Zwischenbilanz zur Fußball-WM 2018 vor dem Viertelfinale

Von Jürgen Fritz, Mi. 4. Jul 2018

32 Mannschaften sind Mitte Juni in Russland angetreten zum Kampf um die WM-Krone. 24 davon sind nach der zweiten Runde ausgeschieden, 8 sind verblieben und treffen nun ab übermorgen im Viertelfinale aufeinander. Zeit für eine erste Zwischenbilanz.

Nach zwei gespielten Runden reduziert es sich wieder einmal auf europäische und südamerikanische Mannschaften

Die 21. Fußball-Weltmeisterschaft begann am Donnerstag, den 14. Juni, also vor knapp drei Wochen, mit einem fulminanten Sieg des Gastgebers Russland über Saudi-Arabien. 5:0 hieß es am Ende und ließ auf eine torreiche WM hoffen. Inzwischen sind 56 von insgesamt 64 zu spielenden Partien ausgetragen, 48 in der Gruppenphase (erste Runde) plus die 8 Achtelfinale (zweite Runde), so dass schon einige Dinge festgestellt werden können.

Die 32 Teilnehmer teilten sich wie folgt auf die verschiedenen Kontinente auf:

  • Europa: 14
  • Südamerika: 5
  • Afrika: 5
  • Asien + Australien: 5
  • Nord- und Mittelamerika: 3

Alle afrikanischen, asiatischen/australischen, nord- und mittelamerikansichen Mannschaften sind in den ersten beiden Runden ausgeschieden (0 Prozent-Quote). Übrig geblieben sind:

  • 6 von 14 europäische Mannschaften (43 Prozent-Quote): Frankreich, Belgien, Schweden, England, Russland und Kroatien und
  • 2 von 5 südamerikanischen (40 Prozent-Quote): Uruguay und Brasilien.

Die größte Enttäuschung von allen: Deutschland

Die größte Enttäuschung von allen Mannschaften war sicherlich die deutsche Nationalmannschaft. Angetreten als amtierender Weltmeister, Titelverteidiger und neben Brasilien der Top-Favorit, schieden die Deutschen bereits in der Gruppenphase (32er-Runde) aus. Das hatte es niemals zuvor gegeben! Der Nimbus der Turniermannschaft, die immer dann, wenn es drauf ankommt, dann doch da ist, hat einen tiefen Kratzer bekommen. Ganz besonders enttäuschend war dabei die Art des Ausscheidens. Von den drei Gruppenspielen wurden zwei verloren.

Nach der Niederlage im ersten Spiel gegen starke Mexikaner folgte dann nach dem knappen Sieg in wirklich allerletzter Minute gegen Schweden nochmals eine Niederlage und das gegen Südkorea. Vor der WM undenkbar! Deutschland wurde sogar Gruppenletzter mit nur drei Punkten aus drei Spielen bei nur zwei geschossenen Toren und vier Gegentreffern. Ein katastrophales Gesamtergebnis!

Auch enttäuschend: Argentinien, Portugal und vor allem Spanien

Doch die Überraschungen setzten sich in der zweiten Runde, im Achtelfinale fort. Zunächst schied der Vizeweltmeister Argentinien, der eine ganz schwache Gruppenphase gespielt hatte, gegen die sehr starken Franzosen aus, dann noch am gleichen Tag der amtierende Europameister Portugal gegen die gefährliche Mannschaft aus Uruguay. Beides anhand des Gegners aber zumindest halbwegs nachvollziehbar.

Am nächsten Tag folgte aber eine noch viel größere Überraschung: Spanien, der Weltmeister von 2010, Europameister von 2008 und 2012, einer der drei, vier Top-Favoriten, schied im Achtelfinale gegen Russland aus. Was für eine Enttäuschung für die Nation, die vor 6, 8, 10 Jahren den Weltfußball total beherrschte! Schon bei der WM in Brasilien 2014 enttäuschten die Spanier, als sie als Titelverteidiger in der ersten Runde ausschieden. Diesmal war es immerhin die zweite, aber das ist wohl nur ein schwacher Trost und kann angesichts der Qualität der Spieler schwerlich zufrieden stellen.

Die Spanier spielten zumindest noch immer einen sehr gepflegten Fußball. Das erste Spiel gegen Portugal, das 3:3 endete und bei dem die Spanier zweimal einen Rückstand wettmachten, war einer der absoluten Höhepunkte des Turniers. Eines wurde aber deutlich: Sie können kaum noch Spiele gewinnen. In vier Spielen nur ein Sieg, reicht einfach nicht, um unter die besten Acht oder gar unter die letzen Vier zu kommen.

Zwar blieb die spanische Mannschaft, die seit zwei Jahren kein einziges Spiel verlor, weiterhin ungeschlagen (Elfmeterschießen zählt nicht als Sieg oder Niederlage, sondern ähnlich wie eine Losentscheidung als Remis), aber von dem Titel Unentschieden-Weltmeister kann man sich nichts kaufen. Insofern Gesamtergebnis: trotz teilweise schönem Spiel die zweitgrößte Enttäuschung, direkt nach Deutschland – vor allem das 2:2 gegen Marokko und das 1:1 gegen Russland. Hierbei lassen insbesondere die 6 Gegentore in nur 4 Spielen aufhorchen (2010 kassierte Spanien in allen 7 Spielen zusammen nur einen einzigen Gegentreffer!).

Messi und Christiano Ronaldo sind raus

Und noch zwei weitere Enttäuschungen sind zu nennen, jetzt aber persönliche. Mit Argentinien und Portugal sind die zwei Fußballer ausgeschieden, die die letzten zehn Jahre dominiert haben, wie nie zwei Spieler ihre Ära zuvor: Lionel Messi und Christiano Ronaldo. Beide wurden von der FIFA fünfmal zum Weltfußballer des Jahres gewählt! Das gab es niemals zuvor. Selbst Brasiliens Ronaldo und Zinédine Zidane brachten es „nur“ auf drei dieser Auszeichnungen. Doch Christiano Ronaldo und Messi bleiben wohl für immer ohne jeden WM-Titel. Christiano ist jetzt 33,4 Jahre alt, Messi 31, beide spielten bereits ihre vierte WM. Ob sie in vier Jahren überhaupt noch spielen werden, darf bezweifelt werden.

Ronaldo startete immerhin großartig ins Turnier, besser als je zuvor, mit seinen drei Treffern gegen Spanien und dann gleich zu Beginn gegen Marokko, doch dann ließ er merklich nach. Und Messi brachte es sogar nur auf einen einzigen Treffer in vier Spielen. Die WM geht ab der dritten Runde ohne die beiden Superstars weiter.

Harry Kane erzielte die meisten Tore bisher

Erfreulich ist, dass in den bisherigen 56 Spielen immerhin 146 Tore geschossen wurden. Das ergibt einen Schnitt von 2,61 pro Spiel, nur minimal weniger als vor vier Jahren in Brasilien (2,67), mehr als 2010 (2,27), 2006 (2,30) und 2002 (2,52). Die meisten Treffer erzielten bisher:

  • 6 Tore: Harry Kane (England) in 3 Spielen
  • 4 Tore: Romelu Lukaku (Belgien) in 3 Spielen
  • 4 Tore: Christiano Ronaldo (Portugal) in 4 Spielen
  • 3 Tore: Yerry Mina (Kolumbien) in 3 Spielen
  • 3 Tore: Kylian Mbappé (Frankreich) in 4 Spielen
  • 3 Tore: Edinson Cavani (Uruguay) in 4 Spielen
  • 3 Tore: Artem Dschjuba (Russland) in 4 Spielen
  • 3 Tore: Denis Tscheryschew (Russland) in 4 Spielen
  • 3 Tore: Diego Costa (Spanien) in 4 Spielen

Die besten Aussichten auf die Krone als Torschützenkönig hat also eindeutig Harry Kane. Sechs Treffer reichten bei den letzten Weltmeisterschaften fast immer, um ganz oben zu stehen, und England ist ja noch im Turnier, so dass auch noch Tor Nr. 7 fallen könnte.

Doch betrachten wir nun die acht übrig gebliebenen Mannschaften, wie sie bisher spielten und wie stark sie einzuschätzen sind.

Die acht Viertelfinalisten

Schauen wir uns die Gruppenphase mit jeweils drei Spielen und das Achtelfinale an, dann können wir bezüglich der bisherigen Auftritte folgende Tabelle erstellen:

  1. Belgien: 4 Siege – 0 Unentschieden – 0 Niederlagen, 12 Punkte, 12:4 Tore
  2. Uruguay: 4 – 0 – 0, 12 Punkte, 7:1 Tore
  3. Kroatien: 3 – 1 – 0, 10 Punkte, 8:2 Tore
  4. Brasilien: 3 – 1 – 0, 10 Punkte, 7:1 Tore
  5. Frankreich: 3 – 1 – 0, 10 Punkte, 7:4 Tore
  6. Schweden: 3 – 0 – 1, 9 Punkte, 6:2 Tore
  7. England: 2 – 1 – 1, 7 Punkte, 9:4 Tore
  8. Russland: 2 – 1 – 1, 7 Punkte, 9:5 Tore

Diese Tabelle berücksichtigt natürlich nicht, dass die jeweiligen Gegner unterschiedlich waren, insofern darf sie sicherlich nicht überbewertet werden, gibt aber doch gewisse Hinweise. Mit Belgien ist zum Beispiel sicherlich zu rechnen und das zweite Viertelfinale Brasilien gegen Belgien verspricht besonders interessant zu werden. Dies dürfte mindestens ein vorweggenommenes Halbfinale sein.

Ähnliches gilt für das erste Viertelfinale Frankreich gegen Uruguay. Insgesamt dürfte die obere Hälfte des Tableaus wesentlich stärker sein als die untere. Hier die vier Viertelfinale:

  1. Fr. 6.7. um 16 Uhr: Frankreich – Uruguay
  2. Fr. 6.7. um 20 Uhr: Brasilien – Belgien
  3. Sa. 7.7. um 16 Uhr: Schweden – England
  4. Sa. 7.7. um 20 Uhr: Russland – Kroatien

Die Sieger aus 1 und 2 spielen dann das erste Halbfinale, die Sieger aus 3 und 4 das zweite. Belgien und Brasilien haben also ein enorm schweres Restprogramm zum Turniersieg.  Belgien müsste zuerst Brasilien schlagen, dann evtl. Frankreich und dann evtl. England. Die Engländer, die gestern Abend im Achtelfinale gegen Kolumbien zum ersten Mal in der Geschichte ein WM-Elfmeterschießen für sich entscheiden konnten, haben ein wesentlich leichteres Programm mit Schweden, evtl. Kroatien und dann dem Endspiel.

WM-Favoriten

Und hier die Wettquoten auf den Turniersieg:

  1. Brasilien: knapp 25 %
  2. Frankreich: ca. 19 %
  3. England: ca. 18 %
  4. Belgien: ca. 13 %
  5. Kroatien: ca. 13 %
  6. Uruguay: ca. 5 – 6 %
  7. Russland: ca. 3 – 4 %
  8. Schweden: ca. 3 – 4 %

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Titelbild: YouTube-Screenshot vom Elfmeter von Harry Kane (England) im Spiel gegen Kolumbien, als er seinen 6. Treffer bei dieser WM erzielte

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