Was wird die Zukunft bringen: Nannytopia, Weltkalifat oder Dezentralia?

Ein Gastbeitrag von Titus Gebel, So. 25. Nov 2018

Was die Zukunft bringt, ist offen. Im Folgenden sind drei fiktive Entwicklungen beschrieben. Ähnlichkeiten mit realen Geschehnissen sind natürlich rein zufällig. Letztendlich führen alle Systeme, die dem Einzelmenschen nicht gestatten, sein Leben nach eigenen Wertvorstellungen einzurichten, dazu, dass eine kleine Gruppe ihren Willen allen anderen aufzwingt, selbstverständlich stets im Namen des Guten, eines Gottes oder des Gemeinwohls. Das aber wird den anderen früher oder später nicht mehr gefallen. Denn letztendlich ist ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Wohlstand das, was die Mehrzahl möchte. Sie wird sich daher so lange nach Alternativen umsehen, bis diese Ziele einigermaßen erreicht sind. Nannytopia oder das Weltkalifat würden diese Entwicklung um Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte zurückwerfen.

1. Mehr Politik: Nannytopia

Das Ideal zahlloser Intellektueller, Schriftsteller und politisch engagierter Menschen ist endlich wahr geworden. Die Welt hat eine einheitliche Regierung und es gelten dieselben Regeln für alle. Selbstverständlich ist dies eine demokratische und faire Welt. Ihr Wahlspruch lautet:

Alles für die Demokratie, alles durch die Demokratie, nichts gegen die Demokratie.

Durch das Versprechen eines hohen bedingungslosen Grundeinkommens für alle Weltbürger, gleich wo diese sesshaft sind, konnte schließlich die notwendige Mehrheit für die Weltregierung der Weisen, wie die Presse sie nennt, und eine Weltverfassung gewonnen werden.

Da die Weisen selbstlos eine bessere Welt anstreben, wurden umgehend sämtliche Energieträger verboten, die nach deren Auffassung zum Klimawandel beitragen, also Erdöl, Erdgas und Kohle. Gleichzeitig haben die demokratisch gewählten Weisen Bedenken gegen die Nutzung der Kernenergie, deshalb darf auch diese zu Energiegewinnung nicht mehr eingesetzt werden.

Wer den maßgeblichen Einfluss des Menschen auf das Klima bestreitet oder die Auswirkungen des Klimawandels verharmlost, kann wegen Klimahetze strafrechtlich verfolgt werden. Weltweit gilt in allen Ländern zudem ein einheitlicher hoher Mindestlohn und umfassender Kündigungsschutz. Ein Verstoß hiergegen ist eine Straftat des Unternehmers, der beim Vorliegen von Verdachtsmomenten seine Unschuld beweisen muss.

Eine weltweit anberaumte Volksabstimmung hatte auch eine große Mehrheit für eine individuelle Vermögensobergrenze von 10 Millionen US-Dollar ergeben. Alles Vermögen jenseits der Obergrenze wie auch ein Verdienst von mehr als einer Million US-Dollar pro Jahr unterliegen nunmehr der 100 %-igen Piketty-Steuer. Überschreitet der Wert eigener Unternehmensanteile die Obergrenze, ist der überschießende Teil zu verkaufen und sind die Erlöse umgehend an die Weltgemeinschaft, vertreten durch die Weltregierung, abzuführen. Die daraus gewonnenen Einnahmen werden für sinnvolle Dinge benutzt, wie die Verbreitung des Biolandbaus und des Veganismus auf der ganzen Welt. Die Weisen streben eine Agrarwende an, hin zu natürlichen Bebauungsformen ohne Ausbeutung von Tieren. Die Gentechnologie ist in diesem Zusammenhang ebenso verboten worden wie die Massentierhaltung und der Zusatz von chemischen Produkten zu Nahrungsmitteln.

Damit die Weltbürger sich auch gesund ernähren und möglichst „klimaneutral“  verhalten, ist der bargeldlose Zahlungsverkehr verpflichtend. Die Ernährungsgewohnheiten werden automatisch kontrolliert, weil jeder mit einer bestimmten Karte einkaufen muss. Alkohol und Nikotin sind verboten, weil gesundheitsschädlich (hierüber fand allerdings keine Volksabstimmung statt). Wenn ein bestimmter Fleischkonsum pro Woche überschritten ist, erlaubt die Einkaufskarte keine weiteren Transaktionen. Entsprechende Käufe in Restaurant oder Supermarkt werden dann ebenso blockiert wie Flugreisen, welche die von der Weltregierung festgesetzte zulässige Anzahl pro Kopf und Jahr überschreiten. Für Politiker gelten Ausnahmeregelungen.

Diskriminierung und Rassismus sind Relikte der Vergangenheit. Wenn eine Frau oder ein Mann einen Heiratsantrag ablehnt, kann der oder die Zurückgewiesene Diskriminierungsbeschwerde einlegen. Über diese wird dann in der jeweiligen Gemeinde demokratisch abgestimmt. Wird der Beschwerde stattgegeben, muss der zunächst Zurückgewiesene geheiratet werden. Eltern schöner Kinder wird die Vornahme einer verunstaltenden Gesichtsoperation nahegelegt, damit sie andere Kinder nicht durch ihr gutes Aussehen herabsetzen. Witze aller Art sind als diskriminierend verpönt und meist auch strafbar.

Aber die Demokratisierung aller Lebensbereiche geht noch weiter. Die Weltregierung hat sich eine umfassende Geschlechtergleichstellung auf die Fahne geschrieben. Da alle Schulen weltweit nun verbindliche Lehrpläne und Lehrinhalte haben, ist die vorgegebene Auffassung, dass es keine biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern gebe, sondern diese ein soziales Konstrukt sein, im Vordringen begriffen. Das Zeigen von nackter, weiblicher Haut in Werbung, Filmen oder Printmedien ist wegen Sexismus verboten. Bereits ein Kompliment an eine Frau kann zum Verlust der Arbeitsstelle führen. Zum Schutz der Frauen sind Prostitution sowie Produktion und Besitz von Pornographie verboten. Strafbar sind Zuwiderhandlungen allerdings nur für Männer, denn nach Auffassung der Weisen sind Frauen immer Opfer. Einwände dergestalt, dass eine solche Bevorzugung von Frauen im Widerspruch zur These der Gleichheit der Geschlechter stünde, werden als strafbare Genderhetze verfolgt.

Aber natürlich ist der Strafvollzug human. In der Regel werden Abweichler einer Gesprächstherapie unterzogen, denn man will ihnen ja helfen, von ihrer verfehlten Sichtweise abzukommen. Dasselbe gilt für Eltern, deren Kinder in der Schule verhaltensauffällig geworden sind, indem sie etwa ausgeprägt männliche oder weibliche Verhaltensweisen an den Tag gelegt haben. Im Wiederholungsfalle kann das schon einmal dazu führen, dass die Kinder den Eltern entzogen und besser geeigneten Paaren zur Betreuung anvertraut werden. Renitente Dissidenten werden in Umerziehungslager gesteckt, wo ihnen die Grundlagen von Fortschritt und Demokratie nahegebracht werden, insbesondere die Akzeptanz der Maßnahmen der von der demokratischen Mehrheit gewählten Weltregierung.

Schließlich sehen die Weisen die Zukunft der Menschheit in einer einheitlichen Mischform. Daher werden Migrationsströme planmäßig so gelenkt, dass sich eine größtmögliche Vermischung der Ethnien ergibt. Lokale Widerstände werden gegebenenfalls gewaltsam niedergeschlagen, auch Zwangsumsiedlungen sind kein Tabu mehr.

Wissenschaftler, deren Erkenntnisse von den Überzeugungen der Weltregierung abweichen, erhalten über kurz oder lang keine Förderung mehr. Da es auch keine bedeutenden Privatvermögen mehr gibt, die unabhängige und erkenntnisoffene Wissenschaftler fördern, bewegt sich die Forschung nur noch in dem von der Weltregierung vorgegebenen Rahmen.

Überraschenderweise hat sich die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit seit Amtsübernahme der Weltregierung nicht positiv entwickelt. Die industrielle und landwirtschaftliche Produktion sind rückläufig. Die ethnischen Zwangsumsiedlungen haben zahlreiche bewaffnete Widerstandsgruppen entstehen lassen. Zahllose Menschen sind ohne elektrischen Strom oder müssen hungern.

Auch wächst die Zahl der Bezieher des bedingungslosen Grundeinkommens exponentiell, so dass dieses zum Bedauern der Weltregierung leider regelmäßig herabgesetzt werden muss. Auf der anderen Seite wird der wirtschaftliche Schrumpfungsprozess begrüßt, weil der ökologische Fußabdruck eines jeden Menschen zur Rettung des Weltklimas und zur Schonung der Ressourcen ohnehin verringert werden soll. Von daher wird die Rückkehr zum einfachen Leben im Rahmen der Großen Umwandlung von zahlreichen Kommentatoren und Ökonomen propagiert. Privater Autobesitz wurde folgerichtig verboten.

Allerdings sterben monatlich Zehntausende an verdorbenen Lebensmitteln, da Konservierungsstoffe nicht mehr zugelassen sind. Darüber berichtet die Presse aber nicht. Ein neues Projekt der Weltregierung soll dafür Millionen von Menschen, insbesondere den zahllosen arbeitslosen Akademikern geisteswissenschaftlicher Studiengänge, Arbeit bringen: die Überarbeitung sämtlicher Bücher und Filme in allen Sprachen im Hinblick auf geschlechtergerechte, antirassistische und antisexistische Sprache und Handlung. Insbesondere praktisch alle Klassiker des 19. und 20. Jahrhunderts, Sagen und Märchenerzählungen erfahren so ganz erhebliche Änderungen. Dieses Vorhaben wird von der Weltregierung aus Steuermitteln bezahlt. Die alten Bücher dürfen – unter Hintanstellung etwaiger Klimabedenken – als Wärmespender von bedürftigen Stromlosen verbrannt werden. Auf diesem Projekt ruhen große Hoffnungen.

2. Mehr Religion: Weltkalifat

„Er ist es, der seinen Gesandten mit der Religion der Wahrheit gesandt hat, um sie über jeden anderen Glauben siegreich zu machen.“ – Koran, Sure 61, Vers 9.

„Und kämpft gegen die Ungläubigen, bis alles an Allah glaubt.“ – Koran, Sure 8, Vers 39.

Auftrag ausgeführt! Die Muslime haben durch jahrzehntelangen Geburten-Dschihad die Bevölkerungsmehrheit in allen Staaten der Welt erreicht. Dies wurde erleichtert durch die weltweite Öffnung aller Grenzen, verbunden mit der Verankerung des Menschenrechts auf Einwanderung in der Charta der Vereinten Nationen. So konnten zuletzt auch Japan und die Inselstaaten in der Karibik mehrheitlich muslimisch werden.

Im Anschluss wurde die weltweite Geltung der Scharia mit demokratischer Mehrheit beschlossen. Freilich gab es den einen oder anderen Schönheitsfehler, wie die Völkermorde an der jüdischen Minderheit in Israel, den Amischen oder den polnischen Katholiken. Auch ging die Konvertierung der Restbevölkerung nicht immer ganz gewaltfrei vor sich. Aber nun ist Dar-as-Salam, das Haus des Friedens, errichtet und Streit und Kriege sollten der Vergangenheit angehören.

Sämtliche nichtislamischen sakralen Bauwerke, aber auch alle Texte und Filme, in denen auf andere Religionen Bezug genommen ist, wurden zwischenzeitlich zerstört. Nichts mehr soll daran erinnern, wie verwirrt Teile der Menschheit waren, bevor sie zum wahren Glauben zurückfanden. Auch die Geschichte wurde einer umfassenden Revision unterzogen, Adolf Hitler etwa wird nun positiv gesehen. Sein Buch „Mein Kampf“ zählt jetzt weltweit zu den zehn meistverkauften Büchern, nicht mehr nur in der arabischen Welt.

In der Welthauptstadt Mohammedania regiert der Weltkalif, unterstützt vom religiösen Wächterrat. Sein Wahlspruch lautet:

Alles für Allah, alles durch Allah, nichts gegen Allah.

Beide Institutionen gewährleisten eine weltweit einheitliche Auslegung der Scharia. So hatte beispielsweise die als besonders liberal geltende Islamische Republik Australien verfügt, dass minderjährigen Dieben beim Diebstahl geringwertiger Sachen nicht mehr die Hand abgehackt werden solle. Dies führte zu einem Aufschrei der Entrüstung unter Theologen, da die Scharia bekanntermaßen weder den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz noch die Sonderbehandlung Jugendlicher kennt. Der Weltkalif hat hier eine Entscheidung getroffen, die in der Presse übereinstimmend als salomonisch gelobt wurde. Es bleibt bei den bekannten Regeln der Scharia, jedoch werden Verstümmelungen und Auspeitschungen nicht mehr öffentlich durchgeführt, soweit dies in der jeweiligen Gesellschaft als anstößig empfunden wird.

Aufgrund der Einführung der Scharia als Gesetzesgrundlage hat die Regelungsdichte erheblich abgenommen, was theoretisch einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung ermöglicht hätte. Die wissenschaftliche Forschung und auch technologische Innovationen sind aber stark rückläufig, weil die Gesellschaften sich in erster Linie damit beschäftigten, wer besser beten und fasten kann. Bei jeder noch so kleinen Aktivität muss stets geprüft werden, ob diese schariakonform ist. Im Zweifel ist eine Fatwa einzuholen. Auch ist der gesamte weibliche Teil der Bevölkerung von wirtschaftlicher Aktivität weitgehend ausgeschlossen.

Wegen des jahrzehntelangen Geburten-Dschihad gibt es einen enormen Überschuss an jungen, unqualifizierten, beschäftigungslosen Männern. Diese sammeln sich insbesondere in der Bewegung Wahre Taliban, die sich selbst auch als die Frömmsten der Frommen bezeichnen. Diese Bewegung, die insbesondere im Klerus sehr einflussreich ist, verhindert, dass Frauen wenigstens in der Praxis ähnliche Rechte wie Männer ausüben können. In den meisten Ländern wird daher das Verbot für Frauen, unverschleiert oder ohne männliche Begleitung aus dem Hause zu gehen, auch durchgesetzt.

Nach den Regeln der Scharia müssen verheiratete Frauen zudem damit rechnen, nach einer erlittenen Vergewaltigung wegen Ehebruchs gesteinigt zu werden. Auch sind Denunzianten allgegenwärtig, die jeden, der nicht fünfmal am Tag betet oder der im Ramadan nicht fastet, der Polizei melden. Die Evolutionstheorie darf an Schulen nicht mehr gelehrt werden. Das Zeigen von nackter, weiblicher Haut in Werbung, Filmen oder Printmedien ist als unislamisch verboten. Zwar gibt es einige Intellektuelle, die eine historisch-kritische Auslegung von Koran und Sunna befürworten. Allerdings haben diese meist keine hohe Lebenserwartung, ebenso wie diejenigen, die an die Massenmorde in Israel und anderswo erinnern.

Überraschenderweise ist kein Frieden eingetreten. Schiiten, Sunniten, Wahre Taliban und zahllose Untergruppen streiten sich über die richtige Auslegung von Koran und Hadithen. Derzeit ist vor allem strittig, ob das Heiratsalter für Mädchen – entsprechend dem Vorbild des Propheten – auf neun Jahre herabgesetzt werden soll und ob neben der Scharia überhaupt die Notwendigkeit für irgendwelche Gesetzestexte besteht. Kürzlich haben die schiitischen Staaten erklärt, dass sie das Recht auf Einwanderung nicht mehr anerkennen würden, nachdem Sunniten versucht hatten, in großer Zahl in ihre Länder einzuwandern und die Mehrheitsverhältnisse dort zu kippen. Beide Seiten rüsten nun gegeneinander auf.

Andere Regionalkalifate haben angekündigt, sie würden die Sprüche des Weltkalifs nur noch anerkennen, wenn sie ihrer eigenen Auslegung der Scharia entsprächen. Kurden und Alewiten fordern ihr eigenes Kalifat, und es drohen bewaffnete Konflikte. In der Islamischen Eidgenossenschaft gab es bereits Terroranschläge auf Moscheen, in denen moderate Imame predigen, zu denen sich die Wahren Taliban bekannten.

3. Mehr Selbstbestimmung: Dezentralia

Die Welt hat sich nach dem Zusammenbruch der westlichen Sozialstaaten, der UNO und dem Ende der islamischen Reformationskriege ganz anders entwickelt als praktisch alle Intellektuellen, Science-Fiction-Autoren und Zukunftsforscher das vermutet hätten. Anstelle einer Weltregierung gibt es über 2.000 verschiedene Systeme, die sich zum Teil erheblich voneinander unterscheiden, aber eine Gemeinsamkeit aufweisen: die Teilnahme an ihnen ist freiwillig.

Zahlreiche Gemeinwesen werden von privaten Unternehmen betrieben, daneben gibt es auch Genossenschaftsmodelle, direkte und indirekte Demokratien sowie zahlreiche Mischformen. Die meisten Gemeinwesen sind kulturell, weltanschaulich oder ethnisch homogen. Es ist üblich, in jungen Jahren verschiedene Systeme auszuprobieren, bevor man sich dann für eines entscheidet. Die meisten Gesellschaftsordnungen räumen ihren Bewohnern aber ganz erhebliche Freiheiten ein, insbesondere in wirtschaftlicher Hinsicht, aber auch was die persönlichen Freiheiten angeht. Andernfalls würden nämlich die Bewohner schnell in ein benachbartes System wechseln, von denen es auf jedem Kontinent ausreichend viele gibt. Von einigen streng religiösen Gemeinwesen abgesehen, hat sich weltweit die Auffassung durchgesetzt, dass jeder Erwachsene das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben habe.

Drei private Währungen sind weltweit verbreitet, eine goldgedeckte und zwei Kryptowährungen. Daneben gibt es zahllose Lokalwährungen. Da die Zinssätze und Währungen nicht mehr von Zentralbanken und Regierungen manipuliert werden können, ist die Schaffung von Vermögen etwa zur Altersvorsorge planbar und machbar. Aufgrund der Produktivitätsfortschritte erhöht sich die Kaufkraft ständig, Deflation ist ein normaler Bestandteil dieser Gesellschaften. Systeme, die ihre Abgaben willkürlich erhöhten oder ständig die Regeln änderten, sind im Laufe der Zeit vom Markt verschwunden. Der weit verbreitete Freihandel sorgt dafür, dass jeweils an der günstigsten Stelle produziert wird. Dies hat die Kosten insgesamt enorm gedrückt. Davon profitieren auch die Systeme, die sich dem Freihandel nicht angeschlossen haben.

Aufgrund der Produktivitätsfortschritte werden sämtliche Waren und Dienstleistungen immer besser, aber auch billiger. Innovationen werden in vielen Systemen nicht behindert und sind daher allgegenwärtig. So ist auch für Geringverdiener ein beachtlicher Lebensstandard möglich. Viele gehen bereits Mitte 40 in den Ruhestand, zumal auch die Lebenshaltungskosten insgesamt enorm gesunken sind.

Meistens muss nur ein Elternteil arbeiten, so dass sich der andere um die Kinder kümmern kann. Auch Altenpflege ist günstig, weil Arbeitskräfte auf der ganzen Welt gewonnen werden können. Im Prinzip kann sich jeder weltweit als Arbeitskraft bewerben, freilich mit der Einschränkung, dass nicht jedes System jeden aufnimmt. Da nur in wenigen Systemen Kündigungsschutzregeln gelten, findet man schnell wieder einen neuen Job und es ist durchaus üblich, zu kündigen, wenn einem die Arbeit oder die Vorgesetzten nicht passen, auch wenn man noch keine neue Stelle hat.

Die Einmischung in das Leben anderer, Bevormundung und Besserwisserei sind selten geworden. Die Menschen sind auch selbstbewusst und aufmerksam geworden, da sie für ihre eigenen Angelegenheiten in erster Linie selbst verantwortlich sind und diese nicht an ein Kollektiv, die Regierung oder „die Gesellschaft“ auslagern können. Institutionelle Politik existiert nur noch als Rest in Form von Außenpolitik zwischen den Systemen.

Im Übrigen kaufen die Menschen die Dienstleistung ein, die sie haben wollen und fördern die Anliegen weltweit, die ihnen jeweils unterstützungswürdig erscheinen. Das letzte große Projekt, das zahlreiche Spender auf der Welt fand, war die Ausrottung der weiblichen Genitalverstümmelung in den letzten noch betroffenen Gebieten. Diese gelang durch eine eher banale Methode, nämlich die Zahlung einer Prämie an die Eltern bei Nachweis der Nichtverstümmelung zum Zeitpunkt der Volljährigkeit. Auf ähnliche Art und Weise hatte man vormals schon mit Erfolg die Bevölkerungsexplosion in Afrika gestoppt. Die Menschen sind zukunfts- und technologiebejahend und das neue große Thema ist, wie die künftige Besiedlung entfernter, erdähnlicher Planeten bewerkstelligt werden kann.

Kriege und Konflikte sind selten geworden, weil in betroffenen Systemen sofort eine Abwanderung einsetzt, welche diese an den Rand der Zahlungsfähigkeit bringt. Zwar kommt immer mal wieder eine neue totalitäre Ideologie oder Religion auf, wie zuletzt die Knights of Equality oder die Gaia Rules–Bewegung. Diesen gelingt es auch, das eine oder andere System in ihre Gewalt zu bringen. Allerdings sind zur Enttäuschung ihrer meist jugendlichen Tugendhelden der wirtschaftliche Erfolg und die gesellschaftliche Attraktivität regelmäßig so gering, dass sie alsbald wieder eingehen. Wenn sie militärisch aktiv werden, findet sich meist schnell eine Adhoc-Koalition benachbarter Gemeinwesen zusammen.

Den meisten Menschen ist bewusst, dass sie ihre Freiheit und Selbstbestimmung notfalls mit Gewalt verteidigen müssen. Verwandte Systeme sind häufig in Bündnissen organisiert. Innerhalb der Systeme werden Revolutionäre und Kriminelle ausgewiesen und – falls sie niemand haben möchte – in Spezialzonen verbracht, für die sich zwischenzeitlich ebenfalls ein Markt gebildet hat.

4. Fazit

Was die Zukunft tatsächlich bringen wird, ist offen, liegt aber in unseren Händen. Es arbeiten bereits Millionen mit ihrem ganzen Herzblut daran, Nannytopia bzw. das Weltkalifat Wirklichkeit werden zu lassen. Dezentralia dagegen hat derzeit nur wenige Unterstützer. Aber das kann sich ändern. Und am Ende wird es ohnehin darauf hinauslaufen. Denn sowohl Nannytopia als weltliche Heilslehre als auch das Weltkalifat als göttliche sowie sämtliche Abwandlungen davon sind keine stabilen bzw. antifragilen Ordnungen. Sie weisen zu viele innere Widersprüche auf oder sind schlichtweg nicht geeignet, ein Leben in Freiheit und Wohlstand zu gewährleisten.

Weder „mehr Politik“ noch „mehr Religion“ sind taugliche Lösungen für ein harmonisches Zusammenleben. Wenn Menschen bei jedem Wort oder jeder Handlung aufpassen müssen, dass sie nichts Falsches sagen oder tun, wenn sie für alles um Erlaubnis fragen müssen, dann werden von ihnen kaum irgendwelche Innovationen oder Problemlösungen ausgehen. Und je einengender die Regeln, desto mehr werden Zukurzgekommene, Gescheiterte und Neidische versuchen, ihre Defizite damit zu kompensieren, dass sie Regelbrecher denunzieren und auf strikte Einhaltung pochen. Das gibt ihnen die Macht, die sie aufgrund eigener Leistung zu erreichen nicht imstande sind. Deshalb sind Heuchelei, Denunziantentum und wirtschaftlicher Niedergang die maßgeblichen Kennzeichen solcher Gesellschaften.

Letztendlich führen alle Systeme, die dem Einzelmenschen nicht gestatten, sein Leben nach eigenen Wertvorstellungen einzurichten, dazu, dass eine kleine Gruppe ihren Willen allen anderen aufzwingt, selbstverständlich stets im Namen des Guten, eines Gottes oder des Gemeinwohls. Das aber wird den anderen früher oder später nicht mehr gefallen. Denn letztendlich ist ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Wohlstand das, was die Mehrzahl möchte. Sie wird sich daher so lange nach Alternativen umsehen, bis diese Ziele einigermaßen erreicht sind. Nannytopia oder das Weltkalifat würden diese Entwicklung um Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte zurückwerfen. Diesen Umweg können wir uns sparen. Gestehen wir stattdessen endlich zu, dass jeder Mensch das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben hat.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf Tichys Einblick. Er erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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Zum Autor: Titus Gebel wuchs auf als Sohn eines Berufsoffiziers und einer Lehrerin. Bereits als Gymnasiast trat er in die Junge Union ein, war aber schon damals eher ein Liberaler und überzeugter Verfechter unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, hielt diese für so verteidigenswert, dass er 1986 als Zeitsoldat zur Bundeswehr ging. Später trat er in die Liberale Hochschulgruppe ein und wurde für sechzehn Jahre FDP-Mitglied. Mit zwei Ministern der Bundesregierung per Du, lehnte er instinktiv eine Politikkarriere ab, hat aber als langjähriger Ortsvorsitzender, Mitglied im Kreisvorstand und in diversen Gremien einen ausreichend tiefen Einblick in die real existierende Politik erhalten. Von der Ausbildung her Jurist hat er im Völkerrecht an der Universität Heidelberg promoviert. Nach einigen Jahren als Rechtsanwalt entschied er sich für einen Wechsel in die Wirtschaft und schließlich für eine eigene Unternehmerlaufbahn. 2006 war er Mitgründer der international tätigen Deutsche Rohstoff AG, deren CEO er bis Ende 2014 blieb, bevor er auf eigenen Wunsch Deutschland verließ, um sich ganz seinem neuen Projekt zu widmen. Mit Freien Privatstädten will er ein völlig neues Produkt auf dem “Markt des Zusammenlebens” schaffen, das bei Erfolg Ausstrahlungswirkung haben wird. Titus Gebel ist Autor des Buches Freie Privatstädte – Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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