Merkel und Seibert sprechen nun nicht mehr von „Hetzjagden“ auf Menschen – Wie kommt’s?

Von Michael Klonovsky und Jürgen Fritz, Do. 6. Sep 2018

Nach bisher vorliegenden Erkenntnissen haben in Chemnitz keine Menschenjagden stattgefunden. Das bestätigt nicht nur der sächsische Oberstaatsanwalt, sondern inzwischen auch der Regierungssprecher. Sachsens Ministerpräsident Kretschmer ringt sich nun ebenfalls zu der Version „kein Mob, keine Hetzjagd“ durch. Die gesamte Medienöffentlichkeit mit Kanzlerin und Bundespräsident vorneweg haben eine Stadt und mit ihr ein Bundesland auf der Grundlage von Fake News mit Dreck beworfen und denunziert. Das ist für diese Republik bislang beispiellos. Das ist Volksverhetzung von oben mit gleichgeschalteter Presse, wie man sie nur aus Diktaturen kennt.

Mehr „Belege“ für „Menschenjagden“ gibt es nicht

Regierungssprecher Seibert hat gegenüber Publico zugegeben, dass die Kanzlerin und er als ihr Bauchredner mit der Unterstellung, in Chemnitz sei es zu „Menschenjagden“ gekommen, ungeprüft eine Behauptung übernommen haben, die in den sozialen und Wahrheitsmedien zirkulierte. Bei den pauschalen Verunglimpfungen von Bürgern, die ihr verfassungsmäßiges Recht auf Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit in Anspruch nahmen, stützten sich der Regierungssprecher und die Kanzlerin pikanterweise einzig auf ein 19 Sekunden langes Video der „Antifa Zeckenbiss“, auf welchem ein Mann zu sehen ist, der drohend auf einen anderen zuläuft. Hier zu sehen:

Weitere Belege wusste der Merkel-Sprecher bis heute nicht herbeizuwuchten. Auf die Idee, einfach bei den zuständigen Polizeidienststellen anzurufen und sich zu erkundigen, was sich zugetragen hatte, war Seibert nicht gekommen. Lieber denunzierte der getreue Steffen eine halbe Stadt.

Volksverhetzung von oben mit gleichgeschalteter Presse, wie man sie nur aus Diktaturen kennt

Halten wir fest: Nach den bisher vorliegenden Erkenntnissen haben in Chemnitz keine Menschenjagden stattgefunden. Das bestätigt nicht nur der sächsische Oberstaatsanwalt Wolfgang Klein, sondern inzwischen also auch der Regierungssprecher. Auch Sachsens Ministerpräsident Kretschmer ringt sich jetzt zu der Version „kein Mob, keine Hetzjagd“ durch.

Wenn wir von der Niedermesserung der drei Chemnitzer absehen, welche die Proteste auslöste, überstegt die Bilanz der Straftaten, Schäden und Verletzen der Chemnitzer Blutkirmes nicht die eines normale Bundesligaspiels. Nur der Medien-GAU ist ein totaler. Außer Alexander Wendt (Publico) hat es kein Journalist für nötig gehalten, sich bei Polizei oder Staatsanwaltschaft nach strafrelevanten Geschehnissen zu erkundigen, also das Rechercheminimum zu leisten.

Die gesamte Medienöffentlichkeit mit Kanzlerin und Bundespräsident vorneweg haben eine Stadt und mit ihr ein Bundesland auf der Grundlage von Feknjuhs mit Dreck beworfen und denunziert. Das ist für diese Republik bislang beispiellos. Das ist Volksverhetzung von oben, mit gleichgeschalteter Presse, wie man sie nur aus Diktaturen kennt.

Seibert: Ich wollte keine Sachdarstellung liefern, sondern nur eine politische Einordnung einer Sache, von der ich nichts Genaues weiß

Soweit Michael Klonovsky. Alexander Wendt von Publico hatte beim Regierungssprecher angefragt, ob er bei seiner Darstellung bleiben wolle, es hätte am Sonntag, den 26. August,  „Hetzjagden“ gegeben in Chemnitz. Diesen Vorwurf, so  Publico, lässt Merkels Sprecher Steffen Seibert inzwischen fallen. Seibert habe ja gar keine „Sachdarstellung“ geben wollen, sondern die Sache, von der er selbst nichts Genaues wusste und die korrekt zu beschreiben er gar nicht fähig war, gleichwohl aber „politisch einordnen“ wollen, wie das ein Regierungssprecher von Merkel und den Altparteien eben so macht. Er ordnet Dinge fürs Volk ein, von denen er nichts Genaues weiß, damit das dumme Volk nicht selber anfangen muss, sich zu informieren, was da eigentlich wirklich geschehen ist und diese Fakten dann auch noch selbst einordnen muss.

Wie Alexander Wendt sauber herausarbeitet, haben sowohl Seibert als auch Merkel selbst Behauptungen aufgestellt, es habe „Hetzjagden“ gegeben und diese Behauptungen explizit in einen Zusammenhang gebracht mit Videos, die ihnen angeblich vorlägen. Doch seltstamerweise war niemand fähig, abgesehen von dem lächerlichen 19 Sekunden-Video oben, auf dem man fast gar nichts sieht, außer dass einer – keine Gruppe! – einem anderen ein paar Meter hinterherrennt -, solche Videos, die das angeblich dokumentieren, vorzulegen. Keiner! Nicht ein einziges Video.

Seibert: Ich habe nicht nur keine Ahnung von der Sache, die ich politisch einordne, sondern auch keine Ahnung von Semantik, sprich der deutschen Sprache, daher bin ich ja Regierungssprecher

Publico fragte aber nicht nur bei Merkel und Seibert an, sondern auch beim Sprecher der sächsischen Generalstaatsanwaltschaft Wolfgang Klein, der dann, wie bereits berichtet, folgendes antwortete:

„Nach allem uns vorliegenden Material hat es in Chemnitz keine Hetzjagd gegeben.

Außerdem stellte Publico eine Presseanfrage an Steffen Seibert und Angela Merkel und wollte wissen, auf welche Videos sie sich in ihren Aussagen beziehen. Darauf antwortete das Bundespresseamt vorgestern wie oben beschrieben, man wollte ja gar keine Sachdarstellung geben, sondern nur politisch einordnen, wovon man gar nichts Genaues wisse … BlaBlaBla.

Die Einordnung der Ereignisse von Chemnitz war auch am Montag Thema in der Regierungspressekonferenz. Da hat Regierungssprecher Steffen Seibert auf die Frage eines Journalisten wie folgt geantwortet:

Ich werde hier keine semantische Debatte über ein Wort führen. Wenn die Generalstaatsanwaltschaft das sagt, dann nehme ich das natürlich zur Kenntnis. Es bleibt aber dabei, dass Filmaufnahmen zeigen, wie Menschen ausländischer Herkunft nachgesetzt wurde und wie sie bedroht wurden. Es bleibt dabei, dass Polizisten und Journalisten bedroht, zum Teil auch angegriffen wurden. Es bleibt dabei, dass es Äußerungen gab, die bedrohlich waren, nah am Aufruf zur Selbstjustiz. Also da gibt es aus meiner Sicht auch nichts kleinzureden.“

Semantischer Vorschlag: Vielleicht machten die Menschen in Chemnitz auch nur einen „Spaziergang“ oder wollten „picknicken“?

Sie sehen, offensichtlich hat Herr BlaBla nichts gelernt aus der Lektion, die im gerade erteilt wurde, und macht genau so weiter wie zuvor. Er nimmt ausschließlich das zurück, was ihm gerade widerlegt wurde, ansonsten lügt oder schwadroniert er genau so weiter wie zuvor und wie es dem Regierungskurs gerade in den Kram passt.

„Ob es sich bei den Ereignissen um Hetzjagden gehandelt hat, ist für ihn (Seibert, jf) eine Frage der Wortwahl, der Semantik“ (Wortbedeutungslehre), schreibt Science Files und fährt ganz richtig fort: „Wenn die Realität der Ereignisse in Chemnitz eine Frage der Semantik wäre, dann hätte Seibert auch von einem Spaziergang oder einem Picknick sprechen können.“

Publico hatte ferner die Frage gestellt, ob Seibert vor seinem Gang zur Bundespressekonferenz am 27. August Kontakt mit der Polizei Chemnitz oder einer zuständigen Staatsanwaltschaft aufgenommen hatte, um sich zu informieren und sachkundig zu machen, bevor er drauflos schwadroniert. Auf diese Frage ging das Bundespresseamt mit keinem Wort ein, was wohl als: „Nö, haben wir nicht“ interpretiert werden darf, denn sonst hätte man es angegeben, wenn man dies getan hätte.

„Bleibt noch eine Frage“, resümiert Alexander Wendt: „Wie kommt es, dass nach einem Ereignis wie in Chemnitz, über das weltweit berichtet wurde, offenbar nur Publico bei der zuständigen Ermittlungsbehörde detailliert nachfragte?“ – Das scheint mir eine mehr als berechtigte Frage zu sein. Doch nicht etwa deshalb, weil sowohl die Bundesregierung als auch sämtliche Massenmedien die Wahrheit, was in Chemnitz tatsächlich vorgefallen war, gar nicht interessierte und es das noch immer nicht tut? Hier können Sie den ganzen Publico-Artikel nachlesen, der sehr zu empfehlen ist.

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Der erste Teil dieses Textes erschien zuerst auf dem sehr empfehlenswerten Blog von Michael Klonovsky, der nur so vor Gedanken, Ein- und Quersichten sprüht. Sollten Sie sich unbedingt öfters ansehen. Er erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des geschätzten Autors und Blogbetreibers.

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Zum Autor: Michael Klonovsky, 1962 im Erzgebirge geboren, ist Romanautor und Publizist. Aufgewachsen in Ostberlin. Maurerlehre. Abitur. Seit 1990 Journalist. “Wächterpreis der Tagespresse” für die „Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen durch die DDR-Justiz und den Staatssicherheitsdienst“. 1992: Wechsel zum Focus, zunächst als Redakteur, später als Chef vom Dienst bzw. Textchef, Leiter des Debattenressorts, sodann als Autor. Am 31. Mai 2016 endete die Ehe mit Focus, die Partner hatten sich auseinandergelebt. Von Juni 2016 bis Anfang 2017 war er parteiloser Berater von Frauke Petry, von Juni bis November 2017 Sprecher der von Jörg Meuthen geführten Landtagsfraktion der AfD Baden-Württemberg. Michael Klonovsky ist Autor mehrerer Bücher.

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Titelbild: YouTube-Screenshot von Regierungssprecher Steffen Seibert

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