Vom Nutzen der Vorurteile für das Überleben

Von Jürgen Fritz, Mo. 20.08.2018

Vorurteile genießen gewöhnlich einen schlechten Ruf, vor allem die negativen solchen. Wer das Wort „Vorurteil“ jedoch nicht neutral, sondern pejorativ gebraucht und das auch noch völlig einseitig, der fällt offensichtlich dem Vorurteil anheim, dass negative Vorurteile a priori und per se etwas Schlechtes seien, womöglich sogar immer falsch wären. Inwiefern ist dies unangemessen und kann sogar gefährlich werden?

Rechts oder links?

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in der Abenddämmerung im Wald spazieren, befinden sich auf dem Weg zurück zum Auto, sind aber noch ein Stück entfernt. Weit und breit keine Hütte, keine Menschen, nichts. Totale Einsamkeit und Ruhe. Nun kommen Sie an eine Weggabelung. Der rechte Weg ist ein klein wenig länger als der linke. Auf dem linken sehen Sie in einigen hundert Metern Entfernung fünf junge Männer entgegenkommen, die sehr laut und aggressiv klingend reden. Sie erkennen, dass diese arabisch sprechen. Auf dem rechten Weg kommen fünf junge Frauen entgegen, die dauernd kichern. Es scheint sich um Japanerinnen zu handeln. Welchen Weg werden Sie nehmen, den linken oder den rechten?

Nun stellen Sie sich bitte vor, wir haben a) tausend Menschen, die in jeweils tausend solcher oder ähnlichen Situationen, insgesamt also eine Million Fälle immer den linken Weg nehmen, weil er etwas kürzer ist und weil sie keinerlei Vorurteile haben, und b) tausend Menschen, die in jeweils tausend Situationen, insgesamt also wiederum eine Million Fälle, immer den rechten Weg nehmen, weil sie Vorurteile haben. Welche Gruppe wird im Durchschnitt wohl eine höhere Lebenserwartung haben und wird seltener Opfer von Gewaltverbrechen: a oder b?

Nützliche Vorurteile

Was viele nicht verstehen: Es gib gute, nützliche Vorurteile, zum Beispiel: „Die fünf arabischen jungen Männer auf dem linken Weg sind bestimmt gefährlicher als die fünf Japanerinnen auf dem rechten“, die im Einzelfall auch mal falsch sein können, insgesamt aber hilfreich sind. Und es gibt schlechte, falsche, schädliche Vorurteile. In vielen Vorurteilen steckt kollektives, tradiertes Wissen, das sich auch in der Intuition niederschlägt (im Gehirn abgespeichertes Erfahrungswissen unterhalb der Bewusstseinsebene aus persönlicher oder vererbter Erfahrung).

Ein philosophischer, d.h. reflektierter Geist wird versuchen, sich seine Vorurteile 1. bewusst zu machen, sie 2. überprüfen und dann 3. entscheiden (urteilen), welche er weiter pflegen und welche er verwerfen will. Das heißt, er wird differenzieren (diskriminieren) und Vorurteile nicht pauschal verurteilen.

Entscheidend ist immer, ob man bereit ist, seine Vorurteile zu ändern, wenn man eigentlich merken müsste, dass sie nicht tragen. Es geht also um geistige Flexibilität und Beweglichkeit statt Erstarrung. Das Problem sind also nicht die Vorurteile an sich, deren Vorhandensein, sondern die Nichtanpassung bei Inadäquatheit. Genau so kommt geistige Entwicklung zustande. Und solche Menschen, die ihre Vorurteile immer wieder weiterentwickeln – das Urteil von heute ist das Vorurteil von morgen -, sind aufregend und spannend. Sich mit solchen auszutauschen, macht Spaß und bringt im Idealfall beide weiter.

Rehabilitierung des Vorurteils durch Hans-Georg Gadamer

Hans-Georg Gadamer (1900-2002), einer der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts, der erste Philosoph in der Menschheitsgeschichte, der über hundert Jahre alt wurde, den nicht wenige für den gebildetsten Menschen seiner Zeit hielten und den ich das große Glück hatte, noch kurz persönlich kennenlernen zu dürfen, hat in seiner Universal-Hermeneutik herausgearbeitet, dass wir bei jedem Verstehensvorgang des Vorurteils sogar bedürfen. Ohne Vorurteil können wir gar nicht verstehen, weil das zu Verstehende immer auf etwas fällt, was schon da ist, mit dem es abgeglichen werden muss.

Das Entscheidende ist also nicht, ob man Vorurteile hat oder nicht, die hat man immer, sondern ob man diese immer wieder überprüft. Beim Verstehensprozess kommt es zu einem ständigen Hin und Her zwischen dem Vorurteil und dem zu Verstehenden. Es findet ein ständiger Abgleich statt, das heißt, das Ich geht von sich weg, hin zu dem zu Verstehenden, dann wieder zurück zu sich, dann wieder hin …, solange bis das zu Verstehende wirklich erfasst wurde. Beim Nichtverstehen wird dieser Vorgang vorzeitig abgebrochen, bevor das zu Verstehende adäquat in sich aufgenommen wurde.

Max Horkheimer: Über das Vorurteil

Auch Max Horkheimer (1895-1973) befasste sich in seiner 1963 erschienen Schrift „Über das Vorurteil“ mit diesem Thema. „Das negative Vorurteil ist mit dem positiven eins. Sie sind zwei Seiten einer Sache“, so formuliert er.  Vorurteile werden heute meist per se als negativ empfunden: Wenn in Debatten über Vorurteile gestritten wird, geht es fast ausschließlich um negative Vorurteile. Wie entscheidend Vorurteile für unser tägliches Überleben sind, gerät darüber in Vergessenheit. Der moderne Alltag ist ohne Vorurteile gar nicht zu bewältigen. Horkheimer:

Im Dschungel der Zivilisation reichen angeborene Instinkte noch weniger aus als im Urwald. Ohne die Maschinerie der Vorurteile könnte einer nicht über die Straße gehen, geschweige denn einen Kunden bedienen.“

Jedes Individuum hat den Wunsch, die Welt zu beurteilen, das Bedürfnis, seine Bewertung des Ge- oder Missfallens an den Geschehnissen auszudrücken. Ohne Vorurteile käme dies einem unmöglichen Unterfangen gleich. Oftmals sind kollektive Vorurteile das Ergebnis historisch gewachsener Interpretationsmuster, eine ganz normale Vereinfachung, um die Vielfalt der sozialen Wirklichkeit irgendwie zu bündeln und zu meistern.

Fazit

Im Vorurteil können im Einzelfall auch mal Fehlvorstellungen über die Welt zum Ausdruck kommen, die der Korrektur bedürfen. Nicht immer, aber sehr oft stecken im Vorurteil aber nicht Fehlvorstellungen, sondern Wissen. Wichtiges Wissen, welches wir benötigen a) als Vorwissen oder Vorverständnis, um Neues, noch Unbekanntes, welches nie auf leeren Boden fällt, überhaupt erst verstehen zu können, und b) zur Orientierung.

Meine persönliche Empfehlung auf die eingangs gestellte Frage lautet daher: Hören und vertrauen Sie auf Ihre Intuition, in welcher Vorurteile in Form von Wissen, in Form von kollektiven und persönlichen Erfahrungswerten tief verankert sind, und nehmen Sie den rechten Weg.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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