Vom Barbaren zum Menschen und wieder zurück

Von Jürgen Fritz, Mi. 17. Okt 2018

„Fatalerweise liefert der Terminus ‚Barbar‘ das Paßwort, das den Zugang zu den Archiven des 20. Jahrhunderts öffnet. Es bezeichnet den Leistungsverächter, den Vandalen, den Statusleugner, den Verweigerer der Anerkennung für jede Art von Ranking-Regel und Hierarchie. Wer das 20. Jahrhundert verstehen will, muß stets den barbarischen Faktor im Auge behalten. Daß die barbarische Position im Europa des 20. Jahrhunderts selbst unter den Vertretern der Hochkultur zeitweise als wegweisend galt, bis hin zu einem Messianismus der Unbildung, illustriert das Ausmaß der Zivilisationskrise, die dieser Kontinent in den vergangenen einhundertfünfzig Jahren durchlaufen hat – die Kulturrevolution nach unten inbegriffen, die in unseren Breiten das 20. Jahrhundert durchzieht und ihren Schatten auf das 21. Jahrhundert vorauswirft.“ – Peter Sloterdijk

Erst im Annehmen der Verurteilung zur Freiheit beginnt das Mensch-sein

Der Mensch ist das Wesen, welches nicht nur Übungen vollziehen kann – das können der Löwe, der Leopard und die Lerche auch, sie üben zum Beispiel das Jagen oder Fliegen und Nest-bauen, indem sie es immer wieder tun und dadurch darin immer besser werden, die Jungen anfangs noch im Spiel, später dann im ständigen Wiederholen des Ernstfalls. Der Mensch aber kann sich seine Übungen selbst aussuchen. Das können der Löwe, der Leopard und die Lerche nicht, welche einfach ihrem inneren Programm, ihrer Natur folgen. Sie tun einfach, sie treffen hier aber keine bewusste Entscheidung, sie wägen nicht ab, ob sie dieses oder jenes üben sollen. Sie sind gleichsam nicht dazu verurteilt, frei zu sein.

Der Mensch aber kann entscheiden, ob er üben will, geduldiger, großzügiger, toleranter, mutiger, wehrhafter zu werden, mithin seinen Charakter zu formen, ob er üben will, seine spirituellen Kräfte zu entwickeln, ob er seine Lese-, Texterfassungs- und Denkkompetenz üben will, mithin seinen Logos (den höchsten Seelenteil oder die höchste seelische Kraft) entwickeln, ob er auf Zehenspitzen gehen üben will. Im bewussten selbst gewählten Üben wird er überhaupt erst Mensch. Alles davor ist im Grunde fast ausschließlich Tier. Erst im Annehmen der Verurteilung zur Freiheit beginnt das Mensch-sein.

Selbstformungsfähigkeit (Menschenwürde)

Der Mensch wird so also in der Menschwerdung zum Akrobaten (aus griech: akro = hoch, zuoberst und banain = gehen, schreiten), er wird zum Artisten, indem er seiner natürlichen Anlage folgt, das Natürliche in sich, zum Beispiel das auf flachem Fuß gehen, zu überschreiten, zu transzendieren und damit sich selbst nach oben übersteigt, indem er seiner natürlichen Anlage folgt, gegen die reine Natur, gegen das Vorgegebene anzugehen.

Oder umgekehrt: In der selbstgewählten Artistik, in diesem Überschreiten seiner selbst wird er erst zum Menschen, indem er zu sich kommt, wenn er sich übersteigt, wenn er sich transzendiert, indem er das Ich von jetzt nur als einen Ausgangspunkt sieht für das Ich von morgen und dieses morgige Ich geistig vorwegnimmt und demgemäß seine Übungen aussucht, sich mithin durch diese selbst formt, sich durch diese zu dem macht, der er sein wird, sich zu dem macht, der er sein will. Der Weg zum wahren Ich aber geht nur über die Übung. Über diese Selbstformungsfähigkeit zu verfügen, das nennt man Menschenwürde. Ein Begriff, den der Barbar vom Wort her mit ein wenig Schulung zwar mit seinen Lippen artikulieren und, so es sich nicht um einen Analphabeten handelt, auch schreiben, von seinem Inhalt her geistig aber nicht erfassen kann.

Der Barbar

Fatalerweise entfernen wir uns seit langer Zeit und hier dürfte die Entstehung des Sozialismus respektive der Sozialdemokratie und die Sozialdemokratisierung der gesamten Gesellschaft eine große Rolle spielen, siehe Sieferles Abschnitt Sozialdemokratismus ab Seite 25 in Finis Germania, sowie das Aufkommen und Erstarken dessen verzogener Kinder: Die Grünen und die Antifa. Hierzu möchte ich mit einem längeren Zitat von Peter Sloterdijk aus Du mußt dein Leben ändern, S. 27 f. schließen:

„Fatalerweise liefert der Terminus ‚Barbar‘ das Paßwort, das den Zugang zu den Archiven des 20. Jahrhunderts öffnet. Es bezeichnet den Leistungsverächter, den Vandalen, den Statusleugner … den Verweigerer der Anerkennung für jede Art von Ranking-Regel und Hierarchie. Wer das 20. Jahrhundert verstehen will, muß stets den barbarischen Faktor im Auge behalten. Gerade für die jüngere Moderne war und bleib es typisch, eine Allianz zwischen Barbarei und Erfolg vor großem Publikum zuzulassen, anfangs mehr unter der Form von trampelhaftem Imperialismus, heute in den Kostümen der invasiven Vulgarität, die durch die Vehikel der Popularkultur in praktisch alle Bereiche vordringt.

Daß die barbarische Position im Europa des 20. Jahrhunderts selbst unter den Vertretern der Hochkultur zeitweise als wegweisend galt, bis hin zu einem Messianismus der Unbildung, ja einer Utopie des Neuanfangs der der leeren Tafel der Ignoranz, illustriert das Ausmaß der Zivilisationskrise, die dieser Kontinent in den vergangenen einhundertfünfzig Jahren durchlaufen hat – die Kulturrevolution nach unten inbegriffen, die in unseren Breiten das 20. Jahrhundert durchzieht und ihren Schatten auf das 21. Jahrhundert vorauswirft.“

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Titelbild: YouTube-Screenshot aus Cloud Atlas

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