Warum Klonovsky nicht ins ZDF darf

Ein Gastbeitrag von Axel Stöcker, Do. 1. Nov 2018

Wie konnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen phantastischen Ruf im Osten innerhalb von nur zehn Jahren derart ruinieren? Bis 1989 und auch danach galt er dort noch als Welterklärer und Wegbereiter der Wende. Heute werden seine Reporter mitunter angepöbelt und die Tagesschau wird als Aktuelle Kamera 2.0 verspottet. Was ist da geschehen? Das war eine der Zuschauerfragen bei einer ungewöhnlichen Podiumsdiskussion, zu welcher der AfD-Kreisverband Dresden am vergangenen Donnerstag ins Herz von „Dunkeldeutschland“ geladen hatte. Thema: Medien und Meinung. Gekommen waren keine Geringeren als die Chefredakteure von ARD-aktuell Kai Gniffke und vom ZDF Peter Frey. Als Konterpart saßen die ehemaligen Journalisten Nicolaus Fest (ehemals BILD) und Michael Klonovsky (ehemals Focus) mit auf der Bühne, die inzwischen beide für die AfD tätig sind. Die Lückenpresse zu Gast in der Höhle der Populisten. Konnte das gut gehen?

„Ich bin gern gekommen, weil sie auch Beitragszahler sind“

Bevor wir dieser Frage nachgehen, sollte man sich vielleicht noch einmal auf der Zunge zergehen lassen, was da stattgefunden hat: Die staatlichen Sendeanstalten stellen sich öffentlich der Kritik einer „rechtspopulistischen“ Partei an ihrer Berichterstattung über ebenjene „rechtspopulistische“ Partei. Dass ein solches Zugeständnis nicht allein mit der Bedeutung der AfD zu erklären ist, liegt auf der Hand. Offenbar ist man in Hamburg und Mainz zu dem Schluss gekommen, dass man nicht nur die AfD, sondern auch das sie umgebende gesellschaftliche Milieu, das in manchen Gegenden Ostdeutschlands bereits die Mehrheit stellt, endgültig verlieren könnte, wenn man nicht unkonventionelle Wege beschreitet. Es mag auch der Gedanke eine Rolle gespielt haben, dass man sich zu viele wütende Beitragszahler auf Dauer nicht wird leisten können. Peter Frey begrüßte das Publikum denn auch mit den Worten: „Ich bin gern gekommen nach Sachsen und auch zu Ihnen, weil sie auch Beitragszahler sind“.

Man sollte in jedem Fall anerkennen, dass hier zwei Journalisten kamen, die der viel zitierten „Spaltung der Gesellschaft“ tatsächlich entgegenwirken wollten (während viele ihrer Kollegen diesen Terminus ja in erster Linie zum Kampfbegriff gegen tatsächliche oder vermeintliche „Rechtsradikale“ hochstilisieren und damit die Spaltung weiter vertiefen). Dies gilt umso mehr, als für die beiden nichts einfacher und bequemer gewesen wäre, als die Einladung abzulehnen oder einfach zu ignorieren. Kaum jemand hätte das mitbekommen und sie hätten sich einen schwierigen Abend und wohl auch die Kritik vieler Kollegen – Stichwort: Rechten ein Forum bieten – erspart.

Wie wichtig eine freie Presse ist

Frey stellte denn auch gleich zu Beginn klar, dass er sich jeder Kritik stellen werde, sofern man sich auf den Grundsatz einigen könne, dass ein Land eine freie Presse brauche, die nicht eingeschüchtert werden dürfe, wofür er Applaus bekam. Er bezog sich damit auf den inakzeptablen Post eines AfD-Kreisverbandes, in dem es hieß, man werde die Journalisten nach der Revolution „aus ihren Redaktionsstuben zerren“. Fest erklärte dazu, der Post gebe nicht die Position der AfD wider und die Verantwortlichen seien „ordentlich in den Senkel gestellt worden“. Dass das Problem aber nicht ganz von der Hand zu weisen ist, zeigte sich auch später in der Diskussion, als eine Schilderung von angegriffenen Journalisten von Teilen des Publikums mit einem spöttischen „Mimimi“ quittiert wurde.

Freys Forderung ist uneingeschränkt zuzustimmen. Sie wäre allerdings noch überzeugender gewesen, wenn er erwähnt hätte, dass Einschüchterung von AfD-Politikern durch Anschläge, Pöbeleien etc., sowie das beharrliche Schweigen vieler Medien und Politiker zu diesen Vorfällen, ebenso inakzeptabel sind.

ARD-Chefredakteur: Wer bei uns die strikte Trennung von Bericht und Kommentar nicht beherrscht, fliegt raus – Schallendes Gelächter

Und sonst? Ist der Abend nun gut gegangen? Im Großen und Ganzen, ja. Gemessen daran, dass das Verhältnis zwischen dem öffentlichen Rundfunk und der AfD „in unerfreulicher Weise verkantet ist“ (Fest), wurde sehr gesittet diskutiert. Auch war auf beiden Seiten ein gewisses Maß an Selbstkritik vorhanden. So räumten beispielsweise die Medien ein, dass man sowohl das Phänomen Pegida, als auch das Phänomen Trump zu Beginn nicht richtig eingeschätzt habe.

Überraschend war auch, dass man in manchen Punkten völlig d’accord war. Als Klonovsky beispielsweise eine strikte Trennung von Bericht und Kommentar einforderte, erklärte Gniffke fast ein wenig peinlich berührt, er wolle keine „Konsenssoße“ über die Veranstaltung gießen, sei aber „komplett“ mit ihm einig. Und er setzte hinzu: „Wer das bei uns nicht beherrscht, der fliegt raus!“, was ihm wiederum schallendes Gelächter einbrachte. Für mich war dies das Hauptergebnis des Abends: Man ist sich über die journalistischen Prinzipien einig. Der Unterschied besteht aber darin, dass die eine Seite diese Prinzipien im journalistischen Output wiederzuerkennen glaubt, während die andere Seite dies in Abrede stellt.

Bei so unterschiedlicher Wahrnehmung verwundert es nicht, dass die meisten Fragen unbeantwortet blieben, was bei einer ersten Annäherung aber auch nicht anders zu erwarten war. Ein paar, teils erhellende, teils erheiternde Einzelheiten seien hier dennoch wiedergegeben.

Peter Frey: Ich würde einen Journalisten wie Michael Klonovsky nicht in meine Sendungen einladen

Schon früh wurde klar, dass Frey und Klonovsky an diesem Abend keine Freunde werden würden. Der ZDF-Chefredakteur warf seinem Widerpart vor, in den von ihm verfassten Reden für Alexander Gauland gäbe „höhnische Kritik“ gegenüber seinen Kollegen Marietta Slomka und Claus Kleber (hier wäre ein „Mimimi“ aus dem Publikum vielleicht eher angebracht gewesen). Solche Kritik nennt Frey in seiner Nachbetrachtung des Abends in der Zeit in einem Atemzug mit „körperlichen Angriffen“ und fordert, die AfD müsse sich von beidem trennen, wenn sie zur „Mitte“ gehören wolle. Im selben Artikel unterstellt er der anderen Seite übrigens „Empfindlichkeit“.

Da wundert es nicht, dass Frey Klonovsky vorsorglich schon mal von allen ZDF-Sendungen auslud. Nun hätte das ZDF schnell einen Gästemangel, wenn es jeden mit einem Bann belegen würde, der schon mal höhnischen Ton anschlägt. Vor allem wäre es ziemlich langweilig.  Das weiß natürlich auch Frey, weshalb er ein Zitat von Klonovsky brauchte, mit dem er ihn zu einem, seines Senders unwürdigen, Populisten abstempeln konnte.

Bekanntlich führt Klonovsky ein Onlinetagebuch, in dem er fast täglich das politische Geschehen der Republik kommentiert. Dort führt er allerdings eher das Florett des Stilisten als die Axt des Populisten, weshalb Frey darin in puncto „belastende Zitate“ wohl auch nicht fündig geworden war. So musste er auf eine Aschermittwochsrede (!) Klonovskys zurückgreifen: Dort habe er den Bundespräsidenten als „Marionette“ bezeichnet, womit er sich an einer wichtigen Institution unseres Staates „versündigt“ habe. Klononvsky quittierte dies mit der Bemerkung, er hätte den Präsidenten auch einen „Schädling“ nennen können, so wie die heute-Show Herrn Maaßen, aber so etwas würde er nicht tun.

Die Peinlichkeit des Abends: Den Chefredakteuren von ARD und ZDF musste erst erklärt werden, was der Migrationspakt ist

Aufschlussreich war auch Freys Bild von Ausgewogenheit. Er hatte eine Statistik zur Anzahl der O-Töne der Oppositionsparteien in den wichtigsten Nachrichtensendungen innerhalb den ersten zehn Monate nach der Bundestagswahl mitgebracht. Wenn man die O-Töne zu den Jamaika-Verhandlungen herausrechnete, so Frey, entfielen auf auf die AfD 171 O-Töne, auf die FDP 120, auf die Linke 160 und auf die Grünen 230. Der ZDF-Chef hält es also für einen Nachweis der Ausgewogenheit, wenn die kleinste Oppositionspartei 35 Prozent mehr O-Töne bekommt, als der Oppositionsführer. Wobei, wie erwähnt, die O-Töne zu Jamaika bei den Grünen schon abgezogen wurden.

Etwas geschickter, jedenfalls taktisch gesehen, zog sich Frey bei einer anderen Frage aus der Affäre. Angesprochen auf den Populismus-Begriff sagte er zunächst, er finde es „kurios“, dass man von ihm als Journalist verlange, den Unterschied zwischen „rechts“ und „rechtsextrem“ zu definieren, um dann ganz schnell zu der Aussage überzuleiten, die AfD müsse selbst ihr Verhältnis zum rechten Rand klären. Nun ist letzteres zweifellos richtig. Nur hat dies rein gar nichts mit der bloßen Selbstverständlichkeit zu tun, dass Journalisten in der Lage sein sollten, Begriffe zu definieren, die sie selbst benutzen. Dass ein Journalist eine solche Frage als kurios zurückweist, ist nun seinerseits mehr als kurios, erklärt aber vielleicht den inzwischen inflationären Gebrauch der Nazikeule ein wenig.

Zum Schluss wurde es noch ein wenig peinlich, als die beiden Journalisten aus dem Publikum auf die Berichterstattung – oder besser gesagt: Nicht-Berichterstattung – zum Global Compact for Migration angesprochen wurden, der Anfang Dezember in Marokko unterzeichnet werden soll. Man musste den Eindruck gewinnen, dass beide Herren diesen Begriff, über den in den freien Medien (auch auf JFB) seit Wochen heiß diskutiert wird, zum ersten Mal hörten. Gniffke musste sich jedenfalls vom Moderator kurz aufklären lassen und meinte dann, der 11. Dezember sei ja das Datum der Unterzeichnung und er sei sicher, dass sie dann darüber berichten würden. Verständliches Gelächter im Saal. Auch Frey schien keine Ahnung zu haben. Ein Detail, das bei seinen Nachbetrachtungen in der Zeit natürlich unerwähnt blieb.

Noch ein weiter Weg zu halbwegs seriöser Berichterstattung in ARD und ZDF

Trotz dieser Kritikpunkte überwogen bei mir die positiven Eindrücke, denn allein das Zustandekommen dieser Diskussion war ja eine kleine Sensation. Entscheidend wird nun sein, wie es weitergeht. Wenn es eine einmalige Goodwill-Aktion der Öffentlich-Rechtlichen gewesen sein sollte, hätte man sich den Aufwand sparen können. Es wird nun darauf ankommen, ob es den Sendern gelingt, „die Leute, die hier sitzen“ in ihrem Programm „abzubilden“, wie Klonovsky es formulierte. Und das geht wohl nur mit neuen Themen und neuen Köpfen. Wenn es Klonovsky anscheinend nicht sein darf, könnte man ja mal Dieter Stein von der Jungen Freiheit in den Presseclub einladen? Auch dies war übrigens eine Frage, die in der Diskussion gestellt, aber nicht beantwortet wurde. Aber zumindest gab es keine Absage.

Oder wie wäre es mit einer kritischen Reportage zum Global Compact for Migration vor dessen Unterzeichnung? Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Lieber ARD, liebes ZDF, überrascht die Beitragszahler doch einfach mal!

Kurzfristig wird man allerdings nicht mit Änderungen rechnen dürfen. Beispiel am Wahlabend der Hessenwahl. Die AfD war sowohl absolut als auch relativ der größte Wahlsieger, noch vor den Grünen. Diese legten absolut 8,7 Prozentpunkte zu, die AfD aber 9,1 Punkte. Relativ gesehen waren die Unterschiede noch viel größer: Die Grünen konnten ihren Stimmenanteil um 78 Prozent steigern, die AfD den ihren sogar um 220 Prozent, also mehr als verdreifachen. Quizfrage: Welche der beiden Parteien wurde wohl im Vorspann zur heute-Sendung im ZDF eigens erwähnt?

Fazit: Es ist noch ein weiter Weg zu gehen, aber bekanntlich beginnt ja jeder Weg mit dem ersten Schritt.

Videomitschnitt der gesamten Veranstaltung (2:12 h)

Ein Zusammenschnitt (29 Minuten)

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Zum Autor: Axel Stöcker, Jg. 1967, hat Mathematik und Chemie studiert und ist Gymnasiallehrer. Auf seinem Blog, die-grossen-fragen.com, arbeitet er sich an den großen Fragen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie ab. Doch auch politische Verwerfungen stacheln ihn gelegentlich zu Kommentaren an.

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Titelbild: YouTube-Screenshot von Michael Klonovsky

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