Das Geheimnis der Entwicklung der Urteilskraft: Transzendierung des Ichs in der erweiterten Denkungsart

Von Jürgen Fritz, So. 26. Aug 2018

Es irrt der Mensch, solang er strebt. Sollen wir also gänzlich aufhören zu streben oder gibt es noch eine andere Möglichkeit, der Gefahr des Irrtums nicht vollends zu erliegen?

Der Mensch ist ein fallibles Wesen

Kein Mensch, ja überhaupt kein vernunftbegabtes Wesen kann für sich reklamieren, völlig frei von Irrtum zu sein. Weshalb kann das niemand? Nun, der Irrende weiß ja nicht, dass er irrt. Würde er es wissen, wäre er ja nicht in der Sphäre des Irrtums. Das subjektive Sicherheits- oder Gewissheitsgefühl hilft hier offensichtlich nicht wirklich weiter, denn auch bei Dingen, bei denen Menschen absolut sicher sind, irren sie bisweilen.

Denken Sie nur daran, dass wahrscheinlich alle Menschen über Jahrtausende niemals auf die Idee kamen, die Erde könnte eine andere Form als eine Scheibe haben, könne gar rund sein und eher einer Kugel gleichen. „Aber dann fallen die unten doch runter“ hätten damals wohl alle gedacht. Ich selbst jedenfalls kann ich mich sehr gut erinnern, wie just dieser Gedanke mir förmlich durch den Kopf schoss, als meine älteren Schwestern mir als kleiner Bub mit einem großen Wollknäuel zu erklären suchten, wie ich mir die Erde vorzustellen habe. Alles in mir versuchte, sich dieser neuen, völlig ungewohnten Vorstellung zu widersetzen. Aber meine Schwestern hatten auf all meine Einwände schlüssige Antworten parat.

Die Vertreibung aus dem Paradies der Naivität

In dem Moment, da wir erkennen, dass wir irren können, dass unser Weltbild, unsere Vorstellungswelt falsch sein kann, dass wir fallibel sind, verlieren wir in gewissem Sinne unsere Unschuld, verlieren wir unsere epistemologische (erkenntnistheoretische) Naivität. Ab diesem Moment sind wir aus dem Paradies hinauskatapultiert und es gibt kein zurück in dieses, jedenfalls nicht, solange wir geistig gesund bleiben.

Unser Geist betritt mithin eine neue Sphäre und er lernt, nicht nur über Dinge außerhalb seiner zu urteilen, sondern auch sich selbst von außen zu betrachten, sich zu reflektieren und sich selbst zu beurteilen. Um möglichst gute Urteile fällen zu können, bedarf es aber der Urteilskraft. Was ist damit gemeint?

Urteilskraft – das Vermögen aller Vermögen

Urteilskraft bezeichnet ein Vermögen, eine transzendentale Bedingung für die Möglichkeit, zu Erkenntnissen gelangen zu können. Sie meint nicht das instinkthafte Gespür dafür, Macht zu erwerben, immer mehr zu erweitern und zu sichern, also die  machiavellistische, die mohammedanische oder merkelsche Raffiniertheit. Sie meint auch nicht die politische oder ethische Klugheit (phronesis) des Aristoteles. Nach Kant kann man den Verstand lehren, nach Regeln zu denken. Die Urteilskraft hingegen ist ein Vermögen, welches man zwar durch Übung verbessern, verfeinern kann, entscheidend ist aber die natürliche Begabung dafür, die Kunst der Diskrimination zu erlernen und zu beherrschen.

„Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen“, weiß bereits Kant. Sogar stumpfe Köpfe könnten es bis zur Gelehrsamkeit bringen, denn diese sei eine Frage der Verstandesfunktionen. Daher treffe man nicht selten auf gelehrte Menschen mit eingeschränkter Intelligenz. Denken Sie etwa an jenen Mediziner, der alle möglichen Krankheitsbilder in ihrer Symptomatik herunterbeten, zugleich aber kaum ein komplexeres Krankheitsbild richtig erkennen und diagnostizieren kann.

Das Geheimnis der Entwicklung der Urteilskraft

Die Urteilskraft gilt es zu üben, zu schulen und zu entwickeln, um die Häufigkeit und die Tiefe der eigenen Irrtümer zu reduzieren, wenngleich hier kein absoluter Nullpunkt erreicht werden kann. Gleichwohl gibt es offensichtlich sehr große Qualitätsunterschiede im Urteilen, in der Fähigkeit zu guten und gerechten Urteilen zu gelangen. Doch wie kann man dies tun, wie kann man seine Urteilskraft entwickeln? Kant gibt auch hierzu ganz wichtige Hinweise:

„Allgemeine Regeln und Bedingungen der Vermeidung des Irrtums überhaupt sind:

  1. selbst zu denken (aufgeklärte Denkart),
  2. sich in die Stelle eines anderen zu denken (erweiterte Denkart), und
  3. jederzeit mit sich selbst einstimmig zu denken (konsequente Denkart).

Die Maxime des Selbstdenkens kann man die aufgeklärte; die Maxime, sich in anderer Gesichtspunkte zu versetzen, die erweiterte; die Maxime, jederzeit mit sich selbst einstimmig zu denken, die konsequente oder bündige Denkart nennen.“

Transzendierung des Ichs in der erweiterten Denkingsart

Soweit Kant. Der Königsberger Philosoph beschreibt hier Maximen, also Anweisungen für Tätigkeiten. Maximen zielen immer auf Handlungen und haben zumeist eine ethische Qualität. Was Kant darlegt, ist eine Kombination aus drei erstrebenswerten Haltungen: selber denken (das Grundprinzip des aufgeklärten Geistes), sich in andere hineinversetzen (Perspektivenwechsel) und in sich stimmig (kohärent bzw. widerspruchsfrei) denken.

Wer diese drei Haltungen beherzigt und verinnerlicht, der wird, das wird jedem schnell einleuchten, a) seltener irren als andere, der wird b) seinen Horizont, mithin seinen Geist selbst weiten, dessen Urteilskraft wird sich immer weiter und feiner ausbilden.

Von überragender Bedeutung für die Herausbildung der Urteilskraft ist hierbei die mittlere Maxime. Die erweiterte Denkart inkludiert, dass man sein eigenes Urteil reflektiert, sich selbst quasi beim Denken beobachtet und beurteilt. Genau das macht den philosophischen Geist aus, der noch über dem wissenschaftlichen Geist steht, welcher Methoden erlernt hat, wie man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu echten Erkenntnissen gelangen kann, der sich bisweilen aber nicht selbst reflektiert, vor allem was die eigenen Prämissen und Präsuppositionen (stillschweigende Voraussetzungen) anbelangt. Wie kann diese Selbstreflexion eingeübt, wie erlernt werden?

Vom Ich über das Du zum Gemeinsinn

Ziel ist, einen allgemeinen Standpunkt zu erklimmen. Dies gelingt, indem zunächst in einem ersten Schritt der Standpunkt eines anderen eingenommen wird. Bereits bei diesem ersten Schritt, wird das eigene Ich, welches sich ins Du hineinversetzt, transzendiert. Gedanklich wird die Position des anderen eingenommen und seine Ansichten und Gründe werden so durchdacht, als ob es die eigenen wären. Damit weitet sich der Horizont bereits ungemein.

Wer dies gelernt hat, kann dann im zweiten Schritt einen Standpunkt außerhalb seiner selbst und außerhalb des anderen einnehmen. Auf dieser Stufe wird der sogenannte Gemeinsinn erreicht, der sensus communis, das gemeinwohl-orientierte Denken. Im Bereich der Moral, Ethik und Politik entspricht dies dem Gemeinwohl. Hier geht es nicht mehr um meine Position oder die meines direkten Gegenüber (jeweils Einzelinteressen), sondern jetzt erst wird das Ganze gesehen. Während im ersten Schritt vom Ich abstrahiert, das Ego überwunden wird, wird nun sowohl vom Ich als auch vom Du abstrahiert und nochmals eine neue Sphäre erreicht.

Über die erweiterte Denkungsart zur ästhetischen Haltung

Der philosophische Geist soll sich „über die subjektiven Privatbedingungen“ (Kant) des eigenen Urteils erheben. Dies bedeutet, sich gedanklich in ein Unbeteiligtsein versetzen, somit ein „interesseloses“ Betrachten üben, um so eine ästhetische Haltung einzunehmen (altgriechisch: aisthesis = sinnliche Wahrnehmung, Erkenntnis).  Der Ästhet transzendiert (übersteigt) seine subjektiven Interessen und Vorlieben, seine subjektiven Begierden und Prämissen und nimmt das Allgemeine in sich auf, lässt dieses in sich Einzug halten. Wer derart betrachtend urteilt, erhebt sich über die Bedingungen seines rein subjektiven, stets einseitig gefärbten Urteils.

Dies macht den Unterschied aus zwischen Zuschauer und Akteur, denn „Der Akteur ist per se parteilich“ (Hannah Arendt). Dies kennen wir alle von Journalisten, die nicht als Journalisten, sondern als Aktivisten agieren, zugleich aber vorgeben, reine Journalisten, also unparteiisiche Beobachter und Berichterstatter zu sein, was gerade ihre Verlogenheit ausmacht. Der ein oder andere mag sich an der Stelle an das berühmte Diktum von Hans Joachim Friedrichs erinnern, dem ehemaligen Tagesthemen-Anchorman, einem der letzten großen ästhetischen Journalisten:

„Das hab’ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer (vermeintlich, jf) guten …“

Der ideale Richter: der unparteiische Ästhet

Was H.J. Friedrichs hier beschreibt, ist genau diese ästhetische Haltung, die zustande kommt über die erweiterte Denkungsart. Und übrigens, genau das ist auch der Unterschied zwischen hübsch sein, zwischen einem gefallen (subjektiver, nicht interesseloser Standpunkt) und der Schönheit, die zu erkennen – nicht zu bestimmen, sondern zu erkennen! – nur imstande ist, wer das rein Subjektive in sich transzendiert, wer mithin die Sphäre des Allgemeinen betritt. Entsprechend fasst Kant die Schönheit als „interesseloses Wohlgefallen“, in welchem Subjektivität und Objektivität verschmelzen.

Ähnliches gilt im Bereich der Ethik und Politik. Das größte Hindernis für die unparteiisiche Reflexion ist auch hier die Absorbierung des Geistes von persönlichen Interessen und gesellschaftlichen Zwängen.

„Also ist der Rückzug aus der direkten Beteiligung auf einen Standpunkt außerhalb des Spiels eine conditio sine qua non (eine unabdingbar notwendige Bedingung) allen Urteils“ (Kant).

Denn der nicht eingebundene Beobachter, der Ästhet, der über eine feine Beobachtungsgabe verfügt, die erweiterte Denkungsart beherrscht und sich ihrer bedient, der die ästhetische Haltung verinnerlicht hat, ist der ideale Richter. Auf sein Urteil ist am meisten Verlass. Er irrt am seltensten. Ihm können wir am meisten vertrauen.

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Titelbild: C._Flammarion_-_Universum_-_Paris_1888_-_Colored_Panorama_Version-19-10, by Unknown artist; uploaded, retouched and colored by Hugo Heikenwaelder, Austria; edited by Jaybear; (File:Universum.jpg) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

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