Wimbledon 2019: die großen Drei und eine 15-Jährige

Von Jürgen Fritz, Mo. 08. Jul 2019

Die ersten drei Runden bei den Wimbledon Championships 2019 sind gespielt. Von 128 gestarteten Teilnehmern im Damen- und Herreneinzel sind jeweils 16 übrig geblieben. Ab heute geht es in die zweite Woche mit den Achtelfinals. Zeit, um ein erstes Zwischenresümee zu ziehen. Und hier müssen vor allen Dingen vier Personen genannt werden: drei Giganten am Tennis-, ja überhaupt am Sporthimmel und ein Shootingstar, wie es selten zuvor einen gegeben hat.

Die drei Größten aller Zeiten in einer Ära

Seit ca. 15 Jahren erleben wir im Herrentennis eine Ära, wie es nie zuvor eine gab. Es begann 2003 hier in Wimbledon, als ein damals 21-jähriger Schweizer seinen ersten ganz großen Titel (A) gewann. Sieben weitere folgten auf dem heiligen Rasen in London. Einmaliger Weltrekord. Das gab es niemals zuvor. Roger Federer ist damit und auch seinen zehn Siegen auf dem Rasen von Halle/Westfalen (C) schon jetzt der erfolgreichste Rasenspieler aller Zeiten. 2005 sahen wir dann den aufgehenden Stern des besten Sandsplatzspielers aller Zeiten: Rafael Nadal, der es tatsächlich schaffte, den Rekord von Björn Borg und seinen sechs Roland Garros-Triumphen nicht nur zu toppen, sondern das schwerste Turnier der Welt gleich zweimal sechsmal, also zwölfmal zu gewinnen. Und ab 2007 stoß dann ein dritter absoluter Ausnahmespieler hinzu, der im Januar 2008 bei den Australian Open seinen ersten A-Titel erringen konnte: Novak Djokovic, der zunächst vier Jahre lang fast nonstop hinter den beiden Superstars rangierte und es dann ab 2011 schaffte, die beiden immer wieder zu schlagen und zu überflügeln.

Diese Drei – Federer, Nadal und Djokovic, die es auf sage und schreibe 20, 18 und 15 Grand Slam-Titel bringen – sind schon jetzt die drei größten Spieler aller Zeiten und gehören zu den größten Sportlern, die es überhaupt jemals gab. Federer wurde bei den Laureus World Sports Awards fünfmal zum Weltsportler des Jahres gewählt, auch das einmaliger Rekord, Novak Djokovic wie Usain Bolt viermal, Rafael Nadal einmal. Das heißt, die Big Three des Tennissports holten in den letzten 15 Jahren diese Auszeichnung des Weltsports zehnmal in ihre Disziplin, doppelt so oft wie sonst alle Sportler der Welt in sämtlichen Disziplinen zusammen. Dass die deutsche Öffentlichkeit von dieser einmaligen Ära des Sports so gut wie nichts bekommt, steht auf einem anderen Blatt. Sie bekommt ja auch in vielen anderen Bereichen außerhalb des Sports so gut wie nichts mit.

Alexander Zverev fliegt schon in der ersten Runde raus

Und diese drei Tennis-Giganten, Federer, Nadal und Djokovic, die 14 der letzten 16 Titel auf dem heiligen englischen Rasen holten, waren nun, wie ich vor acht Tagen bereits berichtete, auch vor Turnierbeginn die absoluten Favoriten auf den Turniersieg. Doch gab es auch drei Youngstars, denen man zutraute, nicht nur weit zu kommen, sondern vielleicht sogar den Titel gewinnen zu können: der Grieche Stefanos Tsitsipas (20,8), der Deutsche Alexander Zverev (22,1) und der Australier Auger-Aliassime, gerade erst 18,8 Jahre alt. Was ist aus den drei geworden? Haben sie wenigstens die erste Woche, die ersten drei Runden überstanden?

Um es vorwegzunehmen: Nein, sie sind alle drei schon raus. Alexander Zverev, die Nr. 5 der Welt, und Tsitsipas, die Nr. 6, erwischt es beide sofort in der ersten Runde. Zverev spielte gegen den Tschechen Jiris Vesely, die Nr. 124 der Weltrangliste, gewann den ersten Satz, brach dann aber vollkommen ein und verlor in 1:3 Sätzen. Der 22-Jährige stand völlig neben sich, erklärte nach dem Match, dass er seit Wochen allergrößte Probleme mit seinem Ex-Manager habe, wobei es um rechtliche Probleme zu gehen scheint und auch menschliche Enttäuschungen mit hineinspielen, was dazu führe, dass er mit dem Kopf nicht mehr richtig auf dem Platz ist.

Wie lange diese Hintergrundprobleme noch andauern werden, ist derzeit kaum einschätzbar. Fakt ist, dass mit Zverev in nächster Zukunft wohl weniger zu rechnen sein wird. Fakt ist aber auch, dass der junge Deutsche im November 2018 zwar überraschend die ATP-Finals (B+), das fünftwichtigste Turnier der Welt gewinnen konnte, bei den vier Grand Slam-Tournaments (A), die mit 128 Spielern starten und über drei statt zwei Gewinnsätze gespielt werden, also wesentlich härter sind, noch niemals auch nur ein Halbfinale erreichte.

Auch Tsitsiaps und Auger-Aliassime können nicht überzeugen

Ein Halbfinale bei einem A-Turnier erreichte dagegen schon Stefanos Tsitsipas, der nach den großen Drei am höchsten gehandelt wurde vor dem Turnier. Im Januar kam der 20-Jährige bis ins Semifinale, unterlag dort dann Rafael Nadal, nachdem er im Achtelfinale Roger Federer ausgeschaltet hatte. Doch auch Tsitsipas überstand unverständlicherweise nicht einmal die erste Runde in Wimbledon, verlor gegen den Italiener Thomas Fabbiano, die Nr. 89 der Weltrangliste, in fünf Sätzen.

Somit blieb von den drei jungen Wilden nur noch der Kanadier Felix Auger-Aliassime, die Nr. 21 der 52-Wochen-Weltrangliste. Der schaffte es immerhin in die dritte Runde der letzten 32. Dort schied aber auch er überraschend und ohne jede Chance glatt in drei Sätzen gegen den Franzosen Ugo Humbert, Nr. 66 der Welt, aus. Dieser trifft nun heute auf den Top-Favoriten und Titelverteidiger Novak Djokovic.

Djokovic, Federer und Nadal in überragender Form

Während also die drei Youngstars doch entweder sehr oder zumindest ein wenig enttäuschten, zeigten die drei Oldies genau das Gegenteil. Sowohl Djokovic als auch Federer und Nadal zeigten Tennis vom Allerfeinsten und überragten die gesamte erste Woche, so dass sich die Frage stellt, wer die drei schlagen sollte. Mir scheint, was ich auch schon vor dem Turnier vermutete, dass der der fast 38-Jährige, der 33- und 32-Jährige nach wie vor auf einem Niveau spielen, dass kaum einer sie bei den ganz großen Turnieren, die über sieben Runden über jeweils Best-of-Five gehen wird schlagen können, zumal Andy Murray nach seiner langen Verletzung im Einzel gar nicht antritt und Stan Wawrinka nach seiner ebenfalls langen Verletzung noch nicht an die Form der Jahre 2014 bis 2016 anknüpfen kann, zumal auch er schon 34 Jahre alt ist.

Dabei zeigte insbesondere auch Rafael Nadal, der nicht ganz so hoch eingeschätzt wurde, wie die beiden anderen, in der zweiten Runde gegen Kyrgios, der ihm eigentlich nicht liegt und ihn vor fünf Jahren in Wimbldon aus dem Turnier warf, absolutes Klassetennis und besiegte den neun Jahre Jügeren mit 6:3, 3:6, 7:6, 7:6. In der dritten Runde schlug er dann am Samstag den ebenfalls stark eingeschätzten Tsonga nicht nur, er demontierte ihn regelrecht mit 6:2, 6:3, 6:2 und wird nun von den Buchmachern sogar gleich hoch gehandelt wie Federer. Dieser und auch Djokovic zeigten sich ebenfalls in bestechnder Form. Alle drei gaben in den ersten drei Runden jeweils nur einen Satz ab, haben also bisher nicht sehr viel Energie gelassen, um in die zweite Wochen einzuziehen.

Seit vielen Jahren Tristesse im Damentennis

Ganz anders dagegen das Bild bei den Damen. Hier sehen wir seit vielen Jahren eine unglaubliche Tristesse. Im Grunde gibt es seit mehr als acht Jahren keine Spielerin, die auch nur halbwegs konstant Spitzenleistungen abliefern kann – mit einer ganz großen Ausnahme: der fast 38-jährigen Serena Williams, die das Damentennis seit etlichen Jahren vollkommen dominiert und seit 20 Jahren in der absoluten Spitze zu finden ist. Im Grunde kann man sagen: Ruft sie ab, wozu sie fähig ist, gewinnt sie nahezu jedes große Turnier.

Angelique Kerber konnte sie zweimal in einem großen Finale besiegen, 2016 bei den Australian Open und letztes Jahr im Wimbledon-Endspiel. Darüber hinaus gewann die Deutsche 2016 auch noch die US Open und war damit am Jahresende sogar die Nr. 1. Aber auch sie enttäuschte dieses Jahr bitter, schied bereits in der zweiten Runde gegen die Nr. 95 der Welt Lauren Davis sang- und klanglos aus.

Und dabei ist Kerber mit drei A-Titeln nach Serena auch schon die erfolrgeichste Spielerin der gesamten zu Ende gehen Dekade. Da tauchte mal ein Li Na auf, eine Kvitova, eine Stosur, eine Azarenka, eine Muguruza, eine Ostapenka, eine Stephens, eine Halep, aber die meisten von ihnen schafften es kaum, mehr als zwei, drei Jahre in der Spitze zu verweilen. Es fehlt bei den Damen abgesehen von Serena, ganz anders als bei den Herren, vollkommen an Beständigkeit. Dies gilt auch für Maria Scharapova, die hier in Wimbledon 2004 mit damals gerade erst 17,2 Jahren ihren großen Durchbruch schaffte und Serena im Finale besiegte. Es folgten vier weitere A-Turniersiege, aber was ist das im Vergleich zu den 23 Majortiteln von S. Williams? Und der letzte große Triumpf der hübschen Russin, die fünfeinhalb Jahre jünger ist als Serena, liegt auch schon mehr als fünf Jahre zurück.

A new star is born: Cori Gauff

Doch nun scheint im Damentennis ein neuer Stern am Himmel aufzugehen, der unter Umständen heller leuchten könnte als alles, was wir in den letzten zehn, zwölf Jahren haben aufgehen sehen: Cori Gauff. Und das ist eine Geschichte, die es lohnt, erzählt zu werden. Die Tochter eines früheren Basketballspielers und einer Leichtathletin wird im März 2004 in Atlanta geboren. Als kleines Mädchen probiert sie verschiedene Sportarten aus: Fußball, Leichtathletik, Cheerleading, mit sechs Jahren beginnt sie Tennis zu spielen. Das gefällt ihr am besten und das hat einen besonderen Grund: wegen der beiden Williams-Schwestern. Als Cori gerade mal vier Jahre alt ist, hat Venus Williams bereits fünfmal in Wimbledon triumphiert und zweimal bei den US Open. Und ihre ein Jahr jüngere Schwester wird noch viel erfolgreicher werden, wird sogar Steffi Graf einholen.

Die Eltern ziehen von Atlanta nach Miami, um der kleinen Cori bessere Trainingsbedingungen zu bieten. Als sie elf Jahre alt ist, trainiert sie mit dem Trainer von Serena. Mit 13,5 Jahren steht sie im Endspiel des Juniorinneneinzels der US Open gegen die 16-jährige Amanda Anisimova, ist die jüngste Spielerin, die seit der Einführung der Juniorinnenwettbewerbe 1974 das Finale erreicht. Mit 14 spielt sie ihr erstes Profiturnier bei den Damen und gewinnt im Juni 2018 den Titel im Juniorinneneinzel bei den French Open. Im September, sie ist jetzt 14,5 Jahre gewinnt sie zusammen mit Catherine McNally das Juniorinnen-Doppel bei den US Open. Im Dezember holt sie sich den Orange Bowl, das nach den vier Grand Slams bedeutendste Juniorinnenturnier.

Dann wird sie im Juni dieses Jahres, sie ist jetzt 15,3 Jahre alt, ob sie Lust hätte, eine der Wildcards für das Qualifikationsturnier in Wimbledon, dem wichtigsten Tennisturnier der Welt, anzunehmen. Natürlich hat sie Lust. Sie muss drei Qualifikationsrunden spielen, um im Hauptfeld der 128 besten Damen der Welt mitspielen zu dürfen. Die gewinnt sie alle drei. Nun steht sie im eigentlichen Turnier und raten Sie, auf wen die 15-Jährige hier gleich in der ersten Runde trifft: auf ihr großes Idol, Venus Williams, die fünffache Wimbledon-Siegerin, die inzwischen 39 Jahre alt ist. Die meisten Mädchen ihres Alters würden wohl vor Ehrfurcht erstarren. Nicht so Cori Gauff. Sie spielt völlig unbeeindruckt und schlägt die aktuelle Nr. 44 der Welt 6:4, 6:4, zeigt dabei eine unglaubliche Entschlossenheit. Der Siegeswille des Teenagers war förmlich zu greifen.

Die Erfolgsstory geht weiter

Doch Gauff hatte mit diesem Trimph noch lange nicht genug. In der zweiten Runde traf sie nun auf Magdaléna Rybáriková. Der ließ sie noch weniger Chancen und gewann auch dieses Match mit 6:3, 6:3.

Nun traf sie in der dritten Runde auf die Polin Polona Hercog, die Nr. 60 der Welt, durfte zum ersten Mal auf dem Centre Court von Wimbledon, dem berühmtesten Platz der Welt, antreten. Und hier schien Gauff ihr Spiel irgendwie nicht zu finden, wirkte teilweise nervös und lag nach 68 Minuten mit 3:6, 2:5 und 30:40 zurück, musste also Matchball abwehren. Was dann geschah, war unglaublich. Die 15-Jährige wehrte zunächst diesen, später noch einen Matchball ab, gewann den zweiten Satz nach 2:5-Rückstand noch mit 7:6 (9:7 im Tiebreak!) und gewann nach 2:47 Stunden auch den dritten Satz mit 7:5.

Heute spielt Cori nun im Achtelfinale auf Court 1 gegen die aktuelle Nr. 7 der Welt, die French Open-Siegerin 2018 und Spielerin der Jahre 2017, 2018, die ehemalige Weltranglistenerste Simona Halep. Das Match findet direkt nach dem Spiel von Serena Williams gegen Suarez-Navarro statt, das um 14 Uhr MEZ beginnt.

Gegen Halep dürfte es enorm schwer werden für Gauff, ist jene doch nochmals eine andere Hausnummer. Aber eines steht wohl jetzt schon fest: Sollte Cori gesund bleiben, ist mit diesem Mädchen bzw. dieser jungen Frau die nächsten Jahre zu rechnen. Ein ähnlich großes Talent gab es seit langem nicht im Damentennis. Und das bezieht sich nicht nur auf ihre spielerischen Fähigkeiten, die schon jetzt enorm sind, sondern vielleicht noch mehr auf ihre mentale Stärke. Sie hat, das zeigte sich schon jetzt, enorm gute Nerven, kann unter Druck, wenn viele einbrechen, sich nochmals steigern und sie hat eine Siegermentalität, das ist regelrecht zu spüren.

All das haben längst auch andere bemerkt. So steht Cori schon bei zwei großen Sponsoren unter Vertrag. Vermarktet wird sie von Agentur Team 8. Und nun raten Sie, wer hinter dieser Agentur steht. Roger Federer und sein Sportmanager Tony Godsick. Es ist die wichtigste Adresse im Tennissport. Aber nicht nur der größte Spieler aller Zeiten ist auf den womöglich zukünftigen großen Star im weißen Sport aufmerksam geworden, sondern auch ihr zweites Idol, die zusammen mit Steffi Graf größte Spielerin aller Zeiten: Serena Williams. Diese meinte: „Ich fühle mich ehrlicherweise geehrt, dass ich mal an ihrer Wand hing. Bald wird sie auch an den Wänden anderer Mädchen zu sehen sein.“ Ich glaube, Serena hat Recht.

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Die Wimbledon Championships werden auch dieses Jahr wieder leider nur im Pay TV bei Sky übertragen. Hier können Sie ein spezielles preisgünstiges Wochen- oder Monatsticket buchen (Sportticket), ohne einen dauerhaften Vertrag abschließen zu müssen.

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Titelbild: YouTube-Screenshot von Cori Gauff

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