Mustafa Kemal Atatürk – der Begründer der Republik Türkei

Von Jürgen Fritz

Heute vor 94 Jahren, am 29. Oktober 1923 begann die Geschichte der Republik Türkei mit deren Ausrufung durch Mustafa Kemal Pascha (Atatürk). Anlass einen kurzen Blick auf den Staatsgründer der Türkei zu werfen.

Der Vater der Türken

Am 29. Oktober 1923 rief Mustafa Kemal Pascha die Republik Türkei aus. Vorausgegangen war der Gründung der türkischen Republik der faktische Zusammenbruch des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg. Außerdem der türkische Befreiungskrieg und die Absetzung Sultan Mehmeds VI. Dessen Nachfolger Abdülmecid II. trug nur noch den Titel des Kalifen. Mit seiner Absetzung einige Monate später, am 3. März 1924 war die osmanische Dynastie endgültig entmachtet.

Mustafa Kemal war von 1923 bis 1938 erster Präsident des aus dem Osmanischen Reich hervorgegangenen modernen Staates. Seine Verdienste als Offizier haben ihn zur Symbolfigur türkischen Selbstbehauptungswillens und Nationalbewusstseins werden lassen. Als Machtpolitiker trieb er die Modernisierung seines Landes nach westlichem Vorbild beharrlich, aber auch autoritär voran. Mit der Abschaffung von Sultanat, Kalifat und Scharia sowie mit weitreichenden gesellschaftlichen Reformen schuf er einen in dieser Form einmaligen Staatstypus mit strenger Trennung von Staat und Religion (Laizismus). Dem Staatsgründer wird bis heute personenkultartige Verehrung entgegengebracht. 1934 verlieh ihm das türkische Parlament den Nachnamen Atatürk (Vater der Türken).

Über Atatürk und die Würdigung seiner Politik ließe sich trefflich streiten. Darauf möchte ich hier verzichten, lediglich anmerken, dass viele Errungenschaften, insbesondere die Annäherung der Türkei an Europa, die Trennung von Staat und Religion, der Laizismus und vieles andere unter Erdogan seit vielen Jahren zurückgedreht wird. Stattdessen erlaube ich mir auf einige Zitate des Gründers der türkischen Republik hinzuweisen, die ich für mehr als bemerkenswert erachte.

Sehr bemerkenswerte Zitate von Atatürk

1918: „Sollte ich eines Tages großen Einfluß oder Macht besitzen, halte ich es für das Beste, unsere Gesellschaft schlagartig – sofort und in kürzester Zeit – zu verändern. Denn im Gegensatz zu anderen glaube ich nicht, daß sich diese Veränderung erreichen läßt, indem die Ungebildeten nur schrittweise auf ein höheres Niveau geführt werden. Mein Innerstes sträubt sich gegen eine solche Auffassung. Aus welchem Grund sollte ich mich auf den niedrigeren Stand der allgemeinen Bevölkerung zurückbegeben, nachdem ich viele Jahre lang ausgebildet worden bin, Zivilisations- und Sozialgeschichte studiert und in allen Phasen meines Lebens Befriedigung durch Freiheit erfahren habe? Ich werde dafür sorgen, daß sie auch dahin kommen. Nicht ich darf mich ihnen, sondern sie müssen sich mir annähern.“ (Dietrich Gronau: Mustafa Kemal Atatürk oder die Geburt der Republik. Fischer, Frankfurt am Main 1994, S. 125 f.)

1924: „Der beste (vernünftigste) Wegweiser im Leben ist die Wissenschaft.“

1929: „Sie wundern sich, dass die Moscheen sich so schnell leeren, obwohl sie niemand schließt? Der Türke war von Hause aus kein Muslim, die Hirten kennen nur die Sonne, Wolken und Sterne; das verstehen die Bauern auf der ganzen Erde gleich, denn die Ernte hängt vom Wetter ab. Der Türke verehrt nichts als die Natur. […] Ich lasse jetzt auch den Koran zum ersten Mal auf Türkisch erscheinen, ferner ein Leben Muhammads übersetzen. Das Volk soll wissen, dass überall ziemlich das Gleiche steht und dass es den Pfaffen nur darauf ankommt zu essen.“ (Klaus Kreiser: Atatürk. Eine Biographie. München 2008, S. 235 f.)

Anfang der 1930er Jahre: „Meiner Meinung nach wird das Schicksal Europas wie gestern auch morgen von der Haltung Deutschlands abhängig sein. Diese außergewöhnlich dynamische und disziplinierte Nation von 70 Millionen wird, sobald sie sich einer politischen Strömung hingibt, die ihre nationalen Begierden aufpeitscht, früher oder später den Vertrag von Versailles zu beseitigen suchen. Deutschland wird in kürzester Zeit eine Armee aufstellen können, die imstande sein wird, ganz Europa, mit Ausnahme von England und Russland, zu besetzen … der Krieg wird in den Jahren 1940/45 ausbrechen … Frankreich hat keine Möglichkeit mehr, eine starke Armee aufzustellen. England kann sich bei der Verteidigung seiner Insel nicht mehr auf Frankreich verlassen. Amerika wird in diesem Krieg genau wie im Ersten Weltkrieg nicht neutral bleiben können. Und Deutschland wird wegen des amerikanischen Kriegseintritts diesen Krieg verlieren…“ (Bernd Rill: Kemal Atatürk. Rowohlt, Reinbek 1985, S. 124.) – Wohlgemerkt, diese Dinge sagte Atatürk Anfang der 1930er Jahre!

Und schließlich: „Es gibt verschiedene Kulturen, aber nur eine Zivilisation, die europäische.“ (zitiert in Bernd Rill: Kemal Atatürk, rowohlt Verlag 1985, S. 80)

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Titelbild: See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

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