118 Seiten-Gutachten: keinerlei objektivierbare Anhaltspunkte für Gil Ofarims Bezichtigungen

Von Jürgen Fritz, Mi. 20. Okt 2021, Titelbild: FOCUS-Screenshot

Das abschließende 118 Seiten-Gutachten der Rechtsanwaltskanzlei, die mit der Untersuchung des Falles beauftragt wurde, kommt nach dem vermeintlichen „antisemitischen“ (judenfeindlichen) Vorfall gegen Gil Ofarim zu dem Ergebnis, dass es keinerlei objektivierbare Anhaltspunkte für straf- oder arbeitsrechtliche Maßnahmen gegen den bezichtigten Hotelmitarbeiter gibt.

Keinerlei objektivierbaren Anhaltspunkte, die Ofarims Bezichtigungen decken würden

Seit zwei Wochen behauptet der Sänger und Darsteller Gil Ofarim ohne Unterlass, er wäre von einem Mitarbeiter namens Herr W. in dem Hotel The Westin Leipzig „antisemitisch“ (judenfeindlich) „beleidigt“und „angefeindet“worden. Ein Hotelmitarbeiter hätte ihn beim Einchecken aufgefordert, seine Kette mit Davidstern einzustecken, erst dann dürfe er einchecken. Zuvor habe schon „irgendeiner aus der Ecke“ gerufen: „Pack deinen Stern ein!“. Dies soll Herr W. dann angeblich wiederholt haben.

Mit diesen Behauptungen tingelt Ofarim seit fast zwei Wochen durch alle möglichen TV-Sendungen, gibt ein Zeitungsinterview nach dem anderen und ist wohl bekannter als jemals zuvor. Die Polizei rief Ofarim an diesem Abend aber nicht an, damit sie direkt dem Sachverhalt hätte nachgehen, Zeugenidentitäten erfassen, Befragungen gleich hätte durchführen können. Stattdessen nahm Ofarim sofort vor dem Hotel ein Video auf und stellte das gleich online. Das Video wurde mehrere millionenfach angeschaut.

Schnell kamen Zweifel an dieser ganzen Schilderung auf. Der beschuldigte respektive diffamierte Hotelmitarbeiter schilderte den Sachverhalt offensichtlich völlig anders und erstattete wenig später Strafanzeige gegen Ofarim wegen Verleumdung nach § 187 StGB:

„Wer wider besseres Wissen in Beziehung auf einen anderen eine unwahre Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen oder dessen Kredit zu gefährden geeignet ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe und, wenn die Tat öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten eines Inhalts begangen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Auch ein Augenzeuge, der zwar den Wortwechsel nicht hörte, aber die Szene miterlebte, äußerte sich völlig anders als Ofarim. Schließlich wurden Video- und Bildaufnahmen bekannt, auf denen klar zu erkennen ist, dass Ofarim die besagte Kette mit Davidstern weder vor dem Hotel noch in der Hotellobby und auch nicht an der Rezeption sichtbar trug, sofern er sie denn überhaupt anhatte.

Das Hotel beurlaubte jedoch sofort zwei Mitarbeiter, die von Ofarim des „Antisemitismus“ und der „Beleidigung“ bezichtigt wurden und beauftragte eine hierauf spezialisierte Anwaltskanzlei, den Sachverhalt genau zu untersuchen. Die Kanzlei legte heute ihr 118-seitiges Abschlussgutachten vor, welches sie zugleich den Ermittlungsbehörden zukommen ließ. Laut dem The Westin Leipzig kommt die Kanzlei zu dem Ergebnis:

„Die Rechtsanwälte haben das Geschehen in der Lobby des Hotels rekonstruiert und sind unter Berücksichtigung aller verfügbaren Beweismittel zum Ergebnis gekommen, dass keine objektivierbaren Anhaltspunkte vorliegen, die es rechtfertigen würden, strafrechtliche oder arbeitsrechtliche Maßnahmen gegen den beschuldigten Mitarbeiter zu ergreifen.“

Der Hotelmitarbeiter ist nach wie vor massiven Anfeindungen ausgesetzt

Der Hotelmitarbeiter dürfte somit als entlastet gelten. Gleichwohl hat das Unternehmen entschieden, dass der Mann „aus Fürsorgegesichtspunkten zunächst seinen Aufgaben noch nicht wieder vollumfänglich nachkommen wird.“ Mit Blick auf „die massiven Anfeindungen, denen der Mitarbeiter nach wie vor ausgesetzt“ sei, habe man entschieden, ihn zu seinem Schutz zunächst „noch nicht wieder vollumfänglich“ einzusetzen.

Die Rechtsanwaltskanzlei hat umfangreiche Recherchen angestellt. mehrere Gäste identifiziert, die zum Zeitpunkt des Vorfalls am Check-in-Schalter der Hotellobby standen. Es wurde sowohl der beschuldigte Mitarbeiter als auch weitere Mitarbeiter an der Rezeption befragt und außerdem mit allen erreichbaren und auskunftsbereiten Gästen Interviews über den Vorfall geführt. Zudem habe die Staatsanwaltschaft Akteneinsicht zu Vernehmungen von Zeugen übermittelt, die nur mit den Ermittlungsbehörden sprechen wollten. Zur Analyse der Videoaufnahmen habe die Kanzlei ein Gutachten eines spezialisierten Sachverständigen eingeholt. Die Aufnahmen seien dabei auch auf etwaige Manipulationen hin untersucht worden.

Indirekt wurde auch mit Verweis auf ein Gutachten eines auf Bild- und Videoforensik spezialisierten Sachverständigen bestätigt, dass die Zweifel, ob Ofarim die Kette mit dem Davidstern, auf die er zigfach immer und immer wieder berufen hatte („Pack deinen Stern ein!“), während des Wartens zum Einchecken überhaupt getragen hatte, durchaus berechtigt seien.

Auf Grund dieses Untersuchungsergebnisses wird The Westin Leipzig also weder straf- noch irgendwelche arbeitsrechtliche Maßnahmen gegen den beschuldigten und teilweise bedrohten Mitarbeiter einleiten. Diese Untersuchung hat den Hotelmitarbeiter vielmehr klar entlastet. Nun bleibt das Ergebnis der polizeilichen Untersuchung abzuwarten. Sollte diese zu einem ähnlichen Ergebnis kommen, wird sich die Frage stellen, ob Ofarim wegen dem Straftatbestand der Diffamierung (§ 187 StGB) belangt werden kann. Außerdem könnten ihm zivilrechtliche Klagen mit immensen Forderungen drohen, da der finanzielle Schaden, den er durch seine Behauptungen anrichtete, beachtlich sein dürfte. Hinzu kommen die psychischen Folgen für den beschuldigten Hotelmitarbeiter.  

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