Turniersieg 100: Roger Federer schreibt erneut Tennisgeschichte

Von Jürgen Fritz, So. 03. Mär 2019

Das hat vor ihm nur einer geschafft in der sogenannten Open Era ab 1968, seit Profis bei allen Tennisturnieren spielberechtigt sind. Lediglich der US-Amerikaner Jimmy Connors konnte seither mindestens 100 Turniere für sich entscheiden. Nun gibt es einen zweiten, dem dieses Kunststück gelang: Roger Federer, der wohl größte Tennisspieler und vielleicht auch größte Sportler aller Zeiten.

Revanche für Montreal?

Was für ein Finale! Ein Match der Generationen. Der 37,5-jährige Schweizer gegen den 20,5-jährigen Griechen Stefanos Tsitsipas, die Nr. 1 bei den Ü35-Spielern gegen die Nr. 1 der U21-Spieler. Noch mehr Brisanz erhielt das Endspiel von Dubai, ein Turnier 500er-Serie (C-Kategorie) dadurch, dass es just dieser junge Grieche war, der den Titelverteidiger Federer im Januar bei den Australian Open im Achtelfinale nach 3:45 h mit 6:7, 7:6, 7:5, 7:6 in einem hochklassigen Match aus dem Turnier geworfen hatte. Hochklassig war auch das gestrige Finale in Dubai, diesmal jedoch mit anderem Ausgang.

Federer gelang sofort im ersten Spiel des ersten Satzes das Break und ein wie starker Frontrunner der Schweizer ist, ist allseits bekannt. Sofort folgte das 2:0 und diese Führung gab er bis zum 5:4 im ersten Satz nicht mehr ab. Nun also eigenes Service zum Satzgewinn. Jetzt beginnt der FedEx mit zwei Assen plus einem Servicewinner, führt also 5:4, 40:0 und hat drei Satzbälle. Doch dann plötzlich unterlaufen dem Schweizer leichte Fehler. Er vergibt alle drei Satzbälle und Tsitsipas, der in den ersten vier Aufschlagspielen von Federer ganze vier Punkte gemacht hat, macht nun auch den vierten Punkt in Folge und hat wie aus dem Nichts Breakball. Diesen kann Federer zwar abwehren, sieht sich aber sogleich dem zweiten gegenüber. Auch den kann er abwehren, er spielt jetzt wieder souverän und bringt den ersten Satz endlich doch noch mit 6:4 nach Hause.

Zu Beginn des zweiten Satzes schlägt Tsitsipas sehr gut auf, geht erstmals im Match in Führung. Doch Federer schlägt mindestens genauso gut auf, gleich sofort zum 1:1 aus. Beide servieren nun bis zum 4:4 absolut souverän. Tsitispas gibt in seinen vier Aufschlagspielen nur vier Punkte ab, Federer sogar nur drei. Dann das neunte Spiel, Service Tsitsipas. Wie erinnern uns, bis dahin gab es in 18 Games lediglich ein Break, nämlich gleich das erste Spiel im ersten Satz. Seither 17 gewonnene Aufschlagspiele in Folge. Doch bei 4:6, 4:4 steigt natürlich der Druck. Jetzt ein Break und die Vorentscheidung ist mit hoher Wahrscheinlichkeit gefallen.

Und genau so kommt es. Dabei führt Tsitsipas bereits 30:0, alles sieht nach dem nächsten souveränen Aufschlagspiel aus. Doch dann schlägt Federer einen grandiosen Vorhandbreakball aus dem Lauf und verkürzt auf 30:15. Und auch die nächsten zwei Punkte gehen an den Meister aller Meister. Plötzlich unterlaufen dem jungen Griechen leichte Fehler. Breakball Federer. Und tatsächlich unterläuft Tsitsipas der nächste Fehler, seine Vorhand landet an der Netzkante und fällt von dort herunter in sein Feld. Federer kann nun bei 6:4, 5:4 zum Turniersieg servieren. Der 37-Jährige geht wie im ersten Satz erneut mit 40:0 in Führung, dieses Mal lässt er den Youngstar aber nicht mehr herankommen, sondern gewinnt sein Service zu Null und damit das Finale von Dubai nach nur 69 Minuten ganz souverän und ungefährdet mit 6:4, 6:4.

Ausschnitte aus dem Finale in Dubai

100. Turniersieg

Damit hat der sympathische Schweizer erneut Tennisgeschichte geschrieben, wie so oft in den letzten Jahren. Denn dies war sein – sage und schreibe – 100. Turniersieg auf der Profitour. Und es gibt tatsächlich nur einen einzigen Spieler, der in der Open Era, also seit dem 22. April 1968, seit Öffnung der großen Turniere auch für Profis, mehr Turniersiege erringen konnte: der US-Amerikaner Jimmy Conners, der es auf 109 Titel brachte. Hier die Übersicht der zehn erfolgreichsten Spieler aller Zeiten, was die Anzahl der gewonnenen Turniere anbelangt (die mit * Gekennzeichneten sind noch aktiv):

  1. Jimmy Connors: 109
  2. Roger Federer: 100*
  3. Ivan Lendl: 94
  4. Rafael Nadal: 80*
  5. John McEnroe: 77
  6. Novak Djokovic: 73*
  7. Björn Borg: 64
  8. Pete Sampras: 64
  9. Guillermo Vilas: 62
  10. Andre Agassi: 60

Noch imposanter als die Zahl 100 Turniersiege dürfte aber sein, wenn man sich anschaut, was für Turniere der Schweizer für sich entscheiden konnte. Denn er hält sowohl bei den vier Grand Slam-Turnieren (A-Kategorie) als auch bei dem fünftwichtigsten Turnier der Welt, den ATP-Finals (früher Masters, B+) den alleinigen Weltrekord mit 20 Grand-Slam- und 6 ATP-Finals-Titeln. Zum Vergleich: Unter Connors 109 Turniererfolgen befinden sich „nur“ 8 statt 20 A-Titel und „nur“ ein statt 6 Master-Titel (B+). Federer gewann also fast dreimal so viele (26) ganz große Turniere wie Connors (9). Hier die 100 Titel von Federer im Detail:

  • Grand Slams (A): 20
  • ATP-Finals (B+): 6
  • ATP-Masters 1000 (B): 27
  • ATP 500 (C): 22
  • ATP 250 (D): 25

Achter Dubai-Titel

In Dubai gewann Federer übrigens bereits zum achten Mal. Damit gehört dieses C-Turnier zu den vier erfolgreichsten seiner Laufbahn. Öfters gewann er nur in seiner Heimatstadt Basel und auf dem Rasen von Halle. Federers erfolgreichsten Turniere:

  • 9 mal gewonnen: Basel (C) und Halle (früher D, seit 2015: C)
  • 8 mal gewonnen: Wimbledon (A) und Dubai (C)
  • 7 mal gewonnen: Cincinnati (B)
  • 6 mal gewonnen: Australian Open (A)

Seinen ersten Turniererfolg schaffte Federer übrigens vor mehr als 18 Jahren. Im Februar 2001, damals als 19-Jähriger, gewann er das D-Turnier in Mailand nach Siegen über Ivanisevic, Kafelnikov und Boutter.

Sein größter Konkurrent sollte dann ab 2005 Rafael Nadal werden. Von den 100 Turniersiegen waren alleine 10 im Finale gegen den Spanier.

  •  Rafael Nadal: 10 mal im Finale geschlagen
  • Andy Roddick: 7
  • Novak Djokovic: 6
  • Andy Murray: 5

Nach dem achten Sieg in Dubai sagte der Schweizer: „Ich bin so glücklich. Es ist ein absoluter Traum, der wahr wird. Ich bin so froh, dass ich immer noch spiele. Es war eine lange, wunderschöne Reise. Ich hab jede Minute geliebt. Es ist manchmal hart, von den Freunden weg zu sein. Aber ich würde es alles wieder machen.“

Und auf die Frage, ob er die Rekordmarke von Jimmy Connors knacken wolle, antwortete er: „Wir leben in einer Zeit, in der alle Rekorde gebrochen werden müssen. Das ist nichts für mich. Was Jimmy erreicht hat, ist unglaublich. Es geht nicht darum, alle Rekorde zu brechen. Es geht darum, die Reise auf der Tour zu geniessen.

Der 37,5-Jährige denkt noch immer nicht an Rücktritt

Wie verrückt seine unglaubliche Laufbahn ist, wird wohl auch dem Schweizer mehr und mehr bewusst, der gerade einen 17 Jahre Jüngeren besiegt hat und zwar nicht irgendeinen solchen, sondern den besten U21-Spieler und neben dem ein Jahr älteren Alexander Zverev wohl größten Talent der Welt und aussichtsreichsten Spieler der nächsten Jahre. Stefanos war gerade erst geboren, als ich meinen ersten Titel holte“, so Federer. «Für mich war es immer sehr speziell, gegen meine Helden wie Agassi oder Sampras zu spielen. Vielleicht kann ich das nun für die Jungen sein. Ich bin aber sicher, dass das Tennis bei ihnen in guten Händen ist.»

Dabei war Federer für Tsitsipas, die neue Nr. 10 der Welt, schon als Kind sein großes Vorbild. „Er war mein Idol, seit sich sechs bin. Es ist eine Ehre, gegen ihn zu spielen. Ich will dir für den 100. gratulieren. Es war ein langer Weg. Schon nur darüber nachzudenken, ist völlig verrückt!“

Und dann sagte der Maestro etwas, das Millionen Fans auf der ganzen Welt froh stimmen dürfte. Denn während der Zeremonie kündigte der Sprecher an, dass Federer nächste Saison nach Dubai zurückkommen werde. Roger Federer bestätigt dies dann auch tatsächlich in der Pressekonferenz: „Die Idee war, dass die Leute wissen, dass ich nächstes Jahr zurückkehre. Das ist der Plan. Ich habe einen Deal für nächstes Jahr.“ Er habe in dieser Woche darüber nachgedacht, weil das Turnier Interesse gezeigt habe. „Ich freue mich, nächste Saison hierhin zurückzukehren“, sagte der nun hundertfache Champion, der in der 52-Wochen-Weltrangliste jetzt übrigens von 7 auf 4 steigen wird.

Wenn Sie mich fragen, so unglaublich es klingen mag, dass ein bald 38-Jähriger noch immer Turniere auf höchstem Niveau gegen Spieler gewinnen kann, die fünf, zehn, 15 oder sogar 17 Jahre jünger sind, aber ich habe so eine Ahnung, dass es nicht bei diesen 100 Turniersiegen bleiben wird. Und wissen Sie was? Ich freue mich schon auf seinen 101. Titel.

Federers 100 Turniersiege

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Titelbild: YouTube-Screenshot

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