg hatte letzten Endes auch das eigene Land schwer heimgesucht – mit einer wachsenden Zahl von Ausgebombten, Vertriebenen und Gefallenen. So nannte man Letztere noch lange nach dem Kriege verharmlosend, als wären es Knaben, die vom Rad gefallen waren und sich dabei das Knie blutig gestoßen hatten. In Wirklichkeit waren es Männer, die genauso wie Soldaten der Gegenseite von Panzerketten zermalmt, von Bomben zerfetzt, von Granatsplittern oder Gewehrkugeln tödlich verletzt waren – im Osten weit mehr als im Westen, wo es lange Zeit relativ ruhig geblieben war.

In den Schützengräben vor Tobruk beispielsweise hatten Landser des deutschen Afrikakorps monatelang ohne größere Gefechte gelegen und in der gespannten Ruhe etwas Zerstreuung mit Radiomusik gefunden: Zum Lieblingslied der Soldaten brachte es Lilli Marleen, das den mitlauschenden Briten in den gegenüber liegenden Schützengräben ebenso gut gefiel und im Laufe dieses Krieges zum frontübergreifenden Hit wurde, weil es anscheinend in den einen wie den anderen Männern die gleiche Sehnsucht weckte. Doch das gemeinsame Sehnen hielt sie nicht davon ab, aufeinander zu schießen, wenn sie den Befehl dazu bekamen. Und wenn die jungen Kerle schwer verwundet im Sterben lagen, gab es keine Hoffnung mehr auf ein Wiedersehen mit einem Mädchen wie Lilli Marleen, sondern nur noch die Verzweiflung, mit der viele von ihnen im Todeskampf ebenso nach ihrer Mutter wimmerten wie später junge russische Soldaten, denen nach der Gefangennahme von kaukasischen Moslemkriegern vor laufender Kamera  die Kehle durchgeschnitten wurde.

Hitlers Kindersoldaten

Durch die Anfangserfolge der Deutschen bei den Blitzkriegen in Polen und im Westen hatte die nationalsozialistische Propaganda sich dazu hinreißen lassen, den Kriegsherrn Adolf Hitler als „größten Feldherrn aller Zeiten“ zu preisen. Daran gemessen stand er am Ende als größter Kriegsverlierer aller Zeiten da und konnte es kaum anders sein, nachdem er den Befehl zum Angriff auf die Sowjetunion gegeben hatte, ohne mit den Briten im Frieden zu sein, und dann auch noch in den Krieg gegen die USA eingetreten war, ohne die Sowjets bezwungen zu haben. Hatte dieser Vabanque-Spieler zu Beginn des Ostfeldzuges noch verkündet, dass er das Schicksal des Reiches und des Volkes „wieder in die Hand unserer Soldaten“ legen wollte, waren es am Ende vierzehnzehnjährige Knaben ohne reguläre Militärausbildung, die er gegen die feindliche Übermacht in den Kampf schickte, weil er anderes „Menschenmaterial“ nicht mehr in der Reserve hatte, das todbringende „Kriegsspiel“ jedoch nicht verloren geben mochte.

Wer den nach einem autobiographischen Roman gedrehten Film Die Brücke gesehen hat, der weiß von solchen Knaben, die das Vaterland vor den weit überlegenen Kriegsgegnern retten sollten und es teilweise auch wollten – zum Kummer der Mütter, die längst nicht mehr auf den propagierten „Endsieg“ hofften, sondern nur noch das Kriegsende herbei sehnten. „Bleibt doch hier, der Krieg ist sowieso verloren“, drängte meine Mutter ein paar solcher Knaben – fast noch Kinder, die im April 1945 ausrücken sollten, um meine Heimatstadt in der Lüneburger Heide gegen kampferprobte Soldaten der britischen Armee zu verteidigen. „Was sollen wir denn machen“, fragten sie verzagt und zogen mit dem Mut der Verzweiflung in die Schlacht, in der alle diese Kindersoldaten mutterseelenallein auf dem sogenannten Feld der Ehre  krepierten, während der großdeutsche Vabanque-Spieler vor der Reichskanzlei in Berlin mit zittriger Hand die Wangen anderer Knaben tätschelte, die gleichfalls für ihn das junge Leben weiter aufs Spiel setzen sollten.

Es waren nicht nur die Deutschen, sondern ebenso ihre noch verbliebenen Bündnispartner, die zum Schluss Halbwüchsige zu den Waffen riefen. Und für viele von denen war es auch nach dem Ende des Krieges nicht vorbei mit dem gewaltsamen Sterben. In Kärnten etwa hatten sich 12.000 Angehörige der slowenischen Heimwehr, darunter viele Jungen, den Briten ergeben und erwarteten, in einem Kriegsgefangenenlager auf italienischem Boden interniert zu werden. Doch die Briten überantworteten ihre ahnungslosen Gefangenen im Mai 1945 den jugoslawischen Partisanen. Diese hatten gegen die deutsche Besatzungsmacht gekämpft und machten mit allen Kämpfern aus dem ehemaligen Jugoslawien, die auf der Seite des Gegners gestanden hatten, ähnlich kurzen Prozess wie serbische Paramilitärs 50 Jahre später mit 8.000 bosnischen Jungen sowie Männern zwischen 13 und 78 Jahren in Srebrenica.

Rettung von Alvin und Milovan

Die Mutter von zwei jungen slowenischen Heimwehrkämpfern ahnte, was ihren Söhnen Alvin und Milovan bevorstand, wenn diese den jugoslawischen Partisanen in die Hände fielen, und folgte der Kolonne der Heimwehrgefangenen in der verzweifelten Hoffnung, ihre Söhne vor dem drohenden Tod zu bewahren, wie Ditha Brickwell in ihrem Essay Die Rettung für die Wiener Presse schrieb. Und welches Datum würde sich besser zum Gedenken dieser authentischen Rettungsaktion einer Mutter eignen als ein Muttertag, der in diesem Jahr zeitgleich mit dem Gedenktag des Kriegsendes ist?

„Die Mutter steigt hangabwärts, nicht schneller, nicht langsamer, etwas Unsichtbares klammert die Kolonne, wir kommen ihr näher, die Köpfe auf den Wagen werden größer, hier sind sie, die Gesichter von Milovan und Alvin“, erzählt die Autorin packend, als sei sie dabei gewesen. Die beiden Brüder springen vom Wagen, als sie die Mutter erblicken, lassen sich von ihr in die Arme nehmen – und niemand hindert die Mutter, scheinbar Abschied von ihren Söhnen zu nehmen. „Ihr kommt sofort mit. Seht euch nicht um, holt nichts vom Wagen herunter. Geht einfach los“, raunt sie ihnen jedoch energisch zu. „Mutter, was tust du mir an“, geniert sich Milovan, „vor meinen Kameraden! Diese Männer sind unter meinem Schutz, der Kommandeur persönlich hat sie mir anvertraut, und du erwartest, dass ich sie vor ihren Augen im Stich lasse? Was du verlangst, ist Desertion! Sie verdient den Tod – und mehr als das, die Verachtung der anderen“, windet der Junge sich hin- und hergerissen zwischen Kindesgehorsam und Kameradschaftstreue. „Verachtung verdient allein diese Uniform, und du weißt das. Sie ist nichts mehr für dich, gar nichts – aber wir sind da, ich bin da, und ich sehe nicht zu, wie du in den sicheren Tod gehst“, herrscht die Mutter ihn an, wendet sich ab, als wolle sie keinen Widerspruch mehr dulden, und geht „auf einen Bauernhof zu, der sich in die Wiese duckt“– wie zum Untertauchen geschaffen. Er dürfe sich doch nicht von seiner Truppe entfernen, ruft Alvin, auch er fast noch ein Kind, ihr nach. „Da richtet sich Milovan hoch auf“, wie es im Essay heißt, macht kurzentschlossen einen Schritt auf seinen kleinen Bruder zu, nimmt ihn unter seine Fittiche und schiebt ihn vor sich her – der Mutter gehorsam folgend. Die wachhabenden Briten schauen weg und auch sonst versucht niemand, die Mutter mit den Söhnen in ihrem Gefolge aufzuhalten.

Vielleicht waren es solche entschlossenen Mütter, die Juliana, Königin der Niederlande, im Sinn hatte, als sie nach der Zuspitzung des Ost-West-Konflikts während des Koreakrieges Anfang der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts in einer Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Mütter in aller Welt dazu aufrief, für ihre Söhne den Kriegsdienst zu verweigern; denn soweit Frauen in den Männergesellschaften gleich welchen Landes und welcher Kultur Ansehen genossen und Einfluss nehmen konnten, waren sie es zumeist in der mütterlichen Rolle.

Wer wagt es schon, sich einer Mutter in den Weg zu stellen, die sich um ihr Kind sorgt, oder gar auf sie zu schießen? Als beispielsweise die argentinische Militärjunta in ihrem „schmutzigen Krieg“ Ende der siebziger Jahre tausende Regimegegner hinrichten sowie spurlos verschwinden ließ und daraufhin Mütter jahrelang an einem bestimmten Wochentag auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires demonstrierend für das Verschwinden ihrer Kinder Rechenschaft von der Junta forderten, traute diese sich nicht, offen gegen die Mütter vorzugehen, zumal auch und gerade Latino-Machos voller Respekt sind vor Müttern, die sich aufopfernd um ihre Kinder sorgen wie einst die „Mutter Gottes“ im Stall von Bethlehem oder vor dem Kreuz Christi, dem sie in der Stunde des Todes beisteht, ohne zu fragen, ob sie sich damit selbst in die Gefahr einer Verfolgung bringen würde.

Todeslos des Achilleus

Die Frau als aufopfernde, vielleicht auch rächende, in jedem Fall aber sorgende Mutter hat von Anfang an in religiösen sowie irreligiösen Epen und anderen Erzählungen eine große Rolle gespielt: Schon in der Ilias von Homer – einem der ältesten Epen, die uns erhalten blieben – wie auch in späteren Sagen vom Trojanischen Krieg. Eingedenk einer Weissagung, nach der ihr Sohn Achilleus den Tod finden würde, wenn er am Krieg der Griechen gegen Troja teilnähme, ließ die göttliche Thetis ihn fern der Heimat unerkannt unter Mädchen und als solches verkleidet aufwachsen, wie in einigen Sagen zu lesen ist. Da die antiken Griechen frei vom modernen Gendern waren, Hermaphroditisches durchaus zwar zu schätzen wussten, jedoch nicht auf die Idee kamen, das Geschlecht eines Menschen für ein gesellschaftliches Konstrukt zu halten, war es für sie ein schlüssiger Gedanke, dass Achilleus im Unterschied zu seinen Gefährtinnen nicht nach dem Schmuck trachtete, den der listige Odysseus als Geschenk mitgebracht hatte, sondern spontan zu den Waffen griff, als eine Trompete scheinbar Gefahr kündete, mit dieser kriegerischen Geste aber seine männliche Natur offenbarte und sich dann von Odysseus für die Teilnahme am Krieg gegen Troja gewinnen ließ.

Anders als in diesen Sagen taucht die besorgte Thetis in Homers Ilias erst auf, als Achilleus nach dem Schlachtentod seines geliebten Kampfgefährten Patroklos beschließt, den Tod des Geliebten an Hektor, Trojas Heerführer, zu rächen. Verzweifelt versucht die Göttin, den Sohn davon abzuhalten; „denn gleich nach Hektor ist dann dir der Tod bereit“, warnt sie ihn. Den Tod wolle er „hinnehmen, wann immer Zeus ihn vollenden will und die anderen unsterblichen Götter“, entgegnet ihr todesmutig der kämpferische Sohn: „Doch jetzt will ich guten Ruhm gewinnen“. Als wolle er der Mutter zu verstehen geben, dass Kampf eine Sache zwischen Männern sei, in die Frauen sich nicht einmischen sollten, fügt er hinzu: „Halte mich nicht zurück von der Schlacht, so gut du es meinst. Du wirst mich nicht bereden!“.

Daraufhin resigniert Thetis und lässt von Hephaistios, dem Götterschmied, „ruhmvolle Waffen, hell strahlende“ für Achilleus anfertigen. Zu denen gehört ein Schild, auf dem Hephaistios die Erde, umgeben vom Meer sowie dem Himmel mit Sonne, Mond und Sternen darüber, im Detail auch die Verhältnisse auf Erden mit Krieg und Frieden darstellt, als sei diese Schildbeschreibung im 18. Gesang der Ilias dazu ausersehen, die Anfänge der Entwicklung vom Mythos zum Logos im Denken der antiken Griechen anzudeuten.

Ja, es war ein weiter Weg von der göttlichen Thetis zur menschlichen Mutter Alvins und Milovans. Achilleus, der mehr als jeder andere in der Antike für Kraft und Schönheit stand, wurde von dem Pfeil getroffen, den der göttliche Apollo in die Achillesferse gelenkt hatte, und starb, wie von den überirdischen Mächten vorher bestimmt. Alvin und Milovan dagegen überlebten den Krieg, weil ihre Mutter nicht hinnehmen wollte, was irdische Mächte über ihren Köpfen hinweg beschlossen hatten. Und wenn die beiden nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch. Mit diesen Worten enden Märchen, die zu schön sind, um wahr zu sein, aber auch diese wahre Geschichte, die letzten Endes schön wie ein Märchen ist.

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Zum Autor: Herwig Schafberg ist Historiker, war im Laufe seines beruflichen Werdegangs sowohl in der Balkanforschung als auch im Archiv- und Museumswesen des Landes Berlin tätig. Seit dem Eintritt in den Ruhestand arbeitet er als freier Autor und ist besonders an historischen sowie politischen Themen interessiert. Zuletzt erschien von ihm sein Buch Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern.

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