Das Herz ist im Kopf

Von Jürgen Fritz, Mi. 8. Aug 2018

Verletzliche Schönheit berühre das Herz, schrieb die deutsche Lyrikerin Else Pannek (1932 – 2010). Stilles Vertrauen heile das Herz, meinte der deutsche Lyriker, Dramatiker und Übersetzer Friedrich Wilhelm Gotter (1746 – 1797). Und Victor Marie Hugo (1802 – 1885), der berühmte französische Schriftsteller, war sicher: „Reine Liebe dehnt das Herz“. Irgendwie verstehen wir all dies sofort intuitiv. Doch was ist hier jeweils mit „Herz“ gemeint und sitzt dies Gemeinte wirklich in der Brust?

Wofür steht hier „Das Herz“?

Das Wort „Herz“ich setze es in Anführungszeichen, weil ich jetzt nicht über das schreibe, was durch das Wort bezeichnet wird (die Wortbedeutung, das Bezeichnete, den Begriff), sondern das Wort, das sprachliche Zeichen selbst – ist ein sogenanntes Homonym, ein Wort, das mehrere Begriffe bezeichnet, also genau umgekehrt wie bei einem Synonym, bei dem mehrere Worte den gleichen Begriff bezeichnen (Sachgleichheit bei Wortverschiedenheit), zum Beispiel „Orange“ und „Apfelsine“, „Essen“ und „Mahlzeit“, „sprechen“ und „sagen“ oder „schnell“ und „fix“.

Philosophen sprechen auch von Äquivokation – mehrere unterschiedliche Dinge werden gleich (äqui) gerufen (Wortgleichheit bei Sachverschiedenheit), so wie bei

  • „Bank“ = Möbelstück oder Kreditinstitut oder Untiefe im Meer (1 Wort, 3 Begriffe),
  • „Erde“ = Blumenerde oder der Planet Erde (1 Wort, 2 Begriffe)
  • „Geist“ = ein übernatürliches Wesen oder ein Gespenst oder der Intellekt (die Geistseele) oder die Gesinnung oder das Destillat z.B. des Weines (1 Wort, viele Begriffe).

Das äquivoke Wort „Herz“ kann nun stehen für

  1. den Herzmuskel, das körperliche Organ (Begriff 1) oder für
  2. das Innere des Menschen im Sinne von Zentrum der Empfindungen, des Gefühls, auch des Mutes und der Entschlossenheit (Begriff 2) oder
  3. eine geliebte Person (Begriff 3) oder
  4. allgemein der innerste Bereich von etwas, z.B. im Herzen des Orients oder im Herzen der Pflanze (Begriff 4) oder
  5. für die Farbe im Kartenspiel (Begriff 5).

Die erste hermeneutische (Auslegungskunst) Frage wäre also: Welche Bedeutung von „Herz“, welcher Begriff ist in dem Satz gemeint? Sicherlich nicht der erste, der Herzmuskel, und sicherlich nicht der fünfte, die Farbe im Kartenspiel. Gemeint ist hier offensichtlich wohl eher die zweite Bedeutung von „Herz“: das Innere des Menschen im Sinne von Zentrum der Empfindungen, des Gefühls, auch des Mutes und der Entschlossenheit, eventuell auch die dritte: eine geliebte Person. Eine geliebte Person ist ja eine solche, der eben diese Emotion, dieses Gefühl, diese Empfindungen entgegengebracht werden, die mithin im Innersten des Liebenden ist, also landen wir über 3 auch bei 2, den Gefühlen, den Emotionen, den Empfindungen, dem Innersten der Person, auch des Mutes und der Entschlossenheit.

Gefühle, Mut und Entschlossenheit, das Innerste, das Wesen der Person sind im Gehirn

Somit stellt sich die Frage: Wo ist der Sitz der Gefühle, des Mutes, der Entschlossenheit, des Innersten des Menschen? Der Ausgangssatz ließe sich also reformulieren als: Die Gefühle, Mut, Entschlossenheit und das Innerste der Person sind im Kopf. 

Die nächste Frage wäre: Was ist im Kopf, was hier von Relevanz wäre? Die Ohren oder Haare sind wohl kaum gemeint. Naheliegende Antwort: das Gehirn. Somit kommen wir zu der Formulierung: Die Gefühle, Mut und Entschlossenheit, das Innerste, das Wesen der Person sind im Gehirn. Das ist offensichtlich gemeint und metaphorisch umschrieben.

Dass dieser Satz wahr ist, also die Wirklichkeit richtig beschreibt, ist relativ leicht zu erkennen. Würde man jemand das Gehirn, das quasi der Kopf des zentralen Nervensystems ist, zum Großteil entfernen, hätte er, je nachdem, was man entfernt, kaum noch Gefühle. Diese entstehen erst im Gehirn. Sie werden über die Nervenbahnen zu diesem weitergeleitet und dort „verarbeitet“ und zwar im limbischen System, besonders im Mandelkern (Amygdala), das Teil des Zwischenhirns ist, welches den noch älteren Hirnstamm (Reptiliengehirn) umgibt.

Dort, im Mandelkern, werden Gefühle verarbeitet, das Schmerzempfinden reguliert und Triebhandlungen in Gang gesetzt. Die Nerven-Netzwerke des limbischen Systems „werden immer dann erregt, wenn etwas passiert, das uns unter die Haut geht, das uns also irgendwie vorübergehend aus dem Gleichgewicht bringt“, schreibt der Neurobiologe Gerald Hüther.

Alles Wesentliche, was uns als Person und Mensch ausmacht, hat seinen materiellen Sitz, genauer: seine materielle Basis im Kopf

Auch Mut und Entschlossenheit sowie das Innerste und Wesen der Person finden wir natürlich im Gehirn, was wir leicht daran erkennen, was passiert, wenn jemand an Demenz erkrankt, einer Krankheit, die das Gehirn befällt. Er verändert nach und nach seine Persönlichkeit, sein Innerstes, sein Wesen. Mut und Entschlossenheit können so leicht schwinden.

Sie können auch schwinden über Erfahrungen, die wir machen und die uns entmutigen. Erfahrungen wiederum sind abgespeichert im Gehirn. Umgekehrt können durch bestimmte Erfahrungen oder durch Gedanken und eine Änderung der Vorstellungswelt Mut und Entschlossenheit auch gesteigert werden. Und Gedanken und Vorstellungen sind wiederum wo?, natürlich im Gehirn, genauer: Sie entstehen im Geist (immateriell), welcher vom Gehirn (die materielle Basis) quasi aufgespannt wird.

Dass das Herz, gemeint hier das Organ, als Sitz des Ichs angesehen wurde, finden wir insbesondere in altägyptischen Vorstellungen des Menschen. Das Herz wurde zum Beispiel entnommen und mumifiziert, das Gehirn wurde dagegen weggeworfen. Im altägyptischen Totengericht wurde das Herz gewogen.

Dass der Herzmuskel nicht entscheidend ist für unser Innerstes, für unser Wesen, für unsere Gefühlswelt, für die der Gedankenwelt ohnehin nicht, erkennen wir leicht daran, dass bei uns wohl kaum noch jemand glaubt, jemand wäre nach einer Herztransplantation ein ganz anderer Mensch (oder wenn es das Herz eines Schweines wäre, ein solches Tier). So ist es auch bei allen anderen Organen. Gäbe es allerdings Gehirntransplantationen, ist wohl jedem klar, dass es hier genau umgekehrt wäre: Das wäre dann ein völlig anderer Mensch im gleichen Körper.

Es war übrigens der griechische Philosoph Alkmaion, der bereits um 500 v. Chr. erkannte, dass nicht das Herz die ihm in der Antike noch zugesprochene Rolle als Zentralorgan der Wahrnehmung und der Erkenntnis – ich ergänze: und der Gefühle, sowie der Intuition – hat, sondern das Gehirn – und das sitzt bekanntlich im Kopf.

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Titelbild:  Pixabay, CC0 Creative Commons

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